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Die Gegenwart · 1870-04-08 · 15 (8.4.1870) · p. Seite 146

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
15 (8.4.1870)
Date
1870-04-08
Page
Seite 146 (sequence 4)
Language
German
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146 fcnncrn bf» Judenthume» sich eingeschkichcn, denn die Israeliten suchten die Begriffe ihrer Religion mit diesen haarspal lenden Spitzfindigkeiten in Einklang zu bringen. — die pitagoräische Zahlendrutcrei mit den klaren Worten der Schrift zu paaren, und audieser Mcffaliance ging da- Kind „Kadalla" genannt, hervor. — Was Anfanghiervon nur mündlich gelehrt, — der ausfchlicßlict'e Besitz Au-erwählter war — wurde später da- Eigenthum Bieter; nachdem im 1'». Jahrhundert ein Mann wie Mosede Lion da- Buch So har veröffentlichte, welcheer in einer Sleinhöhle eingeschlosscn gefunden haben will und ceinen der Mischna - Lehrer Rabbi Simon den - Iockai <0011 dem auch schon der Talmud Wunder Wunder erzählt) zuschried. Bald darauf lebte in Eghp- «en und Palästina in jenem Lande der orientalischen Phantasie — Rabbi Isak voric, der aus den Rahmen „zweiicr Baier der Habbaliftil" Anspruch machen kann. — dieser verstand es schon dann der Kaballa den Weg in die Synagogen zu bahnen und manche Gebräuche, Smnbole und Gedeihe hievon mit ihrem Sinnenreiz cinzuführcn. Wofür folgen aber alles Dieseleider gar bald für da- Iudenthum harte, nachdem auch der falsche Messias „Schabthi Zwie" genannt, auflrat. weiß jeder Geschichlskundige und obwohl der letztere bald zum Islam überging, so fand er dennoch viele heimliche Anhänger im Judenthume, welche seine Lehre zu pflegen und zu verbreiten suchten. — Nachdem wir nun die beschichte der KabaUistik in kurzen Worten besprochen, srehcn wir eben jetzt schon beim Beginne de- EhassidismuS, welchen wir unserem eigentlichen Besprechen unterziehen wollen. Rabbi Israel baal Schcm, ein in Polen geborener Jude stellte sich an die Spitze einer Scetc und wußte sich durch angebliche- Wirken von Wundern gar bald viele Anhänger zu verichassen. Vergebens kämpften feine Icilgcnofien insbesondere ^Rabbi Elias Wilna" gegen denselben doch Schüler des Erncren trugen und verbreiteten die Lehren ihre- Meiners ners weiter, indem sie »ich rühmten, mit dessen Lch rcn auch die Wnnderkrasl des heiligen Mannes ererbt zu haben. Rur zu bald überwucherten t>c'c Tchüler Baal Schein mit ihrer Literatur, die vom größten Aberglauben und Absurditäten ''trotzte. ia an l'-^ttesläncrung nreiflc, dagcsamuuc In dentdum und ko entstand der eigentliche Ehassidismus. — Bei ihnen allen ist cs als kein Verdienst zu betrachten. »'ich ausschließlich mir den Talmudstudien zu besauen, sie ziehen rin beschauliches ninß.gcs Leben, einem mit talmud,schcn TlSku'sionen volldrachltn, vor. — riete Menschen sühnen Gebrauche ein, ovn tcucii da? eigentliche Iudcnthum nichts wi.si'le, da dasselbe bis dahin nur den Schulchan AruL als c:n Crafcl betrachtete und denen Vorschriften als eancni'ch und beil.g hielt, ja selbst solchen dem Tchulchan- Aruch ganz zawidktlau'enden Gebräuchen wurden durch die chan'.bischk "ehre Tbur und Thor geöffnet. — T >r pauctcr der besagten Srete aber nicht allein wußten nch 's in den Rui der Heitigkeil zu setzen, mit jedem Lproßlina; con tcm'fU. n erwuchs ein neuer Heiliger ohne Rucknchl au» dn't'en Wi'ken und Kriintniffe mau ui dem nruzeberrnen fttr;- schon rin he.lige? mystisches Wesen, wcl chrS beivahe abgokt >ch verehrt wurde, zu suchen glaubte. T ik'e angeblich heiligen Familien, welche den Nachwuchs Baal Scheme Schüler bildeten, nahm damals hauptsächlich in Ruiland und in einem Theile Polen lnSbesonderc Galiirn ihren Titz ein und e? sind diese Landeilheile, in welchen hrur zu Tage noch dik'eS Unkraut in üppig r Weise sortnrudrtj' E n solcher angeblich Heiliger gilt noch in seinem Bezirk', als tn Höchste. Förmliche Wallsahiten werden zu tzewiilea feilen zu demselben unternommen. Tausende von Prlgrnr sin den sich rin. um mit der bloßen Anschauung eines solche« Heiligen sich zu ergötzen, ihm speisen zuzusrhen etc. und wer io glücklich ist eine Brodsamr von dem ihm vorgelegte» Brvde zu erhaschen schätzt sich überreich! Sein