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Die Gegenwart · 1870-02-25 · 9 (25.2.1870) · p. Seite 87

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
9 (25.2.1870)
Date
1870-02-25
Page
Seite 87 (sequence 5)
Language
German
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I I 87 in der sie ihre oratorische Begabung gegenseitig prüften, auS dem Rathhause, wähnend, eine HerculeSarbeit verrichtet zu haben. ES ist wohl einem Steuerzahler erster Elaffe eine recht bescheidene Frage erlaubt, was mit diesen unsinnig hohen Steucrabgaben in Mitte unserer bedauernswürdigen Gemeinde geleistet wird? Wird etwa da« Armenwesen geregelt? unmöglich! Schaarenweise belästigen die mit jedem Tage sich vermehrenden Bettler die Häuser, lungern in allen Straßen, bei jedem Gotteshanse und fallen jeden Menschen an. Welches traurige Bild bietet uns der verlassene Stadttheil — die Juden- oder Joscfstadt dar! Daselbst befinden sich alle Synagogen mit Ausnahme des neuen Tempels. Dieses von Juden und Nichtjuden in allen Beziehungen stiefmütterlich behandelte Stadtviertel ist nur im verwahrlosesten Zustande. Die Andacht in den Gotteshäusern wird durch das Lärmen und Treiben des Prager Pöbels, der hier sein Lager aufgeschlagen zu haben scheint, um Vieles beeinträchtigt, die Gaffen sind stets in dem elendesten Zustande, und selbst die Athmosphäre ist eine pestilenzartige*) zu nennen. In den Häusern, wo einst die berühmtesten Geonim lebten, sind nun die gemeinsten WirthShäuser und Spelunken, die elendesten Schlupfwinkel für Diebe und sonstige Verbrecher;**) und wenn bei unserer Polizei oder den Behörden ein Verbrechen ruchbar wird, so ist sie gewiß, das sie in der ehemaligen Judenstadt ihre Leute findet. Kurz, eS geht in unserer lieben Gemeinde alles drunter und drüber, ohne daß die Herren Repräsentanten eine Ahnung von dem Geringsten haben! Sie besuchen während/ineS Jahres kaum dreimal das GotteShauS! Kann unter solchen Umständen eine Gemeinde gedeihen und Ersprießliches wirken? unmöglich. Geht sie nicht ihrem Verfalle entgegen? Erwache Prag'! wähle Männer, die GcsinnungStüchtigkeit bewiesen, die daS Her; auf dem rechten Flecke haben, die Sinn und Geist für das Judcnthum hegen; laßt Euch nicht durch hohle Phrasen und Floskeln einiger juristischen Schwätzer betäuben! Beweiset, daß Ihr Willenskraft besitzet, Euch von dem Gängclbande der jetzigen „Repräsentanten," die Euch nur dem sicheren Verderben zuführen, lösznreißen, und verhelfet dem glorreichen Prag zu seinem alten Glanze, der durch die gegeirwärtigen „Vertreter" oder besser gesagt Zertretcr verdunkelt wurde, und gänzlich zu erlöschen droht." *) Diese« Capitcl gehört dem jüdischen Stadtrathe Schwab, der trotz Pestilenz, zu wiederholten Malen von den Josesstädter jüdischen Stadtverordneten znm Stadtrath gewählt wurde. Wir sind überzeugl, daß rin christlicher Stadlrath der Josrsstadt jene Aufmerksamkeit schenken würde, die ein jüdischer Sladtralh der ehemaligen Judenstadt schenken sollte. (Anm. d. Red.) **) Dar^n tragen weder die Gemeindevertretung, noch die jüdische Repräsentanz die Schuld, sondern einzig und allein die jüdischen Hausbesitzer, die, um nur ihre Objekte gut zu verlaufen, ans den Käufer keine Rücksicht nehmen oder dieselben an Perjoneu vermieten, bei denen e« ihnen gleichailtig ist ob sie die Lokalitäten profanircn oder nicht. Geld steht im Katechismus jener Hausbesitzer, über Jndenthum und Religion. So geschah es, daß vor einigen Jahre» ein frommer (?) Siis< tungSrabbinec seine in der Nähe einer alten großen Synagoge befindliche Lokalität, an einen Man» verkaufte, der sie heule zu einem Tempel benützt, in dem die Unschuld, nach ganz eigenen Begriffen prakiizirt wird. (Anm. d. Red.) Wien 22. Feber (0.