Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 13 (25.3.1870)
- Date
- 1870-03-25
- Page
- Seite 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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I 124 terlande-, deschönen Königreiche- Böhmen sind, und auf welche Weise dieß auch immer geschehe, im Guten oder Bösen, unschließlich denn doch vereinigen und vertragen müssen. Nicht wie in frühern finstern Jahrhunderten konnte man den Juden mehr aus einem Lande weisen, an dadie theuersten Bande und mächtigsten Gefühle ihn ketten, mit einem Wortes da - seine Heimath ist! WaS ist also zu thun, um eine befriedigende Lösung der Spannung, eine dauernde Bersöhnung der Gemüther herbeizuführen'? Vor Allem müsste auch die überwiegende Majorität de- Judenthumin Böhmen einmal zu Worte kommen können. ES ist Zeit, daß sie redet, daß man aber auch ihre Stimme im nationalen Lager hört, wenn man edort wirklich redlich mit der Versöhnung meint, wenn man wirklich Werth auf unfern dereinstigen entschiedenen Beitritt zur nationalen Sache legt! Tausende unserer Gesinnungsgenossen, das sind wir überzeugt, werden entschieden hervortretcn, sobald man nnS von nationaler Seite die Garantien aufrichtigen Wohlwollens geliefert, daheißt durch die Haltung sowohl der nationalen Führer, wie der nationalen Journale, den Beweis gegeben hat, daß sie nicht ewig den Auswuchs mit dem Stamme verwechseln wollen, daß sie, auf der Höhe ihrer Mission stehend: den Geist der Geschichte und was natürlicher Entwicklungsgang sei, erfasst haben, demnach nicht die Dinge übers Hitic zu brechen anstreben. Sie mögen vor Allem anerkennen, daß schon Etwas geschehen sei im In« denthnin^ um ihren theuersten Wünschen gerecht zu werden und es wird früher oder später gewiß alles geschehen — weil es geschehen muß, weil die Nationalität in Böhmen nicht bloß eine Gegenwart, sondern eine gesicherte Zukunft hat und weil noch nie, selbst in der trübsten Periode seiner Geschichte nicht der Jude sich einer berechtigten Bewegung hartnäckig verschlossen hat, vielmehr stets derselben mit Enthusiasmus bcisten zu vergüten. Nun beruft dieser Gemcindevorstand einige von den Kandidaten zur Probcprcdigt, wobei er in der Regel diejcnigen, welche am meisten zu Rabbinern berufen sind, nicht beruft, und cS ist als großes ©huf anzurechnen, wenn ein wirklich tüchtiger Prediger zur Probcrcdc auch geladen wird. DaS homilelifche Staple Cheefe beginnt, der erste, der bloß das Schnlpfcrd der Oberflächlichkeit reitet, aber recht tüchtig mit der Peitsche von Phrasen einen Wortschwall herausknallt, gefällt der grau Borstche. rin, weil sie das Mliuf hatte, von ihm TagS zuvor „meine Gnädige" titnlirt worden zu sein, der zweite fügt sich in die Rolle eine» homiletischen Elown, der recht witzig ist, und entspricht einem VvrstandSmitglicdc vollkommen, weil er Tags zuvor an dcffcn Rock einen Fleck entdeckt hatte, dcir er, mit Thränen in den Augen. bemüht war, mit den gracicuS tänzelnden Fingerspitzen wegzuwischen, der dritte würzt seine Schöngeisterei mit Schmeicheleien, die dem Gesammtvorstande. ihrer rege» in so kurzer Zeit ihres Daseins entfalteten Thätigkeit halber gelten, und so geht cö weiter. Unter diesen Weitern findet sich jedoch einer oder der andere, der sich trotz der vielseitigen Bildung, trotz rhetorischer Begabung und faktischer Begeisterung die ©unft eine» oder de» andern Vorstands- Mitgliedes verscherzt hat. weil er tnellcicht diesem einen arroganten Siddurgelehrten eine scharffinnige spitzige Antwort gegeben oder jenem bewiesen hat, daß er vom Zndcnthume noch etwas halte, genug — der eine oder der andere ain meisten für die Kanzel und daS Amt eine» StklsorgerS Befähigte muß znm Opfer fallen jenem, die durch «noderne Künste sich auf der Oberfläche zu erhalten wisir». Wie sollte auch Krähwinkel etwas verstehen, da die Krähwinkler vom Dorfgeher znm Städter avaneirt sind! Sir dürsten nun leicht in Berlegenheit gerathcn, wer von den unwisienden und unbrfähigten