Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 8 (18.2.1870)
- Date
- 1870-02-18
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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76 ben auszusprechen, und wenn ich an unsere Ansichten hier« über eine Charakteristik der wissenschaftlichen Bestrebungen Ibn Esra's anzureihen mir erlaube, so geschieht bieg aus dem Grunde, weil sich eben an da- Leben dieses Mannes ein Kampf knüpft, den die Menschen schon seit Jahrhunderten führt, und den sie so lange wird führen müssen, als sich zwischen Denken und Fühlen, Wissen und Glauben ein Gegensatz wird geltend zu machen suchen. Man darf annehmcn, daß jedermann, der neben religiöser Erziehung wissenschaftliche Bildung genossen, den Streit zwischen diesen beiden Mächten in und an sich selbst erfahren und auf irgend eine Weise zum AuStrag gebracht hat. Bon diesem Kampfe ist heutzutage, wo man vom Rabbiner nicht bloß speciell-theologische, sondern auch allgemein wissenschaftliche Bildung verlangt, auch der jüdische Theologe so lange nicht ausgeschlossen, alS ihm das Wesen des Judenthiims nicht vollständig klar geworden. Daß dem so ist, gereicht ihm jedoch schon deßhalb keineswegs zum Nachtheile, weil der Kampf in jedem Falle ein Zeichen des Lebens ist und weil er jedem wahren, dauernden Frieden vorangehn muß. Des Dichters Wort: „Nur aus dem Zweifel kommt der fromme Glaube!" wird darum von dem angehenden Rabbiner nicht unbeachtet bleiben dürfen, er wird den Zweifel, d. h. dem scheinbaren Kampfe zwischen Wissen und Glauben nicht auö dem Wege gehen, sondern vielmehr ihm kühn und besonnen ins Antlitz schauen, er wird beide streitende Parteien anhören, ihre RechtSgründc gewissenhaft prüfen und dann erst das entscheidende Wort in diesem Kampfe auösprechcn. Ungerecht wäre eS, wenn er von vornherein für die eine oder andere dieser Mächte Partei ergriffe und sie durch einen Machtspruch zur alleinigen Herrscherin erhübe. DaS hieße den Knoten zerhauen, nicht ihn lösen, daS hieße eine geistige Macht mit Gewalt unterdrücken wollen und wäre übcrdicß vergebliche Mühe da der Streit zwischen eisligcn Gewalten niemals durch einen Machtspruch seine ösung finden kann. Wir halten cS darunt für eben so verfehlt, den Glauben durch ein Dogma, durch einen Machtsprnch zum absoluten Herrscher in der Weise zu erheben, daß die Wissenschaft, um mit Philo zu reden, wie eine Hagar verstoßen oder gar geächtet und in den Bann erklärt wird als wir cS anderseits, um von der Schädlichkeit zu schweigen, für vergeblich erachten würden, wenn man den Glauben seiner Rechte, die er an daS Herz hat, verlustig erklären wollte. Weder die Religion noch die Wissenschaft würden sich verstoßen l a ss e n, und auf einen Machtspruch hin würde keine von Beiden der andere daS Feld räumen. CS bleibt demnach nichts anderes übrig, als daß zwischen Beiden ein Frieden auf der Basis der gegenseitigen Anerkennung geschlossen werde. Wenigstens giebt eS für den Rabbiner der Gegenwart, der innerhalb einer gebildeten Gemeinde zu wirken berufen wird, keinen andern Weg als diesen, um eincStheilS seinem heiligen Berufe, andernthcilS den Anforderungen seiner Gemeinde gerecht zu werden. Cr wird der Letzte sein, der die Wissenschaft von sich stößt, er würde sich nicht bloS mit dem Zeitgeiste im Allgemeinen, sondern auch mit den Gemeindemitgliedcrn im Besonder« im Wicdcrspruche befinden und Müßte, um seiner Ansicht Geltung zu verschaffen, sich auf seinen Beruf gestützte Autorität anmaßcn, eine Autorität, die ihm uicht zukommt, da der Rabbiner vermöge der Stellung, die ihm das Judcnthum anwcist, nicht über der Gemeinde, sondern innerhalb derselben steht und kein anderes Ansehn genießt, als dasjenige, welches er sich durch seine subjektiven Fähigkeiten, durch seinen Geist und sein Herz zu erringen vermag. Cr wird aber auch nicht dem Zeitgciste allzusehr huldigen und die Religion dem Wissen opfern, er würde sich sonst außerhalb seines Berufes stellen und daS Recht verlieren, in