Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 13 (25.3.1870)
- Date
- 1870-03-25
- Page
- Seite 130 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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130 Verdienst Frau VeneviL-Mik, die der Aufgabe der Azukena vollkommen gewachsen war. Auch Herr Soukek als „Mauricv" hat durchgegriffen. Vom Lücherlische. Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben. Herau-gc« geben von Dr. Abraham Geiger, Rabbiner der isr. Gemeinde zu Berlin. Achter Jahrgang. Heft 1. BreSlau 1870 Schlrttcrische Buchhandlung (H. Slutsch.) Mit einer Abhandlung über^ die Versammlung zu Leipzig und die zu Philadelphia wird der 8. Jahrgang der unvorliegenden Zeitschrift eröffnet. Diese nimmt für sich »Wissenschaft in Anspruch, wqwir nicht wegzuleugnen berechtigt find, indem sie eine Sammlung schätzen-wertheS Material enthält, mit dem unbedingt die jüdische Wissenschaft bereichert wird, ob die Zeitschrift jedoch für- „Leben" gehört, dableibt immer ein Zweifel. Zum leben gehört Leben, ein lebendiger Organismus, ein geistige- Triebrad, alledascheint hier nicht vorhanden zu sein, wenn wir die Abhandlungen beider Synoden begreifen — und wir glauben sie begriffen zu haben. Beide Synoden sowohl die in Leipzig alin Philadelphia haben keinen leben-fähigen Charakter, der sich in dem offenen Zugeständnisse de- Verfasserabspiegelt, der doch gewiß im Sinne de- Herrn Geigereineder Schöpfer der Synode geschrieben, und bekennt: „Die Thatsache kann nicht verdunkelt werden, daß die „Leipziger Synode" nicht befriedigt hat. Daallgemeine Urtheil lautet dahin, daß ihr das Gepräge der Schwächlichkeit aufgedrückt gewesen, daß die Philippsohn'sche Erklärung bloß die Tendenz einer Reklame nach Außen verrathen habe und ohne Kraft ein consequentes Verfahren nach Innen hervorzurufen, nicht blowcrthlos gewesen, sondern dem Ganzen von vorn herein einen verschwommenen Charakter gegeben habe, daß die darauf folgenden Besprechungen gottesdienstlicher Fragen fich an Geringfügiges angcklammcrt haben, da ihnen ein jedes tiefere Eingehen auf Grundanschauungen gefehlt habe, daß sie, eben an der Gesinnung gekrankt habe, welche so muthig ist, einige Schritte zurückzuweicheu und so kühn konservativ zu scheinen." Man vernimmt also deutlich, daß unter den Schöpfern keine Harmonie herrschte, daß sie in ihren Ideen sehr weit auscinandergingen und sich ihrer Sache nicht klar waren. Diese Principicnlosigkeit und Divergenz der Schöpfer mußten ein verkrüppelte- und verstümmelte- Geschöpf zur Folge haben, dem alle Lebensfähigkeit fehlt. So war es bei der Synode in Leipzig, so bei der in Philadelphia der Fall. Letztere ging in ihrer Exaltation noch weiter als die erstcrr, was den Verfasser veranlaßt den Bestrebungen der amerikanisch - deutschen Reformer vor denen der Leipziger Synode den Vorzug cinzurämnen. Rach einem gelieferten Expose über die beiden Versammlungen, die hoffentlich in dem großen Ocra», der sic trennte verschwimmen und höchstens nur für momentane Zeit die Wogen der Phantasie in dem einen oder dem andern Kopfe rmporstürmen werden, uni sich nach überzeugter Chimäre wieder zu legen, schreitet der Verfasser znr Beantwortung der Frage, was ist die Aufgabe der Synode? Sie ist, meint der Verfasser, da- Bedürfniß einer Reform d. h. einer Umgestaltung, Reubkledung des Judenthums in Haupt und Gliedern, in seiner innern Auffassung und noch mehr in seinem äußern Zusammenhänge mit dem Leben u. s. w. Wer diese- Bedürfniß nrgirt, bekämpft, der kann nicht Mitglied derselben sein, der bleibt schon von selbst weg. Der Satz, der den Schluß der Abhandlung bildet, „da-Judenthum kann Bersch i e d e