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Die Gegenwart · 1870-04-08 · 15 (8.4.1870) · p. Seite 144

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
15 (8.4.1870)
Date
1870-04-08
Page
Seite 144 (sequence 2)
Language
German
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144 Egoi-mu-, nicht die Ehrsucht dürfen zur Herrschaft werttll, wenn die Resultate der Freiheit günstig lauten sollen. So mußte eS geschehen, daß i eine bloße Kamcraderie, «ine Geschlossene, »uS wenigen abtzr immer denselben Mitgliedern bestehende Gesellschaft, die Snffrcmatie sich aneignetcn, die nicht nur die Interessen der Inden geschädigt, sondern auch schließlich der Regierunck leinen Dienst erwiesen haben. Hörte man .vaL^AndrreS, alS der Jude lasse sich in Vereinen zu Werkzeugen gebrauchen, zu denen sich sein nicht jüdischer Gesinnungsgenosse nie hergcgeben hätte, hörte man was Anderes, als daß unerfahrene Jünglinge, die sich glücklich schätzten, ihre FreihcitSthräncn mit dem Schleppe eines Ministerinantelwegzuwischcn und zur Krakehlmacherei geschaffene Männer deutschen Weines und deutscher Farbe sich zu Demonstrationen hinreißen ließen! Wie mußten da dem fried« lidicit Juden die freiheitlichen Errungenschaften erscheinen,'zu welcher jiarrikatur mußten sie dadurch werden, daß Advokaten ohne PräxiS in Vereinen ein demonstratives Unkengcschrci erhoben, um so zu Namen und Praxis zu gclan langen, oder Männer, die durch Politik ihr Dasein fristen und nichts an sich zu verlieren haben, öffentlich skandalisirlen? Und doch waren eS immer dieselben Individuen, die sich den Anschein gaben, als ob sie da- Mandat von den Juden hätten! Die jüdische Elique deS deutschen Casino, auf der der Vorwurf einer ehrsüchtigen Sondcrintercssenpolitik wie ein Alp lastet, und der die Juden in die peinlichste Zwangslage brachte, kann sich wohl mit dem Bewußtsein tragen, der Regierung schlechte Dienste geleistet zu haben, aber auch mit dem, daß sie an dem Zusammensturze de? Ministerium? eine große Schuld hat. Wie gesagt, wir wollen der Dinge harren, die da kommen werden und jene Reserve bewahren, die da nothwcndig wird, wo man mit Spannung einer neuen Ministcrlistc und einer neuen Acra entgegcnsicht. Können wir auch dem auö dem Volke gekommenen Ministerium nicht nachsagen, daß c? seine Aufgabe gelöst hat, Eines können wir demselben nicht vorenthaltcn, daß c? daß erste war, welches einen Anlauf zur Emanzipation der Juden genommen hat. 'Wohl sind wir überzeugt, daß e? sich zu diesem Schritte unverkennbare Gutmüthigkcit vor, die freilich weit entfernt von männlicher Schwäche war. Man sah c? den festen, ausgeprägten Linien deS Gesichtes sogleich an. daß mau eS mit einem rücksichtslosen Forscher zu thun hatte, dem die Wahrheit mehr, als Alles galt. Ungeachtet einer gewissen Bescheidenheit, womit er auftrat, zeigte er ^doch da» Bewußtsein seiner geistigen Ucbcrlegcnhcit, die er zwar nur seinen Gegnern, niemals aber feinen Freunden empfinden ließ. Unwisikürlich wurde man durch feine Erscheinung an die Worte Shakespeares erinnert: „Arhmrt Alles in allem; er war ein Mann." Wtllkommcn, mein lieber Lefsing l rief ihm jetzt Mendelssohn entgegen, indem er ihm die Hand bot. Willkoinmcn, Ramler, Nikolai und Culzer I Linen solchen Besuch Hab' ich für heute noch kaum erwartet. Wir hatten uns fchoi» längst vorgcnoinmcn, cntgegnctc Lessing Sic zn überfallen, da wir wussten. daß Eie am Freitag Abend sicher anzutreffen sind, .'ich hatte wieder einmal Lust, mich mit Jh. neu herninzustreiten und zur Abwechslung auch eine Partie Schach zu ziehen. Das triff» sich prächtig sagte Mendelssohn, nidrm er auf Satanof zeigte. Sic sindcn hier einen Meister, vor dem ich die Segel streichen n»uß. — Erst jetzt bemerkte Lefftng den polnischen Juden, der sich bis dahin verlegen, fast scheu im Hintergründe gehalten hatte. Gut I Ich null mit Ihrem Gast eine Partie spielen, lwährcnd Ei« mit unseren Freunden Philosophie und Aesthcttk treiben. Ich höre doch zu und wenn ihr es mir zu toll macht, so fahr ich nach meiner gewohnten Weise mit dem kritischen Besen in Euere mctaphysischen öpnmwcben Schüchtern folgte Isaak der ehrenvollen Einladung deS berühmten Gelehrten dessen Raine und Schriften ihm nicht