Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 18 (29.4.1870)
- Date
- 1870-04-29
- Page
- Seite 174 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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174 freilich den friedliebenden Juden zur Schwierigkeit die eine« von sich zu stoßen, den' anderen zu folgen, und so müssen konsequenter Weise die Juden, um nicht in- Dilemma zu gerathen, dort bleiben, wo sie sind. Einem alten Manne, gewohnt von Kindesbeinen an, an einem Orte ruhig und zufrieden zu leben, wird un- Herr Paulus Eassel und mit ihm seine Concurrenten die Gebrüder Lehmann hoffentlich zugestehen, lohnt es sich nicht, das Domicil zu wechseln, um beispielsweise von dem gemäßigten Himmelsstriche, unter dem er das Glück hatte, alt zu werden, nach einem anderen Welttheile zu reisen, um daselbst - in einem Lande, wo Milch und Honig fließt, fortzulebcn, nicht anders scheint eS mit den Juden, ihre alte Jahrtausende hindurch bestehende Religion hat sie in den größten Gefahren und Drangsalen aufrecht erhalten und ihnen Trost gespendet, warum sollte das Judenthum einen anderen Platz suchen, wo andere vielleicht glücklich leben, während der Jude schon in dem Bruche mit seiner glorreichen Bergangenheit, unglücklich leben würde. Der semitische BolkSstamm allein hat den Ruhm, di* Religion der Menschheit gebildet zu haben. Unter allen Stäm- _men der nomadisirendcn Semiten, sagt Renan in seinem „Leben Jesu," trug der der Kinder Israels eine hohe Bestimmung in sich. Ein „Gesetz" sehr früh geschrieben auf steinerne Tafeln, welches sie ihrem großen Befreier MoscS zuschriebcn, war schon die Grundlage deS Glaubens an einen Gott und enthielt mächtige Keime bürgerlicher und sittlicher Gleichheit. Eine tragbare Lade, die „Bundeslade" bildete ihr ganzes religiöses Material; hier lagen die Heiligthümer des BolkcS, seine Eriuucrmtgeu arnd-das „Buch", worin die Ge« schichte des Stanimes geschrieben wurde. Israel hatte fortan keine andere Richtung, als die seiner religiösen Eiferer, keine anderen Feinde, als die der göttlichen Einheit. DaS ganze Altcrlhum hatte das Paradies in den Anfang verlegt; alle seine Dichter hatten ein entschwundenes goldenes Zeitalter beweint. Israel versetzte das goldene Zeitalter in die Zukunft. Die ewige Poesie der frominen Seelen, die Psalmen, erblühen mit ihren göttlichen und melancholischen Klängen aus diesem erhabenen frommen Gefühl. Diese Klänge ertönen in den Ohren eines jeden aufrichtigen Juden, der sich von den disharmonischen Radomontadcn einzelner Männer, die nur dem Scheine, ihrem Egoismus nach für den neu erlauschten Glauben eifern, in ihrem Innern jedoch von ihrer Glaubensmcinung nicht Haarbreit gewichen sind. So fassen die Juden den Größen und der Zal,l derselbe» studirte. Damals zerbrach ich mir Ichon den Kopf über einen neuen Finanzplan, mit dem ich mein Budget auf eine» grünen Zweig bringen konnte, von dem ich die Kirschen pflücken konnte, die vorläufig mein ganzer Kunimer waren, ich batte meine Mutter, die wol>> dafür sorgte, daß ich kurze Lös che», eine Jacke und eine barettmäßige Kappe trage und esse, trinke, um zu einem wacker» Staatsbürger und einem ge. plagte» EnItnSstencrzahler zu gedeihe», so oft ezegnirt. als ick, nur brauchte, um die Kirschen- und Scholenbcdnrsnisse zu decken. Schüchfern trat ich an die Mutter heran und bath um einen Kreuzer und »m mich im Addiren praktisch zu übe», um noch einen Kreuzer und daS ging so fort, bis ich die nöthige Lumme batte, um an ibr das Snbtralmen praltisch zu erlernen, indem ich von ihr so viel iveguahm, biS ich zur unbetannten Größe x gelangte. 3.1) wurde immer großer n»d großer, bis ei» gewisser -Stillstand in mcinein Wachsthum cinlrat. Mit dieser Epoche bemächtigte sich meiner der Ernst, ich lernte des Lebens schwierigkeiteil und mit ihnen daS Kämpfen und Ringen kenne», und ich gelangte erst zur Einsicht wie verschwenderisch ich mit dem Gelde beim Einkäufe der Kirscheu »nd Schoten war. nachdem, doch die Erwerbung desselben einer Kraftanstrengnng bedarf. Rcbsldein, daß ich ein Staatsbürger wurde, der deS Staate» Lasten mit „ tragen hilft, wurde ich anch als Sohn Israel» ein EultnSbürger, der zur Miterhaltung einer AmtSkauzlei und anderer unnützen Sachen verurthrilt wurde. Da- Finanzdepartcment