Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 7 (11.2.1870)
- Date
- 1870-02-11
- Page
- Seite 64 (sequence 2)
- Language
- German
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64 ) Wie steht eS aber mit jenen, die sich nicht in das Par« teigetricbe wagen, die nicht Hand an'S Wert legen, die Religion zu schützen und nur ruhig zuschauen, wie die religiöfen Streiter an dem Erisapfel der Tradition zerren, die nur zu diesem sich selbst verzehrenden Groll Bravo klatschen, und weder von Altherkömmlichen noch von Fortschrittlichen wissen wollen? Traurig ist e« mit diesen Siebenschläfern der Religion bestellt, weit mehr schaden sie mit ihrem Schweigen, als jene mit ihrer Rabulisterei! Wer kennt nicht das schwer wiegende Wort I n d i f s c r e n t i S m u S, diesen Feind alles Fortschritte-, diesen Schädiger alles Edlen und Guten! Weit verderblicher als die fanatische Wuth des Orthodoxen, weit schädlicher als die geschwungene Geißel deö Reformers wirkt der kalte, hinsicchende religiöse und soziale IndifferentiSmuS der namentlich in der Prager Israeliten Gemeinde eine unheimliche Stätte findet. Was kümmert den Einen die Baufälligkcit des religiösen Gebäude-, wenn er sich nur Palläste bauen kann, die ihm oft nicht rastloser Fleiß, sondern des Glückes Rad mit Leichtigkeit Hinrollen, was frommt dem Andern religiöse Einheit, wenn er seine Devisen steigen sicht und das Portcfenillc für die Bibel ansieht, was braucht ein Dritter den geregelten Sozialismus, wenn ihm der Gcldgefütterte Separatismus über Alles gilt, was ist ihm Religion, wenn er Eigennutz über Humanität, Wucher über Barmherzigkeit stellt und dm Geist der Spekulation für den Geist seiner Religion ansieht? Wie ein schleichendes Gift in das Ohr des Zeitgeistes geträufelt, wie ein nagender Wurm, der den Fortschritt untergräbt, wie ein sich einfrcssender Krebs, der an der Religion zehrt, unterwühlt der IndifferentiSmuS den religiösen und sozialen Boden, erschüttert den Frieden, reißt entzwei den Lebensnerv der Gemeinde und wird zum zerstörenden Princip, zum unheilvollen Instrumente, welches sich wie ein vergifteter Stahl gegen die eigene Brust kehrt. Darum mögen sich die Indifferenten ans ihrem Todcöschlafe anfrasfen, rastlos thätig sein an einem Werke, daS nicht Umsturz der Tradition, sondern Kräftigung derselben durch eine der fortschrittlichen Entwickelung und der daS geistige Vcbcii beherrschenden Wissenschaft angemessene Form bedeutet. Die Arbeit sei leine phisischc, sie sei eine rein geiartigen Backenbärte und de» luftballonartigcn Bauch weg, so werden sich Ihnen die Begriffe über dieses Bild kläre» und sic dürften sich dann daS llrthcil über diesen Mann leichter bilde». Jener hocligeioachscuc Ka mmcrvirlnos. im Reden brcitgcdrückt, schaut naturgcmäsi auf Manchen, der cs noch nicht zu seiner Höhe gebracht, von oben herunter und mißt ihn von unten hinauf. Das Gemälde versinnbildlicht „Täuschung auf Täuschung" und liefert den phisikalischc» Beweis, welchen Ruhen die Aerostatik oder die Lehre von der Aufgeblasenheit bietet. Gleich nebenan sehen Sie einen Mi'Vf, der den Sichcsnntallerwcltnichtverdcrbcr vorstcllt, der glänzende Lack um den Mund bedeutet den Honig, die Hände, etwas ansgebildctcr. eigne» sich so sehr zum Drücken und die Augen, die dem ganzen Gesichte den rechten Ausdruck verleihe», stoßen ebensowenig Bcrtrauen wie daS ganze Bild ein, das im Vorjahre in Leip. zig große Furore gemacht haben soll. Die beiden Bilder links und rechts stellen zivei Acrzte vor. der eine von ihnen hat die Präzis; den andern hat die Präzis aufgegcbcn. So schlau und ehrsüchtig der von mittlerer Statur zu sein scheint, so naturwüchsig und massiv scheint der andere von nuten nach oben anSgcbildete Hupochonder zu sein. Wenn Sie daS Bild des crstcrcn mit dem des letzteren vergleichen, stoßen Sie auf psnchvlogischc Schwierigkeiten. Beide scheinen jedoch die gleiche Eigenschaft, die der Launenhaftigkeit, z» besitzen, der eine mehr der andere weuigcr. Größeres Iutcreffe dürfte Ihnen daS erst kurze Zeit im Salon sich befindende Gemälde bieten. Es trägt daS Gemisch von Franz Moor, Wurm in Kabale und Liebe, Iago in Othello, Mcfisiofclcs in Faust an sich. Wollen Sic jedoch den rechten