Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 8 (18.2.1870)
- Date
- 1870-02-18
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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77 auf circa 2183 fl., auch besitzt der Verein eine Thorarolle im Werte von 250 fl. Durch zahlreich.'» Anschluß hochherziger Männer dürfte auch bald die Zunahme der Hilfsmittel reichlicher sich entwickeln und somit auch das Gebiet der V.reiuSthätigkeit erweitert sein. Eigenthümlich ist, daß an der Spitze dieses schönen Vereines auch ein menschenfreundlicher Katholik steht, es ist dies Herr Johann Kropf, Hausbesitzer in der Judengasse, der in seiner edlen, humanen Denkweise sich über Vorurtheile hinwegsetzend, dem Menschen als solchen ohne Rücksicht auf dessen Glaubenöbekenntniß seine Theilnahme schenkt und Wohlthätigkcil übt, ohne erst nach der Eonfession des Bedürftigen zu fragen. Ein solcher Ehrenmann verdient mit vollem Rechte öffentliche- Lob und Anerkennung, um gewissermaßen dadurch zu bekunden, daß die Juden dankbar und erkenntlich sind gegen jeden ohne Unterschied der Religion, — der ermähnte Verein veranstaltet gewöhnlich an den hohen Festigen einen besondern Gottesdienst und H. Kropf trägt stets sein Schärflein bei zur Miethe eines entsprechenden Locals und betheiligt sich auch an andere Wohl- IhätigkeitS-Sammlungen zu jüdischen Zwecken mit beträchtlichen Summen; nimmt dergleichen oft selbst in die Hand einen Theil seiner Zeit dazu widmend und eröffnet die Liste der Spender mit einem hübschen Betrage, wodurch natürlich die GlaubenSgenoffen um so mehr angespornt werden, ihm nicht nachzustehen. „Wird zur Nachahmung empfohlen." In der nahen Vorstadt Margarethen wurde ein Verein gegründet zur Förderung und Belebung der religiös-wissenschaftlichen Interessen unter dem Namen „Machsike Thora." Der Verein will Folgendes erzielen: 1. bestrebt er sich, das Studium und Berständniß der heiligen Gotteslehre in wahrhaft religiösem Sinne zu befördern, auf das moralische und humanitäre Gefühl der Mitglieder in dieser Richtung einzuwirken. 2. Jenen Mitgliedern, die durch ihren Beruf gehindert sind, der wichtigen Pflicht des Thorastudiums mit Muße zu obliegen, Gelegenheit zu geben, daß sie wenigstens Morgens und Abends unmittelbar nach dem Gebete einen anregenden Vortrag in der Erklärung der heiligen Schrift hören und so theilweise ihrem frommen Wunsche genügen könnten. 3. Talmudgelehrte, die in Wien ansäßig und von Nahrungssorgen gequält sind, mit materiellen Mitteln in ihrem löbl. Streben zu unterstützen. 4. Geld an wahrhaft Arme ohne Zinsen zu leihen. Diese vier wichtigen Punkte verfolgt dieser Verein, möge es ihm auch gelingen, sie in großem Maßstabe auszuführen. — Als Lector wurde Herr Müller angestellt, der zweimal des TageS Thalmud vorträgt und am Sabbat den laufenden Wocheuabschnitt erklärt, wie auch Kadisch nnd Gebete verrichtet für die verstorbenen Mitglieder, deren der Verein bis jetzt fünfzig zählt; doch ist man berechtigt zur Annahme, daß die Zahl der Theilnehmer sich mehren werde, was wir vom Herzen wünschen. Unstreitig verdient die Wiener Gemeinde den Ruf der Wohlthätigkeit, den sie mit Recht genießt, und sich durch mannigfache humanitäre Institute begründete. Unter diesen ist die Speiseanstalt besonders erwähnenswerth, und auf sie will ich jetzt zunächst mein Augenmerk richten, da sie manche Anhaltspunkte zur Rüge bietet, die zum Zwecke hat, zur Beseitigung der erwähnten Uebelstände beizutragen. Die Anstalt wurde gegründet durch den fei. Prediger H. Mannheimer, durch H. v. Todesco und H. Ed. Pollak, welche letztere verdienstvolle Herren ihr noch jetzt ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Besonders Letzterer scheut keine Mühe, selbe zu heben, indem er sie öfters iuspicirt. Außerdem widmen die Vorsteher H. Mannheimer, Schlesinger, Bobello, Dr. v. HofmannSthal dieser Angelegenheit jeden Montag einige Stunden des Abends. Secretär und Beamter dieses Vereines ist H. Ez. Pollak, der täglich darauf zu sehen hat, daß Alles in bester Ordnung vor sich gehe. Es werden daselbst täglich gegen 100 Theilnehmer, meistens Studenten der untern Klaffen, von denen die kleinern