Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 13 (25.3.1870)
- Date
- 1870-03-25
- Page
- Seite 127 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4890378-5433916-5434020--604-4890919- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mohel Herr Abraham Weiß — welcher schon bei vielen Proselyten m Gegenwart deS genannten Arztes sich als sehr tüchtig und besonderbefähigt zur Ausübung der Beschneidung bewährte. Herr Slavy fühlte während des Aktenur geringe Schmerzen und ist fast gänzlich geheilt. Es ist eigenthümlich, unter welchen Umständen ^cr zu diesem Entschlüße - gelangte. Seine Eltern starben ihm früh ab, durch seine Berwandten kam er nach Pest, wo er in einem Kloster erzogen wurde. Er blieb daselbst 9 Jahre und erlernte das Gymnasium. Er ist auch Litograf, will aber diese Kunst nicht als Handwerk betreiben und spricht gut böhmisch, ungarisch und serbisch. Er sollte Geistlicher werden und da er sich dagegen weigerte, mußte er das Kloster verlaffen und kam dann zu einem getauften Juden einem gewisien Fischer in Pest inS HauS. Dieser war an den Gliedern gelähmt und längere Zeit ans Bett gefesselt. Von Schmerzen gequält, bereute er, daß er seiner Mutterreltgion untreu wurde und glaubte seinen Fehltritt zu sühnen, indem er auf dem Todtenbette Hrn. Slavy eindringlichst ermahnte, sich dem Judenthume anzuschließen. Herr Slavy lebte seit dieser Zeit meist unter Israeliten, deren Sitten und Bräuche er liebgewann und fest überzeugt, von der Wahrheit und dem hohen Werte ihrer Religion, faßte er den festen Entschluß, Jude zu werden. Doch konnte er früher seinen Plan in Oesterreich und respective in Ungarn nicht ansführen. da das Gesetz es noch nicht gestattete. Dann kam er zum Militär, diente aber nur 2 Jahre, denn er wurde blesiirt und mußte entlassen werden. Nun erst war eS ihm möglich, seinen lange im Innern gehegten Wunsch zur That zu machen — er will nun seine Studien fortsetzen und durch Unterricht sich seine Existenz verschaffen. — Es bildet dieser Fall eine Ausnahme von den gewöhnlichen Uebertritten, denen zumeist die Liebe als Motiv zu Grunde liegt. — %* Se.'Majestät der Kaiser haben mit Allerhöchstem Handschreiben vom 14. März der ersten allg. israel. Taubstummenanstalt in Wien anlässlich der zu ihrem Besten am 14. März im Carltheatcr stattgehabten Darstellung einen Beitrag von 200 fl. aus Allerhöchst Seiner Privat- Kassa huldvollst zu bewillig n und zu Händen des Instituts-Präsidenten Dr. Ignaz v. Hofmannsthal verabfolgen zu lassen geruht. *** Berichtigung. Wir werden ersucht folgende Berichtigung aufzunehmen: Zur Constatiruug der Wah heit. Der während der Periode des Umbaues der Meise l- Synagoge bestandene Vorstand hatte von der Majorität der damaligen Gemeindeinitglieder die Vollmacht zur Ausgabe von Akzien, zum Umbaue der Synagoge; zur Einführung eines geregelten Gottesdienstes mit Choralgcsang und zur Anstellung*) eines Predigers. Dieses Dokument, »so wie die auf die Anstellungsbedingnisse bezüglichen Protokolle befinden sich in meinem Besitze, und gestatte ich Jedem, dem es um die Wahrheit zu thun ist, Einsicht in dieselben. Weiters wird bemerkt, daß die erwähnte Vollmacht s. Z. der verehrt. Repräsentanz der CultuS-Gemeindc Vorgelege» ist, und eine Abschrift derselben wurde Sr. Ehrwürden, dem Herrn Rabbinen Dr. Stein, gleich bei Einleitung der Unterhandlungen eingeschickt. Samuel Bayer. *) Jedoch nur zur provisorischen Anstellung, die wirklich auch unter der Aegide deersten Vorständeerfolgte, während der zweite Vorstand, dessen Vorsitzende Herr Feldmann war. ohne jede, bi-, her ungerechtfertigte. Mitwiffenschast der Synagogengemeinde die provisorische Anstellung in eine definitive verwandelte, ekonnte somit nicht der erste, sondern der zweite Vorstand gemeint sein. (Anm. d. Red.) *** Aflke Iehuda. Einen sehr interessanten Vortrag hielt verflossenen Sonnabend