Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 6 (4.2.1870)
- Date
- 1870-02-04
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
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55 de» Satz, der dem Zeitgeiste ganz zuwider laufenden Paragraph« onlagern ließen, suchten die Anderen durch die pneumatische Wanne des Fortschrittedie vergilbten Fragezeichen mancher radbinischen Thesen zu läutern, um gewissermaßen ein filttirte- Iudenthum zu erhalten. Man irrt sich jedoch bedeutend, wenn man der Ansicht huldigt, da- Iudenthum leide unter solchen Einflüssen man möge sie nun ehrlich oder egoistisch nennen, nein! eS verhält sich grade umgekehrt, das Judenthum wird durch dasich Aufrafscn schlummernder Kräfte grkrästigter, denn da- Iudenthum alsolchekann nicht vernichtet werden, ob uun an dem Gebäude die Hildesheimer, Hirsch oder die Geiger, Philippsohn, Aub rütteln. Sie richten s i ch vielleicht, aber nie da- Gebäude zu Grunde. Wie gesagt, rist schwer in dos Gemüih jede- Einzelnen dieser Männer zu schleichen, i m sich von ihrer Urbcrzeugung-treue zu überzeugen, oder in du» Ganzen ein Comödicnspirl zu erblichen, von dem die Parteien so sehr entzückt sind, daß sie mehr der eigenen Leidenschaft als der ehrlichen Anschauung folgen. Der ewig noch Borwärts drängende Trieb, die Furcht der Orthodoxen vor der Ueberwnchcrung der Nrologie, der ousstrebende Geilt der Reformer, trotz aller Aufklärung-- und Nrucrungssucht über die Orthodoxen den Triumph davon zu tragen, den sie als Siegeszeichen de- Fortschrittes und der Wissenschaft der geistigen Welt verkünden wollen, beide Gegner arbeiten nach entgegengesetzten Richtungen aber sie begegnen sich immerhin in Einem Punkte sie treffen sich im wahren Zudcnthume znsen men. Durch diese Umstände, dr» ch dieses geistige C ch wertergellirre werden die Interessen des Iudcnthums genährt,und derEinn für dieselben gehoben. Aus diesem Knäuel der heterogensten Anschauungen hat sich die Idee zu einem erhabenen Merke hcrausentwickelt, das zur Ehre dcS ZudenthumS und seiner Anhänger zu einer jüdischen »lmrr mater, zu einer Hochschule für die Wissenschaft des JudenthumS, wie rin kräftiger Bau entstehen wird. Conform den Universitäten soll das erste Institut dieser Art ein uoiveikurn für die Wissenschaft des Indrnthunis, ein Quell für wissen-durstige Jünglinge, ein Born der heiligen Hanse t jene weihevolle Verehrung l'ril’clicltcn werde, die ihr seliger Gatte zu verbreiten verstand, kränkte sich darüber. „Mein Cohn," sagte sic oft zu Ernst; »nie kurz und schnell sind deine Gcbcthc"! — „Mutter aiitwartctc Gruft;" Gatt gcu ü g r t dir Religion d e S Herzen $." * „Mein Cohn!" sagte sic einige Tage hierauf, „ich sehe dich gar nicht bethcnl" — „Mutter" versetzte Ernst „Gott will di e Religio» deS H er z c u s." „Aber niei» Cohn! Tu besuchest so feiten das Gotteshaus!— Du gehest gar nicht ins Gotteshaus! — Warum cutziclicst Du Dich ganz dem Vesuche des Gotteshauses? — — Heute ist ein Frsttag; Du solltest diese» Tag zu Ehre» Gottes feierlich begehen I" — Ernst aiitirortctc immer: Gott genüget die Religion drS Herzens." „Aber, thcucrcr Cohn! Morgen ist Fasttag, Du wirst doch denselben nach Vorschrift halte»? — Ernst antwortete:" Gott verlangt das Fasten nicht, sonder» — das Herz." Aus ähnliche Weise antwortete Einst der Mutter, so ost sie ihn ouffordertc, irgend eine religiöse Andacht oder Zeremonie zu verrichten und weder die weisen Vorstellungen noch dir Herzensspräche der Mutter vcimrchte ihn, von seinem Vorsätze abzulniugen. Dennoch dachte Ernst bei sch: „Meine Mutter ist eine tugendhafte, froiunie Frau, aber sie ist ei» Weib; dem Manne geziemt eine m a unha stere, eine erhabenere Religion." — ES kam so weit, daß die Mutter schon verzweiselte, ihm durch Vernunstgründe und eindringliche Worte diese Mrinnng zu benehmen. ES vergingen nun einige Wochen und dir gewöhnlichen Diskußionen über diesen Gegenstand unterhlieben, die Mutter erwähnte nichts mehr davon. Ernst gesirl dieses Stillschweigen, als wenn es ein stilles Gefiändniß seines