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Die Gegenwart · 1870-04-22 · 17 (22.4.1870) · p. Seite 171

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
17 (22.4.1870)
Date
1870-04-22
Page
Seite 171 (sequence 9)
Language
German
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171 Beilage zor„Gegeava^ Xr. 17. Mehr als irgend ein änderet Reifender der Gegenwart hat 'der FreiherrHeinrich vor.Malzan,drrNrrdafrikavon der marokkanischen Küste bis zum rvthen Meer durchwandert hat, zur Kenntniß dieser Gebiete beigetragen. Sein neueftrS Werk ^Re ise in den Regentschaften Tunis Tripolisenthält die Ergebniffe mehrjähriger Forschung, die sich thiilS auf die Alterihümer, IheilS auf die heutigen Verhältnisse dieser ehemaligen Roudstoatcn erstrecken. Wir wollen au» diesem Wrrle die auf die dortige jüdische Einwohnerschaft Bezug habenden Notizen und Schilderungen an dieser Stelle znsammrntragen, die des Interessanten Mancherlei bieten. Die Juden in Tunis, deren Zahl sich auf 30,0C0 städtische Mitglieder beläuft, werden in Eingeborne und Grana'S (vielleicht Don dem hebräischen c"U „Fremdlinge") getheilt, mit welchem letzteren Namen man alle später eingcwandertrn Juden bezeichnet, hauptsächlich die Nachkcmmrn derjenigen, die unter Ferdinand rind Jsabella au» Spanien vertrieben wurden. Sie waren weniger zahlreich als die eingcbornen Israeliten, halten aber sonderbarer^ Weise, vor diesen mehrere Privilegien voraus, wie z. B. eigene Oberhäupter, so daß sie nicht direct unter der WiUiürhrrrschaft der DeyS und BcyS standen. Dann trugen sie noch im Jahre 1852 eine besondere Kopfbedeckung, nämlich eine Art weißer baumwollener Noebimtitzen. während.ihre unprivilegirten Glaubensgenossen in schwarzem FcS und Turban einhcrgingrn. Diese Unterscheidung hat jedoch aufgehört, seitdem die tuniscr Juden gleich den orientalischen Raja'ö die Erlaubnis erhalten haben, den Kopfschmuck der MoSlim, daSrvlheFc» zu dragem ^Dagegen haben die Grana fast durchgängig trotz der langen Verjährung ihr AbstammungSrccht alö Europäer wieder geltend zu machen gewusst, und sich unter den Schutz der verschiedenen Consulcn gestellt. Sie genießen dadurch alle Rechte der Europäer, namentlich den auSnahmi weisen Gerichtsstand. Ihnen kann die Justiz deS Bey'S nicht» anhaben, um so schutzloser befinden sich die übrigen Juden, welche derselben noch unterwoifen sind. „ES scheint unglaublich,- sagt Freiherr v. Maltzan, „ist aber wahr und durch ein in meinem Besitz befindliches consularischcö Actenftück erhärtet, daß im Jahre 1868 allein 27 tunisische Juden ungestraft ermordet werden konnten." Trotz dieser ziemlich rechtlosen Stellung nimmt ihr Wohlstand von Jahr zu Jahr zu. Während Maltzan 185)2 als Verkäufer in den Bazar» ncch lauter Moslim sah, fand xr sie jetzt durch Juden vertreten. Auch an Zahl nehmen sie zu, während die Araber abnchmcn, und so dürften sie allmälig das arabische Element überwachsen l?) Seit die Regierung die Juden nicht mehr zwingt, sich auf ihr eigenes schmutzige» Stadtviertel, die Hara, zu beschränken, haben sie sich zahlreich in allen anderen Stadttheilen niedergelassen. Die Regierung selbst vcrwerthet sie bei allen finanziellen Opelationcn mit Vorliebe, denn die Araber zeigen sich im administrativen Fache von einer völligen^ Unfähigkeit, und Europäer will der Bey zu solchen Armtcrn nicht nehmen, weil sic nicht unter seil.er Gerichtsbarkeit stehen. Bei Maltzan'» Anwesenheit bekleidete ein Jude den hohen Posten eine» FinanzverwalterS, ein Amt, da» de» Titel Kayid gewährt, welcher in keinem andern arabischen Laude von einem Juden geführt wird. Die Juden zeigen sich (nach Maltzan'» Schilderung) civilisationSfähiger, als die Araber. Mas sie sich von Wissen «nzueignrn vermögen, da» lassen sie getriß nicht unbenutzt. Der deutlichste Beivei» dafür ist der zahlreiche Besuch der Schule, welche der anglikanische Judenmissionär in Tu niS gegründet hat. Urber zweihundert arme Judenkinder, sowohl Knaben wie Mädchen, werden hier unentgeldlich ui, trrrichtet, und zwar nicht nur in der Religion, sondern auch in allen möglichen Elemcntarwifsenschaften. Run ist aber das Mirkwindigr. daß diese Kinder, was sie von nützlichen Elrmentargkgrnständrn