Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 16 (15.4.1870)
- Date
- 1870-04-15
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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zwei Nationalitäten hervorruft, haben wir in erster Linie die politischen Interessen der böhmischen Juf>en ins Auge gefaßt, die, da unser Organ in Böhmens Hauptstadt erscheint, folge, richtig uns auch am nächsten liegen. Daß wir hierbei die orientalische Frage, die Europa so lange beschäftigte, die Luxemburger Angelegenheit, den französisch englischen Han« delStraite hievon ausgeschlossen haben, liegt eben in der rein politischen Natur, von der da- Jndenthum vor der Hand nicht alterirt wurde. Aber auch die Bcrungliinpfungen der böhmischen Nation von deutschen Blättern, der en Leiter hie und da Inden sind, machten die Existenz einespecifisch jüdischen politischen Blattes nothwcndig, das die wirklichen Gesinnungen der Juden zum Ausdruck bringen sollte, mit de»L die fanatischen Insinuationen Einzelner abgcschwächt werden sollten. Wenn wir hiebei nicht nur die Interessen unserer GlaubcnS-!.cnof)cii in der Hauptstadt, sondern auch die weit wichtigeren jener aus dem Lande erfaßt haben, so war dieses nicht nur i.alur und vernunftgemäß, sondern dem Drange unserer Gefühle für dieselben entsprechend; denn betrachtet man das BerhältniS der jüdischen Bevölkerung in deutschen Gegenden zu den in böhmischen, so stellt sich der gewaltige Unterschied bald und mit ihm die Nothwendigkeit heraus, die Interessen der Juden in böhmischen Bezirken näher zu würdigen, ohne die der jüdischen Bewohner deutscher Bezirke zu ignoriren. Wenn jedoch einige unerfahrene, politisch angekränkelte und mit ihrer Bcrnunft bankerott gewordene Juden Hetzen veranstalten, ohne die Gefahr, daß der Mob leicht erbittert werden könnte, zu berechnen, und nur auf Bajonette zählen, während die Juden im Allgemeinen an einem solchen Gebähten vollkommen unschuldig sind und dieIuden auf dem Lande mit ihren nichtjüdischen Landsleuten im besten Einverständnisse leben, so war und ist eS unsere Pflicht im Interesse der heiligsten Gefühle, die daö Jndenthum kennt, von solchen Ausschreitungen abzurathen, die nur den Frieden stören und zu bedauerlichen Eonfliklcn Veranlassung geben könnten. Oder sollten wir daS unverschämte Benehmen eineS jüd. Stadlverordne t n, der in einer großen die. Stadtintercsscu vertretenden Körperschaft vereinzelt gegen die Errichtung dcö Ehoteködenkmal stimmte, loben? sollten wir das herausfordernde, allen Taktes baare Amendement eines Juden, man solle sich eher dazu erklären, zum Dombau als zum Aufbau Mögen sie von mir halten, was sic wollen. Mein Glaube ist, daß die Religion nur dazu dienen soll, die Menschen zu erziehe», sie sittlicher und humaner zu machen, Duldung uud Liebe zu verbreite». Ich will kein Freigeist, aber noch weniger so ein intoleranter Pietist sei», der da meint, die Seligkeit allein gcpachtcl zu haben, und gleich mit Feuer und Schwert breinschlagc» will, wenn ein Mann eine andere Ansicht hat, als er. Rur gegen diese blinden .Eiferer gedenk ich meine Waffen noch einmal zu erheben. Wie wenig verstehen sie den wahren Geist des Ehristenthums. Wie wenig beherzigen diese da» Wort dcS milden Johannes, deS Liebling»- schülcr» unser» Herrn! AlS dieser alt und schwach geworden war, so das> ihn seine Schüler in die Kirche tragen mnßtcm wo er, anstatt wie sonst zu predigen, nur wenige Worte mühsam hervorbringen konnte, sprach er nur das einzige und wiederholte cS immer wieder: MiiiMci», liebet einander; Seine Schüler und die übrigen Zuhörer wurden darüber auf die Länge der Zeit ungeduldig und fragten: Meister, warum redest Du immer daffelbe? — Weil, antwortete der würdige Greis, die Liebe daS Gebot Gotte» ist, und allein schon zur Seligkeit hinreicht. Damit komme» Sie schön bei unser» Theologen und Dr thodozen an, bemerkte Ramler, der bisher nach seiner Gewohnheit still geschwiegen hatte. D! entgrgnkte Lrffing. diesen Herrn kann ich noch mit einer andern Geschichte dienen, die ich im Decameron deS Boccaccio gefunden habe, worin mehr Toleranz zu finden ist, als in asi den Schriften des windbeuteligen Monsieur Voltaire, von dem der König so.entzückt ist, daß er ihn allen deutschen Schriftstellern vorzieht. Laffen Sie uns unsere Geschichte hören, lieber Lrffing I bat Mendelssohn. 