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Die Gegenwart · 1870-03-25 · 13 (25.3.1870) · p. Seite 128

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
13 (25.3.1870)
Date
1870-03-25
Page
Seite 128 (sequence 6)
Language
German
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128 < «tn ist |ou8 dem BerwaltungSrathe drr Wiener Handelsbank ausgetreten. ' *»* Nach der neuesten VolKr^ählung weist Horic 5659 Einwohner aus. Bon diesen bekennen sich 5-275 zur katholischen -*i82 zur mosaischen und 2 zur evangelischen Religion. Der älteste Mann ist grade 100 Jahre alt, die älteste Frau 104 Jahre alt. *** Pferdebahn. Um die Koncessionirung zur Errichtung einer Pferdebahn in Prag haben sich beim Stadtrathe die Herren M. H. Weikeröheim und Comp, beworben. Die Bewilligung ist noch nicht entschiede». %* Cr traut nicht. Einer der achtbarsten Gelehrten der hiesigen Judcngcmeindc Herr Peter Spitz heirathete seine Tochter vergangenen Sonntag an», und glaubte seinem geehrten Freunde den» Er-Oberjuriften Herrn Samncl Freund eine Ehrenbezeugung damit zu leisten, daß er demselben die Vollziehung des TrauungSaktcS anboth, während er aus Achtung für seinen Synagogrnprcdigcr, demselben das „Bedecken" osterirte, eine Ehrrnfunktion, die jedenfalls nichts so groß ist, als die der Trauung. In dem von den distinguir- Irsten Gästen angefülltcn Hochzeitslokalc, wurde das übliche Bedecken von Herrn Dr. Hoff vollzogen und man erwartete den Herrn Er« Oberjuriftcn H. Freund. Er kam, erfuhr jedoch, daß ein anderer „bedeckt" hat, schwenkte um. und lehrte, wie die Jungfrau von Orleans, nimmer wieder, trotz allem Zureden und trotz allem Bitten. Ob dieser wilden Flucht entstandenen allgemeinen Bestürzung, wollte Herr Prof. Wessely den Dr. Stein schnell zum Vollstrecker des TrauungSaktcS improvisiren, der aufgeregte Vater der Braut, jedoch fasste sich und replicirte dem Prof. W. in taktvoller Weise: Wenn ich meine Tochter schon von einem andern trauen lasse, so ist cS Herr Dr. Hoff, der mein Synagogenrabbinrr ist und als solcher nicht übergangen werden kann. Her Dr. Hoff war jedoch bescheiden genug, den gerade anwesenden H. Meier Fürth als Mitglied des provisorischen Rabbinatsloltcgiumö in Vorschlag zu bringen, während ein Gcmrindcniitglicd in zudringlichster Weise den Taktfehlcr bekundete, man müsse Herrn Adler holen. Die Ankunft dcSselbr» dauerte jedoch lange und man sah sich veranlasst, Hrrln Dr. H. zu bitten, den Trauungöakt vorzunehme». Gerade bei Beginn desselben erscheint H. Adler, dem Herr Dr. Hofs i» bescheidener Weise den Talar überreichte und die Funktion abtrat, die auch Herr Adler übernommen hat. Eo war die Trauung „mit Hindernissen" vollzogen und vom Herrn Er Obrrjuristrn eine neue Illustration zu KotzrbucS „Die Temperamente" geboten. Inland. lUien. Der Zögling des JoscfinnmS M. Schochct wurde wegen meuchlerische» Raubmordes, begangen an den Privatageiite» Hecht, zu 1* Jahren schweren Kcklcrs, dessen Vater Abraham Schocket wegen Thrilnahme am Raube zu .'{, dessen Mutter Golde zu I Jahr schweren Kerkers vcrurthrilt. Alte drei sind Israeliten ans Vembcrg. — (Zn in Prozeß Schocket» In der llrthcilsbcgründung wurde bc züglich des Hanptangeklagten Morit? Sckochct als erschwerend angenommen. Tic zweifache Oualisitation, dann der Mißbrauch des Vertrauens gegcnubcr Heckt, den sich Schocket als Mensch und als Arzt zu Schulden kommen ließ; als mildernd die Jugend, der thcilwcise Ersatz, die frühere Unbescholtenheit und die moralisch vernachlässigte Erziehung. Bei Abraham Schocket wurde das Verbrechen des Betruges durch Bewerbung um ein falsches Zcugniß durch sein Geständnis: und die Zeugc)ia»ssagen als erwiesen angenommen; hinsichtlich seiner so N'ic keiner Gattin Golde Schochct anerkannte drr Gerichtshof das Verbrechen der Thcilnrhmung am Rand, da beide noch nach der Verhaftung ihres Sohnes sich in den Besitz des noch übrigen Geldes setzten, um cS Jucht hergrbrn zu müssen. Erschwerend war bei Abraham Schochet die Konkurrenz zweier Verbrechen, bei Golde