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Die Gegenwart · 1870-04-01 · 14 (1.4.1870) · p. Seite 136

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
14 (1.4.1870)
Date
1870-04-01
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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I — 136 — in der letzten Nummer diese- Blattezur Erheiterung der geschätzten Vefer wiedergegebcne Fabel von dem jüdischen Wursthändler in Wien, der sonderbarer Weise seine Fleisch. Produkte nur durch Beimengung von Christcnblut schmackhaft zu machen verstanden haben soll, veranlasst unS, zu den hcranrückenden Passahfcsttagen, die mit der so beliebten Blutbcschuldignng gerne in Verbindung gebracht werden, derselben ein Wort zu reden, wiewohl Jeder errathen dürfte, wo diese ncucste Fabel ihren Ursprung haben konnte und welchen Zweck sie erreichen soll. Tie Elerisei, allerdings nur jene gemeint, deren Zweck jedes Mitte! heiligt, liebte und liebt cS in harmonischer Ucbcrrinstinunung und jesuitischer Spekulation die Macht der allein scclig machenden Kirche durch Eisenmenger'sche Tinktnrcn zu stärken und zn vergrößern. Der Protestantismus, ans dem Schooße der katholischen Kirche hervorgegangen, änderte bloß die Formen, ohne die (Grundidee des rein Christlichen auszugeben. Dieser Formenwechsel machte ihn zwar der katholischen Kirche nicht lieb, veranlasste diese je« doch noch nie zu Jncriminationen, die im Pöbel Erbitterung hervorzurufen bestimmt sind. Dagegen wusste und weiß sich die Elerisei dadurch zu entschädigen, daß sie immer und immer nur die Juden zur Zielscheibe ihrer Verfolgungssucht macht; indem sich aber zur Ausführung solcher Hetzen nie der vernünftige, gebildete Mensch hcrgeben wird, weil in diesem doch immer daS Gefühl präponderirt, so muß man die Verdummung zu Hilfe nehmen, um mit der VerdummnngSinethode den Pöbel für sich zu gewinnen, der statistisch erwiesen, ein großes Eontingent auf Erden bildet und psychologisch begründet, für den Aberglauben am empfänglichsten ist. Mit solchem Werkzeuge, der Verdummung nähmlich, da« zwar stumpf aber immerhin gefährlich ist, glaubt die Elerisei am besten, in der unaufgeklärten Menschheit alle Vcrnunftsidecn zu tödtcn und sic zu einer numerisch nicht zu unterschätzenden Anhängerschaft zn machen. Ta aber muß unter allen Fällen der Jude cS sein, der sein Haupt unter dem Beile vernunftSwidrigcr Grundsätze legen muß, weil sein Geist und die Ideen dcS unverwüstlichen JudcuthumS in unwillkührlichster Weise die Pläne römischer Finsterlinge durchkreuzen und sich zu einer Höhe emporschwiugen, auf der die Intelligenz ihren Sitz aufgeschlagen hat. Mit welchem Mittel wussten also die Finsterlinge den Haß des durch mittelalterliche Unduldsamkeit verfinsterten Pöbels gegen die Juden zn schüren? Einst mit Feuer und Schwert! da diese nicht ansreichten, da das Feuer doch einmal erlischt und das Schwert stumpf wird — mit Blut. Tic Inden mussten also als Tiegcr hingcstcllt wer- Il,r sargt, entgcgnctc Isar Satanof im blumigen St»l deS DrienlS nicht nur für den Leib, sondern auch für den Weift; liu* ere Worte sind wie Manna in der Wüste und Euere Lehren wie edler Wein, »ihr seid ein Licht in Israel; in» so weniger begreife ich die Vorsehung, das» sic Euch znm Diener cincS so rohen und nngebildelen ManneS, wie diese- Herrn Bernhard, gemacht hat, der nichtgelernt bat und in jeder Benchung weit unter Euch steht. Man möchte stch fast versucht fühlen, an ihrer Weisheit zu zweifeln. DaS wäre ei» grobe- Unrecht, entgegnete Mendelssohn in mildem!one. Die Porscbung weiß, waste thut, und hat immer Recht; denn wenn ich an der Stelle de»-Bernhard wäre und er an der ineinigcn, so »vnßtc ich ihn nicht zu gebrauchen; ich könnte ihn nicht austellk», »vie er mich, da er leider nichtgelernt hat. Ja, ja! lachte der Gast. Ihr habt diese- Mal^wie immer Reckt. Die Vorsehung mus» für die Dummen sorgen. Dem Einen giebt sie Reicktlmn». den» And cm Wissen und Gelehrsamkeit. Ihr seid eben so gut alS klug, und darum ertragt Ihr die Ungerechtigkeit de» Schicksal» mit derselben Scuiftmnth wie die Schmäh»»»- gen und Berleumdungeit der Menschen. Wo mir