Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 9 (25.2.1870)
- Date
- 1870-02-25
- Page
- Seite 85 (sequence 3)
- Language
- German
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85 — die oit Spaniens Himmel in'strahlender Pracht glänzte, mußte empfängliche Geister einladen, sich in ihren Strahlen zu sonnen, und man darf annehmen, daß auch Jbn Esra sich von ihr erleuchten und erwärmen ließ. Wenn uns auch fast jede Kunde über seine geistige Thätigkcit in t er Heimat fehlt, so wird die Annahme dech nicht unrichtig sein, daß er sich schon stühzeitig mit umfangreichen gelehrten Studien bcfaßte, denn in seinen im rcisrrn Alter verfaßten Schriften tritt uns eine so erstaunliche Belesenheit und Gelehrsamkeit entgegen, wie sie nur durch frühzeitiges eifriges Studium erworben werden kann. Außer Stande sich in seiner durch Kriege verarmten Vaterstadt seinen Lebensunterhalt zu erwerben und unruhigen Geistes, wie er war, griff er im Jahre 1139 (fünfzig Jahre alt) zum Wandcrstabe und besuchte in Begleitung seines damals schon erwachsenen Sohnes Afrika, Palästina, Babylon. 1140 sehen wir ihn in Rom, dann in Mantua, Lucca und im südlichen Frankreich. In seinem 70. Lebensjahre begab er sich nach London, wo er allgemeine Verehrung und die Unterstützung eines reichen Wiacens genoß. Dennoch ließ eS ihn auch hier nicht lange rasten, er reiste nach Frankreich wahrscheinlich, umsichvon hier nach seiner Heimat zurück; ubegcbcn, in Ealahorra erreichte ihn jedoch der Tod in seinem 78. Lebensjahre. So wie Jbn Esra den Wandcrstab ergriffen hatte, nahm er auch die Feder zur Hand und begann fast auf allen damals gepflegten Gebieten der Literatur eine äußerst fruchtbare schriftstellerische Thätigkcit zu entwickeln. Seine wiflenschaftlichcn Leistungen sind jedoch nur zum Thcil von hohem Werthe, so ganz besonders seine kritischen Kommentarien zu den biblischen Schriften, zum Theile jedoch müssen sie für verfehlt gelten und sind mehr sinnverwirrend als sinnerklärend. Am mißlungensten ist der Versuch, seine dem NeuplatoniSmuS entlehnten philosophischen Anschauungen mit der Bibel in Einklang zu bringen. Rach der vonihmadop tirten Philosophie ist Gott ursprünglich nichts anderes als das reine, unsaßtorc Sein, nichts als reine Form. Die reine Form kann jedoch nicht erfaßt werden, noch weniger kann sie zur Welt die ja Materie ist, in Beziehung treten. Dennoch lehrt die Thatsache der Offenbarung, daßdaSersterc geschehen könne, und die Geschichte der Schöpfung, daß das Letztere geschehen ist. Wie ist dicß möglich,? auf folgende Weise! Gott bringt auS sich zunächst eine zehn Sphären umfassende Geisterwelt hervor, in der sich nun das ganze Wesen Gottes erschöpft. Diese Gcistrrwclt mit alledem, was sie ihrerseits aus sich hcrvorbringt, bildet eine Summe, das All genannt, welche im Grunde genommen nichts anderes, als das Eine, als Gott ist, und so ist Gott das All- Eine geworden. Schon diese Hypothese widerstrebt der Lehre des JudenthumS, nach welcher Gott ein einig einziges, persönlilicheS und freies Wesen und nimmermehr eine Summe von allen Geistern sein kann. Aber auch das, was diese Hypothese erklären soll, nämlich die Dcnlbgrkcit der Offenbarung und Weltcntstehung, ist in der Weise, wie cS Jbn Esra thnt, mit dem Judcnthume nicht zu vereinigen. Jbn Esra sagt nämlich, nicht der ursprünglich Einige Gott, der mit dem vierbuchstabigtn GottcSnamcn bezeichnet wird, hat die Welt hervorgcbracht, nicht er war es, der sich den Israeliten offenbarte, es war vielmehr der in der Geisterwclt sich manifestirrndc Gott, der zu Israel, zum Menschen, zur Welt in Beziehung trat. Damit ist allerdings die Thatsache der Offenbarung und Wcltschöpsung erklärt, aber auch eine Ansicht ausgesprochen, die in ihren Eonsegucnzcn für daS Judenthum sehr gefährlich ist, weil sie die ewige Gültigkeit drS mosaischen Gesetzes erschüttert. Denn wenn cS nur die Geister waren, die das Gesetz gaben und nicht Gott selber, wer bürgt uns dafür, daß jene nicht eine andere die sinaitische Ocffenbarung aushcbende