Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1870-02-25 · 9 (25.2.1870) · p. Seite 89

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
9 (25.2.1870)
Date
1870-02-25
Page
Seite 89 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4890378-5433916-5434013--562-4890881
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

desselben, als eine der Zeit entsprechende, eine glückliche, so war die Ausführung eine noch glücklichere. Der Redner be- , gann unter Vorausschickung einer seine Bescheidenheit besonders kennzeichnende Vorrede, mit einer Einleitung, die die Mission deS JudenthumS betraf und entwickelte in drei Abschnitten die Existenzlosigkeit der Proselytenmacherci bei den Juden, indem er auf den Talmud hinwieS, der eine solche nicht nur nicht gestattet, sondern vielmehr auffordert, den Andersgläubigen von dem Schritte des Uebertrittezum Judenthum abzuhalten, in einer sehr lebendigen Weise. Weiters stellte er den Unterschied zwischen einem Oer redelc (einem wahrhaften Proselyten) und dem Oer 8ellaar (einem Proselyten der Thore_£fj'Q» hospes) dar und suchte den Vorwurf Eisenmengers, als ob die Inden einen Proselyten verachten, zu entkräften, während er die Anforderungen an einen Proselytm als auf den sieben noachidischen Grundsätzen basirend, präcisirte. Das Judenthum, betonte Redner, müsse geistig, nicht nunierisch erstarken und so wieS er auf die englische Missionsgesellschaft hin, die für Heidengeld mühselig eine verschwindend kleine Minorität von Juden abfängt. In dieser interessanten Darstellung, die sich an die Geschichte der Römer und Griechen anlehnte, entfaltete Herr Dr. Hoff eine ungewöhnliche Fertigkeit in der Chronologie, eine Gründlichkeit in der Kenntnis der Geschichte und eine leichtfaßliche Mittheilung, durch die faktisch der Laie viel mit sich nach Hause nehmen konnte. DaS zahlreich versammelte Auditorium, daS unter sich einen evangelischen Missionär hatte, hielt daS Interesse des interessanten Vortrages, den wir nächstens im Auszuge folgen lassen dürften, durch nahe Stunden gefesselt, der sich den frühern Borträgen der betreffenden Herren, die nach dem allgemeinen Urthcile einen sehr befriedigenden Erfolg hatten, würdig anreihte. Bei dieser Gelegenheit sei nicht unerwähnt, daß nicht immer Alles schön zu nennen, was üblich ist und wir verstehen darunter den Applaus, der dem Schlüße des Vortrages folgt. Ist schon an und für sich daS Beifallklatschen wcrthloS, da bei einem minder gelungenen Vortrage sich stets eine dem Redner nachstehende Clique einfinden dürfte, so profanirt es noch überdieß den aller Komödie fern stehenden ernsten Vortrag und thut der Würde eines Rabbiners, den man sich immerhin zur Kanzel gehörig denkt, bedeutenden Eintrag. Non plauditc amici ridicuium enim est. V Der israelitische Lrhrerverein in Böhmen hat seine dritte Currcnde von Stapel gelassen, in welcher daS Resultat der Neuwahl deS Vorstandes bekannt gegeben wird. Es erscheinen als gewählt die Herrn Klein in Pilsen, Frey in Prag, Lederer in Eger, Hahn in Münchcngrätz, Dresdner in Humpoletz, StranSky in Melnik, Kohn in Aurinowes, Popper in Kuttenplan und Wurmfeld in Wottiz.-Zum Obmann wurde Herr Klein in Pilsen, zu deffen Stellvertreter Herr A. L. Hahn in Münchcngrätz. zum Cassier Herr Direktor Frey und zum Schrift- und RcchnungSführcr Herr Ph. Lederer in Eger gewählt, liebst einem Verzeichnisse der aktiven Mitglieder des Vereines und einem Berichte der unterm 22. September 1869 eingcbrachten Petition des isr. LchrervercinS in Böhmen an daS Ministerium für Kultus und Unterricht deren Resultat abgewartet und seiner Zeit den BercinSmitgliedern mitgethcilt wird, erläßt Hcrr A. L. Hahn ein ernstes Wort an seine AmtSgcnosseu, daS hauptsächlich der Apathie der Lehrer gegenüber dem zweiten Thcilc de» BcrcinSzwcckeS, der die pädagogisch-didaktische Fortbildung deS geistigen Wissens betrifft, gesprochen wird. ES wird bedauert, daß von sämmtlichcn Lehrern Böhmens sich bis heute kaum der fünfte Theil thatkräftig an dem Vereine bcthciligt hat und wird das Schwesterland Mähren zum Vorbilde hingestellt, wo der isr. Lehrervcrein bereit« lange vor Eintritt der