rein religiösen Angelegenheiten ein Urthcil zu fällen. So muß dcnu der Rabbiner nicht bloS mit Geist, sondern auch mit Herz seinem Berufe obliegen, so fordert eS von ihm seine Gemeinde, so verlangt eS das Judcnthum von seinen 'Bekennen» überhaupt. Denn auch dieses will den ganzen Menschen, will Geist und Herz seiner Bekenner, eS will geglaubt und gewußt, gedacht und gefühlt sein. Glücklicher Weise stehen im Judenthume G'auben und Wissen einander nicht so schroff gegenüber, als daß sie nicht leicht in Einklang gebracht werden könnten. Die religionsphilosophischen Systeme von SaadiaS und MrimonideS beweisen zur Genüge, daß die Prinzipien der jüdischen Religion mit denen einer gesunden Philosophie niht iin Wiederspruche stehen. Ja man darf sogar behaupten, daß im Judenthume Glauben und Wissen einander bedingen und durchdringen, denn die Religion deS JudenthumS ist ein reltgiöses Wissen und seine Wissenschaft ein Wissen vom Religiösen. Nur in einem Falle wird sich daS Judenthum mit der Wissenschaft nicht vereinigen lassen, wenn nämlich diese letztere auf schwankenden, uncrwicsenen Hypothesen gegründet, wenn ihre Wahrheit nicht erweisbar ist. Der unumstößlichen Wahrheit reicht die jüdisch: Religion die Schwesterhand, von der vagen Hypotese wendet sie ihren Blick ebenso weg wie vom offen ausgesprochenen Jrrthum. Der im zwölften Jahrhundert lebende Gelehrte Ibn Csra versuchte es, das Judenthum mit einer solchen, auf unerweisbaren Prinzipien gegründeten Philosophie in Verbindung zu bringen, ja sogar diese in das biblische Schriftthum hineinzudeutcn. Wenn sich in ihm in Folge dieses Bestrebens ein Kampf zwischen seinen) Wissen und dem Judenthume, dem jüd. Glauben entwickelte, den er z i einem gedeihlichen Austrag zu bringen nicht im ^Stande war, so hätte er anstatt — was er sich freilich nicht gestehen mochte — an seinem Glauben irre zu werden, seiner Philosophie entsagen müssen. Er that es nicht. Kein Wunder, daß er den Frieden nicht fand in seiner Seele, kein Wunder, daß er, wie kein jüdischer Denker des Mittelalters, den Anblick der Zerissenhcit bietet, daß sich in ihm wie bei keinem andern, der unausgeglichene Gegensatz zwischen Glauben und Wissen; Wahrheit und Jrrthum darstcllt. Gestatten Sie mir von diesem Gesichtspunkte ausgehend, die wissenschafftlichen Bestrebungen dieses Mannes, soweit sie seine Philosophie und Exegese betreffen, kur; zu charakterisiren, zuvor aber einen knappen Umriß seines Lebens mit einigen Strichen zu entwerfen. Wenn ich bei der Kürze der mir gegönnten Zeit auf nähere, wenn auch interessante Details einzugehn, mir werde versagen müssen, so darf ich wohl von vornherein auf Ihre gütige Nachsicht rechnen. (Fortsetzung folgt.) Wien 14. Februar (O.-K.) Der schon eine lange Reihe von Jahren hier bestehende und wohlthätig wirkende Verein no» Sp non „wahrhaftige Wohlthätigkeit" veröffentlichte unlängst den Rechenschaftsbericht vom Jahre 1869, dem wir einige interessante Data entnehmen. Der Verein hat zunächst die Tendenz, dessen Mitglieder, wessen Standes sie auch immer fein mögen, in vorkommendcn Krankheitsfällen mit einem bestimmten wöchentlichen Beitrage zu unterstützen, solange der Betreffende von der Ausübung seines Ernähr-rngSzwcigeö verhindert ist. Der Verein K"tP*n verabreicht auch Arzneien und besorgt den Arzt bei mittellosen Mitgliedern, ebenso wachen die Mitglieder abwechselnd bei gefährlichen Kranken und sorgen dafür, daß bei Todesfällen der Mitglieder die zehn zum Gebete erforderlichen Männer ins Haus kommen. Gewiß eine sehr löbliche, nachahmungswürdige Einrichtung; außerdem macht sich dicker verbreitete Verein zur Aufgabe, die Kinder armer VereinSmitgliedcr, besonders Mädchen in Handarbeit unterrichten zu lassen und zwar ganz auf eigene Kosten, oder sie zu irgend einem Berufe oder Erwerbe auszubilden. Der Verein ist stets im Wachsen und zählt jetzt 4 Ehren-, 28 unterstützende und 322 theilnehmende Mitglieder. Die Ausgaben sind gegen 1086 fl. und die Einnahmen belaufen sich.