Lehre kundgrben werden? Von diesem Augenblicke an, wo Jbn Esra diesen kühnen Gedanken aussprach, mußte die h. S. unserer Ansicht nach, einen Theil ihrer Autorität für ihn einbüßen und jetzt konnte er das Messer der Kritik an sie setzen. Dieses hatte allerdings eine gute Seite, nämlich die, daß er dieBibrlrxrgese zur kritischen Wiffrnschaft erhob, anderseits hatte es den Nachtheil zur Folge, daß er oft da ungläubig da» Haupt schüttelt, w» .der Unglaube gar nicht am Platze war. Er hat ferner in die Bibel einen ihr vom Hause auS freinden, ja ihr entgegengesetzten Sinn hineinzulegcn gesucht, denn er will die oben angeführten philosophischen Anschauungen durch Bibelstellen bekräftigen. Dabei gerathen freilich der Glaube mit seinem Wissen in eine unentwirrbare Verwickelung, der er nicht Herr werden kann. So grräth er in Zwiespalt mit sich selbst und ist demgemäß bald streng frommer Gläubiger und bald rücksichtsloser Kritiker, so verwickelt er sich in einen Kampf, der bis an sein Lebensende unentschieden bleibt. Eist daher kein Wunder, daß ihn einige feiner Beurtheiler für fromm, andere für ungläubig halten, daß Jsak Israeli und Samuel Earca diejenigen für Vcrläumder und Ketzer erklälen, die an Jbn Esra'S Rechtgläubigkeit Zweifel hegen, während anderseits Spinoza, der mit jeder positiven Religion gebrochen, Jbn Esra als Gewährsmann für seine Ansichten anführt. Wenn I. S. den Kampf zwischen Glauben und Wissen zu keinem gedeihlichen Resultate dringen konnte, sö ist die Schuld hievon, wir widcrholen dieß zum Schlüße noch einmal, nicht dem Judenthum, sondern seiner auf unsicher» Hypothesen gegründeten Philosophie bcizumrssen. Mit einer solchen läßt sich das Judenthum nicht in Einklang bringen, wohl aber mit der nnumstößlichezi Wahrheit und Gewißheit einer gesunden Wissenschaft. Durch eine solche erleuchtet, kann das Judenthum nur gewinnen I — Darum eilten auf die Kunde von der Eröffnung dieser Anstalt, die der Vereinigung von Glauben und Wissenschaft geweiht ist, aus allen Ländern die Söhne Israels hierher, vertrauend dem Meister, der an ihrer Spitze steht, vertrauend dem Mann, der an sich selber die Verschmelzung des Glaubens und Forschen bewährt. Diesem hochverehrten Meister in Israel im Verein mit Männern gleichen Streben-, die uns eingrflößt die Achtung vor Gottes Lehre und des Menschcngeistrs freier Forschung, die die göttliche Lehre uns erschlossen in ihrer Entwickelung und in ihrem siegreichen Bestände im Wechsel der Zeiten, sage ich in meiner Eollegen und im eigenen Ramen den tiefgefühlten Dank, wohl wiffeud, daß dessen beste Form daS Wirken in ihrem Geiste ist. Von den Studienfreunden, die wir verlassen, scheiden wir in der Hoffnung, daß wo und wie auch immer auf unserni fernem Leben-gang wir uns begegnen, wir uns beweisen als Svhne dieses Einen Hauses, auf daß zum Heil dieser Anstalt und zum Heil unseres Volkes im Sinne unserer Weisen daü Psalmwort sich bewähre: Gott gibt die Lehre seinem Volke, daß eü genieße den Segen allseitigen Friedens. Ist -rr atttestailieritarische Gott rin Nachegott? Ein wegen seiner liberalen Denkweise besonderbeliebter Professor an der wiener llniversität, der durch sein Allegkwinneudc und ihnen zur zweiten Natur gewordene, leutseliges Wesen die allgemeine Achtung und Verehrung mit vollem Rechte genießt, behandelte letzthin in einem seiner stets nach Inhalt und Form glänzenden Vorträge die Idee der Vergeltung und 'citirte zur Erörterung als Beispiel den alttestamcntarischrn Gott, den er als Rachegotl darstellt, der Freude hat am Wrhrthun, daS er mit Wiffen und Willen absichtlich zufügt. Ich muß aufrichtig gestehen, daß dieser PassuS auf mich eine., sthr deprimirenden Eindruck machte, vielleicht auf andere nicht minou, lin‘> unch nach meiner innersten Urberzeugnng verpflichtet, gegen diele? unberechtigten Ausdruck zu protrstiren. Einem fanatischen - Geistlichen, der auf Kesten einer andern Religion-genoffenschüft, deren Gott rr möglichst verdunkeln will, seinem eigenen Gott der Liebe, der die Barmherzigkeit und Milde 9*