neuen Aera in Oesterreich in vollster Blüthe stand. Herr Hahn muntert seine College» auf, eine kräftige Phalanx gegen die Ereigniffe und Conscquenzen zu bilden, die das neue Schulgesetz dem ohnehin sehr verkürzten jüdischen Lehrer wohl bringen werde. *% Attentat auf den Laubflummen - Institut» Direktor Deutsch. Gegen den allgemein geachteten Direktor deisra^ elitischen Taubstummen - Institutes in Wien Herrn I. Deutsch, wurde vergangenen Freitag Morgen- 10 Uhr in dessen Wohnung ein mörderisches Attentat verübt. Wir erfahren darüber folgende Details: Der Lehrer Bardach, aus Lemberg gebürtig, am hiesigen israelitischen Taubstummen Institute erst in diesem Schuljahre angestellt, hatte sich schon wiederholt wegen seines rohen Verfahrens gegen die Zöglinge strenge Rügen zugezogen. Donnerstag Nachmittags züchtigte er einen Knaben wegen eines geringfügigen Vergehens mit einem Stocke derart, daß der Stock entzweibrach. Der Direktor Deutsch, der allen Lehrern die schonendste Behandlung der Zöglinge zur Pflicht gemacht hatte, gab dem Bardach seine Entlassung. Nichtsdestoweniger verbrachte Bardach trotz des ausdrücklichen Verbotes die Nacht vom Donnerstag auf Freitag im Institute. Freitag Früh verließ er das Haus, kehrte jedoch gegen 10 Uhr zurück und begab sich sofort in daS Zimmer des Direktors, wo er mit den Worten eintrat: „Reizen Sie mich nicht, sonst- . . . Herr Deutsch verwies ihm sein Benehmen, Bardach überhäufte den Direktor mit Beschimpfungen, worauf dieser ihm die Thüre wies. I» diesem Momente stürzte sich Bardach auf den Direktor und verwundete diesen mit einem großen Taschenmesser, das er bereitfrüher geöffnet haben mußte, in der rechten oberen Brustgcgend. Herr Deutsch stieß den Angreifer zurück, in der Meinung derselbe habe ihm nur einen Schlag versetzt. Aber Bardach wendete sich bei der Thüre nochmals um und führte mit großer Heftigkeit einen zweiten Stich gegen dieselbe Stelle. Bardach, an den Händen und im Gesichte mit Blut beschmutzt, eilte hierauf unter dem Rufe: „Man hat mich blutig geschlagen!- aus dem Hause auf die Gasse, wurde aber von den Hauslcutcn verfolgt, an der Ecke der RndolfSgasse von einem Zivilwachmann ergriffen und dem Kommissariate Landstraße übergeben. Man fand bei Bardach zwei große Taschenmesser, wovon eines blutig war. Von den beiden Wunden des Direktors Deutsch gibt nur die eine, beinahe zwei Zoll tiefe, zu Besorgnissen Anlaß. DaS Leben deS Verwundeten ist außer Gefahr. Der traurige Vorfall erregt allgemeine Thcilnahme, da Herr Direktor Deutsch, der in seinem Berufe seit Zahrzchnten mit dem besten Erfolge wirkte, sich auch in weiteren Kreisen warmer Sympathien erfreut. Wie die Korrespondenz „Wilhelm" mittheilt, verlangte Bardach vor der Verübung des Attentates von dem Direktor einen angeblichen Rückstand seines Monatsgehaltes. Der Aufgcfordcrtc, der durch das unhöfliche, wilde Auftreten Bardach's sich verletzt fühlte, bedeutete ihm, daß er mit ihm Nichts mehr gemein haben wolle, er werde, falls fein Begehren wirklich ein berechtigtes sei den entsprechenden Betrag beim Gerichte dcponircn. Der Zurückgcwiesene gcricth hierüber in fürchterliche Aufregung, schleuderte Herrn Deutsch die gemeinste» Beleidigungen in'S Gesicht, und als der Beschimpfte sich anschickte, «Gebrauch von seinem HauSrechte zn machen, brachte ihm Bardach mit einem „Taschcnscitelvon mehr als gewöhnlicher Grüße einen Stich in die rechte Brustgegcnd bei. Auf der Flucht wurde Bardach von dem Sohne de- Verletzten, der gerade aus der Stadt hcimkchrle und die Worte seines Vaters: „Ach Gott, mir ist was geschehen, ich bin verletzt," hörte, verfolgt und etwa 20—:J<> Schritte von dem Thalorte entfernt eingcholt und einem hcrbeigerusenen ZivilsicherhcitSwachmann übergeben. Viele Umstände sprechen dafür, daß Bardach (ein kaum 23jähriger Mann von cmpfehlcnSwerthem Acußcrn) da- Verbrechen mit Vorsatz auSgeführt haben mußte. Roch im Laufe des Vormittagwar am Thatorte eine polizeiliche Kommission erschienen, welche die nölhigen Erhebungen pflog. Die strafgerichtliche Untersuchung gegen den Thäter ist bereits ,m Zuge.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.