Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 9 (25.2.1870)
- Date
- 1870-02-25
- Page
- Seite 86 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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neu erfunden und als Privilegium in Pacht genommen zu haben scheint, zu glorificiren und in den Himmel zu heben strebt, ließe sich dcr-gleichen noch vielleicht Nachsehen oder entschuldigen. aber von einem Vertreter der echten Wissenschaft auf der Lehrkanzel, will man nur reine unverfälschte Wahrheit hären, ein durch und durch gebildeter Mann von so allseitigem Wissen, hat cS durchaus nicht nöthig, nach alten,, abgenutzten Phrasen, die auf eingerichtete Vorurtheile oder intolerante Ansichten beruhen, zu Haschen, um dadurch Effect zu erzielen, ihm stehen viel bessere, reellere und sicherere Belege für seine Sache zu Gebote. Wen nur nicht verdrießt, sich ein wenig Mühe zu nehmen und die heilige Schrift nachzuschlagen, wird wohl nirgends Stellen finden, daß der biblische Gott rachsüchtig sei, aber wohl auf viele Sätze stoßen, die gerade das Gcgentheil enthalten. Die Strafe dient vielmehr als Erziehungsmittel und bezweckt die Besserung des Si:.:scrS; indem Gott das Böse bestraft, hat er einzig und allein das künftige Wohl des Einzelnen oder der Gesammtheit vor Augen und auS Wohlwollen ahndet er die Sünde. Gott will nicht, sagt der Profct, den Tod deö Sünders, sondern daß er sich bekehre und Gutes thuc; von vielen andern Beweisen aus der Bibel will ich bloß aus dem Pentateuch Weniges anführen, wo cS heißt: Gott straft Dich, um Dich zu versuchen, damit cS dir gut gehe in späterer Zeit, ebenso an anderen Drten: Wie ein Mann seinen Sohn züchtigt, so züchtigt dich der Ewige, dein Gott. Daraus erhellt zur Genüge, daß der jüdische Gott nur von Milde und Güte durchdrungen sei, aber durchaus nicht ein grausamer Despot, ein tyrannischer Herrscher, der nur Gefallen findet im Schmerze.der Menschen, denn wie vertrüge sich dieß mit den andern göttlichen Eigenschaften, daß er langmüthig, gnädig sei, die Sünde vergebe und die Tugend belohne, dieß wäre dann doch ein zu starker, 'zu sehr in die Angen springender Widerspruch mit der falschen Vorstellung eines angeblich Rachccrfülltcn Gottes. — Einzelne biblische Stellen, aus denen man vielleicht in frühern finstern Zeiten des blinden Glaubenshasses absichtlich AchnlichcS hcrauslcscn wollte, um den jüdischen Glauben in Mißkredit zu bringen, und cs auf gezwungene Weise hcreindeutetc, der heiligen Schrift ans Bosheit einen unrichtigen Sinn unterschob, um znm Drucke und zur Verfolgung gegen die Bekenner der mosaischen Religion anfzurcizen — sind nicht wörtlich zu nehmen, sondern bildlich aufzufasscn, so z. B. Gott ist eifervoll, ahndet die Sünde der Väter bis ins dritte nnd vierte Geschlecht, bei denen, die mich hassen — das will sagen, daß Gott das Vaster nicht neben sich dulden könne, wenn er auch für den Augenblick nachsichtig ist und dem Sünder wartet, daß er sich bessere, aber ungestraft bleibt daö Böse nie, denn die folgen des VastcrS pflanzen sich fort auf Enkel nnd Urenkel, wenn sic in den schlechten Wegen ihrer Vorältcrn wandeln, und, um mit dem Dichter;n sprechen, ist auch hierin gleichsam der Fluch der bösen Thal, daß sic fortzcngcnd Böses muß gebären. Heißt cS doch im 5. Buche Moses auSdrücklich:Väter sollen nicht getödtct werden wegen ihrer Kinder. und umgekehrt sollen Kinder nicht sterben durch die Schuld der Väter, jeder komme um durch sein eigene s Vergehen. — Ebenso durfte an dem unvorsätzlichen Mörder keine Blutrache geübt werden und er fand Schutz in den Znslnchtsstüdtcn.