Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 16 (15.4.1870)
- Date
- 1870-04-15
- Page
- Seite 153 (sequence 1)
- Language
- German
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Vt«a «tennirtfür Pragr Ga»zjabrig fl. 5.— Halbjährig „ 2.50 Vierteljährig,, 180 9Ut Postzuseadunz: Gaazjährig fl. 5.50 Halbjährig „ 2.75 vierteljährig,, 1.50 Für- Ausland» G»»zjährig 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Jaserate werden billigst berechnet. Nr. 16. saasasssa Die Gegenwart. Israklitische Wochenschrift für politische, sociale nnd religiöse Interessen. «LrscheinL an jedem Ireitag- Mebaklia, tltai« nistratia, Prag, «ittergafleNr». 408—1 wohin alle Briefe n. «elbfendnngen ,» richte» find. i Zuschriften «erbe» fronr, erdete». Rannskripte werden Ul Nichtvrrwendvng »fls verlangen jedoch »nsrankirt zuriicker stattet. Prag 15. April 1870 III. Jahrgang. Ein Wort an unsere Leser. Die irrige Auffassung, die mancher Jude von dem Zwecke der jüdischen Presse hat, scheint nicht so sehr auf dem Man« qel an Vcrständniß für dieselbe, als vielmehr auf einer auS em Bereiche der Logik absichtlich und gewaltsam hcrausgerissenen Definition, die man sich zu eigenen Zielen zu recht legen will, zu beruhen oder, um mit anderen Worten über« setzt zu werden; Was ich nicht will, was mir unbequem ist, paßt nicht für die jüdische Presse. In erster Reihe stehen unsere jüdisch-deutschen politischen DajazzoS sammt ihrer Claque, welche die Politik in einem jüdischen Journale perhorresciren. Wir sind ganz im Klaren, um nicht zu wissen, daß eS eigentlich nur unser Blatt ist, für welches sich, nach Ansicht dieser Josefstüdter Staatsmänner, politische Expektorationen nicht schicken und wir sind überzeugt, hätten wir unser Organ denselben Juden des deutschen Casino zur Verfügung gestellt, eS wäre gewiß die Aufnahme von Politik und nebenbei gesagt etwas Hctzartikeln gegen die böhmische Nation nicht nur gut geheißen, sondern auch belobt worden. Wir haben zwar nie auf das Urtheil jener Coterie gegeben, weil wir sie besser als sie sich selbst gekannt und ihre Absichten durchschaut haben, nun allerdings das konnte diesen Leuten so ehrsüchtigen Calibcrs nicht recht gewesen sein, Leuten denen ein Orden werthcr ist als das ganze Judenthum, eS kann also nicht gesagt werden, daß wir unö vor diesen LazzaroniS des deutschen Casino recht, fertigen wollen, wir wollen nur jenen irregeführten und von ihren Wegweisern gefoppten Glaubensgenossen die Augen öffnen, nm sie über den Zweck der heutigen jüdischen Presse, speciell unseres Blattes aufzuklären. CS ist thöricht anzunehmrn, daß ein jüdisches Blatt seine geistige Existenz nur fristen soll von dem Raufhandel, der sich um den ethymologische» Ursprung oder um die richtigere Bedeutung eines hebräischen Wortes bewegt, oder daß das Blatt mit alten GroßmutttrgesGchten^mld. erfundenen Notizen genährt werden soll, die eher anwidern als drlektiren nnd belehren. So lange der Jude auf sich selbst angewiesen war und seine nicht politische Stellung ihm jeden Verkehr mit der Außenwelt abgeschickkr» hat. konnten solche exklusiv jüdisch wissenschaftliche Ingredienzien genügen, heute jedoch, wo der Jude eine gewisse politische Stellung einzunrhmrn auf dem Wege ist, darf ein jüdische» Organ einen so wichtigen Faktor, wi' ihn die Politik bildet, nicht außer Acht lassen, um so zur geistigen Entfaltung einerseits, zur politische» Entwicklung anderseits beizutragrn, die um so nothwendiger wird, als mit ihr vor politischen Fehltritten gewarnt und zur Einlenkung in richtigere Bahnen angerathen wird. Aus diesem Grunde haben wir, so wie jetzt die meisten jüdischen Blätter, wenn sie nicht specifisch wiffenschaftliche Fachblätter sind, die Besprechung politischer Zeitfragen zu einer Hauptrubrik unsere» Blattes gemacht, und eingedenk der Nothwen« digkeit. die die Stellung der Juden in Böhmen zwischen FkuiUeton. Ein Sabbakh-Abend bei Mendelssohn. (Schluß.) Bei Gottlrief Satanof mit leuchtende» Augen «ie haben gesprochen, wie unsere weisesten Gelehrte». Wenn alle so dächten, wie Eie, würde kein Zank und Streit mehr sein in der Welt, Keiner dem Andern vorwerfen, daß er irrt. Niemand mehr verfolgt werden wegen seine» Glauben» und seiner Religion. In seinem Enthusiasmus warder Jude mit echt orientalischer Lebendigkeit aufgesprungen, und hatte die Schachfiguren in einander geworfen, so daß da» Spiel nicht mehr fortgesetzt werden konnte. Auch Lesiing trat jetzt zu den Uebrigen, um an der allgemeinen Unterhaltung Theil zu nehmen. Dieselbe drehte sich um die Ernennung Mendelssohn» zum Mittgliede der Berliner Akademie, welche tndeß von Friedrich dem Großen nicht gut geheißen wurde, indem der sonst so tolerante König mit eigner Hand den Ramrn de» jüdischen Philosophen von der Liste der vorgeschlagenrn Kandidaten gestrichen hattr^ Es war kaum glaublich, bemerkte Professor Eulzer. daß Friedrich der Große, der gekrönte Philosoph, bei seinen bekannten Ansichten über Religion so handeln konnte. Ich habe keinen Grund, entgegnete der milde Mendelssohn, mich über den König zu beklagen. Er hat bereit» mehr für mich gcthan, als ich billiger Weise fordern konnte. Hat er mir nicht voll Gnade das Bürgerrecht und die Erlaubniß, -in Berlin zu wohne», ertheilt, da ich bisher nur als Dienstbot« meine» Brodherrn geduldet wurde, und jeden Augenblick auSgewiefen werden konnte? In der That, rief der Buchhändler Rikolai, unsere Enkel werden es für Verleumdung halten, wenn sie einst hören, daß der weise Mendelssohn nur seiner Eigenschaft al» Eommi» seinen Aufenthalt in Berlin zu danken hatte, daß er erst nach wiederholten Bitten und den dringendsten Empfehlungen eine» Franzosen und persönlichcn Freunde», daS Bürgerrecht, aber nur für seine Person und nicht einmal für seine Kinder, erlangen konnte. Das ist nun die gepriesene Toleranz und Aufklärung in Berlin, fuhr Lesiing auf. Eie beschränkt sich lediglich darauf, von der Religion so viel Schlimme» al» möglich zu sagen und den Glauden zu verspotten. Wenn man Sie so reden hört, entgegnete Rikolai. weiß man wirklich nicht, woran man mit Ihnen ist. Dir Theologen glauben, daß Sir «in Freigeist sind, und die Freigeister, daß Sie rin Throlog geworden.