Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1870-04-01 · 14 (1.4.1870) · p. Seite 135

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
14 (1.4.1870)
Date
1870-04-01
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4890378-5433916-5434022--613-4890927
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

oufgelragrn werde, Ihre IahreSrechnungen und Präliminarien der Rrpräsrrt««f vorzulegei,, rirgrgongcn ist, nachdem der Synagogenverein, wie jeder andere Verein, der Landr-stelle unterliegt. Man sieht deutlich, daß die Repräsentanz gerne „maaßregelt" und ihr die Kathastrvphe in der Mriselsynagoge sehr erwünscht gekommen, an der sie nicht so ganz unschuldig ist, wenn man das Berhältniß kennt zwischen einigen der Herren, die da- Inttiguenspiel ringelritet und einigen Mitgliedern der Repräsentanz, und es ist bis zur Evidenz bewiesen, daß sämmtliche Prager Synagogen in ihrer autonomen Stellung sich erhalten und behauptet haben, insolange die Synagogen und nicht Personen der Zweck gewesen sind. Bei der Meiselsynagoge war der Sitz des Urübels und dessen Umsichgreifen nicht so sehr in den großen Ausgaben als vielmehr in den geringen Einnahmen zu suchen, diese litten durch die eigenthiimliche Geschmacksrichtung des Predigers, welche von der der Synagogenbesuchcr wesentlich abwich. Nicht etwa, daß, um, trotzdem wir dem Radikalismus nicht huldigen und gegen den gelehrten Prediger nicht animirt vielmehr von der Sache durchdrungen sind, ehrlich zu sprechen, an Reform streifende homiletische Excursioncn auf der Kanzel, wie der präg. Correspondent eines ausländ. Blattes meint, die Synagoge an den Verfall gebracht, nein! die Form, der schleppende Vortrag, daö eigenthiimliche nach protestantischer Art gebrauchte Manirrircn mußten dem Zuhörer den Geschmack benehmen, welcher sich mit der Gelehrsamkeit des Predigers allein nicht begnügen wollte. Der Zuhörer fordert vor. Allem Geschmack, Scharfsinn, Rhetorik in der Predigt, die eine eindringliche Belehrung zur Folge hat. Nicht die Neformsprünge allein waren es, die der Prediger dem pragcr Publikum das Entree verbitterten, welches, ohne sich in den Haaren zu liegen, in religiöser Beziehung viel zu indifferent ist, um bei einem eminenten und gehaltvollen Kanzelvortrage flugS ReißanS zu nehmen, und wir sind fest überzeugt, daß der in Frankfurt lebende Dr. Stein, der, was Rcformbestrebung betrifft, nichts zn wünschen übrig läßt, trotz seiner enormen Gehaltsordnung, die er seiner Zeit an den Vorstand der Meiselsynagoge gestellt hat, bei seiner eminenten Red- Ohne weitere Abenteuer gelangten die Beiden in MciidclSsohn'S Wohnung, welche in der Spandaucrstraßc Ar. 68 lag. DaS Zimmer, in welchesie traten, war zu Ehren dcS komniendcn Sabbath festlich geschmückt, der Fußboden mit frischem Sand bestreut, der Tisch mit einem reine», weißen Leincntuch bedeckt, anfwelchem die silberne Lampe mit sieben Annen stand, ein HockizcitSgeschenk deS reichen Seidenfabrikautcn Bernhard, bei dem Moses, trotz seinehohen Rufenoch immer nid Buchhalter in Diensten stand, zufrieden mit seinem bescheidenen Lose. Die übrigen Möbel waren übrige»- einfach, einige Stühle ohne Polster mit hohen Rückenlehnen ein Bücherschrank, der eine Au-wahl der vorzüglichsten deutschen, französischen und englischen Schriftsteller enthielt, dazwischen auch viele seltene hebräische Werke, selbst römische und griechische Klasiikcr, die letzter» in llcberscßung. Line derartige Bibliothek war in dem Hause eine- Juden eine unerhörte Seltenheit in damaliger Zeit, wo cs fast für ein Berbrcchen galt, andere Bücher alü hebräische, zu lesen. Für MoseS knüpften sich an diese Bücher noch die schönsten Eriunernngcn an die Vergangenheit. Diesen zcrlescncn „Cicero" hatte er für die Ersparnlsie gekauft, die er sich an seinem Leibe abgedarbt; er hatte Wochen lang gehungert, um ihn endlich zu erlangen. Heimlich und mit Hilfe eine- Lexikons, worin er jede- Wort einzeln nachschlug, hatte er Latein gelernt, oft beim Schein de- Monde- oder iin Zwielicht der Morgendämincrung, ivcil ihm daS Geld fehlte, um sich daS nöthige Oel für seine Lampe anzuschaffcn. Von heißem WiffcnSdrangc beseelt, war er auS dein kleinen Dessau nach Berlin gekommen wo ein neuer Speist unter den Augen degroßen