Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 7 (11.2.1870)
- Date
- 1870-02-11
- Page
- Seite 65 (sequence 3)
- Language
- German
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65 I AreiSheit erblickende Geschäftemacher sprechen, wollen wir über die jeden rechtlichen Menschen unangenehm berührenden Thatfachen keineswegs philosophiren, ob sich an denselben Haupt» sächlich Juden detheiligten oder nicht. Freilich trifft unS dieser Punkt etwa« unangenehm, weil er in außerjüdischen Kreisen gleich zur Folgerung Veranlassung gibt, nicht d i e Juden sondern die Juden sind einer schicfgehendrn Handlungsweise fähig, allein gewohnt, die Beschuldigung der ganzen Judenheit wegen der schlechten Thal eines Einzeln zu vernehmen, haben wir längst über das Gebühren jener Klasse von Juden, die im Gclde ihre ganze Glücksreligkeit erblicken, den Stab gebrochen und werden gewiß über die Uebcr- und MiSgriffe jener ebenso entrüstet als unbefangen sein, wiewohl die ehrenhaften Juden die Fatalität haben, auch solche geldgierige Egoisten ihre Glaubensgenossen zn nennen, trotzdem diese Benennung im socialen Leben eine unrichtige ist, indem er» stcre glauben den geraden ehrlichen Weg gehen, letztere hingegen glauben auf Kreur- und Qnrrwegen, durch Dick und Dünn, durch Krumm und Schief ihre materiellen Zwecke erreichen zu müssen, getreu dem Grundsätze: Auf dem gradcn Wege sei nichts leicht zu erreichen," ohne zu beherzigen, daß das ockium, das sie gerechter Weise trifft, auf die ganze Jndenheit reflcktirt. Nicht die Confession ist eS, die uns die unerlaubte Afterve,Pachtung oder die von dem eigentlichen Pächter mit Leichtigkeit erzielte verhältnismäßig große Nutznießung und die damit verbundene Wcchsclvrrbindlichkeit, so hochgradig erscheinen läßt, da wir überhaupt nicht zu wissen brauchten, ob die Faiseure eines solchen Zwickspieles Juden sind oder nicht, für unS hat in dieser ganzen Angelegenheit specirll Eine Person Interesse, die in der jüdischen Gemeindevertretung sitzt und durch dieses von einer kleinen Gesellschaft verschuldete Hinringcrathcn in eine Körperschaft, die eine der größten jüdischen Gemeinden vertreten soll, sehr oft zn Unannehmlichkeiten Beranlossung gab. Hatten wir schon oft Gelegenheit, unS geschilderte Eharaktcrzüge jenes Mannes,« der sich Dr. Raudnitz nennt, zu reprodnencn, wenn wir nicht in das Eingreifen privater Angelegenheiten, eine Uebcrschrcitnng unseres moralischen Programme? erblickt hätten, so finden wir uns heute um so verpflichteter, den Akt, in welchem H. Raudnitz eine so hcchwichtigc Rolle spielt, nicht unberührt zu lassen, weil eS sich bei diesem Spiele leicht um den Einsatz des Dekorums unserer jüd. Gemeinde hätte handeln können. Wohl haben wir für Herrn Dr. Randnitz, der in der „Grschäftmachcrei" den Unterschied schwer zu finden scheint, die einzige Entschuldigung, daß dieser Mann nur der Grburtömatrike, nicht der Wirklichkeit nach Jude ist, und seine Glaubensgenossen würden diesen Mangel an Gläubigkeit schon verschmerzen, wenn eben Herr Raudnitz sich nicht überall vordrängen würde und namentlich in eine Körperschaft nicht eingedrungen wäre, deren Beruf cs ist, die Interessen einer Gemeinde, seien sie materieller, geistiger oder moralischer Natur, im strengsten Sinne deS, Wortes zu wahren. Unsere Aufgabe ist es heute keineswegs, die Karthauser Affaire zu beleuchten oder von derselben Deduktionen zn machen, weil wir nnS mit Kritiken über die h. Staatsverwaltung nicht bc» fasten, Pflicht scheint es uns aber zu sein, Herrn Raudnitz zu ersuchen, seinen „Chrrnsitz" in der jüdischen Gemeindevertretung zu verlosten, um so ungenirter seine Geschäfte und sein VcrmittlungSbureau fortzuführen, durch welche der Gewinn seine werthe Person allein trifft, während, bei einer zufälligen Entdeckung einer „Transaktion" der sich aus dieser ergebende Nachtheil, bei dem Umstande als Herr Dr. Moritz Raudnitz nicht nur Vertreter von Lieferanten, sondern auch Vertreter einer jüdischen Gemeinde ist. auch diese leicht trifft, wogegen wir unS mit aller Entschiedenheit verwahren müssen, da wir unS Organ für die Interessen drS