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Die Gegenwart · 1870-04-22 · 17 (22.4.1870) · p. Seite 164

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
17 (22.4.1870)
Date
1870-04-22
Page
Seite 164 (sequence 2)
Language
German
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— '164 gegen die Uebermacht der Römer begannen. Jerusalem wurde erobert und zerstört, wer nicht floh zum Sklaven gemacht oder gctödtet. Aber die Juden waren im Unglück gestählt; wenngleich wie ei» wildes Thier abgehetzt, in alle Weltgegenden zerstreut, hielten sie doch an ihre» Gesetzbüchern, der Volks - charakter prägte sich um so tiefer aus. Trotzdem Trajan ihnen da« Vcfcit des Gesetzes verboth, obschon die Nachfolger Julian's die schrecklichsten Grausamkeiten an ihnen verübten, und gegen sie die Bluttaufe predigen ließen, das Volk Israel ging dennoch aus allen Kämpfen wie ein Phönix verjüngt hervor, denn es war glücklich im Unglücke. Glücklich im Unglücke in jenen Epochen, wo der gräßliche Fanatismus die Fackel der Vernichtung schwang, wo Vandalismus seinen Einzug hielt in die geheiligten Rechte der Menschen. Und rin solches Volk wollte man in einem Zeitalter unglücklich „einen, wo Gesittung und Zivilisation Triumpfc feiern, weil ui lleicht zwei Juden sich ihrer Auffassung nach, nicht glücklich fühlen! In allen Kreisen der menschlichen Gesellschaft finden sich Glückliche und Unglückliche, die aber weder das Glück noch das Unglück in der Religion suchen, woran eben der die Zeit beherrschende Materialismus die Schuld trägt, und zu diesen Kreisen der menschlichen Gesellschaft zählen auch die In» den, unter denen es gewiß auch Unglückliche, aber nicht im Sinne der 5)06 Bischöfe, gibt, denen bcizuspringcn eine Conscqnenz der Nächstenliebe wäre. In der Religion liegt nicht das Unglück, in ihr liegt der Trost, die brsceligende Hofsnnng. Wer sie rauben will, der raubt das Glück. Fragt man um den Beweis, daß namentlich in der jüdischen Religion nicht das Unglück wohnt, daß sic vielmehr vor Unglück bewahrt, so braucht man nur die Statistik der Morde und Selbstmorde nachznblättcrn und man wird die Ucbcrzeugung gewinnen, daß die Zahl derselben gegenüber der bei andern Rcligionsangehörigen eine verschwindend kleine ist und Mordstahl und Giftbecher bei Juden eine unbedeutende Rolle spielen. Würde sich das Volk Israel unglücklich fühlen, so müßlc eS den Hilferuf ertönen lassen, was aber bisher nicht geschehen ist und auch nicht geschehen wird. Nemo ante morrichtct, und scheinet an seiner düster» Stimmung Theil zu nehmen. Ihnen gegenüber steht ein junges Mädchen in unterwürfiger Stellung, sic ist eine Jüdin und erwartet die Befehle ihrer Herrschaft. Dem Anscheine nach sind alle drei bereit die Pessachfcicr zu beginnen. Man erwartet bloS daS Zeichen des Familicnoberhanptes. Hier scheint die Fröhlichkeit und die Heiterkeit, die einer sol eiicn Feier vorangehen, zu fehlen. ES ivird immer später, und die Zeit ihres Beginnes war schon längst da. Das Gespräch der beiden Eheleute wird gezwungen fortgcführt, oft unterbrochen, und jeder sucht Stoff, um über daS eigentliche Fest nicht sprechen zu müssen. Endlich ruft der Alte, in Begriff sich selbst zu bezwingen, an» : „Die llndantbarcn I Sic haben n»S verlasse». Nun, erfüllen wir unsere Pflicht und wollen die Feier beginnen." Der Befehl wurde vollzogen; die ersten Zeremonien beendigt, man rezitirtc den ersten Absah des Rituale», und ging znm zwei tcn. znm „Ma Nischtaiia“ Warum ist so Vieles diesen Abend anderes al» an den andern Abenden.?" über. Bei diesen Worten brach der lang zurüetgehaltene Grimm des Famillcnoberbanpteö au». Mit llngestüm erhob er sich von seinem Sipe lind ging ganz aufgeregt im Saale auf und abi indem er sagte: »Worin ist dieser Abend, v cr.s ch j cd tu? ’— In der That sehr verschieden. Nicht nur der Abend ist verschieden, solidem auch die Zeiten, die Gcmüther, Religion, Dankbarkeit, kindliche Pstichtcn, alles wird vergehen, alles schwindet, Bälle, Gesänge, Theater — - und die armen Aeltern werden bei Seite gelafien. LS ist in der That verschieden." Erbittert über diese That und jene Echmerzensrufe wosttc die Gattin ihn unterbreche» und die Zcreinonirn fortzusrpcn auffordern. Aber die aufgeregte Galle wollte einen AuSbruch