Schachet kein Umstand, als mildernd bei beidcn das unbescholtene Vorleben, der thcilweise Ersatz, bei Golde Schochct auch noch die Aufforderung zur Vetbergung des Geldes durch den Gatten. Alle drei Angeklagten meldeten gegen dieses Erkenntniß die Berufung an. Dr. Mark breiter stellte den Antrag, daß Abraham und Golde Schochct auf freien Fuß gesetzt werden sollen, welchem Anträge der Gerichtshof jedoch nicht stattgab. Gegen diesen Beschluß meldete Dr. Markbreiter sofort die Beschwerde an. — Hier hat cS bisher an einer Erziehungsanstalt für israelitische Blinde gefehlt. Der Gedanke, dieses humane Institut sich nur allmülig entwickeln zu lassen, wurde rasch zur freudigsten Thatsache, indem Herr JonaS Ritter v. Königs Wärter die Zusicherung gab, rin Haus für fünfzig blinde Kinder zu erbauen und einzurichten. Durch diese hochherzige Widmung ist >daS rascheste Zustandekommen eines der leidenden Menschheit gewidmeten Institutes gewährleistet, dem sofort auch andere edle Spender, so Baron Friedrich S ch e y durch Widmung von zehntausend Gulden, bedeutende Beträge zugeführt haben. Der Landtag in Pest beschloß einstimmig, die Regierung aufzufordcrn, das jüdische Eongreßstatut in seiner Ausführung zu sistiren, weil es ein Eingriff in die Gewissensfreiheit ist und die Orthodoxen in ihrer Ucberzeugung kränkt. Aus L)ernowih wird berichtet: Am Samstag 26. v. M. fanden sich mehrere E h a s i d i m in einem Privathause in der Judcngasse ein, um nach der bei ihnen üblichen Weise durch Gesänge dem scheidenden Sabat das Geleit zu geben. Unter dicsen hatte sich aber auch einer aus dem Anhänge eines andern Rabbi wie ein Saul unter die Profeten einge« schlichen, und dieß mußte er schwer büßen, denn kaum wurde er bemerkt, so ergriffen ihn einige, schleiften ihn zur Thür hinaus und warfen ihn unter Schimpf und Fluch die Stiege hinunter. Er kam glücklicher Weise mit dem Leben davon, erhielt aber eine schwere Verletzung am Fuße, in Folge deren, er sich gegenwärtig in ärztlicher Behandlung im hiesigen israelitischen Krankenhause befindet, wohin auch eine strafgerichtlichc Eommission bereits entsendet wurde. (Sind Religion und Rationalität identisch?) Man schreibt aus UlilirM unterm 13. d. M.: Am 8. d. M. starb hier Ignatz Zegota D e m b i n S« l i. der letzte von den zehn v o m 4. R c g i m c n t e, die nach den berühmten Schlachten bei Grochow und Ostrolenka von den „1000", die bei Warschau schwuren nur mit dem Bajonette anzugrcifcn, nach Vollzug dieses Gelübdes, welches sic so treu gehalten, verblieben sind. DembinSki war Kapitän in dickem berühmten, von dem deutschen Dichter in dem Liede: „Bei Warschau schwuren —" besungenen 4ten Rcgimente der polnischen Armee vom Jahre 1831, gcricth in der Schlacht von Grochow in die Gefangenschaft und wurde nach Sibirien deportirt. Später amncstirt, erhielt er im Gnadenwege eine Bcamtenstelle in Wieliczka, wo er seine letzten Tage verlebte. Das Begräbnis; fiel, einige Unzukömmlichkeiten ausgenommen, pompös ans. Auf dem Fried- Hofe hielt ein katholischer Geistlicher eine Rede, welche unter den sehr zahlreich Versammelten eine höchst unangenehme Stimmung hervorrief: es waren die Worte: „Wer nicht Katholikin, kann kein g u t c r Pole und P atriot sein." Wie unangenehm mußten diese fanatischen Worte auf die anwesende Gattin des berühmten Patrioten wirken, da sic selbst eine Protestantin ist und einer alten polnischen adeligen Familie entstammt. Uebrigcns steht dieser Fall nicht vereinzelt da. Fast jeder polnische ultramontane Priester idcntifiürt die polnische Rationalität mit dem KatholicismuS. Die Berechnung der Klerikalen ist eine schlau durchdachte. Sic führen den Beweis, daß die in Polen wohnhaften Juden und Protestanten keine Polen sind und schüren somit gegen die Andersgläubigen den Haß unter dem Deckmantel der Rationalität. Wo das Volk in religiöser Beziehung tolerant genug ist, da werden seine Leidenschaften auf dem nationalen Gebiete gegen Andersgläubige aufgrstachelt

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