n heit der Ansichten ertragen; aufgezwungene Einheit, aufgenöthlgtcn Zwang im Glauben oder im Lebm kann enicht ertragen. Sobald die Synode auch nur einen -eisen Anlauf nimmt, solchen Zwang zu üben, gräbt sie sich ihr Grab," bildet den interessanten Widerspruch zur „Neubelebung" de- Judenthums iu Haupt und Gliedern," die sich die Synode zur Ausgabe macht. (Schluß folgt.) M i S c e l l e n. X ES war ein eigenthümlicheS, tiefergreifendes Fest, welches der Verein der Wiener Taubstummen vorgestern Abends im Saale de- Hotels „Müller" beging. ES galt den Manen des unsterblichen Kaisers Josef II. der zuerst da- LoS dieser unglücklichen Geschöpfe verbesserte, ein Opferfest der Dankbarkeit zu weihen. Der Vorstand deö Wiener Taubstummen-Berein-, Herr S. Löw im Vereine mit dem bekannten Industriellen, Herrn JaqueS Löw, hatten diesewahrhaft rührende, und erhebende Fest veranstaltet und einer großen Anzahl dieser Unglücklichen einen frohbewegten Abend bereitet, der für die Verbesserung deS Losezahlreicher Schicksalsgenossen von entscheidender und erfreulicher Bedeutung werden kann durch die Initiative, welche von einem Ehrengäste, dem anwesenden Grafen Mathias Wickenburg ausging, indem dieser menschenfreundlich gesinnte Mann versprach eine Petition an den ReichSrath zu befürworten, deren Inhalt sich auf die Ausbildung der Taubstummen auf Staatskosten beziehen werde. Diese theilnahmSvolle Zusage rief allgemeinen Jubel hervor, der sich im Verlaufe des charakteristischen Festabends noch steigerte. Rach acht Uhr fanden sich die Festtheilnehmer im Saale ein, der mit dem Bildnisse des Kaiser- Josef II. geschmückt war. Von Ehrengästen waren erschienen: die Herren Graf Wickenburg, Graf Edmund Zichy, Ritter v. Wertheim und die Vertreter fast sämmtlicher Journale. Herr Jaqueö Löw machte in der aufmerksamsten Weise die Honneurs. Rach einem gcmüthlichen Souper wurde beim Champagner der Reigen der Toaste eröffnet, Nachdem der Vorstand, Herr S. Löw, in der Zeichensprache zu den Taubstummen gesprochen hatte und einen Toast auf da- Andenken Kaiser Josefs des Einzigen gebracht hatte, wandte sich Herr Jaque- Löw an seine Schicksalsgenossen und hielt folgende Rede in der Zeichensprache, die dann gedruckt vertheilt wurde. Der Inhalt der schlichten Worte ist ein so bezeichnender für die Schicksale der Taubstummen in Oesterreich, daß wir uns im Jnteresie der Humanität ver« pflichtet fühlen, ihren Inhalt wieder zu geben. Die Ansprache lautet: „Meine Herren! Nicht will ich Jhneu ein Bild der rastlosen Thätigkeit Kaiser Josefs II. vor Augen führen; seine ungeheuren Verdienste speziell um da- Wohl der Taubstummen hat mein geehrter Herr Vorredner bereits gebührend hervorgehoben. Gestatten Sie mir nur hinzuweisen auf ein kleinestatistisches Ergcbniß: In Oesterreich leben circa 7000 bildungsfähige Taubstumme, von denen nur 700 gebildet werdenl! Die übrigen 6300 wachsen au- Mangel an Bildungsstätten ohne Unterricht, ohne Erziehung, gleich dem T hie re, aufN llnd wathut der Staat zur Abhilfe diesehimmelschreienden Zustande-? Nicht-! Gar nichts! In diesem Sinne ein bedeutungsvolle- Hoch dem Andenken Kaiser Josef»! Hoch!" Anknüpfend an diese wahrhaft herzergreifenden Worte versprach Graf Wickenburg die Initiative zu ergreifen, um im Wege der Gesetzgebung eine Verbesserung de- Losedieser Schwergeprüften zu erwirken, und indem er sich der Hoffnung hingab, daß unser hochherziger Monarch auch da» Lo» dieser Menschen zu verbessern suchen werde, benützte er diese Redewendung zu einem Hoch aus den regierenden Kaiser Franz Josef I. welcher Aufforderung die Gäste durch Hände- und Hutschwenstm nachkamen._ Fortse tzung in der Beilage: