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Die Gegenwart · 1870-02-11 · 7 (11.2.1870) · p. Seite 66

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
7 (11.2.1870)
Date
1870-02-11
Page
Seite 66 (sequence 4)
Language
German
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66 Gesetzt aber, jedoch nicht zugegeben, daß da- Schlachten dem Thiere mehr Qual verursache, als eine andere Methode was berechtigt diese würdigen Anwälte der Thierrechte, dem menschlichen Gefühle sich als Gesetzgeber aufzudrängen, Gewissenszwang zu üben und sich in Religionssachen zu mengen, ist doch Menschenquälcrei ebenso verwerflich als Thierquälerei, und vielleicht in noch höherem Grade, fühlen sie sich aber durchaus im Innern verpflichtet, gegen jedes wie immer geartete Unrecht aufzutreten, so können sie als Vertheidigcr der Menschenrechte sich genug Lorbeeren erwerben, da in socialer Beziehung noch Manches gegen die Juden gutjumachen ist. Journalistik. Die Juden in Galizien in nazionaler Stellung. Unter diesem Titel bringt der in Lemberg erscheinende „Israelit" einen Artikel, in welchem die thatsächlichen Verhältnisse der Juden in Galizien in nazionaler Beziehung, so wie sich entwickelt haben, besprochen werden. Wir lassen daraus jene Stelle folgen, die so ziemlich auf die Verhältnisse der böhmischen Juden Bezug hat: Eü wurde den galizischen Juden oft genug mit Bitterkeit vorgeworfcn, daß sie nicht zur polnischen Ration gehören. Ucbcratt in der Welt, wo die Juden sich niedergelassen, haben sic die Sprache des Volkes angenommen, das ihnen Wohnsitz gestattete, in Deutschland sind sie Deutsche, in Frankreich Franzosen, in England Engländer, in Italien Italiener geworden, nur in Galizien, einem polnischen Lande, sind sic nicht Polen, sondern sprechen deutsch oder einen dem deutschen ähnlichen Jargon. — Ist dieses nicht unerhört? in allen jenen Ländern ivurden die Juden entsetzlich bedrückt nnd gemartert, während Polen ihnen eine gastfreundliche Aufnahme gewährte, soll nun daö der Dank dafür sein, daß die Inden überall mit den einheimischen Nazionen verschmolzen sind, nur in Polen nicht? In der Thai müssen wir zugeben, daß dieses richtig ist und daß das sonderbare schiefe Vcrhältniß in Galizien wirklich besteht, daß wir polnischen Juden, in einem polnischen Lande faktisch gcrmanisirt (deutsch) statt polonisirt (polnisch) sind.. Indem wir die Wirklichkeit dieses unpassenden Verhältnisses gestehen, unterscheiden wir uns von jenen, welche mit falscher Begeisterung auörufcn r „Wir Juden sind Polen jüdischen Glaubens" wir sagen vielmehr: „wir galizischen Juden sollen Polen jüdischen Glaubens werden, daß wir cs aber nicht schon sind, ist nicht im Geringsten unsere Schuld und man hat kein Recht uns dieses mit Bitterkeit oder Heftigkeit vorzuwerfen" den Beweis für das Letztere werden wir leicht führen. Vor Allem ist eS historische Thatsache, daß die Juden bis zum Ende des IX. Jahrhunderts nirgends nationalisirt waren. Sic waren weder Deutsche, noch Franzosen, noch Engländer, noch Italiener, sic waren überall nur Juden (der Rationalität nach), und warum? weil kein Volk darnach strebte, die Juden zu nationalisircn, weil man sie in die Ration gar nicht aufnchmen wollte, sondern sie in ihr Ghetto jagte und sic als Fremdlinge betrachtete. Die Juden sprachen damals fast alle ihren Jargon, der sich ^nach der Sprache des Landes, wo sic wohnten, entsprechend «bänderte, nur einige von ihnen lernten hie und da, an» eigenem Antriebe die Landessprache, meistens um ehren Erwerb besser betreiben zu können. So wie überall, war diese» auch in Polen der Fall. Trotz der vielen Judcnprivilcgien hat die polnische Nation eben so wenig als eine andere daran gedacht,die Juden als Ihresgleichen anzucrkcnncn, die Juden zu nationalisircn, auch hier werden die Juden nur als Juden das ist als ein fremder Stamm angesehen, ja man gewährt ihnen beinahe volle Autonomie, ohne daß ein Schritt gethaa wurde, sie zu polonisiren. Erst zu Ende des 