— Ein sprechender Beweis, daß die Rache als solche nie gestattet war. Ueberdieß muß inan bedenken, daß die Israeliten noch auf eine ziemlich niedrigen Enltnrstufc standen, als sic ein kaum frcigkwordeneS Sllavcnvolk. die Thora am Sinai empfangen, nach ihrer primitiven Denkungsart musste zu ihnen gesprochen werden, um ihnen die Gebote verständlich zu machen. Dadurch erklärt sich, daß in der Bibel vom künftigen si'he» ''-.'ch Unsterblichkeit der Seele keine Erwähnung geschieht, dies, hatte da» Volk sicherlich nicht erfasst, nur durch Verheißung irdischer Belohnung konnten sie zur Frömmigkeit geleitet werden; auch braucht die Bibel nicht im direkten Widerspruche mit der exacten Wisienschaft zu stehen, wenn man erwägt, daß die jüdische Lehre hauptsächlich bezweckte, dem jüd. Volke eine Verfassung zu geben, die auf Recht und Moral basirt ist, im Uebrigen aber muß die Bibel im Geiste und nach den Anschauungen jener Zeit sprechen, von denen manche in wissenschaftlicher Hinsicht jetzt als unrichtig erkannt worden. Doch die Idee von einem rächenden Gotte hat nie und nimmer im Judenthuine Platz gegriffen; nur eine einzige Rache kennen wir Juden und daö ist die edle Rache, die Genugthuung durch Großmuth, was wir schon oft bewährten, indem wir unseren Feinden verziehen, unfern Verfolgern Gutes thaten, wie wir dieß von Gott lernen und nachahmcn können, der den Schlechten oft das Böse mit Gutem vergilt in seiner unendlichen Gnade. Rach dem bisher Angeführten glaube ich vollkommen zu der Behauptung berechtigt zu sein, daß die Redensart ,biblischer Rachegott" ganz ungerechtfertigt und durchaus unbegründet sei. Quod erat demonstrandum. Journalistik. Im „ Israelit" läßt sich eine Prager Stimme über die Zustände der Prager Iudengemeinde in einem längeren Berichte vernehmen, aus dem wir bloß einige Stellen anführcn. Das Meiste dürfte dem geehrten Leser aus unserem Blatte bekannt sein: „Lauteten stets die Berichte über die innern Zustände unserer Gemeinde befriedigend, so basirten sie entweder auf völliger Unkenntniß der Sachlage, oder sie rührten von solchen Personen her, die immer die Fehler und Mängel in unserer Gemeinde so gerne zu beschönigen und zu bemänteln geneigt sind. Ich aber, der die Lage der Dinge genau kenne, muß Ihnen leider das schroffe Gcgentheil berichten. Prag eine der ältesten Gemeinden der Iudenheit, geht ihrem religiösen Verfalle entgegen, und wer mit unbefangenem, unbestochenem Auge den Stand der Dinge überblickt, wird dieses unmöglich bestreiten können. Unwillkürlich taucht bei dieser Behauptung die Frage auf, wer diese innere Zerrüttung veranlaßt, wer den Zerfall der Prager Iudengemeinde herbeiführt? und die Antwort hierauf ist: -die löbliche Repräsentanz!! Ein schönes Wort sprach seiner Zeit der geniale, gefeierte Kan,elrcdner, unser hochverehrter Professor Dr. Saul Isak Kämpf, auf die Kasseler Synode hinweisend, welches auch auf unsere Repräsentanz volle Anwendung findet: „Wer sind sic. die sich anmaßen das Iudenthum zu vertreten? Das Iudcnthuin braucht keine Vertreter, eö wird -von Gott vertreten! Man könnte sagen: sic zertreten daö Iudenthum; doch ist das Iudenthum noch stark genug, um sich nicht von solchen Schwächlingen zertreten zu lassen." Wer sind sie. frage auch ich, die sich erkühnen, unsere Gemeindcjzu rcpäsentiren? Personen die keinen Begriff von Religion haben, die nicht im Iudenthum leben, ja die kein Interesse für dasselbe hegen, die öffentlich den Sabbat auf eine schmähliche Weise verletzen, die alles jüdischen Wissens baar sind, die in ihrem unersättlichen Ehrgeize nach Ehrenämtern jagen, vertreten die allehrwürdige Gemeinde Prag!!! Jeder billigdcnkcnde Mensch wird zugestehen, daß Personen, die die Verhältnisse und Bedürfnisse einer Gemeinde auch nicht im Emferntcsten kennen, dieselbe nicht gewissenhaft vertreten können, anch bei ihrem besten Willen nicht l Richt allein die Kcnntniß der Sachlage geht ihnen gänzlich ab, sie zeigen auch nicht den geringsten Willen, für das Iudenthum etwas leisten zu wollen. Stundenlang debattiren sie über gänzlich gleichgiltig e Gegenstände, bewilligen fast allwöchentlich einlaufende Gesuche de« Gemeinde-Dienstpersonals um Erhöhung der Gehalte, beschließen Erhöhung der CultuSsteuer u. dgl. m., und gehen nach einer solchen zweistündigen Sitzung.