Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 11 (11.3.1870)
- Date
- 1870-03-11
- Page
- Seite 110 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Vr Richtjude, der dem hitzigen Gespräche zugehört hat, sprach Lie Herren mit folgenden Worten an: Daß Sie über die Synagogenverhältnisse sprechen, wundert mich nicht, daß Sie aber mit brennenden Cigarren an ihrem Sabbat über eine Synagoge dcbattiren, muß mich. Sie werden schon entschuld Ligen, befremden. Die betreffenden Herren warm natürlich ganz verlegen. Inland. Wien. Nachdem Prediger Dr. M. Güdemann auch das Rabbinat bekleidet, nimmt er energisch die Aussicht über das Koscherflcisch in die Hand. Dir vom Lande hergebrachten Kälber sind nicht als koscher zu betrachten, sogar mit Bestätigung der Provinzrabbiner, deren Aufsicht keine genaue sein kann, und oft schon schlecht geschlachtete Kälber vermengt wurden. — Cbcnso wurde das Fleisch eines hiesigen FleischhauerS verboten, weil er nicht rituell geschlachtetes Bich für koscher vri kauft, aber dieser H. 'Hörn wcckffclte die Geweihe durch eine andere Firma und täuscht so Manche, die bei ihm kaufen. Auch beim Kauf der importirtcn Gänse wird Vorsicht anempfohlen. Das Muzothbackeu geht hier schon in höchstem Schwünge unter Aufsicht des Rabbiner Collegiums im jüdische» Spitalgrbände. (!) Wie cs den Anschein hat, werden auch Heuer von der Provinz beträchtliche Zufuhren die Roth drekcn. — (M a S k e n b a l l am P ur imfc st e.) Dir Elatthalterei hat auf zweimaliges Ansuchen endlich bewilligt, daß am Fasckiingsiagc der Israeliten (Purim), welcher Heuer auf den 1Marz fällt, int SchwcndcrS Kolosseum ein MiaSkcnball stattfindcn dürfe. DaS erste Gesuch dcö BallcomitcS wurde aus dem Grunde abschlägig bcschiedcn. weil in demselben der wohlthätigc Zweck dcS Balles nicht angegeben war. DaS Reiner trägnis desselben ist der im Bau begriffenen israelitisä>cn Synagoge in Fünfhans gcwiemct, und hat Herr Cchwcndrr die Räume des Kolosseums unentgeltlich dem Ballcomitc überlassen. Ausland. Bonn. Einige Reformer dahier mochten gern den Neubau einer Synagoge zur Einführung von Reformen. Sic scheiterten jedoch an dem guten Sinn der Gemeinde, die es vorzieht, Gelder zur Renovirnng der bisherigen Synagoge, in der der alte Ritus beibehaltcn werden soll, flüssig zu machen. Ganz besonders thäiig in dieser Hinsicht, ist dort der spanische Eonsul Caro, der 500 Thlr. zn diesem Bchufe gespendet. Ist. lieber das Lcichrnbegüngniß des Baron Nathaniel von Rothschild in Paris berichtet Petit Journal vom 22. Februar : Gestern um 11 Uhr fand das Lcichenbcgängniß des Baron Naihanirl von Rothschild statt. Man bemerkte vor dem Trauerhause, welches, wie man weiß, in der Strasse des Fanbourg Saint Honore: sich bcsindct, eine ungeheure Polksmenge, welche in tiefem Schweigen den Leichnam bis zu seiner letzten Ruhestätte begleitete. Die Großrabbincr, die Consistorien, die Rabbiner von Paris, das WohlthätigkcitS- Comite mit seinem Präsidenten. Herrn Albert Eohn, waren an der Spitze des Leichenzuges. Die beiden Söhne des Berstorbenk» erschienen in Traucrklcidung. Man bemerkte u. A. die bedeutendsten Eapaziläten der Knnst, Wissenschaft und Finanzen. Der Leichnam wurde auf den Pvie-lmcluuLe gebracht, wo sich die Familiengruft befindet. Ein armer Israelit, welcher Versaille seit 15, Iahreu bewohnte, starb im Hospital. Man brachte den Leichnam zu seiner gleichfalls unbemittelten Schwester, welche die Kosten der Beerdigung nicht bezahlen konnte. Die Administra« tion der Gemeinde, welche au- SparsamkeitSrücksichlen nicht Lev Leicheoivogen hergeben wollte, ließ den Leichnam auf einem Möbelwagen nach dem Friedhof schaffen. Bor diesem Wagen ging der Synagogendiener gravitätisch einher, hinter demselben der Rabbiner, Beide in AmtStracht. Die Einwohner der Stadt machten natürlich über diesen seltsamen Leichenzug spöttische und witzige Bemerkungen. London. Joseph-Mayer Montefiore ist von der Königin zum Ober-Sheriff der Grafschaft Sussex ernannt worden.