im Vereine „Aflke Iehuda* dessen Vorstandsmitglied Hr. Jur. Dr. Ludwig Bendiener, der „die sshre und deren Schutz nach jüdischem Rechte* zum Gegenstände seiner Behandlung machte, die beinahe eine Stunde in Anspruch nahm. Wie der Redner schon in der Wahl de- Themas einen richtigen Geschmack bekundete, der nicht nur den talmudisch unwissenden Juristen, sondern auch den Laien über das Verhältniß des modernen Rechtes zum jüdischen Rechte aufznklären und sie von 'dem mitunter übereinstimmenden Richtcrvcrfahrcn zu überzeugen wusste, so hat er auch in lcichtfaßlicher, populärer Darstellung unter Zugrundelegung interessanter und anziehender Beispiele die mosaisch talmudischc Jurisdiktion als eine Originalschöpfung hingestellt und ihren Jdceneinklang mit dem modernen Rechte bewiesen, indem er die Analogie deS llrtheils der Jury eines kürzlich in Wien auSgetragcnen Ehrenbelcidigungsprozesse» durch die Presse mit dem der richterlichen Entscheidung Rabbi Akiba'S, als Präsidenten des GerichtShostS bei einem ähnlichen Jnjurienfalle, den Zuhörern klar vor die Augen führte. Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte der Zuhörer die geistreichen Definitionen des Redners, unter diesen namentlich die vom dreißigtägigen Banne, welcher nicht als eine Strafe vielmehr als ein Zwangsmittel »ach Art der in Oesterreich früher existirenden Schuldhaft angesehen werden mußte. Dem in zwei Thcilcn zerfallendem Bortrage wurde eine kleine Einleitung vorangeschickt, iu der der demokratische Charakter der Juden zur Zeit der Römcrhcrrschaft hervorleuchtete. In dem ganzen Essay durchschimmcrtc das mannigfache Wissen des Redners auf talmudischem und juridischen Gebiete, und lieferte derselbe den Beweis, daß der Talmud nicht in's Lächerliche zu verfallen braucht, wenn man ihn geschickt und gerecht mit der modernen Wissenschaft zu vereinigen weiß. Die Sprache war ohne allen stilistischen Parfüm, logisch geordnet, die Diktion eine fließende, wenn auch dasonst angenehme Organ des Redners ein schwaches ist, wofür schließlich der Geist nichts zu verantworten hat. err Dr. Bendiener konnte das Bewusstsein mit sich nach ause nehmen, einen der interessantesten der bisher gehaltenen Borträge geliefert zu haben und gebührt ihm die Ehre nach modernem und jüdischem Rechte. Noch haben wir zu bemerke», daß das Lokal in allen seinen Räumen gefüllt war, und auf die Unschicklichkeit de» ApplaudircnS aufmerksam zu machen, das nichts andere» als das Rachüffen einer aus dem Komödicnhanse hergeholten Sitte — hier Unsitte — ist, die bei Vorträgen rein jüdischen Charakters das Gepräge einer Krähwinkliadc an sich trägt. V lüit man angeschmiert wird. Vorige Woche brachte ein fremder Jude*) eine größere Anzahl Töpfe angeblich mit Gänsefett gefüllt, nach Prag zum Verlaufe, der dem Industriellen bei einer jüdischen Familie auch gelungen ist. Ein Angehöriger, derselben fand die Billigkeit auffallend und trug Bedenken gegen die Aechtheit des Gänsefettes, welches er dadurch zu beheben suchte, daß er das Fett chemisch untersuchen ließ. Es stellte sich nun heraus, daß der größte Theil deS angckauftcn Fettes ein nach den mosaischen Gesetzen streng verbotene?, dem nur ein kleiner Theil Gänsefettes beigemcngt war. Wir fühlen uns veranlasst, diesen BetrugSfall unseren Glaubensgenossen zur Kenntniß zu bringen und sie vor Ankauf jedes vom Lande nach Prag im» portirten Gänsefettes zu warnen. V Aushebung der Lodesflrasr. Der Verein für Abschassung der Todesstrafe hat ferne Thätigkcit begonnen. Bo» ü sterreichischcn Israeliten ist demselben auch Herr Dr. Friedrich Wiener Präsident der Advokatenkammer zu dem Zwecke beigetreten, Mitglieder zu sammeln. V Verwaltungorälh lichr». Herr Lippmann von Lissu»- •) Vir un» mitgetheilt wird, ist drrsrlbe au- «ten geko»- men und nennt sich I. Fried seine- Seichen- Traiteur einer Militär-Kaserne. (Anm. d. Red.) 31022002