die Faust zuckt, habt Ihr höchstenein mitleidige» Lächeln, und wo ich gleich dreinschiagen möchte, da zuckt Ihr nur mit den Achseln. Denkt Ihr, Ich habe nicht beinerkt, wie die eifrigen Finsterlinge Euch verwünschten, alt wir an ihnen vorüb erkamen? den, die sich auf unschukdige Christenkindcr werfen, um deren Blut zu schlürfen, so wusste man edem verwildertem, ungezügelten Pöbel einzuprägcn, daß er die freche Lüge für Wahrheit hielt und sich durch diese Verwechselung oft zu den barbarischsten Akten Hinreißen ließ. Die Zeiten der Kreu^züge, jene Epoche mörderischster Kriege, in der die unbarmherzige Faust da- Recht vertrat, bilden den Anfangspunkt jener gräulichen Berläumdung, welche die Juden Christenblnt verwenden ließ, der so viele Anhänger deS unverfälschten JudenthumS zum Opfer fielen, und diese schmachvolle Beschuldigung, der der Stempel eines furienhaften Zeitalters aufgeprägt war. nahm wohl mit der immer mehr sich verlierenden Verschlage,»heit eines verdummten Volkes ab, bis sie sich nach und nach in dem Strome eines gesitteten Zeitalters verlor. Keineswegs aber ist dieser nichtswürdige Vorwurf gänzlich verklungen, und der alte Wahn vom Blutgebrauche der Israeliten an ihrem Passahfeste hat sich noch biheute sporadisch zu erhalten gewusst, weil er zuweilen von der Kanzel gepredigt wird, die doch der Stifter deS ChristenthnmS, der ihm Liebe zum Mitmenschen geboten, bestimmt hat, daS Volk, die Gläubigen zu bessern und zu belehren. So wie die Sünde nie aus dem Register der Menschheit gestrichen werden kann, weil es der Fluch der bösen That ist. fortwährend Böses zn erzeugen, so werden im logischen Zusammenhänge mit dieser Behauptung auch nie die Sünder aufhören, welche Haß und Grausamkeit aus dem Mittelalter herüberholen, nm sie in die Zeit der Ausklärung zu verpflanzen. Darum ist eS nicht zu verwundern, wenn zuweilen Geistliche, als Verbreiter der Religion, anstatt die Liebe ihres Heilands zu predigen, zu Aposteln werden empörender, der menschlichen Vernunft gerade zuwiderlaufen- ' der Beschuldigungen. ES ist wohl schwer zu ergründen, wer eigentlich den Impuls zu diesen Beschuldigungen gegeben, ob sie ihren Ursprung haben in der Sage über irgend einen Griechen, den der König AntiochuS bei der Eroberung von Jerusalem in einer abgesperrten Zette neben dem Tempel gefunden und» der dem Könige mitgcthcilt haben soll, die Hebräer pflegten ihn aufs Beste, nm ihn endlich als Opfer zu bringen, oder ob sie ihren Ursprung den Heiden zn danken haben, die die Ehristcn beschuldigten, sie gebrauchten Blut zu ihren österlichen Feierlichkeiten, wogegen Tertullian, Justin, Pineda in ihren Werken schrieben, waS deutlich beweist, daß gegen die Ehristcn der Vorwurf existirte, so viel steht fest, daß die Heiden sowohl als die ungebildeten Juden leicht den Gedanken fassen konnten, daß die christlichen Geistlichen zn Das könne»» fic inuncrhin thnn. Meinetwegen sollen sie »mch mich prügeln, iuenn ich nur nicht dabei bin. scherzte der Philosoph in sokratischcr Weise. Wer die Vornrthrilc der Welt bekämpfen »vill, muß vor allen Dingen Geduld haben. Ihr seid noch immer zu aufbrausend, »nein lieber Isaak; Denkt an die Fabel von dem Wanderer mit den» Mantel, den ihm der Sturmwind entreißen »vollte. WaS thc»t er? Er hüüte sich immer fester hinein und gab ihn nicht; als aber die milde Sonne mit iljrclx erwärmcnden Strahlen schien, da legte er ihn von selber ab- Ich an Euerer Stege hätte schon läiigst die unfruchtbare Mühe aufgegeben, da» störrjge Volk zu belehre,». Wa» nütui» alle Euere guten Lehren, Vorschläge und Arbeiten zur Hebung Israel»; hat e» nicht eil» anderer Mose» schon ein hartnäckige» und verstockter Volk genannt? Und doch hat er eS nicht aufgegeben. Wißt Ihr denn nichk. Satanof, daß ein Vater von allen seinen Kindern da» schivächste und ungezogenste am ineisten liebt, da» ihm die »neisten Sorgrir bereitet? Ich »vcrde meine Aufgabe, die mir vorschwebt, nach besten Kräften zu lösen suchen; wenn e» mir gelingen sollte, so liegt die Schuld gewiß an. mir und nicht an meinen Glauben-grnossen» (Fortsetzung folgt.)

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