nur halbe Portionen erhalten. Manche, die sich schon durch Unterrichten etwaverdienen können, haben nur 4 MittagStische. Ausnahmsweise erhalten auch solche die Freitische, die sich einem Handwerke oder Geschäfte widmen, oder ältere würdige Minner auf bestimmte Zelt. Schülern, die keine» guten Fortgang ausweisen können, wird die Kost entzogen. A« Geburtstage des sel. H. Mrnnheimer erhalten alle Theilnehmer die Kost, — Rabbinatskandidaten werden für Sukoth bezahlt und sie können anderswo sich verköstigen lasten, wo eine Laubhütte ist. In Übrigen erlangen Facultätenbesncher nicht so leicht die ganze Kost, auch wenn sie sehr gute Zeugnisse besitzen, außer wenn sie durch einflußreiche Persönlichkeiten oder Bekanntschaft protegirt werden. Die Kost an und für sich läßt auch Manches zu wünschen übrig mehr in qualitativer als quantilativer Beziehung, nnd jede Klage in dieser Hinsicht bleibt vergeblich, die Tadler verlieren die Kost, weil die Inhaberin der Anstalt die Verwandte eines Vorstehers ist, der man als Witwe diesen Erwerb nicht entziehen will. Vielleicht ändert sich auch dies mit der Zeit, u id die Studircndcn werden dann gesunde, nahrhafte und schmackhafte Kost erhalten. — Doch abgesehen von diesen wenigen Mingeln leistet die Armeuanstalt (von der eine andere Abtheilunz bestimmt ist, zugereiste Arme, vom Spital entlassene Kranke und hiesige Bedürftige zu unterstützen, auh Fiinilien, deren Ernährer krank darniederliegen, mit dem Nöthigsten zu ver, sorgen, verschämten Armen werden die Beiträge ins Han» geschickt) wahrhaft Ersprießliches, besonders ist es eine große Wohlthat für solche, die als Kinder mittelloser Eltern ganz auf sich allein angewiesen sind, und beim Hieherkommen von Allem entblößt ohne diese Nahhilfe rein verhungern müßten. Für Feiertage zahlt der Vorstand einen entsprechenden Mehrbetrag. daß die Kost anständiger sei, namentlich an den beiden Peßachabcnden ist es sehr erhebend zu sehen, wie die würdigen H. Vorsteher, wie liebevolle Vater im Kreise der Kinder und Studen'en sich bewegen und selbst die Speisen auftragen, während einer der Theilnehmer den Scder vorträgt, wo es durch Wein und Gesang recht gcmüthlich zugeht. Möge es Gott diesen edlen, hochherzigen Menschenfreunden reichlich lohnen, mögen sie fortfahrcn, Wohlthäter der studierenden Jagend zu sein, deren leibliches und geistiges Wohl zu befördern und so durch gesteigerte Theilnahme an dieser schönen Institution die Zukunft der jungen Leute und somit auch die des JndenthumeS mitbcgründcn helfen! Alt Ofen den 0. Feber (0. — K.) 8. Da ich mit den Einrichtungen des Prager jüdischen GemeindelebenS so ziemlich vertrant bin, so ergreife ich gerne jede Gelegenheit, um unsere cultuellcn Angelegenheiten hier zu Laude mit den dortigen zu vergleichen; geschehe eS auch nur darum, um den unverdienten 'Kamen ignomino- 8um (Schimpfnamen) . Draußigen," der mir nicht bester, als das Griechische barbaro; klingt, entschieden znrückznwÄscn. Wie alljährlich so beging auch heute am 7. Avar die hicüge Beerdigungsbrüderschaft den G'dächtniötag unseres großen Lehrer Moses in feierlicher Weise: Analog ihrer Prager Berufsgenossen versammelten sich, nach vorher abgehaltencm Gottesdienste die Mitglieder der Chewra Kadischa in dem VereinSsaal wosebst Herr Oberrabbiner Dr. M. A. Hirsch eine der Feierlichkeit entsprechende Büßpredigt hielt. Redner ermahnte, dem Beispiele MoseS;n folgen und bescheiden zu sein, betonte auch sehr richtig, daß eS unserem Äeschlechte nicht so viel Mühe kostet, bescheiden zu sein, da nur ein so großer Mann wie MoseS dieser Tugend ein großes Opfer bringen konnte, wenn er bescheiden sich selbst unterschätzte. Nach dieser mit ungctheiltem Beifalle aufgenominellen Rede wurde das übliche Mahl eingenommen, von dem ich leider zu berichten nicht in der Lage bin, weil ich kein so genannter Melatse (junges Mitglied-Slawisch) nnd daher nicht wie Herkules zu dem Mahle der Heiligen zugelassen werde. Soviel kann ich jedoch mit Bestimmtheit versichern, daß bei Gelegenheit einer Mahlzeit Orthodoxen sowohl als Neologen brüderlich nebeneinander sitzen und mit heiligem Eifer — nicht zu vergessen, daß e» eine Suctoa