Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 7 (11.2.1870)
- Date
- 1870-02-11
- Page
- Seite 67 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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67 unverständigeres geben als jene damals mit Gift und Wuth ausgesprochenen.Vorwürfe? Als im Jahre 1800 die Freiheit in Oesterreich auch der bedrückten polnischen Nationalität Erlösung brachte unv die Germanisirung Galiziens aufgegeben wurde, da fand sich die Thatsachc vor, daß die Juden so weit sie überhaupt moderne Bildung genossen hatten, durch die 70jährige Arbeit der Negierung germanisirt waren, einen außerordentlich geringen Bruchtheil ausgenommen, die Gelegenheit gehabt hatte, sich die polnische Sprache anzueignen. Wir glauben eS vollkommen klar gemacht zu haben, woher eS komme, daß die Juden in Galizien in eine so schiefe Lage ohne ihre Schuld gerathen sind. Nur blinder Eifer und heilloser Unverstand können angesichts jener historischen Fakta, uns Juden, wegen unsere Germanisirung, mit Borwürfen überschütten, wir weisen jede Anklage aus diesem Grunde, auf daS Entschiedenste zurück, wie denn auch jeder einsichtsvolle Pole keine solche ungereimte Anklage erhebt, sondern einsieht, daß nichts übrig bleibt, als die Juden erst jetzt zu polonisiren, einer Ansicht, der wir vollkommen beipflichten, weil wir um jeden Preis aus unserer schiefen Stellung in nationaler Beziehung herauskommen. Kladno 7. Februar (O.-K.) Sicherlich ist eö ein erfreuliches Zeichen der Zeit, wenn in einer jüdischen Schule der böhmische Unterricht nicht vcrnachläßigt, sondern als Landessprache gepflegt und den Kindern gründlich bcigebracht wird. In diesem lobenswerten Zustande befindet sich wahrlich unsere Schule, welcher der der strebsame Herr Eduard Fantl als Oberlehrer Vorsicht und den Unterricht der böhm. Sprache mit unermüdlichem Eifer selbst leitet, wodurch er sich auch die ungetheilte Sympathie der hiesigen Stadtbevölkerung erwarb. So B. scheute er nicht die Mühe, ein größeres böhm. Schauspiel „Uöitel ve francouskfcm zajeti“ cinzustudircn, welches diese Woche, den 5. d. M. bei ungemein zahlreichem Zuspruche, zum wohlthätigen Zwecke aufgeführt wurde. Daß daö ausgezeichnete Spiel der Kinder die sehr correktc Aussprache derselben so wie überhaupt daS ganze mackellose Zusammenwirken sowohl von den jüdischen als von den zahlreich anwesenden christlichen Zuhörern mit enthusiastischem Beifall ausgenommen wurde, dient gewiß dem würdigen Herrn Fantl zur Ehre und zum Ruhme und die lobende Anerkennung wird sicherlich nicht auSbleiben. Auch verdient lobend erwähnt zu werden, daß der Dilletanten-Vercin „Budislav“ bereitwilligst die Theaterlokalitätcn und Einrichtung zur Verfügung stellte. Isidor Beck. Wien 7. Feber (0.- K.) Vor Kurzem constituirte sich hier ein Verein zur Förderung deS talmudisch-halachischen Studiums unter dem Namen „Ez Chaim“ durch Anregung Sr. Ehrwürdcn Rabbi Sal. Spitzer, der in einer gediegenen, begeisterten Ansprache die Mitglieder der Schiff-Synagoge dazu dringend ansfordcrte, einen Verein ins Leben zu rufen, der die löbliche Tendenz hätte, hiesige Talmndbcflisscne zu unterstützen, damit sie von Nahrungssorgen befreit um so eifriger und fleißiger dem Forschen in der Thora obliegen könnten. Die nach Inhalt und Form sehr gelungene Rede verfehlte auch nicht, auf die Zuhörer einen günstigen Eindruck zu machen. Sofort erklärten sich viele bereit, zu diesem edlen Zwecke nach Kräften ihr Schärflein beizutragcn, und so wurde bald darauf dieser Verein gegründet durch dessen wohlthätigeö Wirkcn mehrere gewiegte Talmudistcn täglich zwei Stunden in der Tradition forschen. Schon jetzt zählt der Verein über 100 Mitglieder uich namentlich beträgt die Unterstützung 6—12 fl. die ungefähr an 10 Mitglieder ertheilt wird; doch ist man zur Hoffnung berechtigt, daß mit der Zeit die Zahl der unterstützenden Mitglieder wachsen, und somit auch die Unterstützungen in größerem Maaße werden ertheilt werden