Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 17 (22.4.1870)
- Date
- 1870-04-22
- Page
- Seite 165 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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165 Da- Postnlatum für die Inden war ein unglücklicher Gedanke jener beiden Herren jüdisch, katholischer Priester und wir können unserer Bewunderung nicht den genügendsten Ausdruck verleihen, daß sich unter so vielen Bischöfen nickt rin einziger gefunden hat, der, um vor ein Fiasko zu schützen, seine Lanze gegen eine so dringende Bitte an „LaS unglückliche Volk der Juden" eingelegt oder jene Stelle aus „Rach an" in's Gcdächtniß gerufen Hütte, wo dieser weise Jude zum Tempelherrn spricht: „Ha! Ihr wisst nicht, wie viel fester ich nun mich an Euch drängen werde. - Kommt, wir müssen. müssen Freunde sein! — Verachtet mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben Beide uns unser Volk nicht anSerlesen. Sind wir etwa unser Volk? Was heißt denn Volk? Sind Ehrist und Jude eher Ehrist und Jude, als Mensch? Ach! wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem cS genügt, ein Mensch zu heißen!" Genügen nicht diese Worte, um m't ihnen daS Postulatum zu beantworten? Und wozu soll cs schließlich diene»? Will man etwa in daS „Volk des Glückes" das unglückliche Volk Israels hinüberzirhcn, um crstcrcS zu stören? Bei Leibe nicht! Das will der unglückliche Jude nicht, das will sein gutes Herz nicht, daS will seine Nächstenliebe nicht, daß daS Glück eines Volles gestört werde. Hochwürdigste und erlauchte Bischöfe! lasset daS Volk Israel im Unglücke verbleiben, im Unglücke lernt man erst feine eigene Religion recht kennen. Fraget aber die Rothschild'S, ob sie sich unglücklich fühlten, als sie mit Bereitwilligkeit dem päpstlichen Stuhle sein Anlchrn seiner Zeit ansbezahlt, fraget die Montefiore'S, Eremienx, Lohn u. f. w. ob sie sich je unglücklich fühlten, däß ^le christlichen Armen im Unglücke bcigcsprungen, und in Liebe für ihre Religion sich der nur durch Bedrückung und VcrfolgungSsucht unglücklich fühlenden Juden angenommen haben! fraget die armen Juden, ob ihnen die Armuth oder die Religio,i eine Last ist! Fraget die geistlichen Würdenträger der Inden, ob sie trotz Mangel an Kirchengütcrn, ja trrtz mancherlei Entbehrungen etwa im Unglücke leben! Fraget sie, ob sic eS wagen dürfen, an den Gesetzen des großen Moses eine Acndrrung vorzunrhmcn oder gar Gesetze zu schassen! Fraget, was die Synoden in Leipzig und Philadelphia, die alte Bräuche abschaffen wollten, gefruchtet haben und lasset Euch über daS Fiasko aufklärcn, das sic erlitten! Und wenn der ehrwürdige Kirchcnfürst in Rom den Sandalcnträgcrn Lemann das Evmpliment machte, „sic rcn die andern die Lust und machten sich davon los. Das Geräusch der Bälle, der Theater, der Eoirecs und anderer Arten Zerstreuungcn entzog sie hie und da den häuslichen Zusammenkünften, welche von Jahr zu Jahr seltener wurden. Bloß die Znsammcnkünste an den Pcssachabrnden waren noch bis jetzt unangetastet geblieben. Dieses Jahr endlich hatten die gewöhnlichen Tischgcnoiien, sei es auS bösem Willen sei es anders wohin zu gcistrcichcrcin Unterhalte ringcladcn, den Pater davon in Kenntnis gesetzt und sich verabredet, sich nicht mehr da einznfindcn- ES war also die seit langer Zeit aufgeregte Walle, welche unseren Daniel vcranlasite, eine solche Sprache zu fuhren, indem er noch immer seinen Saal durchschritt.. „Arme Träume! (sagte er) arme Tänsclmng! Mit welchem Entzücken habe ich stets dem -^errn für die Erhaltung meiner Kinder gedankt I Krone meines Alters, ich stellte sic nur immer wie kraftvolle Olivcnzwcige um meinen Tisch vor. Run stehe ich ganz allein da. Trotz so vieler Kinder fühle ich mich doch ganz verlasicn!" Hier nahm die Stimme Daniels einen ernsten und feierlichen Ton an; er fuhr fort: „ O sorgfältige Weisheit der Religion l Dn rufest nntcr Deinem heiligen Schutze die häuslichen Neigungen, nur unter dir haben sie eine Dauer. Wenn die Glieder einer Familie immer getrennt leben so erschlafft die gegenseitige Neigung, und