Ausdruck für da» Gemälde finden, so kleiden Sie sich im Geiste den Mann, den da- Bild rcpräscntirt, in eine schwarze, lange, mit Kapuze versehene Kutte, die vorne mit einem Gürtel zusammengehalten und ein da» Herz umschließende Schnürleibcl bedeckt, und setzen Sir dem Manne einen brettkrämpigen von beiden Seiten aufgestülpten Hut auf da» Haupt stige. Vor Allem beschäftige sich der Geist, dieses Triebrad des Menschen, mit der Jugend, die nach Erziehung lechzt wie der Wanderer nach einem frischen Trünke, er trete nicht hemmend der jüdisch religiösen Entwickelung entgegen und vereinige sich mit den gesunden Prinripien jener Männer, denen dielreligiöse Leitung anvertrant wurde. Sie auf der einen Seite zu wissenschaftlichen Borträgen ansbeuten, sie je nach dem Grade der Prunksucht zur Ausschmücku ig eines LeichenzugcS benützen, auf der andern Seite von sich stoßen, spricht für einen verwerflichen Charakter. Wird das rechte Maaß eingehalten, wird Achtung zur Haupt- und Sonder« intereffe zur Nebensache, wird sich der Idealismus von dem leider den Weltmarkt beherrschenden Materialismus nicht ganz verdrängen lasten, dann wird sich der schroffe IndiffercntiSmus, der seine Nahrung findet in Geschäftsspckulationen, im Streben die Eassa zu bereichern, in elenden Wucher, zu einem gewissen Ernst in eine ganz neue Phase treten, bei der Orthodoxie und Reform wie ein reines Luftgebilde erscheinen und die wahre Religion nicht zur bloßen Doktrin herabsinkt, sondern zu der höchsten geistigen Entwickelung und zur GotteSanschauung sich erhebt. Dr. Nau-nih und die Geschiistemacherei. Die hier erscheinende „Politik" brachte einige Tage hindurch eine daS Karthauscr St afhanS alterirende. in Pest, Prag und Iiiin sich abspiclendc Lieferungsgeschichte, in welcher vier Israeliten in die Aktion getreten sind und durch die Procedur und den Rollenwechsel nicht wenig dazu beitragen, auf Leute von dem selbstsüchtigsten Kaliber ein eigenthümlicheS Schlaglicht zu werfen. Uns in das WeitereundBreitere dieser krummgängigen Affaire zu ergehen, die vorgenanntes Blatt in gilt unterrichteter Weise, auf Grundlage wichtiger Dokumente schildert, die zur Genüge für den Mißbrauch jenes LiefcrungSabfchlnß cSdurch einige in Geld die höchsteStaatS- und Sie haben den jüdischen Liguorianer, wie er leibt und lebt vor Ihren Augen. Das lange fahle Gesicht, die matten aber dennoch Heuchelei vcrrathendcn Augen, der bitterböse Mund bilden sich zu einer unheimlichen Larve heraus, die den, pietntischen Tartuffe im Wollpclz charaktcrisirt. Der Maler scheint alle Kunst aufgeboten zu haben, um der Ratnr den gebührenden Tribut zu zollen und dem Beschauer in diesem Bilde die Frömmelei, die höhere Einbildungskraft. Tücke. Neid, Misgunst beschaulicher zu inachcn. DaS Bild seitwärts rcpräscntirt einen Mann aus dem Volke, deffen Kradhcit im Gesichte so ziemlich ausgeprägt ist; doch schien der Mahler mit einem Pinselstriche temporäre Raschheit andcuten zu wollen, das weiße Halstuch ist zum Sprechen ähnlich. Abseits bemerkcn Sic das Conterfci eines talmndischen Advokaten, deffen ganzer HabitnS eher auf einen Rabbinatsaffcforcn alS auf einen Juristen schließen läfft. Nicht weit von diesem Bilde befindet sich eine spindeldünne Figur a la Knaak, die sonst auf der Welt nichts wäre, wenn eben Geld nicht AllcS wäre. Diese Figur spielt sich gerne auf einen gebildeten geistreichen Mann hinauf, der seine GcistcSblößen mit einer sorgfältig mcmorirten Stilanfgabe zu verdecken sucht. Der Maler wollte wahrscheinlich den „Schwätzer von Saragoss-i" mahlen. In dem Bilde, das in der Ecke figurirt, schien sich der Künstler alle Mühe genominen zu haben, einen aristokratischen Financier darzustcllen, allein cS gelang ihin nicht ganz, möglich daß daS Grcisenaltcr daran Schuld trug, in welchem die Urzüge durch daS Faltengebilde oft hervortrcten. möglich, daß der GestchtsauSdruck dem Mahler Hindernisse bereitete. Die beiden letzten Bilder, in Medaillonform, sind werthlose Stücke, das Eine in O e h l. bietet gar kein Intereffe, daS andere zeigt die vergoldete Arroganz cmcS ehemaligen KommiS. deffen Engherzigkeit mit dem Mammon Geld eine Allianz geschloffen hat. Sämtliche Bilder werden zuweilen von den Sekretär auSgepntzt.