6 deS Nationalthcaterö eine Subvention zu leisten, gut heißen? oder sollten wir das sich MiSbrauchenlafsen der Juden zu Demonstrationen in öffentlichen Versammlungen und Vereinen mit Märtyrerthum bezeichnen? oder sollten wir den Zusammenhang der gewaltthätigen MisbrSuche der politischen CultuSmatadore mit der Bekanntschaft mit einzelnen Personen der Regierung beschönigen? oder sollten wir der BornirtheitrineS jüdischen StadtratheS, in der Angelegenheit des Polytechnikums oder seiner Frontmachnng gegen die Theatersnbvention für Botirung einer Dankadresse plaidircn? oder der Thätigkeit eines jüdischen Advokaten in Wahlreklainationen. durch die Prag einen allgemein geachteten und beliebten Bürgermeister eingebüßt hat, einen Lobgcsang singen? Wir glauben, daß wir mit einem solchen Vorgehen nicht einverstanden sein konnten, nachdem wir wohl wußten, daß die gcsammte Iudenheit darüber das Urtheil der Verdammung spricht und wir haben die vollste Beruhigung im Interesse unserer Glaubensgenossen auf dem Lande, und des größten Thciles derselben in der Hauptstadt gut gewirkt zu haben. Wer Politik nicht mit Krakehl, Anstand nicht mit Taktlosigkeit verwechselt, wird die ewigen Demonstrationen einer ehrsüchtigen Gesellschaft nicht gut heißen, sofern er Judenthum und Vaterland richtig erfaßt hat. Wohl kann man oft seine Ueberzengung im Innern nicht gefangen halten, aber sie muß ehrlich, redlich sein, jedem Eigennütze ferne liegen, und nicht zu Demonstrationen und jkrakchlsucht benützt werden auf Graind egoistischer Prinzipien. Das Gefühl eines echten böhmischen Patrioten, ob er nun Ehrist oder Jude sei, gebietet zur Wahrung der vitalsten Interessen dcS Vaterlandes, wer aber glaubt, für böhmische (und selbst für österreichische) Interessen ausschließlich deutsche zu setzen, kennt die Logik der Thatsachen nicht und soll sein Domicil in Görlitz oder Abschaffenburg aufschlagen. Vom kosmopolitischen Standpunkte ans betrachtet, ist die von den jüdischen Easinohelden cingeschlagene politische Richtung gleichfalls eine verfehlte zu nennen, wenn man erwägt, daß der jüdische Advokat in Prag seine Elienten nicht nur im Lager der Deutschen, sondern auch der Eechett zu suchen habe, wenn der jüdische Geschäftsmann in Prag, um apodiktisch zu sprechen, vom Deutschen gar nicht existiren Ein Jude, begann Lcffing. so klug und auch so mild wie unser MoscS hier, wurde von dem Sultan gefragt, welche Religion er für die beste halte. Eine schwierige Frage, bemerkte Mendelssohn, und besonders, wenn ein Sultan sic an einen armen Juden richtet, der dadurch in die größte Verlegenheit gcrathcn inußtc. Hören Sie, wie sich unser Jude auS der Schlinge gezogen hat. Er erzählte dem Sultan eine Geschichte, die ungefähr folgendermaßen lautete: Vor Jahren lebte ein reicher Mann, der drei Söhne besaß, welche er gleich lieb hatte. Unter den Schäden, mit denen ihn der Himmel gesegnet hatte, befand sich auch ein kostbarer Ring, der die Eigenschaft hatte, daß er dem Besitzer Macht und Ansehen verlieh und ihn zugleich beliebt vor Gott und Menschen machte. Al» der Vater sein Ende nahe fühlte, gerieth er in die größte Verlegenheit, indem er nicht wußte, welche der drei Söhne er den Ring und mit ihm die ganze Erbschaft, wie cS in der Familie bräuchlich war. laffen sollte, weil ec alle Drei eben so sehr liebte, und Keinen kränken wollte. Außerdem hatte er niit zärtlicher Schwachheit Jedem von ihnen diesen Wundcrring schon zugesagt. WaS nun beginnen? Da gerieth er auf einen Ausweg; er ließ von einem geschickten Meister zwei falsche Ringe anfertigen, die dem wahren so ähnlich waren, daß sic kein menschliches Auge und selbst er nicht zu unterscheiden vermochte. AlS ec nun auf dem Sterbebette lag, ließ er seine Söhne einzeln kommen, segrußc sic und gab jedem heiinlich einen Ring und somit daS Anrecht auf die gesammte Erbschaft. Kaum hatte der Vater dir Augen geschloffen, alS jeder der Söhne die Erbschaft für sich beanspruchte, weil er sich im Besitz de» Ringewußte und diesen vorzrigte. Natürlich behauptete jeder, den echten Ring allein zu haben und erklärte die andern beiden Brüder für Betrüger und Fälscher. Der