und der Alte fuhr mit immer steigenden Ungestüme forttom doatu5 «8t. Niemand ist vor dem Tode glücklich und man wollte von der Tiber h.r in „Glückseligkeit" machen? Pah! mit diesen Phrasen, fort mit diesen Glückseligkeitsprojekten, die Niemand am allerwenigsten der Jude acceptire» kann; was man werden soll, sott man durch sich und niemals durch einen andern werden. So dachten die Juden, als sie sich in der Knechtschaft und unter dem Drucke jener Religion befanden, die wohl die Nächstenliebe als ein Gebot ihres Stifters ausgenommen hat, sie aber in grausamen Verfolgungen, in llndnldsamkeit und Verachtung verkörperte, heute mit einem Male, wo iin Kreisläufe der Zeit die Zivilisation pulsirt und mit jedem Flügelschlag derselben die Freiheit aller Völker verkündet werden soll, heute in supplikantcr Weise in unser Ohr flüstert, wir sollten uns beeilen, den Messias, den die Christen anerkennen, auch als den unserigen anzuertennen. Wir haben nie an die Größe des Stifters der christlichen Religion zezweifelt, wir waren uns längst bewußt, daß er den Christen anstatt Rache, Edcl- 11111(1), anstatt Vcrfolgnngssucht und Judenhaß, Nächstenliebe gelehrt hat, aber was die Herren Bischöfe von den Juden verlangen, hat keine Eile, diese haben tausende Jahre auf den Messias gewartet, so kommt cS auf tausend Jahre länger nicht an. — Sie können warte», kraft ihrer riesigen Geduld und zähen Ausdauer. Die Firma Gebrüder bemann hat sich aus ihrem frü- 'hern ReligionSkrcise einen schlechten kaufmännischen Kalkül mitgenommen, sic hat sich verrechnet, auch wenn sie bei diesem Postulatshumbug ihre Rechnung finden sollte. Der greise Kirchenvater schenkte dieser mit ihrer UusterblichkeilSidce hoffentlich fällst werdenden Firma zu viel Vertrauen, schien jedoch im Vorhinein zu der Ausführung jenes allein scligmachcndcn Projektes nicht die nöthige Garantie zu haben, indem er der brüderlichen Compagnie antwortete: „Wenn die Weinlese noch nicht ganz vorgcnommcn werden kann, möge nnS der Himmel wenigstens einige Trauben schenken." Nun die Bescheidenheit des greisen Kirchcnfürstcn ist in diesen Worten nicht zu verkennen und er dürfte als „Sohn Abrahams« zur Ucberzcugung kommen, daß unter Umständen einige Trauben sehr thcucr aber auch sehr sauer sind. Um aber dessen Worte bester zu begreifen, ist cs nothwendig in wenig Linien den Mann und die Ursache seines Zorncü zu zeichnen. Unser Daniel (so hieß er) hatte bereits wie schon bemerkt, das fünf und scchszigstc Lebensjahr überschritte», gehörte vermöge der Erziehung und dem Gcmüthe der Vergangenheit, fand sich aber der Höhe der sozialen Stellung nach auf dem Niveau der Gegenwart. Nachdem er eine große Epoche von großen Ercigniffcn und glücklichen Wechsel in der Politik und im Handel, unterstützt von jenem feinen Sinne, welcher die Zeiten und den Erfolg crräth, und zudem vom Glück begünstigt, dnrchgcmacht hatte, konnte er ungeheure Reichthümcr aushäufeu, und jene Stellung cinnchmen, wclche in unseren Zeiten der Diplomatie nahe bringt. Ec machte dann keinen Anffand jene Lebenshaltung auznnehmen, welche sich für den sozialen Grad passt und seiner zahlreichen Familie eine sehr sorgfältige Erziehung zu crtheilcn. In der Mitte des Prunkes und der zahlreichen großartige» Geschäfte hatte er aber eine sehr sonderbare Anhänglichkeit' zu der Religion der Familie, ich will damit sagen, zu den religiösen Gebräuchen bewahret, welche die Glieder einer Familie besser zu vereinigen und ihre gegenseitige Anhänglichkeit zu vermehren im Stande ist. Von den Kindern, welche alle glänzende Heirathe» geschloßen, waren, zwei. Mädchewän -derselben Stadt versorgt; der- Erstgeborene I s a k, auch verehelicht, wohnte in demselben Pallastc, wo der Vater, hielt aber eigene Tafel und Wohnung für sich. Daniel suchte mit besonderer Sorgfalt jede Gelegenheit, die die Religion zur Vereinigung darbot, um die Seinigen um sich zu haben, und hielt eine solche Vereinigung für eine, fürs Leben sehr wichtige Sache; besonderfreute er sich die PcssachS-Zcremonien im eigeneu Haufe, von feinen Lieben umgeben, zu feiern. Je mehr er aber mit den zunehmenden Jahren mit Liebe und Neigung den religiösen- Gebräuchen anhing, desto mehr vrrlo-

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