der „außerordentlichen und besonderen AuSgaben," da» seinen Sitz hat in der Joscfstadt, hat doch sonst wejiben Ueberläufer auf und wir glauben, daß der Christ irr dem getauften Juden nicht anderes als den Juden erblickt. Der Herr Exminister von Westphalen und mit ihm der seelige Paulus Cassel werden die SisiphuSarbeit kennen, die die Bekehrung eines Juden erfordert, und diese Herren scheinen unS viel zu wenig leichtgläubig, um sich nicht de» Gedankens zu entschlagen, die Juden könnten bataillon-weise zur Taufe marschiren. Herrn Paulus Cassel jedoch geben wir eine Anweisung an seinen glauben-treuen und biederen Bruder Herrn David Eassel den wackern Kämpen deS JndenthumS, er dürfte ihm das lebendige Beispiel sein, wie Brüder verschiedenen Glaubens neben einander existiren können, ohne daß blutige Fehde die Meinungsverschiedenheit ausgleicht. Die verschiedenen durch die Brechung' deS Lichtes erzeugten Farben im Reiche der Natur bestehen neben einander, Licht duldet Schatten, Schmerz die Freude, Lust die Trauer und müßten die Gegensätze vernichtet werden, wenn die Empfindungen aufhören sollten. Würden somit nicht die verschiedenen Religionen neben einander bestehen, so könnte sich auch keine Religion rühmen, die beste, die schönste zu -sein^ Darum lasse der Christ dem Juden dessen Religion, um stets den Unterschied finden zu können; über daS besser und schlechter, über daö Wahre und Falsche mögen die Menschen nicht streiten, weil der Kampf auf der Basis der abstrusen Hypothesen gegen Windmühlen geführt ist, der nie zur Zufriedenheit deS einen oder des andern ausgefochteu wird. Hat doch Lessing mit Mendelssohn den FrenndschaftSbund geschlossen und in seinem Nathan durch daS Beispiel mil den drei Ringen. die die^-rei-Religionen die muselmän^ nische, christliche und jüdische bedeuten, dem Sultan Baladin deutlich zu erkennen gegeben, daß kein Mensch im Stande sei, den Vorzug hervorzuholcn, den eine Religion vor der andern verdient, gleich dem Vater, der durch die Kunstfertigkeit deS Künstlers in der Nachbildung zweier Ringe, den ursprünglichen Mnsterring nicht erkennen konnte. Und an jener Stätte, wo der Bibclhcroö Mendelssohn, der Schöpfer jüdischer Philosophie daS Licht seiner Anschauungen über daS Judenthum verbreitete, wo Lessing die erhabenen Ideen der Menschheit entwickelte, sinnt ein Renegat nach, wie die Inden zu bekehren seien. Vergeblich wird daS Sinnen und Trachten jener Matadore sein, die den Glauben für einen Zcitartikcl betrachten. der sich abgebraucht hat, hinwelken werden ihre Bemühungen, die schon heute an der gesunden Vernunft scheitern, —————— nigstcns so viel Takt besessen, den saninsccligcn Steuerzahlern ErinnerungSbillct zuzuschicken, in welchem diese höstich errinnert wurde», die rückständige Steuer zu bezahlen und diese alttestamcntarische Finanzbehörde hat da» Budget nicht zu kurz kommen lassen, indem sie dem als Enltnsstciicr umznlegcnden Betrage noch einen fünf perrentigen Zuschlag wegrn uneinbringlicher Beträge astjährlich und so anch bcner hinzugefü^t und auf diese Keife stets „ehrlich gebrestell" hat. Zn ihrem größten Glücke rechneten sich cS immer die „Leiter" des CnltuS a», das Recht der Ezekuzion zu besitzen, um so rcchOrintreibcn zu können. Da nun, wie Sie wohl wiffen, ein Theil dieser Berwaltnngsmaschine mit dem Dehlc des Liberalismus geschmiert ist, so greifen diese Stentoren der Freiheit, nach dem alten Back, sckien Arzneimittel der Ezekuzion und verwandelten die Erin- »ernngsbillet.in Ezeknzionsbilkct. So ein Liebesbillct kostet fünf Kreuzer, bis sich der Kostenpunkt verdoppelt und diesem jenes Recht folgerichtig folgt, dem cS auch zustehl, Einen, wenn cS nothweudig erscheint, deS Hemdes zu entkleiden, wenn cs nicht schon früher ausgczogeu wurde. Sonderbarerweise bin ich, und vielleicht auch Sic, erstaunt ge» wesen, daß die Eultnsgeneralität überhaupt ezcguiren läßt, nachdem sic doch ein Prositchcn von fünf Prozent macht, die sie der Umlage zngeschricben hat. ich bin aber noch mehr, bis zum Schrecken, erstaunt gewesen, daß auf dem billet doux (liatek exekueni) z» lesen: „Wird czeguirt wegen schuldigen Eultussteucr," ohne daß da- Jahr angegeben ist, was befürchten ließ, daß man am Ende für bereitdurch 20 Jahre hindurch gezahlte Steuer daS Brr-