18. Jahrhundert» brach eine richtigere Erkenntniß sich Bahn und einzelne Nationen und Herrscher begannen die Juden als Menschen anzusehen, die man mit den übrigen Staatsbürgern in nationaler Beziehung verschmelzen müsse, auch die ausgezeichnete polnische Verfassung vom Jahre 1703 ging von demselben 'Gedanken au». Kam aber je diese Verfassung zur Geltung? Leider niemals. Im Jahre 1704 war Polen nicht mehr als selbstständiger Staat vorhanden, während überall die.Staatsgewalt daran ging, die Juden zunationalisireu — gab es keine polnische Staatsgewalt mehr, welche die Polonisirung der Juden durchgeführt hätte. Da» traurige Faktum also, daß Polen gerade zu der Zeit aus der Reihe der Staaten gestrichen wurde, wo die Sonne der Vernunft anbrach und wo man überall anfing, die Juden mit der einheimischen Nazion zu verschmelzen, dieses unglückliche Ereigniß, das die polnischen Juden gewiß nicht verschuldet haben, ist aber die Hauptursache, weßhalb die Juden in Galizien bis nun nicht polonisirt wurden. Denn was geschah? In den polnischen Landtheilen, welche an die deutschen Mächte kamen, fanden diese Mächte, die Juden, als Juden vor, so wie sie es damals in der ganzen übrigen Welt waren. Die deutschen Mächte begannen nun die polnischen Länder zu germanisircn, was Wunder, wenn ihnen dieses mit den Juden am Ehesten und Leichtesten gelang? die Juden hatten ja eben noch keine andere Rationalität angenommen nnd insbesondere nicht die polnische, sondern waren einfach Juden, an deren Nationalisirung man zum Erstennnl ging. Wenn nun die deutsche Nation unter diesen Umständen sich ihrer bemächtigte, so müßten sie nothwendig deutsch werden, so wie sie sicherlich polnisch geworden wärcn^wenu Polen, das 10. Jahrhundert erlebt hätte, und sie im Geiste der neuen Zeit polonisirt hätte. Hiezu kam noch, daß die polnischen Juden ursprünglich aus Deutschland nach Polen eingewandert waren und in ihrem Jargon noch so viel von deutschen Worten bcibehalten hatten, daß ihnen die Erlernung des Deutschen sehr leicht wurde, wodurch ihre Gcrmanisirnng außerordentlich befördert wurde. Bedarf cS erst eines Beweises, wie sehr die österreichische Regierung von Kaiser Josef II. angcfangcn, darnach strebte, Galizien überhaupt und insbesondere die Juden daselbst zu germainsiren? Weiß doch Jeder, daß jüdische Schulen mit deutscher Vortragssprache gegründet wurden, die Gemeinde alle seine Geschäfte gesetzlich nur in deutscher Sprache besorgen, und daß jeder Jude, der heiraten wollte, Prüfung auö dem Deutschen ablegcu mußte. Weiß doch Jeder, daß auch in allen öffentlichen Schulen und Behörden das Deutsche eingcführt wurde, um das ganze Land zu gcrmanisiren, wie kann man sich da über den Erfolg dieses Strcbcnö in Betreff der Juden wundern? Sind doch auch viele gute Polen allmählig gcrmanisirt worden, daß sic fast ihre Muttersprache verlernten, wie und woher hätten also die Juden in dieser Epoche polnisch lernen sollen, und »vic kann man nach einiger Ueberlegung verlangen, daß die Juden, ein geknechtetes Volk, das niemals früher polonisirt worden war, und durch die Thcilung Polens nur seineu Herrn wechselte, dem W'llen diese« neuen Herrn, sie deutsch zu machen, hätte Widerstand leisten sollen? Wie kann man vernünftiger Weise glauben, daß ein solcher Widerstand möglich war, und Erfolg gehabt hätte? Haben etwa die Polen während deS Zeitraumes von 1772 bis 1860 der Gcrmanisirung der galizischen Juden entgegen gewirkt oder entgegen wirken können? Nicht im Geringsten, denn weder hätten sie den Willen noch die Macht dazu. Und so geschah was nothwendig geschehen mußte, die galizischen Juden wurden germanisirt, und die Polen kamen merkwürdigerweise erst im Jahre 1848 oder eigentlich 185)0 zu dieser Erkenntniß und ließen im letzteren Jahre eine Hetze in den öffentlichen Blättern gegen die Juden lo-, weil diese verbrecherischen „deutschen" Juden eS wagten, nach Emanzipazion zu streben. Kann eS etwas ungerechteres und

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