Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 14 (1.4.1870)
- Date
- 1870-04-01
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
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130 .H 4 ein erfreuliches Zeichen von ernstem Streben, daß auch in einer so kleinen Gemeinde der Geist dir Eintracht, da- Streben nach Vereinigung herrscht, daß ein reger Sinn vorhanden ist für die ewig bestehenden geistigen Interessen de- IndeuthumS, denen sic ihre Zeit und Kraft widmen; wenn eS nur so immer bliebe! — In der vorigen Nummer Ihrer geschätzten Wochenschrift laS ich von der öffentlichen Sitzung der Prager isr. CultuS-Gemeinde, an welche die hiesige Gemeinde einen Aufruf erließ zur Betheiligung an der Gründung der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judenthumö. Es war mir dies in doppelter Hinsicht auffallend. Fürs Erste befremdet eS mich, daß die Wiener Gemeinde eS für nöthig erachtet, die an Intelligenz und Theilnahme für echtjüdische Interessen ebenbürtige Prager Gemeinde erst an einer Pflicht zu erinnern, die sie gewiß auch von selbst geübt hätte. AlS Residenzgemeinde kann Wien höchstenmit gutem Beispiele vorangehen. Anderseits begreife ich nicht, warum die hiesige Gemeinde in dieser Beziehung so lax zu Werke geht in ihrem eigenen Hause. AlS die wichtige Frage in öffentlicher Sitzung besprochen wurde, welche österreichische Stadt in CiSleithauien am geeignetsten wäre zur Errichtung eines Rabbiner-Seminar-, da entschied sich die Majorität des Vorstandes für Prag gegen Wien. Ich weiß mir den Grund davon nicht zu erklären. Ohne den Präger Gelehrten nahe treten zu wollen, so kann man doch mit Fug und Recht behaupten, Prag sei nicht mehr das alte Prag mit seinem NiinbuS als jüdische Gemeinde pur excellence, wie eö einst durch seine Ieschiboh und Geonim weltberühmt war, da die meisten Eapacitäten vom Schauplatze abtraten. Es sind daselbst dieselben Rachtheile für eine derartige religiöse Anstalt, wie in jeder Großstadt, vielleicht dort noch mehr, als hier. Dafür aber hat W-.en den Vortheil, daß sich die Studierenden hier leichter forlhelfen und schon einige Stipendien für Rabbinats-Candidaten gestiftet sind. Auch herrscht an der hiesigen Universität nicht so sehr der Nationalilätenhader 'und was die Mittel zur Ausbildung und geistigen Vervollkommnung znm Berufe anbelangt, so hat man hier gewiß genug Gelegenheit, durch reichhaltige Bibliotheken und belehrende Vorträge den Wissensdrang in gehörigem Maaße zu befriedigen, um den Anforderungen zu entsprechen, die die Jetztzeit nach beiden Richtungen von einem gebildeten Rabbiner macht, um so mehr, wenn tüchtige Kräfte am Seminar angestellt wären. Wie gesagt, im Rathe der weisen CultuSväter ist es anders beschlossen worden und ihr Vorgehen bleibt mir ein Rüthsel. Bis nun ist nur die einzige Preßburger Ieschiwoh berechtigt, staatSgiltige RabbinalS-Diplome zu ertheilen, die von der Militärpflicht entheben, und daß diese Anstalt, welche eine einseitige Richtung der pilpuliktischen Behandlung deS Talmud und der Codices, jedes profane Wissen feindselig verfolgt, und alle weltlichen Lehrgegenstände, ja sogar gründliche Bibelkenntniß mit grammatikalischer Exegese wissentlich aus dem Kreise ihrer Studien bannt, nicht den Ansprüchen entspreche, welche die Gemeinden heutzutage an einen Seelsorger stellen, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Warum sollte also nicht in einer so großen Gemeinde, wie Wien, wo ein so reger, wohltätiger Sinn herrscht, ein lebhaftes Interesse sich findet für alles Edle, Große und Erhabene, warum sollten nicht, sage ich, von einigen wohlhabenden Männern nun Capital zu einem solchen Institute zusammengefchossen werden, ohne Rücksicht auf die später zufließenden LandeSmasse-Fonde? Beruht doch darauf die Erhaltung des IudenthumS, der Bestand unserer Religion, die Zukunft Israels. Geffeutüche Sitzung der ist. Cult.