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Die Gegenwart · 1870-02-11 · 7 (11.2.1870) · p. Seite 69

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
7 (11.2.1870)
Date
1870-02-11
Page
Seite 69 (sequence 7)
Language
German
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I 69 Freiherrn Felix von Rothschild in Parizum Generalkonsul des norddeutschen Bunde- und den königl. preußischen Consul Dr. Felix Bamberger in Paris zum Consul deS norddeutschen Bundes ernannt. — Die jüdische Gemeinde in Berlin feiert im Jahre 1671 im Mai ihr 200jährigeS Bestehen. Nachdem 1574 die Juden auö Berlin vertrieben worden waren, gestattete beinahe hundert Jahre später der große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg einer Anzahl der aus Wien von Leopold vertriebenen Judenfamilicu die Niederlassung und Ausäßigmachung in Berlin auf. Zeit, welche später verlängert wurde. Die Rechtsverhältnisse der Juden wurden dann durch königliche General-Privilegien (das letzte aus dem Jahre 1750) geordnet, bis das königliche Edict vom 11. März 1812 die bürgerliche Gleichstellung mit den Christen verordnete. Das jüdisch-theologisch.' Seminar in Breslau, . schreibt die Schles. Ztng. beging am 28. v. M. wiederum den Gedächtnißtag seines Stifters, deS verstorbenen Commcrzicn« ratheS JonaS Fränkcl, in herkömmlicher erhebender Weise. Nächst den Deputationen deS Vorstandes und deS Rcpräsentanten-CollegiumS der Synagogen- Gemeinde bcthciligte sich auch ein zahlreiches Publikum, das den verschiedensten Ständen angehörte, an der Feier. Nachdem dieselbe mit dem Gesänge des 16. Psalmes eröffnet worden, hielt Scminardirektor Dr. Frankel eine gehaltvolle Rede über die Aussöhnung zwischen Glauben und Wissen und verlas hierauf die Namen der diesjährigen Stipendiaten ac. Nachdem einer der neu creirten Rabbiner Dr. Perliy einen seiner die Anstalt verlassenden Collegen den Lehrern gedankt, erthrilte Dr. Frankl die Rabbinerdiplom: und knüvfte hieran einige herzliche, ergreifende AbschicdSworte der Ermahnung und Belehrung. Ein hebräisches Gebet für die königliche Familie beschloß die Feier. Posen. 28. Januar (Ein lieber tritt zum In' dcnthumc.) Karl Hieronymus aus Heiersdorf bei Reichenbach in Schlesien, von evangelischen Eltern geboren, gegenwärtig 2->l/tl Jahr alt und in Sorau in Riedcrschlesien, woselbst er ein Garderobcngeschäfr betreibt, als Kaufmann ansäßig, hat, nachdem er stineu Austritt aus der evangelischen Landeskirche laut Bescheinigung des k. KreiSgerichtS zu Sorau erklärt, den festen Entschluß gefaßt, zum Judenthum übcrzutretcn, und diesen Entschluß schon vorweg dadurch bethätigt, daß er sich in Sorau von den dortigen jüdischen Religionslehrcr in den Glaubenslehren deS MosaismuS hat unterrichten lassen, auch seit längerer Zeit nur die nach jüdisch-talinudischen Rituell zulässigen Speisen genossen und sogar die im Judcnthum gebotenen strengen Fasttage inne gehalten. Nach diesen Vorbereitungen wandte er sich an das Lissaer Nabbinat zuerst brieflich und jetzt auch persönlich mit dem Gesuch um Aufnahme in das Judcnthum und der Bitte die damit verbundene Operation au ihm vorzuuehmen. Eine solche Aufnahme ist abgesehen von dieser letzteren Operation, nach mosaisch-talmudischcn Prinzipien mit großen Hindernissen imd Erschwernissen verbunden. Eine strikte Zurückweisung ist zwar weder geboten, noch zulässig, doch sind die jüdischen Gesetzlchrcr verbunden, dem Prosclytcn nach Möglichkeit durch Vorstellungen von seinem Schritte abzurathcn; sie haben ihm namentlich vorzustclleu, daß er als Nichtjude durch bloße Beobachtung der sieben sogcuauutcn noachitischen Gebote der Seligkeit theilhaftig werden kann, während er als Jude, d. h. einmal ausgenommen in die jüdische Gemeinschaft, zur strengen Beobachtung der vorgeschriebcnen 613 Gebote und Verbote verpflichtet ist. Falls endlich bei dem Konvertiten irgend welcher Hintergedanke oder irgend ein weltliches d. h. zeitiges Motiv für dessen Uebertritt bekannt geworden oder vorausgesetzt werden muß so soll ihm die Aufnahme ins Judcnthum entschieden versagt werden. Letztere Motive, namentlich, daß Hieronymus, wie die geschäftige Fama geflissentlich zu verbreiten bemüht war, nur die Absicht hatte, ein jüdisches Mädchen zu heirathen, stellt derselbe