Kanzelkandidaten eigentlich derjrnige ist. für den sich dir Majorität de» jüdischen Richter, ich will sagen, Gemeindevorstandes entscheidet. Run darauf muß ich Ihnen antworten. LS sind drei Momente, die bei der Aufnahme in die Daagschaale fallen. Zuerst die Meinungsäußerung der Damen, Lte lediglich ans dle Brurthetiung des Habitus, des Alters, deS schötun Gesichtes und der Frisur und auf das Organ drö Rednerhingetreten ist, sobald er einmal rechte- Vertrauen zu ihr und ihren Führern gefafft hat. An Euch aber, Ihr jüdischen Glaubensgenossen, ergeht die Aufforderung die Versöhnung nicht weiter zu verschieben, jetzt, wo die böhmische Nation in harter Bedrängniß ist, müsst Ihr Euch an dieselbe anschließen, später — wenn sie im Besitze der Macht ist, dürfte sie Euere Bundesgenossenschüft ablehnen, weil Ihr sie in der Zeit der Roth — verlassen habt. Lin Gistmordpro-eß. In den letzten Tagen hat sich vor den Wiener Assisen ein Prozeß abgespielt, der die traurige Consequenz eineschauderhaften Dramas gebildet hat. Auf der Anklagebank saßen Vater, Mutter und deren einziger Sohn, sämmtlich Israeliten, angeklagt des Verbrechens theils des verübten Raub, und Meuchelmordes durch Vergiftung theils des mitverschuldctcn Raub an einem Glaubensgenossen. Jeder dieser drei Verbrecher lieferte ein eigenthümliches psychologisches Bild von Spitzfindigkeit, Raffinement, List und Habgier, die in wechselnden Gestalten ans der großen Weltbühne des Lebenauftraten und mit einem Akte endeten, wie er nur eine gut erdachte Tragödie, in der der Dichter das Prototyp von Schurken zum Ausdrucke bringt, abschlicßt, um den Effekt desto granscnhafter, den Eindruck desto gewaltiger zu machen, der die Aufgabe hat, die Moral zu erzeugen. Wie wirkt ein solches der Phantasie einer Dichterseele entsprungene Drama, durch dessen Zauberkraft die Thränen des Beobachters hervorquellcn, wie wird durch dasselbe da- Gemüth erschüttert! wie muß erst das Auge Thränen weinen, wie der GemüthSaffckt beschaffen sein, wenn das Trauerspiel auSgeht, dann die Tanzkunst desselben d. h. ob er nach dem Takte der Gemeinde tanzt, und schließlich die Person, von der ein warmer Empfehlungsbrief vorausgeschickt wurde, diese drei Momente entschcideil über das zukünftige Geschick dcS sich einbildenden Kanzclmatadorcn. DaS Privilegium für Empfehlungsbriefe scheint in EiSleithanien der Wiener Scitcnstätter Prediger zu besitzen, der. ohne das Wissen eines KanzcljüngerS gründlich zu prüfen, ohne auch nur denselben je predigen gehört zu haben, mit seiner Protektion verschwenderisch ist, sei cS um den armen Plagegeist loS zu werden, oder sich ihm, wegen einer Sr. Ehrwnrdcn auf dem zweiten Blatte einer Erstlingsfurcht hingcschmierten Widmung dankbar zu zeigen, fei cö aus Gründen, die dem Pccdigerlicfcranten, aber nur ihm allein, als hinreichende Gründe erscheinen. Sehen Sie, wie die Welt ist, bei einen» Andern würde inan ein solches Vorgehen mit „Unfug" bezeichnen, bei Sr. Ehrwürden dem gelehrten Seitcnstättcr Domprobst glaubt man daS gerechte Urthcil zu finden, uild Krähwinkel ist blöde genug, den Empfehlungsbrief des Wiener jüdischen Klinkowström, als ein wahre- Kanzelelizir anzusehen. daS bei bornirten Menschen wirken »nuß, wie alle ülizire und kämen sie auch voi» alten Weibern her. Sind nun die vorcrivähnten Moincnte gefunden, vorausgesetzt der Empfehlungsbrief ist der des Wiener homiletischen Zauberer», da ivcrfen fich die Väter großgczogcncr, heiratsfähiger Töchter auf da» SpckulationSgcbict, um den »nittclst Krähwinkler-Dekret angcstclltcn Schöngeist zu kappcrn und so zum Schtvicgcrsohn z>» machen. ES muß sich von selbst verstehen, daß inehrcre Einen Gedanken haben, aber Einer nur den Prediger zum Schlviegersohne bekoinmt. Und so endet daS Lustspiel, daß der jiddische Kaplan die Tochter eine- Krähwinklers heiratet und die anderen Krähwlnkler die Gefoppten sind, denn der Empfehlungsbrief deS ehrwürdigen PaterS lautet nur für die Kanzel, keineswegs für HeirathSprojekte.