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Die Gegenwart · 1870-04-29 · 18 (29.4.1870) · p. Seite 177

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
18 (29.4.1870)
Date
1870-04-29
Page
Seite 177 (sequence 5)
Language
German
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I La- Examen, und eine solche geraume Zeit Herr Großrabbi der KlauSsynagoge! saßen diese Herren mit bedecktem Haupte. Die Kinder zeigten eine solche Belesenheit in der Bibel, in» dem sie hervorragende Stellen au-wendig vortrugen, und eine solche Fertigkeit in der heb. Grammatik, daß ein Vorstandsmitglied durch folgende Worte seine Zufriedenheit tundgab: Ich wiinsche, die Kinder möchten in ihrem 24. Jahre die Bibel so inne haben wie heute. Nachdem Herr Oderrabbiner an den Lehrern einig: Worte der Anerkennung richtete verließen die Gäste mit gehobener Stimmung das Schullocal — Die Raab-Szigeter isr. Religionsgemeinde beschloß endlich einen Oberrabbiner der in ung. und deut. Sprache predigen kaun, und der zugleich ein auSgebreiteteS talmudifcheS Wiffen besitzt mit einem jährlichen Gehalte von 2500fl. anzustellen. Zu diesem Behufe sandte sie bereits die 2. Deputation an den hiesigen Oberrabbiner mit der Bitte, er möge diesen Posten annehmen. Herr Oberrabbiner verlangte 6 Monate Bedenkze t. Um allen Eventualitäten vorzubeugen, beschloß unsere Gemeinde den Gehalt deS Herrn OberrabbinerS beträchtlich zu erhöhen und man gibt sich allgemein der Hoffnung hin, daß Sr. Ehuvürvrn auf seinem jetzigen Posten verharren werde. — BreSlan, 25. April 1870. (0.- K.)*) * | Der Frühling hat uns dießmal nicht bloS mildes Wetter und heiteren Vogelgesang, sondern auch eine merkwürdige Ueberraschung gebracht. Zwei getaufte »Söhne Abrahams," Lehmanu mit Namen, haben die Entdeckung gemacht, daß wir Juden eigentlich recht unglücklich sind, und daß es nur einmal Zeit ist, daß wir — uns taufen lassen. Sie haben freilich nicht gesagt, worin unser Unglück eigentlich besieht, und so bleibt es dahingestellt, ob sie vielleicht den Umstand, daß dir Juden in den civilisirten Staaten Europas emancipirt und viele unter ihnen Barone und reiche Leute sind für ein Unglück erachten oder nicht. Merkwürdig ist jedenfalls, daß wir von dem Ungemach, welches daö getaufte Judenpaar so tief mit uns empfindet, gar nichts wiffen und auch nicht die leiseste Ahnung davon haben. Noch merkwürdiger ist, daß die Herren Lehmann 506 Vätern deS römischen Concil» die Ueberzcugung beibrachten, daß das israelitische Volk der Erwartung des Messias »müde" ist. Fragen Sie den ersten besten Juden, ob er wirklich so ungeduldig ist und wie eS mit seiner Müdigkeit steht und ich wette mit Ihnen, er wird Ihnen mit dem Exmi, nister Schmerling antworten: »Wir können warten." Wir sind nun einmal ein »hartnäckiges Volk" und werden ruhig die meffianische Zeit abwarten, bis die Völker ihre Schwerter zu Sicheln und Winzermessern umschmieden und den Krieg nicht mehr lernen werden, bis es weder eine orientalische Frage noch eine UnfehlbarkeitS- und JudcnbekehrungSfrage geben wird. So lange dicßnicht der Fall ist, werden wir den Herren Lehmann als ächte Söhne Abrahams zurufen, sie mögen nach Belieben nach Recht« oder Links gehen und uns ungeschoren lasten. Wir wollen keinen Streit miteinander, zwischen unfern Hirten nnd den Hirten anderer Eonfestionen herrsche Frieden. Aber lastt uns unsere Wege gehen und bemüht Euch nicht, unS zu bekehren. Wir werden Euch bei allen BckehrungSversnchen daS Wort des ungläubigen Faust entgegenhalten: »Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube! — n — *) Trotz Ihrem ln der vrrigen Nummer in em'nenter Welse r« producirten Artikel »Die unglücklichen Juden" bitte ich Eie um Auf- «ahme dieser Eorrespondeuz. — p — Wochenchronik. V SterdrM. Den 20. d. M. verschied Frau Theresia Wiener ged. von Lämel, eine ebenso biedere al» wohl- 177 — thätige Frau. Unter den verschiedenen