Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1870-04-22 · 17 (22.4.1870) · p. Seite 170

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
17 (22.4.1870)
Date
1870-04-22
Page
Seite 170 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4890378-5433916-5434028--651-4890962
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1 170 «rfien Lebensjahre; deshalb wcrdm weniger todt geboren'; deshalb können mehr jüdische Knaben und Mädchen höhere llnterrichtSanstalten^besuchen;^de»halb ist die Schließung der liehen erleichtert ur s. w. Gewiß hat der Reichthum einen wesentlichen Einfluß auf die Gestaltung dieser Verhältnisse; aber die bedeutenderen Geldmittel allein sind nicht der Grund der erhöhteren sozialen Stellung der Juden: zudem ist auch ein großer Theil der jüdischen Bevölkerung durchaus nicht wohlhabend, da» weiß Jeder, der die dichtbewohuten Iudenquartiere der Anstalt kennt. Der eigentliche Grund dieser Thatsache liegt einmal in dem innig zarten Familienleben, welche» die Juden aller Länder und aller Jahrhunderte auSzeiclmct. Man muß diese» schonungövollen Verkehr zwischen Mann und Frau, die zärtlich sorgsame Ueberwachung und Pflege der Kinder in jüdischen Familien beobachten, um die günstige Gesundheit»- und SterblichkertSstatistik dez jüdischen Bevölkerung ganz natürlich zu finden. Wie durch rin inniges Familienleben, so haben sich aber auch die Juden von je her durch eine» Eifer nach Bildung anszezeichnet. Die große Verehrung der Bildung bei den Juden ist traditionell geworden, und nicht der bloße Reichthum; sondern Hin dich obere Würdigunis der Intelligenz sind der eigentliche Grund, weshalb die jüdischen Knaben «nd Mädchen, durch zahlreicheren Besuch der höheren UnterrichtSanstalten vor allen Andern ausgezeichnet sind. Welche Bedeutung von je her die jüdische Ration dem Unterricht der Jugend zugemessrn, beweist z. B. die Thatsache, daß schon HO Jahre vor Ehr. bei den Juden Schulzwäng cingcsührt war und im ganzen Lande zahlreiche Schulen blüthcn. <filn jüdischer Bolksjpruch sagt: fernen ist verdien stsicher denn Opfer!" Im Talmud aber heißt cS: „Der Athem der Schüler erhält die Welt." — „Jerusalem wurde zerstört, weil der Unterricht der Jugend vernachlässigt worden war." — «Bor Allen lernen; denn gar bald wirst du da» Studium, «US welchen Rücksichten immer begonnen, um seiner selbst willen lieben." — „Verehre deinen Vebrer mehr als selbst deinen Vater; denn der letztere hat dich in diese Welt gebracht, der ersterc zeigt dir den Weg in die nächste: Heil dem Sohne aber, der von seinem Vater gelernt hat, er wird ihn doppelt verehren, und Heil dem Vater, der seinen Sohn selbst zn unterweise» vermag." — Müßiggang und Aszese waren von je'her bei den Inden verhaßt; so gar die Frömmigkeit und Gelehrsamkeit erhielten nur dann die gebührende Achtung, wenn sie mit rüsuger törpcrlicher Arbeit verbunden waren. So heißt e» a» einer Stelle de» Talmud: „Es ist gut, deinen Studien rin Gewerbe zuzngcscllen, dann bleibst du von Sünden frei." — „Größer ist der, welcher seinen Lebensunterhalt durch Arbeit verdient, als der, welcher Gott fürchtet." — «Der Arbeiter an seinem Werke braucht vor dem größten Gelehrten nicht aufzustchn." — Diese Sprüche sind überaus bezeichnend für die Anschauungen der jüdischen Ration, und man bemerkt sogleich, wie diese Traditionen noch jetzt wirksam sind im i'cbeii der heuligcn Juden, so daß sic dieser llcinen BevölkerungSgruppeeine so wesentlich höhere Stellung in der Gesellschaft zu geben vermögen. X tDic Jericho Rosel. Rach einem Aussalze von Dr. Moritz Horczln. Die Jericho-Rose ist eigentlich feine Rose, sondern eine mohnartigc Blume, und kann daher nicht mit der eigentlichen herrlich dustendcn "ose, die bei Jericho wächst und niit welcher Birach die Weisheit verglichen hat, verwechselt werden, der berühmte, Botaniker ^Gelehrter in der Pflanzenkunde) vinnc nannte die sogcnannlc Jcrichorosc sehr passend Anastarila das ist AuscrstchungS Blume, »nd zwar mit großem Rechte wie deren Beschreibung zeigen wird. Die Jcrichorose oder AnaStaiika ist eine von —i» Zoll hohe Pflanze mit eisörmigen gekörbten Blättern, ihre Blüthen fit b weiß und kreuzförmig, der Samen bcsindet sich in borstigen Schötchen, sie kommt in Palästina (^iOC** px) Arabien und Egypten vor und wächst im Sande, selbst dort, wo die glühendsten Sonnrnstrahlk» ein anderes Pflanzenleden nicht aufkommen lassen, sie hat die Eigenschaft die Zeuch- Ji|teit der Luft gierig an sich zu ziehen, so daß Kinne sie als Gesundheitsmesser in seinem Zimmer verwendet, nähmlich an« derselben den Grad der Feuchtigkeit in seinem Zimmer beobachtete, wenn man sie trocknet, so krümmen sich ihre Zweige zn einer Kugel zusammen, und setzt man sie dann selbst nach Jahren ins Wasser, so breitet sie sich wieder aus, das ist eben der Grnnd warum sie AufcrstehungS-Blume heißt, und es ist wunderbur auf welche Weise sie fortlebt.