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Die Gegenwart · 1870-04-01 · 14 (1.4.1870) · p. Seite 140

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
14 (1.4.1870)
Date
1870-04-01
Page
Seite 140 (sequence 8)
Language
German
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140 » Unerschrockenheit zu bekunde«. Die dramatischen Kleinigiketten, IheilS in deutscher IheilS in stanzvsifcher Sprache -wurden gut durchgeführt. Ihnen folgten Deklamationen in böhmischer Sprache, die Berständniß und gute Accentuirung verriethen. Ohne Frau Sommer Bescheidenheit und gewiffenhaf- 1e» Bestreben im Unterrichte im Geringstenabzusprechen, können wir ihr nur den gut gemeinten Rath ertheilen, theatralische Vorstellungen, die absolut für ein Lehrinstitut nicht passen, zu unterlasscn und ihre Zöglinge nur auf Drklamationen zu beschränken, die drnselbcn Zweck verfolgen, der von ter Institut-Vorsteherin angrstrcbt wird, ohne in den kleinen Dilletantinneu frühzeitig den Komödianten trieb zu wecken. Inland. (Eine-neue Würde für Baron Rothschild.) Der Kaiser hat dem znm italienischen Generalkonsul ernannten Baron Anselm v. Rothschild in Wien das Exeqnatur ertheilt. — (Ueberfahren). Der bekannte Orientalist Dr. LetteriS hatte am 20. Abends das Unglück, in Wien in der EirkuSgasse von einem Fiaker überfahren zu werden. Herr Dr. LetteriS, dem der rechte Fuß verletzt wurde, erlitt außerdem mehrere Wunden und Kontusionen. — (Die Religion in der Armee,) Wie man dem „P. 8.* aus Wien berichtet, hat das KriegSministrrium eine wichtige Weifung an die Truppcnkommandantcn ergehen lassen, nach welcher dieselben verpflichtet sind, dafür zu sorgen, daß die Mannschaft zu keiner gottesdienstlichen Handlung gezwungen werde. Der Zugsführer Jakob Pik, des in Tulln stationirten 32. Infanterie-Regimentes hat sich vor einigen Tagen in ber Kaserne mittelst eines Gewehrschusses entleibt. P. waren früher drei Selbstmordversuche mißglückt, einige Tage vor seinem Tode suchte er sich mit aufgelöstem, von Zündhölzchen abgeschabtem Phosphor zu vergiften, wurde aber noch rechtzeitig gerettet. Darauf nahm er am Freitag Abends, bevor er zu Bette ging, sein Gewehr zu sich und Samstag in der ArÜh legte er znm vierten Male mit tödtlichem Erfolg Hand an sich. In einem Schreiben nahm der Selbstmörder Abschied von seinen Kameraden und Borgesctztcn. Betreffs seiner Beerdigung verfügte er, man möge ihn nicht als Juden, sondern als „Klumpen Erde" in die Grube senken, Bon einem Tullner llhrmacher hatte Pik 'eine goldene Uhr auf's »Abzahlen“ genommen, da er aber nicht die ganze Summe zurückerstattet hatte, vermachte er diesem Gläubiger ein recht langes, glückliches Leben und zwei Uhrschlüssel. Seine übrigen Schulden vermachte er dem „lieben Gott". — Der Leichnam des Selbstmörders wurde, da in Tulln kein israelitischer Friedhof ist, nach Wien gebracht. Die Beerdigung fand am israelitischen Fricdbofc nächst Währing statt. (Ein Akt des liberalen Ministeriums.) Der Direktor der Krakauer jüdischen Volksschule, Herr Winter, ist ein Lehrer vom Schlage der Bach'schen Beamten. Ein sehr gebildeter und intelligenter Mann, liebäugelt er mit der orthodoxen jiidischen Partei in Krakau. Am Wiener Pehrertagc machte sich der Direktor dadurch bemerkbar, daß ><r gegen die Aufhebung des Konkordates sprach. Den Bemühungen de- Krakauer GcmcindcratheS, so wie des galizi- .fchen Landesschnirathcs gelang es, den Mann seines Amtes zu c-nthcben. Die Krakauer orthodoxe jüdische Gemeinde rc- .rurrirtc an das Ministerium, welches zur größten Freude der Finsterlinge den Hrn. Direktor wieder eingesetzt hat. Ausland' Arenlau, 20. Mürz. Wem es bekannt ist, daß