können. E« liefert dicß einen klaren Beweis, daß auch in der Residenzstadt, trotz der allgcinein herrschenden materialistischen Richtung der rege Sinn für echte Religiosität und die warme Theilnahme für jüdisches Wissen nicht erkaltet sei. Und so möge denn dieses schöne Streben auch ferner durch gesteigerte Theilnahme immer mehr zunehmen, damit dieser Verein zur Ehre seiner Mitglieder und zur Verherrlichung des wahren, unverfälschten JndenthnmS blühe und gedeihe, gottgefällige Früchte trage, auf daß die heilige Thorah ein LcbenSbaum fei, denen, die sich mit ihr selbst beschäftigen, als auch jenen, die zu ihrer Verbreitung daS Möglichste anwenden, und möge endlich das Gute überall Anerkennung und Nachahmung finden. Der Verein „für Krankenpflege und Unterstützung Handlungsangehöriger Israeliten* veranstaltete am 27. Jäner (Abends gegen 7 Uhr) im alten Tempel eine Gcdcnk-Feicr zu Ehren der verstorbenen VcreinSmitgleeder, wozu sich ein ziemlich zahlreiches Publikum, meist dem Handelsstande angehörig, cinfand, was.auch als würdiger Act von ncn nvr« gegen die Tobten betrachtet werden kann. Ruch dem Maarib Gebete rceitirte Herr Obercantor Sulzcr unter Ehorbeglcitung, in ergreifendem Vortrage einige der Feier entsprechende Palmen, dann bestieg Herr Prediger Dr. Jellinck die Kanzel und schilderte mit beredtem Munde in einer glänzenden bilderreichen Sprache die schöne Tendenz und daS löbliche Wirken dieses verbreitetsten Vereines, der die größte Mitglicderzahl aufzuweiseu hat, indem er zum Texte nahm die Stelle in der vorigen Paraschah '112'? iwy how n1?. Selbst der größte Profet MoscS muffte zur Einsicht gelangen, daß der Mensch allein nichts vermöge .12 »exyS 'JStrri. Rur in der Vereinigung der Kräfte zu einem festen Gemeinwesen liegt die Macht im socialen Leben, wodurch zugleich die ans allen Gebieten so wohlthätige Thcilung der Gcsammtarbeit zu Stande kommen kann. Bei den Inden blühte von jeher das VcreinSwcscn, in jeder, wenn auch noch so kleinen Gemeinde con« stitnirte sich bald nach ihrem Entstehen eine nr*np .van und n'n, diese Verbrüderung machte das Jndenthnm stark nach innen, gab ihm Kraft und Ausdauer gegen seine äußere Feinde, und dadurch hat cs sich erhalten bis ans den heutigen Tag, wo eS sich wieder zu neuem Leben, zu einer großer« Machtstellung, «vic ein Phömr anS der Asche vcrfüngt erhebt! V cj ''nx roiP C'p ne 1 212 ne. Wie gut und schön wäre eS, wenn «vir Juden, die wir als Brüder neben einander lebe««, auch.durch das feste Band der Eintracht aufs Innigste «nit einander verkettet «vürcn! Redner fordert zugleich schließlich eindringlich auf, der „Alliance universelle israelite“ in ^PariS sich anzuschlicßcn, «vozu vor einigen Monaten auf derselben Stätte Herr Albert Koha Präsident des Eonsist. in Paris d«c Anregung gab. Wenn viele diesem großartigen Vereine beitrcten würden, könnte er auch über mehr Mittel verfügen, über einen größ-rcn Wirkungskreis sich erstrecken, dessen Gebiet »vürde sich erweitern und er könnte viel Ersprießliches leisten zum phisischcn, wie zum psychischen Wähle unserer leidenden und bedrückten GlaubcnSbrüder — so «vürde das tvan S2 im eigentlichsten Sinne zur Wahrheit werden. Das übliche “Ji:i nnuo und Kadisch Gebet beschlossen diese solenne GcdächkniS-Feicr in weihevoller Weise. Wie alljährlich, «vurdcn auch Heuer wegen der strengen Kälte in beiden Tempeln die Predigten unterbrochen. Um daS Publikum einigermaßen zu entschuldigen und damit nicht in der mchr«vöchentliche» Pause alles geistige oder vielmehr religiöse Interesse sich verflüchtige, hielt Herr Rabb. Dr. M. Güdeman, Prediger des neuen Tempels an drei hintereinander folgenden Sabbaten, in der ifr. Rcligionslchule einein populär wissenschaftlichen Vortrag über das jüdische ErziehungStvcseu und einige werthvolle aber seltene Erzcngnisse der neuhebr. Literatur. H. Dr. Güdemann hat daS Verdienst, durch diese gediegene Vorträge auch in weitern Kreisen die Theilnahme und Kenntnis von der jjüd.