AnSsprnch gilt als Cratcl, feine Ehe, kein wichtiges Geschäft »us dorisrldst heut zu Tage geschloffen, über welchen der heilige Mann nicht befragt wird. Kranke. Kinderlose, aller Art Unglückliche wandern zu demselben, um Hilfe, Rath, Beistand zu erflehen. Der himmlische Mann verschmäht es aber nicht Geld nnd Gold im reichsten Maaße anzunehmen, eS sind deshalb derlei Menschen im Besitze besonderer Reichthümer. haben eigene Häuser, comfortable eingerichtete Wohnungen. Equipagen u. dgl. m. Aus diesem Allem kann man aber doch da- Streben nach Erdcnglück nur erblicken. Um aber in ungeschmälerten Besitz solcher Rechtsamc für sich und Erben zu gelangen, persönlichen materiellen Vortheil zu genießen, greifen dieselben zu einem bekannten Au-kunft-mittel, welcheschlechte Priester aller auf Erde»r bestandenen Religionen stetanwandten. Ihr Mühen nnd Trachten ist daher jede Aufklärung audem ihnen iiahestehcndcu Volke zu bannen, dasselbe in der tiefste» Finstcrniß de- Geistes zu kaffen, weshalb diese Menschen gleich Lerderus die Pforten bewachen, dainil nicht ein Strahl dereinen Lichte-, de- Geisteeindringen könne, weil eben derlei Wesen, welche „mit Mensch eng ei st Handel treiben," im Dunklen am Besten ihr Unwesen vollbringen können. Die freie Religion-.Übung die hente in Dcsterrcich jedermann gestattet wird, legt wohl nicht der Staatsgewalt die Pflicht ans, in religiösen Dingen da- Wort zu reden. Es wäre aber immerhin die Aufgabe de- Ministeriumfür Eultn-^und Uutericht ein besonderes Augenmerk nach den galizischen Landen und einem Theile Unter-Ungarnzu richten, wo die Sccte der Ehaffidim die erschreckliche Anzahl von mehr al- 100.000 gewiß erreichen. Wohl ist die Freiheit de- Glauben-, de- Geiste- und des «Gewissenin unserem Vatcrlande gewährleistet, allein diese Lehren de- Chassidismnö verbannen jede Aufklärung, die Anhänger dc-selben dürfen nicht deutsch schreiben, lesen lernen, jüdische Wissenschaft ist verpöhnt, der Besuch der Schulen, welche Licht und Aufklärung bringen könnten, wird als größte Sünde betrachtet, dem Aberglauben allein ist der Weg gebahnt, der von einzelnen Menschen, welche sich so als Heilige gcriren, genährt und erhalten werden. , Die Hebung der Volksschule ist die erste Aufgabe des Staates, gute Staatsbürger werden nicht geboren, sondern erzogen und die Bildung derselben hat mit der Religion und dem Gewissen Nichtgemein; bildet sich aber eine Secte, welche vorgibt, daß ihre Glauben-begriffe jede geistige, wissenschaftliche Bildung unmöglich mache, dann kann eine solche religiöse Cottcrie nicht als staatlich geduldete Religion»- gct'cllschaft angesehen werden und hier kann und soll die Staatsgewalt durch Errichtung guter Volksschulen insbesondere aber durch die Einführung de- Schulzwanges in eminenter Weise Vorgehen. — Es ist eine unbestreitbare Thatsachc, daß die polnisch israelitischen Jünglinge mit besonderen geistigen Fähigkeiten von Natur au? begabt sind. Wir finden in der polnisch-jüdischen Jugend hervorragende Naturtalente, stannenSwerthe Gcdächtnißstärke und Eapacitäten an GeistcSvcrmögen, welche, wenn dieselbe alle Bande der sic umgebenden Ketten des Geilles gesprengt hatten, schon zu Männern der hervorragendsten Stellung sich rmporgeschwnngcn haben. -- Es kann dien Wahrheit von Niemanden geleugnet werden, wenn man die polnisch jüdische orthodoxe resp. chassidische Bevölkerung kennen gelernt hat, um so mehr aber tritt die Rothwendigkeit heran, eine solche Generation von der sic umgebenden Fiiiüeriiiß zu befreie», damit nicht jene vom Allmächtigen so gnädig geschenkten geistigen Naturgabcn in der Nacht deS Griftes zu Grunde gehen. Wer weiß cs nicht zu welcher Höhe des Geistes sich Salomon Maimon cmporschwang, welcher als Philosoph eine hervorragende Stellung einnimmt, jeder welcher dessen Selbst-Biographie gelesen, wird aber ersehen, daß er c» hier mit einem großen natürlichen Talente zu thun hat, und wäre die Bildung diese» Manne» eine vonl Ursprünge aus pädagogisch richtige gewesen, so wäre diese Eapacität zu den höchsten Höhen der Anerkennung > der Welt gewiß gestiegen. Solche Beispiele von Männern der polnisch-jüdische»

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