unbekannt geblieben waren. Gern hätte er ihm seine Bewunderung zu rrkrnnicht aus überströmender Liebe für die Iudenheit veranlaßt sah, daß es vielmehr die eiserne Nothwendigkcit gezwungen hat, den Unterschied aufzuheben, der sich in einem civilisirten, konstitutionell sich «euneüden Staate, nicht länger behaupten kann. Civiltfirte Ttaaten »der könne» keine Sklaven dulden, welcher Staat ste duldet, besten Regierung schlägt sich die eigenen Arme in Feste! und muß über kurz oder lang zu Grunde gehen. Drei Jahre lang kämpfte die amerikanische Union eineedlen PrinzipeS wegen, eines PrinzipeS, den ungebildeten Bolksstamm der Schwarzen frei zu machen, ihm die Ketten der Sklaverei abzunehmcn, und man wollte die Juden, einen der intelligentesten BolkSstämme, zu Gkla. ve» machen? Das hieße den Begriff der Freiheit sä ad3urckam führen. Aus eben dem Grunde hat der Jude mit dem Sturze dcö DezcmbcrministeriumS die erlangte Freiheit nicht für ein verlorenes Paradies anzuschcn, er möge sich vielmehr der Gewißheit hingeben, daß ohne Freiheit der Juden eine Freiheit im Allgemeinen »licht zu denken ist. Auf da? Eine machen wir jedoch die Juden 'aufmerksam, bevor wir noch die Nachfolger des abgetretenen Ministeriums kennen, daß jene sich niemals von »incr Coterie beirren lassen mögen, die in AnSzeichmrngcn und Ehrcnstellen das ganze Eldorado erblickt. Wohl mag diese bei der Nachricht deS Ministerrücktrittc? ein Firberfrost geschüttelt haben, der sic an die letze Stunde ihres politischen Lebens gemahnt haben dürfte, aber sie mag mit ihrem Gewissen abrechnen, wie sic zum Acrgcr ihrer Glaubensgenossen die Freiheit mißbraucht, wie sie als Wegelagerer da- Einverständnis derselben mit der böhmischen Nation getrübt und sich bemüht hat, den Saamen der Zwietracht zu streuen. Die böhmischen Juden jedoch dürften nach Verlauf zweier Jahre um Eine Erfahrung reicher geworden sein, und sich glücklich preisen, daß ihnen der durch das Blendwerk einer selbstsüchtigen Elique verursachte Staar. nur durch das Ende eines so schlecht gespielten Spiele? einer numerisch schwachen Gesellschaft gestochen wurde. Wahrlich noch ist Zeit, sich von dem Gaukelspiele loszusagen, und der böhmischen Nation die Hand zu reichen, die dem Juden die ihrige entgegen strecken wird, um mit derselben den Juden die Freiheit nicht nur zu schützen. neu gegeben, aber die den bestem Juden fast angebornr Furcht, zudringlich zn erscheinen, schloß ihm den Mund. Das Spiel begann und schon nach einigen Zügen erkannte Lcsting, daß er eS mit ei. nein ausgezeichneten Meister in Schach zn thnn hatte; auch das geistreiche Gesicht Satanof'S stößte ihm Interesse ein. Er strengte sich an. die Partie zu behaupten, aber weil er zugleich anf da» Gespräch der Uebrigen achtete und von Zeit zn Zeit seine scharfen Bemerkungen dazwischen warf, kam es wohl, daß er einige Fehler machte, und Blößen gab. die indeß sein Gegner nicht benutzen wollte. Als sich dieser Umstand indeß mehrere Male wiederholte, wurde auch von Lcsting das nachsichtige Benehmen des Juden bemerkt. Ihr schont mich, guter Freund! sagte Lcsting, Aber ich will nicht geschont werden. Warm» benutzt Ihr Euer» Portheil nicht. Vielleicht entgegnete Satanof, laste ich mir einen kleinen Profit entgehen, um einen weit größeren zu haben. Das läßt sich hören, doch mir spielen nicht um Geld. Ihr könnt mir daher nichtabgewinnen. Muß eS denn immer Geld fein, was man gewinnen will? Ihr seid ein Jude, und verachtet da» Geld? bemerkte Lesfing mit einem freundlichen Lächeln, das seine Worte mildem sollte. DaS nimmt Eie freilich Wunder, aber der Talmud sagt: Wtssen ist mehr als Gold und Silber werth, es kan» Dir nicht gestohlen werden; eS ist wie der Ring de» weisen Salomo, welcher Gewalt gibt über die Geister in der Höhe und Tiefe, der dem Besitzer alle Schätze der Welt verschafft. Ich wollte, daß Ihr die Wahrheit sagtet, scherzte Leffing. Mir hat mein ganzes Dissen noch nicht einmal so viel eingetragen, daß ich ohne Sorge leben kann. Weil Ihr Sinn nicht auf Am irdischen Erwerb gerichtet ist, weil ein höhere» Ziel vor Ihren Augen schwebt. Sie haben gesucht die Wahrheit und gesunden, um derentwillen ich hteher gekommen.

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