Legaten, die die Berstorbene testirte, sind hervorzuheben die Summe von 60.000 fl. zum Zwecke de» Aufbane- oder Ankäufeeine« Hanse» für verarmte Familien ohne Unterschied de« Berufe«, sodan» eine Kapital-anlage von 12.000 fl., deren Jntereffen zur Erhaltung verwahrloster Kinder bestimmt sind. Uebcrdie» spendete sie ansehnliche Beträge den verschiedenen Wohlth»- tigkeit-vereinen. — Am nächsten Tage ist Herr Dr. Wälfgang Weffely Professor deS Strafrechtes an der hiefl-ea juridischen Fakultät, in Folge eine« SchlagflustcS in Wie» plötzlich gestorben. Derselbe kam vor einigen Tagen behuf» seiner Pensionirung dahin, nnd wurde während eine« Besuches beim Leinwandhändler B. in der Wallfischgaffe vo« Tode ereilt. Die Leiche wurde Montag Abend nach Pra» überführt und Tag« darauf unter den der Stellung de» Verstorbenen entsprechenden Ehrenbezeugungen zur Erde bestattet. Prof. Weffely ist der Sohn armer israelitischer Eltern aus Trebitsch ln Mähren. Da« hervorragendste Moment in seiner Biographie ist, daß er als Jude der erste und einzige ordentliche Profefforan emerösterreichischen Univrr» fttöt war. V Größt Hostynagoge. Morgen tritt der bisher in Wottiz im Amte gestandene Canlor Herr Bachrach, sein Amt in gleicher Eigenschaft in der großen Hofsynagoge an. Herr Bachrach verbindet mit einer vorzüglichen Gesangsstimme, eine verständliche und präcise Vortragsweise, die namentlich beim Vttlesen der Thora zur Geltung kommt. V Utoju ein Nekrolog benützt wird. Der Thcatrrkritikcr Herr Seligmann Heiler hat in der »Bohemia" ein längeres Referat über den letzten Akt eine« Menschenlebengeliefert, da« einen Nachruf rcpräsentiren soll, aber nicht» anderes als die Biographie de« Referenten ist, der mit ihr ein interessantes Bild feiner interessanten Person in höchst unbescheidener Weise zum Ergötzen der Leser geboten hat. . Bei dieser Biographie kamen die Juden sehr schlecht weg, und dieser Umstand bewog uns auch, von der ganzen Lobrede des Herrn Hellers Notiz zu nehme», damit doch der Leser die Ueberzcugung gewinne, wie der Kritiker seine Glaubensgenossen angeklafft hat. Einige« von dem Gekläffe, können wir der öffentlichen Beurthcilnng nicht vorenthalten, damit da« Blut der Juden doch etwas abgekühlter werde, wenn es einmal in einem öffemlichcn Blatte ein verletzendes Wort liest, da« ans christlicher Feder hervorgcgangea ist. »Der böhmische Jude, im Anfänge d.r vierziger Jahre" so sagt der reihende Heller, „war ein entsetzlich verkümmerte» Wesen, dcmüthig, speichclleckcrisch, zudringlich und verschüchtert zugleich." »Da« ganze Elend meiner Nation, die ganze entsetzliche Ueberzcugung unserer Verworfenheit und Heimathlosigkeit drückte mich zu Boden." In diesem HerzcnSerguste lässt eS der »schiller"nde Heller den armen mährischen „Judenjungen" zum Professor bringen und beräuchert sich mit poetischem Parfüm, auf daß die Welt begreifen lerne, e i u Trost sei auf Erden, daß Schiller, Göthe und Klopstock nicht mehr leben, der Trost ist nicht etwa ihre erhabenen Werke, nein sie sind Schund gegen Heller» Geist, der Trost ist, daß die Welt einen Heller besitzt, der dann erst fortlcben wird, bi« Schiller u:id Göthe an« der deutschen Literatur gestrichen sein werden. „Mein Ideal" so verhimmelte sich Heller in dem zweiten Theile de« Nekrologe», wir wollten sagen, in seiner Biographie, „war bi« dahin, ein großer großer Rabbine zu werden und meinem (!!!) Volke au« ber tiefen Schmach, in der es versunken lag. aufzuhelfen" und au« dem ZukunftSrabbinen, der heute Gott vom Himmel verdrängen will, weil der poetische Himmelstürmer sich selbst für jöttlich hält, wurde ein Beschauer der Winsen Thalia'»^ der die Welt mit seinen citatenschwangrrn kritischen Expel» torationen quält. Armer Heller! die deutsche Muse must Sie beweinen, wenn sie Ihre Biographie liest, die Sie eiun». Profeffor als Nekrolog gewidmet haben.

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