hier «och im 8. Drcruoium unseres Jahrhunderts e.v Verein christlicher Kaufleute besteht, der sein GesellschaftSlvkal unb seinen Garten allen Nicht-Christen verschließt — eine Intoleranz, der wir, nebenbei bemerkt, dem Bau der neuen Börse verdanken, da die alte (ehemalige) Börse Eigenthum dieses Vereines war — den interefsirt cS vielleicht zu erfahren, daß am 6. c. ausnahmsweise in dem Saale eben dieser neuen von Juden gegründeten Börse ein confessionSloser Ball der hiesigen Kaufmannschaft stattfand. Derselbe war sehr zahlreich besucht und hat einen Einnahmcüberschuß geliefert, welcher Zwecken der Wohlthätigkeit zu Gute kommen soll. Bon den zur Bcrtheilung gelangenden 400 Thlr. erhielt u. A. auch die israelitische Kranken- BerpflegungS- und Beerdigungs-Gesellschaft 50 Thlr. — Auch in diesem Jahre wieder hat ein Hörer deS jüdisch - theologischen Seminars an der hiesigen Universität einen Preis errungen, indem die Arbeit des Herrn Adolph Schwarz aus Tevel (Ungarn) über „die oppositionelle Stellung Jakobi's zu Kant, Fichte und Schclling" gekrönt wurde. (Ist. Wocheuschr.) Frankfurt. Hr. Jsak Bing hat eine Summe von 1000 FrcS der „Alliauce universelle“ vermacht. Paris. Hr. Michael Alcan wurde zum Mitgliede der technischen UntcrrichtSkommission ernannt. — Hr. Paul Fould wurde Ritter der Ehrenlegion. — Hr. Ullmann wird.auf der nächsten Kunstausstellung, ein Bild „den Tod des Stephan Marcel" vorstcllend, auSstellen. London. Der Prinz und die Prinzessin von Wales hat den Jahrestag ihrer Bcrheirathung mittelst einer glänzenden Soiree gefeiert. Unter den Eingcladenen waren auch die Familien Meyer von Rothschild, Anthony und N. von Rothschild. (4. 6drvnicle.) K u n st, T h e a t e r « n d L i t e r a t u r. — MoscheleS soll eine Selbstbiographie geschrieben haben. Der verewigte Meister hatte die Gewohnheit, em genaues Tagebuch seiner Erlebnisse zu führen, dessen Ausbeute für die Spezialgcschichte der Musik eine sehr reiche und interessante zu werden verspricht. — Der Kvmpositeur JulcS Eohen ist an Stelle von Theodor Lab urre zum Musik-Inspektor der Tuilerien- Kapelle ernannt worden. Seine neue „Dea," Text vonCarre und C orm o n wird am 15. April in der (IpernOomilpue zur Aufführung kommen. — Wenn man von den originellen WuthauSbrüchen eines naiven Publikums auf den Werth eines Künstlers schließen darf, so muß Hr. Ereliuger am Hoftbeater zu Detmold rin vortrefflicher Darsteller intriguirender Böse- - wicktcr sein, denn den Haß der dortigen Galericbesuchcr hat er sich gründlich zugezogrn. Als Beleg wollen wir zwei Aussprüche citircn, die in den letzten Tagen geschahen, Rach dem 4. Akt von Hebbels „9tiOclungcit" wurde Hr. Crelingcr als Hagen Tronje neben der als Ehrimhild gastirenden Frau dt'icmann,Seebach namentlich und stü»misch gerufen. Als Hr. Crelingcr die Künstlerin, bis. an die Lampen vorführte, donnerte ihm eine enteüftete Stimme von der Galerie zu: „Kommt der Lump auch!" — Ein ebenso komisches Intermezzo unterbrach auf einen Moment die feierliche GcrichtSszcnc in Shakespeares „Kaufmann von Beliebig." Eben hat Shylok das Messer gezückt und will sich sein Pfund Mcnschenflcisch .auS dem urmcn Antonio herauSschncideu, da spricht Porzia ihr hemmendes: „Der Schein hier gibt dir nicht ein Tröpfchen Blut.Allein vergießest Du. indem Du's abschneidft, nur einen Tropfen Christenblut, so füllt Dein Hab und Gut, nach dem Gesetze Venedig-, dem Staate Venedig-heim." Der Jude steht vernichtet und eine höhnische Stimme ertönt vom Olymp: „Na Jude, schnied tu!." (schneide zu!) Es war eigentlich eine Anticipation der Worte Fortsetzung in der Beilage.

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