Sieges wäre. Drch überbot sich die Mutter in Aeußerungen ihrer Liebe; es schien, als wenn sie ihn jetzt mehr wir früher liebte. Und Linst — er bemerkte wohl dir- Sprache und der mit derselben verknüpften Wiffenschasten sein. Und wenn auch diests Werk nur durch Etiftnng-kapitalien und Beiträge erbaut und erhalten werden soll, so braucht Einem bei dem nnvergleichlichen Wohlthätigkeit-sinne der Berliner Juden nicht bange zu werden; denn waS diese Juden schaffen, schaffen sie nie zur Hälfte, daschaffen sie ganz, das führen sie mit eminenter Ausdauer, mit Geschmack und Bolllommenheit durch. Groß und erhaben ist die Idee, groß und erhaben wird da- Monument sein, dajene Idee verlörpern wird. Wissenschaft mecht frei, erhält-aber anä>, Wissenschaft fördert nur da- Iudenthum und festigt cS in seinen Grundfesten. Rur Einewünschten wir, daß nur die Wissenschaft und nicht die Parteirichtnug auf der Lehrkanzel Platz greife, damit auS der zukünftigen Hochschule nickt Idioten, Zweister oder Jesuiten, sondern charakterfeste Männer, aufstrebende Geister hervorgehen, die ans dem Standpunkte der Humanität und Wissenschaft da- Banner dewahren geläuterten, allen egoistischen Principirn entfernten Ilidciithums Hochhalten. Hadern 28. Iäner (0.- K.) Unsere Gemeinde ist viel zu wenig groß, aldaß sie von großen Ereignissen bespült werden könnte, und so ist für uns ein Ereignis, sobald esich an unserem engen Horizonte zeigt, bedeutungsvoll. Dicßmal ist edasiebzigjährige Altrr-jubilänm de- Lehrerder hiesigen concessionirten jüd. Bvlk-schule, Herrn Josef Ullmann, der mit dieser Feier auch eine virrffgjährige Lrhrthätigkeit krönte. Die beiden durch Gesetze der Natur und de- Geisteentstandenrn Bcgcgnisse boten der ganzen Gemeinde die Gelegenheit diesen Tag mit ihrem Lchrer festlich zu begehen. Eö fand eine förmliche Feierlichkeit statt, der die wütdcvollc Ansprache deeigenhiehcr gekommenen Rabbineran- Jenikau Sr. Ehrwürdcn Herrn Spitz, eiik flftlichc- Gepräge verlieh. Einen würdigen Nachhall fanden die' Worte desselben in der Rede de- Eultu-vorstehcrde- Arzte- Herrn Krau-; auch Schüler beglückwünschten in passe besondere» Zeichen der mütterlichen Liebe. Wen» er aber s-'ne kindliche L'-bc änsicrtc, so wurde er gewahr, daß diese von der Mutter mit einer gcwrßc» Kälte, mit schlecht vcrhülltci» Unwillen aufgcnommc» wurde. Und dieser Unwille, diese Kälte schienen mit -er Zeit zuznneh. men. Ganz rvbitteit bierübcr wollte schon Ernst der Mutter Vorwürfe machen. — „Dn liebest mich also nicht mehr;" - allein er konnte es nicht, dein» auS jeder Corge entfaltete sich reichlich die mütterliche Liebe. Er war ganz, uvzrrsricdc» beschämt, ganz außer Faßmrg, deim die Kälte gegen seine liebevolle» Aciißernngen nahm zu, Hundertmal wiederholte er, überströincird von Zärtlichkeit und mit schwcnuüthigcn .Herzen der Mutter die Worte: „Ich liebe Dich; wisie es, ich liebe Dich über Alles in der Welt." Auf tausendfache Weise schilderte er der Mutter seine kindliche Liebe; jedes Mal aber schnitt ibm die Mutter die Morte mit der Aerißerniig abr" ES genügt, es genügt; ich weiß daß Du mich liebst, es ist unuütz, cS zu wieder!'ole». Dstnial warf sich Einst im llclcrmaß seiner (iiMiditn '?>ärtlichkcit in ihre Arme und drückte sie a» seine Vrust; die Mutter wies ihn ober sauft mit den Worten zurück: „Last dasl Laß esk Ich weisr, daß D» mich liebst, und das reicht hin." - Auf diese Meise wurde jede zärtliche Aeußerur g zurückgewiese». Eines Tages konnte Ernst sich nicht mehr meistern, und ries mit sel nrerzlichen und wehmüthigen Tone aus: „D theuere Mntterl Ist Dir nreiirr Liebe nicht mehr.ongenel n>? — Warum stößt Du mich zurück? Wan:i» erwiederst Dn mit so vieler Kälte meine Herzensergießungen.? „Werl, versetzte dir Mutter mit rincnr Lächeln von süßer Melancholie," weil Du—kein Kind mehr bist. Deine Liebe soll würdevoller, niannhalter sein. Dieses alles sind vergebliche Leichen. — Bewahrt mir nur dein Her); in diesem Heiligthum» will ich meinen Wohnsitz haben. Ich weiß, tu liebst mich, und — daS ist genug." 6*