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Die Gegenwart · 1870-04-22 · 17 (22.4.1870) · p. Seite 166

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
17 (22.4.1870)
Date
1870-04-22
Page
Seite 166 (sequence 4)
Language
German
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166 Wien 18.'April (0.-. L,) Wir in der Pflanzenwelt verschiedenartige Blätter sich vorfinden, ebenso mannigfach gefärbt find die Blätter der Journalistik. Die einen ergötzen und erquicken die Sinne, die anderen passen durch ihren verpestenden Geruch in den Mist- und Düngerhaufen. Zu letzterer Sorte gehören mehr oder minder die hiesigen klerikalen Journale. Die „Wiener Kirchenzeitung" von Albert Wisingcr obenan sucht mit ängstlicher Sorgfalt die kleinsten Sünden de« auSerwählten Volkes au» dem verborgenst.n Winkel hervor und mit instinktmäßiger Spürnase säubert sie noch im Hause Israel, dessen Schattenseiten sic nur an» Tageslicht fördert, als ob da» xJudcnthum dafür verantwortlich wäre, wenn einzelne Individuen ihrer Bekenner aus der Art schlagen, als wenn sie die» thätcn in Folge ihres religiösen Bekenntnisse-'. Die Juden hatten schon sehr viel dadurch zu dulden, daß man da» Vergehen eine- Einzelnen gleich dem ganze» Volke aufbürdrrc. Etwa» glimpflicher verführt der Volksfreund, indem er doch wenigsten» den öffentlichen Anstand wahrt. Ander» mein „Vaterland" r» muß größer sein in diesem genre, denn es leistet da» Stärkste, was je Judenhaß zu »eisten vermag. Zur AbivechSlung schimpft da» „Vaterland", diesmal gegen diese Juden, die im ganzen Staate Oesterreichs einen dominirenden nnd zwar verderblichen Einfluß üben. Un» »vird die Ehre zu Theil, daß die Vertreter der Regierung, der Presse und de» Theater» mit dem Rainen „Jude" bezeichnet werden. Statt der Judemvirthschaft möchte da» liebe Vaterland viel lieber eine Reaktion. Ging c» nach dem Wille» der Jesuiten, so würden alle Hänlai» dürfte in Wien sichen bleiben, und al» Extrawurst zum Nachtische möchten sie die Austreibung der Juden au» Oesterreich durchsetzen n Irr Rumänien oder Spanien, welches die Folgen seiner thörichtcn und unmenschlichen Handlungsweise noch jetzt spürt (und bereut). Gibt c» denn nicht ebensogut christliche Wucherer und Blutsauger, die dem armen Bauer und Bürger da» im Schtveißc seine» Angesichte» Envorbenc ent reißen? Was hat die» mit der Religion überhaupt oder mit mehr, dasi er den Rainen geändert hat. Jenen Rainen, der so süß i» meinen 0l)rm tonte, den ich so oft über seiner Wiege anS> sprach, jene» Rainen, womit ich ihn oft an meine Brust gedrückt, den soll ick» vergesse». Cr ist jetzt ein Anderer, ei» ganz Anderer gewiß, alle» muß sich ändern, auch die Herzen. WaS nützt cS daß ick» mich verzweisiungSvoll zu jenen letzten Neberresten der Religion dränge, als wenn ich sie retten könnte? Eie retten I Alle» ist verloren, die sanfte» Gebräuche, die wir diesen Abend begehe», dlc süßen besänge, alle» wird bald vergesse» fein; nicht einmal das Andeiiken wird davon bleiben" - - — „WaS erwartet Ihr! (schrie er zu seine» Tischgcnosien sich wciidendl (Glaubet Ihr. dass Ihr den ansschreitendcn Strom auf halten köiinet? Weg mit Alleml Bringet Alles weg; man muß mit dem Strome schwimme», man muß das Haupt beugen"- Ci» Schrei, welcher in diesem Augenblicke den Lippen der Frauen entsuhr, machte Daniel vkrstumincn. welcher in einem Angenblicke dieselben nnschauett, un» sich blickte, und ohlleberraschnug! ob Schrecken I In einem iveiten Mantel von glänzendem Pelze gebüll». init einem goldblitzcnden Gürtel befestigt, einem iveißen Barte, der bis zur Brust hcrabstoß, näherte sich ein Mann von hoher Statur, ernsten Anblicke und langsamen Schritte der Tischgesellschaft. Bevor noch der Alte Jett hatte sich zu erholen nnd zu sasicn, blieb dir nncrivartete Erscheinung stehen und sprach mit sehr sanfter Stimme: „Furchtet nichts, Freunde, i ch b i n d c r Prophet Elijah»-" „Der Propbet Elijahu l (rief Daniel in tiefster Berehrung au».s Der Prophet ö l ij ahul Ah l Jetzt