— Ist die Frucht reif geworden, so fallen, wie gewöhnlich bei den Pflanzen die Blätter ab, sie verdorrt und zieht sich zu einer Kugel im Sande zusammen. Wenn im August die Stürme der Wüste heilen, so wird die zu einer där cn Kugel zusammengerollte Jericho Rose, ans dem Sande gerissen und meilenweit herumgejagt, wenn die Stürme sich lege», bleibt auch sie auf einem Ruheplätze liegen, auf der weiten Reise hat sic Samenkörner fallen gelassen, auS denen neue Pflanzen in der Wüste entstehen, sie selbst aber lebt noch immer fort, sie zieht die Feuchtigkeit aus der Luft an sich, senkt ihre Wurzeln in den ruhigen Sand. — Frischer Saft strömt durch ihre Gefäße, neue Blätter entsprießen, und die Jericho.Rose blüht noch einmal, das wiederholt sich Jahr um Jahr durch sehr lange Zeit, Hm« sic wieder wie ein dürrer"Knäul im heißen Sande steht, jetzt glaubt man, daß sie wohl schon todt sei? Da erfasst sic ein Sturm und schlendert sie nach thaugetränkten Ufern des Jordans, die Wurzeln senken sich in den weichen Boden, sic trinken Feuchtigkeit auS der Lüst des heiligen Landes, eS kreiset ein belebender Saft durch ihre Adern, ihre Zweige regen und strecken sich und treiben neue Blätter »md Blüthcn, die von den Stürmen gejagte Auferstehungs-Blume ist wieder so frisch und schön/ wie in den ersten Tagen ihrer Jugend, Pilger (Wanderer nach dem heiligen Lande) haben die Jericho Rose von Palästina^nach Europa gebracht, man erzählt, daß eine solche Pflanze, welche nicht weniger als 700 Jahre alt war, im Wasser ihre Blüthen noch einmal anfgethan hat! Hat nicht Israel Achnlichkcit mit der Jericho-Rose? Seine Feinde haben e» dem heimischen Boden entrissen, durch Wüsten und über Meere nach allen Richtungen der Welt gejagt, aber überall, wohin es die Stürme getragen, hat es frische Wurzeln geschlagen Blätter und Blüthcn getrieben, denn cS wurde zum treuen Bewahrer eines großen Gedanken»— dcS reinen Gottes Gedanken» — auScr« wählt und hat den Beruf ihn für ewige Zeit in seiner Reinheit zu erhalten. Israel wird daher nicht untergeben — es ist die AnaStatika unter den Völkern. (Lemb. Jsr.) X *5't u Juwel von einem Cantor. Eine Gemeinde hatte einen Eantor, der ein tüchtiger Sänger, aber ein moralisch gesunkener Mensch war; er sang hoch, aber er s a n k tief. Sein unreligiöser und unsittlicher Lebenswandel war Vielen ein Aergcrniß. Mahnen und Warnen blieb fruchtlos. Da hielt der Rabbiner es für gerathen, den Vorstand da» auf aufmerksam zu mechen, daß die Würde des Gottesdienstes durch einen solchen unwürdigen Vorbeter leide, und daß c» Pflicht der Gemeindevertretung sei, eine Remedur eintreten zu lassen. Allein eS waren viele der Vorsteher und Repräsentanten so vernarrt auf den Gesang des CantorS, daß man über seine moralischen „Schwächen" schweigend hinwegsah. „Er ist doch ein Juwel von einem Eantor!„ lautete da» cctmum L6N8eo de» Vorstandes. Besagter Cantor war auch Schriftführer und Kassen Rendant der Gemeinde. Eitle» schönen Morgens — am Tage vor der jährlichen Kassen-Revision — waren Eantor und Kaste verschwunden. Sein lockerer Lebenswandel hatte ihn zur Defraudation gedrängt. Er suchte da» Weite - und wurde vom Staatsanwalt steckbrieflich verfolgt. „Run, was sagen Sie zu Ihrem ent'nnt cheri V" fragte man den hauptsächtlichsten Schwärmer für de» Eantor» Gesang. „Er war doch ein Juwel von einem Eantor!" erwiderte dieser. „Möglich!" meinte der Rabbiner, dem man dies mittheilte, "nur hat ein solches Juwel erst dann seinen vollen Werth, wenn cS gefaßt »nd eingesetzt ist!" X Die Juden in Tunis Von Dr.M.^Rahmer. Fortsetzung in der Beilage.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.