lernen, begreifen und auch behalten, allein was sie von Katechismus und neutrftameutlichen Sprüchen mitlernen mufften, vergessen sie. Bekehrt ist uvch lein Kind au» dieser Schule hervorgegangen. In den religiösen Ceremonien folgen die tunisischen Juden dem spanischen oder portugisischrn Ritus und sprechen auch demgemäß daS Hebräische au». Von dem Gottesdienst in den verschiedenen tunisischen Synagogen gibt unser Reisender eine Schilderung, welche auf einen gänzlict eu Mangel an Feierlichkeit schließen läßt. „So lange die Gesänge dauern, erlauben sich die Knaben allerlei Schabernack im Tempel, ohne daß e» Jemand rügt; die Sänger selbst sind zerstreut und scheinen ihren Geist Gott weiß wo zu haben nur nicht in den heiligen Büchern, deren Inhalt sie in näselnden Singsang vortragen. Höchst eigenihümlich kam mir auch die Art und Weise de» Predigers vor. Der Dberrabbiurr. mit einem rothen Fe» (ohne den Turban,) jenem Respectzeichrn im Drient, und einem sehr bunten Anzug geschmückt, saß vor einem Tisch, auf dem er beide Ellenbogen und auf diese sein Haupt gestützt hatte, und hielt in dieser Stellung, einen Vortrag, welcher mehr der scherzhaften Drclamation eine» unserer Humoristen glich, als einer Predigt. Er sprach arabisch, und zwar mit einer ganz außerordentlichen Voludidlität. Er sprach von Mose» und Aron, aber die Art und Weise, wie er von ihnen sprach, schien diese» erhabenen Gegenstände» durchaus unwürdig. Er liebte e» besonders polemische Anspielungen zu machen, und legte den Gegnern seiner Ansicht so seltsame Paradoxen in den Mund, daß sic die ganze Gemeinde zum Aachen hinrissrn. Ilebrrhaupt glich die ganze Predigt mehr einer scherzhaften Discussion, zu welcher jeder der Anwe>endrn sein Scher stein beitragen konnte, ein Vorrecht, von dem auch Viele Gebrauch möchten, denn nicht selten wurde die Rede durch da» Dazwischrnsprcchrn einzelner Gimeindimitglicder unterbrochen." (Jeder Israelit wird au» dieser Schilderung sehen, daß Herr v. Maltzan nicht einer Predigt oder einer Derascha, sondern cinrm Schiur mit obligaüm Pilpul beigewohnt hat, dafür sprcht auch die sitzende Stellung de» Vortragenden.) Venn Herrn Maltzan eine rigenthümliche rituelle Gewohnheit bei den tunisischen Juden besonder» aufiicl, nämlich die „der monatlichen feierlichen Absolution", welche in jeder Synagoge vom Vorsitzenden Rabbiner verkündigt, und von einer Anzahl hernmzirhender Unterrabbincr in den Privathäusern nachgcprrdigt wird, damit auch die Frauen, welche hier mm jedem öffentlichen Gottesdienste ausgeschlossen sind, de» Sündeunachlassc» thrilhaftlg werden mögen - so ist da» ohne Zweifel eine complicirtrrc Art de» sirj) cv (vielleicht verbunden mit c**H3 rrp.i „Gelübde Losuug„), und berechtigt durchaus nicht zu der Annahme, daß die dortigen Juden darin eine JndcinnitätS-Ertheilung für noch'„zu begehende Sünden", eine „Freisprechung von allen etwa lästigen Verpflichtungen, mögen sie nun persönlicher oder commrrci.ellrr Natur sein", erblicken. Daß rin tuniser Jude, der diese Absolution empfangen hat, glauben sollte, er sei hierdurch nichts verpflichtet seine Schulden zu bezahlen - da» glaubt denn doch Herrn Maltzan Keiner, der die jüdisch: Religion mehr al» vom Hörensagen kennt. E» sind da» dieselben Argumente, die man christlicher Seit» geraume Zeit gegen da« Kol-nidrc geltend geniacht hat. „Die Vielweiberei," fährt unser Reisender fort, „obwohl im Ptinzip bei der hiesigen Judenschaft aufrecht erhalten, findet in der Prari» jedoch die seltenste Anwendung, ich hörte mir von einem Dutzend (untcr .*i<),<mx* Juden). Auch die Ehescheidungen sollen nicht so häufig sein, und von den Rabbincn nur im Falle der Kinderlosigkeit gestattet werden. Im Ganzen ist die Moralität der wohl habenden eben keine schlechte, wa» man jedoch von den ärmeren, die wirklich oft bettelaim sind, nicht behaupten lau»; daran ist jedoch die Erniedrigung, in der sie leben, die Unter drückung von Seiten der Araber, dir Geringschätzung ihrer eigenen Landsleute und vor allen Dingen der schlechte Rathgeber, die Roth, schuld. Doch während tu den Armen-Ouartirrrn von London und Parider Fremde, welcher da er»

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