einewird dem andem fremd. Aber Du, wirkst wohlthätig weise ans sie ein; Du sammelst sie oft unter Deinen Ausspizicn, Dn sammelst sie vst um Dich, um ihre Neigungen wieder aufzuregen; Du rufst wollen die Juden, was MoscS gethan hat, befreien" so können wir dieses nur als den Ausfluß einer gewissen Bonhommie betrachten, nnd den Scherz als einen ganz harmlosen ansehcn, der der Verehrung, die dem GottcSmannc MoscS gezollt wird, keinen Eintrag thut. AuS allem dem dürften die hohen geistlichen Würdenträger zu einer Eonclnsion gelangen, die so ziemlich daS Postulat durchkreuzt. Die jüdische Religion, eine felsenfeste Säule, aus der das ganze Judenthum beruht, war, so oft sic den schrecklichsten Verfolgungen auch auSgesetzt war, unvernichlbar, sie blieb, wenn auch Tempel zerstört, Altäre »irdergerissrn wurden, die Jngnisition mit wahrer Tigcrwnth die Bekenner jüdischen Glaubens den grausamsten Qualen preisgegcbcn hat. fest nnd nnerschntterlich. Wer würde da nur den Gedanken fassen,reiner so erhabenen Religion den Rücken zn kehren? wer würde einen solchen Vrrrath üben an Gott den einig einzigen? Richt die jüdische Religion macht die Jüdcn unglücklich, nur jene Verfolger vermochten cS, welche sie der jüdischen Religion, dieser--Mutter aller Religionen entreißen wollten. Die jüdische Religion ist die Religion der Freiheit, sie kennt leinen Zwang, keine Scrgeantcnmaß rcgel, keinen Despotismus, in ihr bewegt sich der Jude frei und ungebunden, an ilin>arf sich der Priester nicht wagen, fluchend heranznlreten, er kann nur segnen. Die Existenz des Rabbiners ist abhängig gemacht von seiner Gemeinde, die wohl die Grenze der Achtung, die dem Scrlcnhirten ge bührt, nicht außer Acht, aber sich in keinem Falle tcrrousiren oder gar dogmatisircn lässt. Einer so erhabenen Reli« daS väterliche Erbe entweihen, die Gottrslehrc verläugncn und sich an der Freiheit versündigen. Wcr von den Inden zu einem so gewagten Schritte sich verleiten ließe, der würde sein moralisches Glück, sein geistiges Sein zerstören und erst zum „unglücklichen Juden." Deßhalb kann das Postulat für die Inden nichts als - eine Ehimäre. die unglückliche Ausgeburt der Phantasie zweier unglücklichen Jude» sein, welche die Lage und de» Charakter der Juden schlecht aufgefasst haben, nnd der Ty rcncnsang, der von der Tiber her erklingt, ist wahrlich nicht dazu angcthan, die Juden zn verlocken, auch wenn sie. so glücklich sind, von 506 Bischöfen geladen zn werde», an der ewigen Glncksceligkeit Theil zn nehmen. I!. sie zu einer religiösen Freude, um sie gleichzeitig zu sichen Pertraulichkeitc», zur alte» Liebe zuriicksühren." Hier nahm die Stimme mit einem rasche» llebergaugc einen vorlvcrfendcn Tau mi: „Ach! Jbr lachet unter de» Augen! Ihr wiederholet einander, das» es ni»1>t die Kosten trage, jedes Jahr de» so alten Auszug aus Ägvpten zu besingen! Ihr wollet eher feiern — — Was? Was wollet Ihr feiern? — Bildet Ihr Euch, ein, das» dieses Fest anders begangen werden könne, als indem man diese alte Begebenheit feiere? Unglückliche! Wisset Ihr, was Ihr wollet feiern? Man wollte die Familie feiern verstehet Ihr? — Die Familie. Es iv-ir das Heiligtlnnn der Familie, das man jedes Jahr wieder heilig machen wollte. C. Eeinnernngs»eichcn! Damals ivusttc man Pater zn sein, damals ivnsitc man einen Baler zu haben. Aber Ihr ziehet den väterlichen llmarnnmgrn, den hausliehen Vergnügungen Zusammenkünfte vor, wo das Herz innner kalt bleibt. Ihr ziehet vor zn erbetteln Beifallslachel» von enc. rcn Nebenbuhlern, Neidern nnd Hoehmnthigen. Ihr verschlucket ihre bitteren Schmähungen. Hier, als wollte er sich selbst verbessern. lourde seine Sliin»»e weieh und-der Alte fuhr fort: „Doch schien mein Jsak ein anderer Mann; auch er liebte die reinen häuslichen Freuden. Aber seine hochmüthige Gattin — Ol mein arnicr Jsakl" „E p a m i nond a », willst Du sage», Epaminondas" unterbrach ihn feine Gattin, welche bi» jetzt geschwiegen hatte. „Ach Epaminondas! (sagte der Greis, indem er noch inehr die Stirne runzelte) ja, Epaminondas. Ich erinnere inich nicht 17*