entschieden jn Abrede und begründete diedurch seine langjährige Hinneigung zum Judenthum und seine Beobachtung der jüdischen KultuSvorschriften. Nachdem endlich die vorgeschriebcnen Versuche, den Konvertiten, der sich wie verlautet, mit den gleiche» Anträgen zuin Uebertritt bereits vorher nach Berlin und Breslau gewendet, aber hierher verwiesen worden sein soll, — von seinem Schritte zurückzuhaltcn, gemacht worden, er aber fest bei seinem Vorsatze bcharrlc, sollten am Freitag die nöthigen Ccreinonien an ihn vorgcnomnien werden. Es stellte sich jedoch heraus, daß nach der körperlichen Beschaffenheit des Hieronymus dieselben überflüssig un) unmöglich seien. Hieronymus ist nunmehr, nach Begehung des religiösen AetcS als zum Judenthum übergetreten zu betrachten und offenbart den größten Ernst in der strengen Uebung aller durch MosaiSmuS und Talmudlehre vorgeschriebcnen Gebräuche. Die „Pos. Ztg." bez. der Einsender dieses Artikels knüpft hieran folgende Bemerkung: Weit davon entfernt, in diesem Uebertritt einen Triumph für die jüdische Kirche zu erblicken, oder zu glauben, daß dieses au andrer Seite und in anderen Mrcifcii der Fall sei, möchten wir uns doch bei diesem Anlaß erlauben, einige Reflexionen an den Vorgang anzuknüpfcn. DaS Judenlhuin. oder vielmehr der jüdische CultuS, ist in einem Uebergangsstadium begriffen. ES offenbart sich ein anS dem inner» Bedürfniß desselben hcrvorgcganzencö Drängen, veraltete Formen und Bräuche abzustellen und neue Riten zu schassen, die dem jetzigen Bedürfnisse und dem modernen Zeitgeschmäcke zusagender sind. Noch hat sich indcß kein Reformator finden lassen, der im Staude gewesen wäre, die Sircnggläubigkeit und das religiöse Formleben der alten Orthodoxie, die auch nicht ein Titelchcn von ihren traditionellen Bräuchen und Anschauungen aufgeben mag. mit den Bedürfnissen und Aufforderungen der Gegenwart zn versöhnen und zu vermitteln. Rabbincrvcrsamnilunzen und Synoden haben die Kluft zwischen den beiden Gegensätzen nur erweitert und alles, was inzwischen von beiden Seiten geschah, um dem überhand nehmenden Jndisfercntismnü zu begegnen, ging aus unbedeutende Veränderungen der Form, oder ans Halbheiten hinaus. Von einer Neugestaltung und inneren Kräftigung deS jüdischen GlaubenSlcbenS ist nicht die Rede. Und wie verhält sich die ganze oder halb gebildete moderne jüdische Geistlichkeit diesen Zuständen gegenüber? Sic sucht durch pathetische Predigte» an Sabliathen ünd Festtagen, du'ch poetische Bilder und Märchen, mit denen sic von der Kanzel herab die gläubige (?) Gemeinde unterhält und erbaut, die Schäden zu übertünchcn; auch wohl ab und zu unter Talar und Frack gewisse hierarchische Neigungen und Gelüste zu befriedigen. An eine nachhaltig kräftige Ein- und Mitwirkung auf und bei der Erziehung und Jugendbilduug ist nicht zu denken, höchstens mitgcbictcn und mitbcfehlen möchte sie, um einen gewissen Einfluß geltend zu machen, eine Autorität zu gewinnen, für die ihr gemeinhin — Ausnahmen gestalten wir sehr gern — die ersten BerusSbcdingungen, eine gründliche pädagogische Befähigung und Vorbildung abgehen. Für die Schule ist sie also weder berufen, uoch zu verwenden, und wenn sie sich gleichwohl in die Schulverwaltung ciudrängt, oder sich bestimmen läßt, ihr Licht über die Schule zu verbreiten, nun so geschieht es aus denselben Motiven, aus denen zumeist auch die (Geistlichkeit anderer Eoiifessioucn bestrebt ist, die 2 hule als Domaiue der Kirche und den Lehrer als den famulus natus bcS Weift5 lichen zu betrachten. Suchen die Seelsorger für ihre Kraft und die viele überflüssige Zeit ein Feld der Thätigkeit, so ist das weder das Schulwesen noch die Prosclyteumacherei. Mögen sie die (Giftpflanzen innerhalb des JudcnthumS, den blasirtcn JndiffereniismuS, die sich überstürzende Reformsucht und die fanatische Orthodoxie zu vertilgen suchen. Wie wir der norddeutschen allg. Ztg. entnehmen, ist die Synagoge in Strasburg vom 23. aus den 21. Jäner bestohlen worden. Unter den gestohlenen Gegenständen befinden sich zw.'i silberne Hände (Jad) mit Kettchen und eine silberne Haud ohne Kette. Mau ist bisher den Dieben noch nicht auf der Spur. Mühlaustn in Elsaß. Die Herrn Gebrüder Lantz ha«

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