-Gem. - Verwaltung abgehalten am 25. Mär, 1870. Aawesend di« Herren: Georg 8«gl, S. JL Frankl, Dr. Gitfchin JUDr. Laich, Ploha, Singer, Zckcfc», Ungar, Dr. Wiener Prof. vr. Wessely, Z-ppert. C* fcarot sonach «bwefend tfc! $mnr Fischt, ». Portheim, vr, Pribram. G. Schiß, I)r Nauduitz, Schwad Nach Verlesung de» Protokoll! vom 13. Feber und I. Mite» und einige» Mittheilungen, die einzelaufene Spenden betreffen, wirdzu« ersten vrrhandlougsgegenstande, dem Berichte der Lomiffton 'in An«, legenheit »er großen Hofsynagoge geschritten. Referent ist Herr De. Wiener: Der Vorstand der großen Hossynagoge beabsichtigt »in Darlehen von 2000 st. bei der böhm. Sparkassa auf di« Hypothek de« Prager Hause» N. 205—5. aufzunehmen. Da» k. k. Lande»gericht hat jedoch diese» Darlehen abgewiesen, weil da» Han« grundbücherlich auf die groß» Hosschulc (aber nicht große Hossnnagog«) eingetragen ist »nd da» verfügung-recht den Schuloerwaltern (nicht Schnlvorstehern) justeht, somit die Identität zwischen Schul« nnd Synagoge, Svnagogenoerwalter und Synagogenvorster nachgewiesen werden mußte. Hieraus hat der Vorstand den lSbl. Magistrat angegangen, ihm in dem Nichwnse der Identität behilflich zu sein, um so da« Han» mit einer Schuld von 2000 fl. belasten zu könne:«. Der Magistrat hat nun da» dirßbezügliche Gutachten der Lultu»repräsenta»z abverlangt. Dieselbe «vurde auch von» Vorstände mündlich ersucht, die Person de» Synagoqenvorstther» und. Synagogrnverwalter» für identisch zu erklären. Herr Wiener ist der Ansicht» daß insolange di.' Sunagoze als integrircnder Bestandtheik der Gemeinde anzusrhen und sie nicht ihr behördlich genehmigte» Statut hat, auf Grund besten dieselbe als juristische Person erklärt werden kan», der Vorstand ohne Einberufung einer statutenmäßigen Gtneralversam«» luug und ohne Hiazuziehung der Repräsentanz »der die Snnagog« »nd deren Staminvermögen nicht verfügen kann. Der Antrag der Eommissio» geht nun dahin: l. Den Vorstand der großen Hofsynaaoge mit den» Gesuch; um Ausfertigung de» daselbst bezeichneten Zengniste» (der Identität) abzuw.'isen 2. Da» Prager k. k. Lande»gericht zu verständigen, daß der Syuagogenvorstand nicht befugt ist, da» Spuagogeuvermögra ohne höhere Genehmigung zu belasten oder zu veräußern. 3. Die baldige Erlassung der bereit« in Aussicht gestellten Instruktion für die Syuagogenvorsteher hinsichtlich der Art und Weise der Gcbahrnnz, Verwendung und Verrechnung mit dem Erträgnisse de» Stammvermägrn» bei der h. k. k. Statthalterei in Antrag zu bringen. 4. Der Prager isr. Cultu». Gem.-Revräsentan; di« (iontrolle über die BermügrnSgedahrnng zu übertragen und den Vorständen der neun Hauptsynagogen ausziitragen ihre JahreZrechnnnaen nnd Präliminarien d-r Repräsentanz vorzulezen. Herr Dr. Lasch erklärt sich den Punkt l. 3. und 4. und plaidirt für die Jndrntificirung de» Snnagozenvenvaltrr» mit dem Sy» nazogenvorstehcr. Der Ansicht de» Redner« nach gehört die Synagoge nicht der Gemeinde, bei der Synagoge ist der Zweck die miralischePerson und dies« ist der Eigenthiimw nicht aber dir Eultnrgem.'inde, welcher bloß die Oberaufsicht zusteht.'Die Synagogenvorsteher sind unmitt löar die Synag..Verwalter und dich läßt sich nicht ander» auffassm. Da» Eigenlhum-recht der Synagoge wird darum nicht beeinträchtige, weit, re der Gemeinde dasselbe abspricht. Dr. Wiener hält die Synagoge für keine juristische Person, welche in Berdindlichkrilen ringehcn nnd dieselben »vieder lösen kann. Er erklärt sie nicht für eine Gesellschaft, nicht für «inen Verein, sonder» nur für eine Anstalt, welche religiöse Tendenzen verfolgt. Daran» glaubt er zu folgern, daß st: al« Anstalt der Gemeinde gechöre. Er ist daher entschieden gegen die Ertheilung de» Zeugniffe». Nach erfolgter Abstimmung werden säinmillche Punkte (wie gewöhnlich) mit Majorität angenommen. Wochenchronik^ *** Stiftung. Wie uns mitgetheilt wird, beabsichtige« die Erben nach dem verstorbenen Banquier Herrn Leopokd Ritter v. Lämel das Hans in der Zeltnergaffe, wo bekanntlich derselbe gewohnt und sein Bureau gehabt hat, in ein Asyl für alte verschämte Arme zu verwandeln, da» de« Namen Leopold Läml'sche Versorgungöanstalt für Arme erhalten soll. *** Ein kaiserliche» Allheit. AuS Wien, 26. März, schreibt man der verfassungstreuen .Grazer Tagespost:" So oft eine Ministerkrisis eintritt, figurirt Ritter o. Winterstein als Handelsminister in 8p«. Sr. Maj. der Kaiser hatte vor einige Monaten Gelegenheit, folgende Aeußerung beinahe wörtlich zu thun: „Ich würde mich faktisch nicht im Mindesten daran stoßen, daß Herr Winterstein Jude ist. Aber man hat mir versichert, daß er für einen Miuisterposten nicht befähigt sei." *** Deklamation» Kränzchen. In dem in pädagogischer als instruktiver Beziehung sich von jeher tüchtig bewährte» Mädcheninstiiute der Frau Pauline Sommer fand Sonntag Abendein Deklamation« Kränzchen statt, bei welchem die Zöglinge de» Institute» Gelegenheit fanden, vor einem Publikum, ihr Verständniß in der Auffassung dramatischer Borträge in Form einer theattalischen Vorstellung, so «le ihre