Friedrich erwacht war, der Geist allgemeiner Bildung und Aufklärung. Von diesen» Geiste deachtzehnten Jahrhundertwurde auch der arme Judenknabe so mächtig ergriffen, daß ihm kein Opfer, keine Anstrengung selbst der Ruin seiner Gesundheit, die er durch übermäßigen FlrtS zerstörte, zu groß oder zu 5 — - vergäbe, bei seinem, fast zu sagen, erschütternden Organe, und dem Gange geistreicher Ideen, die sich wie rin kristallner Bach hinschlängeln, der Meiselsynagoge materiellen Aufschwung verliehen hätte; denn der Frankfurter Stein, da» müssen wir, wiewohl im Eonflikte mit seinen Tendenzen, zugestehen, ist ein Edelsteiu in dem Reiche der üanzelredner. Dirß war der Grund des allmählichen Versinkender Synagoge in dem Strome der Vergessenheit ihrer Besucher, bildet aber noch immer nicht den,Grund von ihr auf den gleichen Stand der anderen Synagogen zu schließen. Die Finanzender Neusynagoge,Klaussynagoge sindtrotzPrediger geordnet, weil ihre Vorstände die Besoldung der Prediger in'» richtige Verhältnis zu den Leistungen derselben zu stellen wußten und ehrlich zu Werke gehen, desgleichen haben sich diel Finanzen in der Pinkassynagoge nur durch den Prediger gehoben, weil er dem Geschmacke und den Anforderungen ihrer Mitglieder entspricht, also, nicht in der Anstellung ei-, nrs Predigerüberhaupt, liegt daS Schwergewicht, sondern' in den Leistungen desselben. Dasselbe gilt vom neuen isr. Tempel, der durch die Anziehungskraft des Predigers und des EantorS sogar eine Vergrößerung der Räumlichkeiten nvthwendig machte. Nur die freie Entwicklung fördert die Zwecke, und dagilt auch bei den Synagogen, trotz der Calamität der Mriselsynagoge, welche bloS eine Lehre liefert von den Folgen egoistischer Principicn, uud Personalintercssen aber glenyzeitig auch für die Zukunft Vorsicht gebietet. MauxlAssc die Synagoge „Verein" sein, in welchem sich der gleiche Sinn, die Gerechtigkeit, daS Wetteifern in Darbringung von Opfern manifestircn und nicht zur bloßen A n ft a l t degradiren als welche man sie gerne oktroyiren möchte, um über dieselbe nach Belieben schalten und walten zu können. Die Slulbrschuldlgung. Die letzthin in einem deutschen ultramontanen Blatte zur Dclektirung deS leichtgläubigen Mob aufgetischte und sck'wer schic». Seinen Körper gab er für Geist hin und fürViffen tauschtc er seine Gesundheit ein. Ein solche- Streben konnte nicht unbemerkt bleiben, er fand Freunde und Gönner, die ihn materiell und geistig untrrstütztrn. Ein junger Arzt gab. ihm unentgeltlich Unterricht in» Lateinischen, ein College deoselben stellte dagegen Mendelssohn seine große auserlesene Bibliothek zur Verfügung, wodurch er mit der neuesten Literatur, besondermit den philosophischen Werken eine- Leibnitz und Wolf bekannt wurde. Mehrere talentvolle Jünglinge luchten den scheuen Moseauf, der i» ihrem Umgänge seine bisherige Einseitigkeit verlor und eine neue weitere Weltanschauung erlangte als der enge, beschränkte Geist seiner talmudischen Studie» gestattete. Er bekam auch später einige Schüler, denen er Unterricht ertheilte, ivodurch er den nothdürstigstcn Lebensunterhalt gewaini, der gerade hinreichte. um ihn vor dem Berlningem w bemal,re». Endlich war cr Hauslehrer in der Familie dereiche» Seidenbändler- Bernhard geworden und gegenwärtig Aufseher und Gefchäktslritcr in dcffcn Fabrik. DaS Alleerzählte nun McndelSsolm feinem Gaste, den er zn Tische geladen batte, während die cmstge HauSkrau ab- und Mgiiig. um noch allerlei Anordnungen ui treffen. Endlich wurde daS Esten von der Köchin aufgetragen und auf den lisch gesetzt. Der HauSbcr erhob sich und sprach den Segen über die gestochtencn und mit Mohn bestreuten Veißbrode. welche am Sabbath in keinem fromme» Judcnbanfc fehle» dürfen; ebenso verfuhr er mit dein Weine, den er in den silbernen Becher goß, wobei er ebrnsalleinen frommen Spruch hersagte. Der Becher wandertr darauf von Mund z» Mund und Jeder trank darau-nur einen Schluck. Da- Mali! war rinfack, und bestand hauptsächlich anS einem Gericht schmackhaft zubeeeiteter Fische, welche am Freitag Abend allen anderen Gerichten vorgezogen wurden. Laßt e< Euch schmecken, sagte Mendelssohn zu seinen» Gaste, ihn zum Zugrrisen einladend. 14»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.