Juden» IhumS und nicht Organ für die mannigfachen Interessen de- Dr. Raudnitz nennen. Ist das Schlachten eine Thierqnalerei? i _ _ In der Wiener TheuernngS,Enquete äußerte sich der Experte Langenccker, als bei Gelegenheit der Diskussion über die Fleischfrage auf das rituelle Schlachten zur Sprache kam, sehr abfällig darüber und erklärte dasselbe als brutale Thierqnälerei. Dieser ungerechtfertigte Ausdruck scheint entweder von blindem Iudenhaße diciirt, oder von dem in letzter Zeit allgemein herrschenden destruktiven Bestreben eingegcben zu sein, das Specielle jeder Eonfeffion und die Religionsunterschiede zn beseitigen, durch Begriffsverwirrung alles grdankcn'oö unter einander zu mischen. Wer einen unparteiischen Standpunkt einnimmt und nicht von subjektiven Ansichten oder blinden, angeerblen Vornrthei» lrn geleitet ist, wird sicherlich zu einem anderen Resultate gelangen. Schon öftere war den Thirrschutzvcrcinrn in verschiedenen Orten daö Schlachten ein Stein des Anstoßes und doch erwies eS sich nachträglich ihnen gegenüber als ein nali me tangere, sie mußten unverrichteter Sache die Segel streichen, da competcnte Eapacitäten sich dafür anSsprachen. Wer nur Gelegenheit hat zu beobachten, wie nichtjüd. Fleischer oder Selcher die Thiere tödten, wird sich zur Genüge überzeugen, daß sie eö viel grausamer anstcllen, es ist schauerlich zu sehen, wie sie bei Tödtnng der Schweine verfahren, die sie bei lebendigem Leibe abbrühen, und nicht viel zärtlicher gehen sie bei andern HauSthiereu zn Werke. Größeres Schlachtvieh wird gewöhnlick) vor dem Abstechen gehetzt, um besseres Fleisch zu erzielen, und wie oft muß der Kopfschlag geführt werden, bis man die rechte Stelle am Gehirne trifft, und das Thier betäubt zu Boden sinkt. Ich denke, diese schonende (?) Procedur quäle das arme Vieh viel mehr als das Schlachten durch ein fein geschliffenes Messer, so daß selbst die kleinste Ritze nicht vorhanden sein darf, wo das Thier nach und nach verblutst und mit viel geringerem Schmerze verröchelt. Freilich thut I auch dies dem Thiere nicht sehr wohl und geschieht auch nicht ganz schmerzlos, wie leicht denkbar, aber „das Huhn» cheu schlachten, ohne ihm wehe zu thun" daö geht absolut nicht und ist überhaupt nicht ausführbar. Durch solche Extravaganzen könnten wir unS höchstens bewogen fühlen, uns zum Vegetarianismus zu bekehren, und uns jedes *nn je nan gänzlich zu enthalten. Dazu könnte man sich vielleicht in den heißen Gegenden dcS Orients verstehe, aber wir Abendländer können dcS zur leiblichen Erhaltung nöthigcn Fleisch - gcnusseS nicht entbehren. — Run handelt es sich aber im Allgemeinen um eine Tödtungsart, wodurch das Thier schneller und leichter verendet; daher sollte» sic, wenn sie schon nicht schlachten wollen^ lieber durch Pulver und Blei da» Vieh zn Tode befördern,—was ihnen vcrmuthlich zn kostspielig oder umständlich scheint, und auch nicht immer anzurathcn ist. In England macht man die Sache einfacher: man durchsticht mit einer lange» sehr spitzigen Kadcl die Wirbelsäule ein) und sucht das verlängerte Rückenmark zu treffen, wodurch das Thier im Momente znsanimrnbrichl, jedoch ist eS nicht leicht, im rechten Augenblicke die betreffende Stelle mit Gewißheit zu eruiren. Bon« biblischen Standpunkte aber ist das Schächten die einzig mögliche Tödtungsweifc, denn hätte eö auf eine andere und zwar weniger schmerzliche Art bewerkstelligt werden können, so hätte Gott eS gewiß so befohlen, daß daS Thier geschont werde, wie ja die Thora mehrere Vorschriften zum Schutze der Thiere enthält, und bekanntlich war ja daö Tödten der Thiere zum physischen Genüße vor der Snndfluth nicht gestattet. — Die Israeliten dürften kein Blut genießen (vcrmuthlich weil es auf das Gemüth einen nachtheiligen Einfluß übt. wir sehen ja die grausamsten, wilden Thiere verzehren selten ihren Raub, sondern sangen ihm nur das Blut aus) eS blieb also nichts übrig, als durch das Schlachten am Halse da» Blut am besten zu entfernen, wenn dies auch nicht ausdrücklich im Pentateuch geboten ist, doch hat es sich so im Lause der Zeit durch die Tradition und den Brauch erhalten. 7*