- Iv) Seit dem im verflossenen Jahre erfolgten ollzufrühen Tode dcö auf dem Gebiete der hebräischen Literatur und orientalischen Sprache sehr verdienstvollen Professors Dr. Jacob Goldcnthal,*) (bei dessen Begräbnis sich die hiesige israel. Cultus-Gcineinde unsterblich blamirte, indem sie es nicht in würdiger Weise veranstaltete und sich so zu sagen ein geistiges testHnonium paupertatis ausstellte, da sie einem Beförderer der jüd. Wissenschaft nicht die geziemende Ehre erwies) sind diese vacanten Fächer noch nicht durch entsprechende Lehrkräfte besetzt worden, wie die überhaupt Drkea- - talia an der hiesigen Universität — von Lehrern uud Schülern nur stiefmütterlich behandelt werden, wodurch besonder« jene Hörer der Philosophie im Nachtheile sind, die sich dem Rabbinerstande widmen und in der Kenntnis der rabbinnischcn Sprache und der ihr verwandten semitische Idiome verkürzt werden, dafür aber werden sie beim Rigorosum auS 4 Fächern strenge geprüft. ES wäre wirklich schon sehr an der Zeit, wenn das neue EultuS - Ministerium die an« der Thun'schen Periode stammende veraltete Rigoroscnordnung in ein modernes Gewand bringen möchte, denn wozu fordert man z. B. von einem Rab. Eandidaten das Riga» rosum auS Mathematik und Physik, da er diese Gegenstände in seinem LebenSbcrufe nicht in so ausgedehntem Maße benöthigen wird, als er zu diesem Examen Zeit darauf verwendet, zumal er ja schon bei der Matura gezeigt hat, daß er daS zur allgemeinen umfassenden Bildung Nöthige bereits im Gymnasium erlernte. Oie Rigorosen auS Phisosophie und Geschichte sind noch eher berechtigt, bcibchalten zu werden — da diese Fächer in größerem Maßslabe und mehr wissenschaftlich kritischer Manier ans der Universität gelehrt werden. Doch daS Allerbeste und Einfachste wäre die Einführnng von Fachrigoroscu, wie es in Deutschland schon lange besteht. Die hiesigen Professoren der Philosofie tragen nach dem Herbcrtschcn Systeme vor. Spinoza oder andere philosophische Principe sind bis jetzt nicht vertreten an dieser Facultät. Herr Dr. Barach Rappsport, getaufter Israelit, ist ein tüchtiger Mann, ein großer Denker, konnte raber, obwohl er schon einige Jahre hier doeirt und als Verfasser mehrerer philosophischen Werke sich rühmlich hervorthat, bis jetzt nicht weiter als bis zum Doecnteu bringen, obwohl er auf mchrseiligcu Vorschlag zuin außerordentlichen Professor der Philosophie ernannt werden sollte, wahrscheinlich mangelte cs^ihm an erforderlicher Protection, oder werden seine Ansichten für zu freisinnig gehalten. — Dr. Theodor Gompcrz auS Brünn von reichem Haufe, der sich unlängst mit der Tochter des Ritters v. SichrovSky vermählte, ist seit diesem Jahre anßerordcntl. Professor der griechischen Sprache, auch hält er im Eollegium über Geschichte der gricch. Philosophie, welches sich eines zahlreichen Besuches erfreut. An der mcdieinifcheu Facultät fungiren mehrere Israeliten als Doecntcn und au der Klinik als Affistcnlcii, so als anßerord. Professor für pathalogischc Anatomie Herr Dr. Salomon Stricker, Dr. Max LeidcSdorf Psychiatrie, Herr Dr. Moritz Benedikt, ein sehr tüchtiger Arzt, in weitern Kreisen bclannt durch seine Asfairc mit Dr. Hildesheimer, der seiner Frau nicht alS rechtmäßige Proselytin anerkennen wollte, und als Privatdoecnten Dr. Will). Wiutcrnitz in Hndrotherapic, Dr. Moritz Rosenthal über Pathalogic und Psychiatrie, Dr. Moriz Scligmaun (getauft) über Geschichte der Mediciu, Dr. Adam Pollitzer für Ohrenheilkunde, Dr. Heinrich Anipitz für Hautkrankheiten, die Dr. Emanncl und Moritz Kohu in der syphiliti schcn Abthcilnng, Dr. Sigmund Maier für Rervcnphysiologic, Dr. Joh. Schnitzler über Kchlkopflrankhcitcii, Dr. Moritz Schüller und Dr. Lazar Fürth über Kinderkrankheiten, über Hautkrankheiten Dr. Gustav Werthcim nnd Dr. Isidor Reumann, - wie noch manche andere bewährt« praktische Aerzte abwechselnd Eollcgia geben an der medicin. Faeuliüt. An der jurid. Facultät fungiren als Professoren Dr. llngcr und Dr. Reumann (beide getauft), Dr. Wahlberg trägt über Strafrccbl vor und seil diesem Jahre docirt Dr. Grünhut in Wechselkunde. — Vergleicht man dicß mit andern Nniversitäten Oesterreichs oder Deutschland-, so ist das dadurch erzielte Ergebnis günstig für die Bcurtheilung der hiesigen Toleranz »'"> des liberalen Fortschritte-. Die Wissenschaft ist frei uno . 'l die Lehrfreiheit nicht gebunden sein an dein religiösen Bekrnntnisse. Hoffen wir» daß der Zahn der Zeit diese eingefressenen B?>mrthtile' tilgen wird, wo dann an allen.) weltlichen Facultäten auch Jude» zu ordentlichen ProfcfforSstellen gelangen werden. Es werde» sich dann auch viel mehr Israeliten der Wissenschaft widme»» *) trat im Jahr« 1648 hier sein« Stell« an.

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