begreife ich. —- Ist es wahr, daß du an diesem heiligen Abende die Häuser der Gläubigen besuchest, um bei ihren heiligen Zeremonien anwesend zu sein?" — „Es ist wahr." „Und au» welchem Grunde lüftetest du den Schleier, der meine sterblichen Augen dl« jetzt verhüllte, und würdigtest mich delne« verehrungswerthen Anbltcket?" dem Judenthume zu thufi? Oder wer trägt die Schuld daran, daß die Juden so sehr dem Handel ergeben sind? Nur die Judenfreffer! Sie hatten ihnen ja jeden redlichen Erwerb entzogen, sie allein hatten die Juden von der Arbeit abgewöhnt, da sie ihnen keinen Grundbesitz gestattet hatten. Bo» Ort zu Ort getrieben und geplündert, nirgend» eine feste ruhige Stätte findend, stets in Todesgefahr schwebend, war e» da nicht natürlich, daß sic sich auf Gelderwerb verlegten, war dies ja nur das einzige Mittel, wodurch sie sich einigermaßen vor ihren Feinden schützen konnten? Beweisen es nicht die letzten Jahre, daß die Juden, wenn man ihnen Freiheit gibt, auch zu ehrlichem Erwerbe greifen, daß sie auf allen Gebieten menschlichen Wissen» und Könnens ihre geistige und leibliche Kraft dem Wähle der Gesammtheit widnicn. Was wollen sie also von den Inden? Ich komme nun auf die liberalen Judenfeinde zu sprechen. die den Kern des JudenthnmS angreifen, den Banin bei der Wurzel fassen und zu schädi^n suchen, während die klerikalen Zeitungen nur die Bekenner der jüdischen Lehre verfolgen und sich um daS Wesen ihrer Religion wenig kümmern. Da wird gegen Beschneidung, Thierschlachten nnd andere rituelle, specifisch jüdische Ceremonicn losgezogen, um jeden Religionsunterschied zu verwischen. Die liberalen Blätter ergreifen Partei gegen die Eonservativen, die man vergewaltigen will und ein Rabbiner, der seiner Pflicht gemäß zur Beobachtung der Speisegesetzc ermahnt, wird lächerlich gemacht. Fast möchte man sagen, daß dieser Schcinliberalismus mehr der Religion y.m' schade und den Boden des Jndenthumö mehr erschüttere, als grausaine Verfolgungen-von Seite Her Judenfeinde. Wollte ein ehrlicher Mann H. Dr. Gndcmann über den unvorsichtigen Gebrauch einer jesuitischen Phrase zur Rede stellen, so hätte er es in einem spcciell jüdischen Interessen gewidmeten Blatte thnn können, aber nicht in einem politischen Journal, wo freilich auch die katholischen Fastenpredigcr mitgenommen werden, diese verdienen cS noch eher, weil sie auch die Politik in, ihre Reden mengen und sich dadurch der Kritik auSsetzen. Jeder denkende Israelit mit gesundem Menschenverstände, weiß, daß das Ju- „Ich fühlte Mitleid mit dir nnd deiner Bekehrung für diese Gebräuche; ich kam dich zu stärken, damit du nicht verzweifelst an der Zukunft" „Dainit ich an der Zukunft nicht verzweifle'? Verzeih, großer Prophet, bist du nicht als Vorläufer dcS Messias bestimmt?* „Ich bin cS." „Rnn beschleunige dein Kommen , denn nun der MesiiaS allein kann die Religion wieder Herstellen, welche jene Gebräuche wieder aufblühcn machen kann." „Ich soll inich beeilen? Ich werde erst kommen bis die Zeit nach der göttlichen Bestiminung dazu reif sein wird." „Da werden noch viele Jahre vergehen?" „Kann denn daS Geschöpf den undurchdringlichen Gedanken des Schöpfers erforschen?" „Berzcihnng, großer Prophet I Wenn er also zögert so verzweistc ich an allein. Die Rcli gi on der Famil ic geht verlorcn, und mit Dieser Alles." „Sie geht nicht verloren, und ich bin deshalb auch gekommen um Dich zu trösten." „Wer kann aber diesen Untergang verhindern oder aus. halten?" „Wer? — Ein anderer Messias" „Ein anderer! Was sagst Du? Ein anderer" — — „Ein anderer Messias wird diese Religion wieder Herstellen können. Sic wollen jetzt eine andere Welt versuchen, diese neue Welt werdcil sie aber voll Enttäuschungen, kalt und leer finden. Rach einiger Zeit werden sie wieder daS Bedürfnis nach häuSlicher Liebe qnd Zärtlichkeit fühlen. Der MesiiaS der diese Religion wieder Herstellen wird — — ist. die Familie. Bci diesen Worten verschwand der Prophet. —

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