— K u n st, T h e a t e r n n d Literatur» — Dem bekannten Cellisten Herr David Popper, der demnächst hier ein Concert geben wird, wurde von dem berühmten Rubinstein ein vortheilhaftcr Antrag gemacht. Popper könnte nämlich Professor des Cello am Conscrvatorium in Moskau werden. Ob dieser, gegenwärtig Mitglied des Orchesters im Wiener neuen Opernhause, dem Anerbieten Folge leisten werde, steht sehr im Zweifel. —— Ucber Henrike Hertz, dessen Tod kürzlich erfolgte, schreibt man ans Leipzig: Mit diesem hochbegabten dänischen Dichter, ist wieder ein Stück Romantik im besseren Sinne de« Wortes zu Grabe gegangen. Hertz war am 25. August 1798 zu Kopenhagen von jüdischen Eltern geboren, studirte erst an der dortigen Universität die Rechtswissenschaft, wandte sich aber bald mit Vorliebe literargeschichtlichcn und ästhetischen Studien zu. Seit 1826 versuchte er sich mit vielem Glück im Lustspiele. Einen durchschlagenden Erfolg errang seine polemische Dichtung „Gicngangerbrevene" (1830), in welcher er das Philisterthum, die geist- und geschmacklose Pedanterie, die sich damals in der Literatur und Kritik seines Vaterlandes spreizte, mit einer bis dahin in jenen Kreisen unerhörten, Aufsehen erregenden Kühnheit geißelte. Die Lustspiele, die er hierauf erscheinen ließ, erinnerten in Bezug auf Pla., und Anlage vielfach an Holberg, über den er jedoch hinauSging, indem er zuerst einen gewandten und feinen Dialog in das Lustspiel einführte und so der Schöpfer des dänischen EonvcrsationSstückS wurde. Sein eigentliches Feld schien jedoch daö lyrische Drama pl sein, eine Spielart, die er seit den vierziger Jahren fleißig anbautc. Neben mehreren Schauspielen, zu denen er den Stoff aus der dänischen Volkssage schöpfte, ist hier besonders sein Drama „König Rcnc'S Tochter" (1840) zu nennen. Diese liebliche und von zartem Duft angehauchte Dichtung trug seinen Namen weit über sein Vaterland hinaus. Das Stück machte die Runde über alle bedeutenden Bühnen und ist auch ins Deutsche übersetzt worden. In seinen Novellen legte er seine Lebensanschauungcn in humoristischer Form nieder. Seit 1850 lebte er zurückgezogen in seiner Vaterstadt, im Genüsse eines jährlichen EhrcngchalteS von 1000 Thalern, den ihm der Reichstag aus freien Stücken bewilligt hatte. — Hermann Rosenthals Schauspiel „AdoniS" kommt am 15. d. M. in Magdeburg zur Aufführung. M i s c e l l e n. X Die vstcrcichische Gesandtschaft schickt sich an, daS Hotcl von Baron Salomon von Rothschild, Rue Laffitte 17, zu beziehen. Ein bemerkcnSwcrthcS Ercigniß: Ein Kaiser von Ocstrcich hat zuerst den AdclStitel dieser berühmten jüdischen Familie verliehen; und jetzt gewährt sie dem Souverain desselben Landes eine glänzende Gastfreundschaft. Israel ist nicht undankbar. Der Doppeladler HabSburgS wird bei dem Löwen von Juda wohnen. — Ju demselben Hotel ist der Kaiser Napoleon lll. geboren. Diese fürstliche, jüdische Wohnung hat also schöne und ruhmreiche Geschicke. X Wie die „Augsburger Allg. Ztg." mittheilt, besitzt Fortsetzung in der Beilage.