Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 5 (24.1.1870)
- Date
- 1870-01-24
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4890378-5433916-5434005--518-4890841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SEBffen) Kone schomajim woorez (Schöpfer des Himmels «nd der Erde) dachten — alle diese drei Begriffe vereinigen sich jedoch in dem Einen, — einer schöpfenden, schaffenden unsichtbaren Urgewalt,— einer Kraft aller Kräfte,— einem Sein alles Seins. — Das ewig Schaffende und Schöpfende ist aber mit dem Geschaffenen und Erschöpften im steten Wechsel begriffen, — eS ist ein ewiges Kommen und Gehen, — ein Werden und Aushören — es ist eine nimmer stehende Gewalt! — Die Erde, wie selbe mit all ihren Gebilden geschossen ist, ist in einem fortwährenden chemischen Proceß begriffen, was heute verweset, erstehet morgen, und daS was selbst im Gase sich verflüchtiget, als Kohlensäure den verwesenden Körpern entsteiget, wird ebenem Schaffenden und Geschaffenen zugleich, diese Säure verwandelt sich in Stoff, und dieser Stoff ist Fleisch, — ist Körper überhaupt, — denn nicht ein Athom am großen Erdball geht von dem Vorhandenen verloren. - Die schöpfende und schaffende Urgewalt selbst, welche heute den Körper verwesen, morgen erstehen lässt, diese in der Natur auögegossene Allmacht war als ein mcthaphisischcS Etwas als die über Alles gebicthende Kraft, als Lenker aller Schicksale gedacht, von den Hebräern in diesem Sinne als Gott verehrt, als El-schaddci als allmächtiges El-eljon allerhöchstes Kone schomajim woorez schöpfendes Wesen des Himmels nnd der Erde- Der Mensch jedoch, welcher als solcher hier den chrmi» schen Proceß durchmacht, um alö Scholle wieder zur Erde zurückzukehren, von welcher er kam, dessen Geist aber eine metaphisische Bedeutung hat, brauchte um seiner wahren Bestimmung im Erkennen des Ewigen zugeführt zu werden, eine andere Auffassung von demselben Wesen, was er bereits in richtiger Erkcnntniß verehrte. — Schadei die unsichtbare lenkende Gewalt ist zwar der richtige Begriff der Gottheit, — denselben, welche wir Juden noch heute verehren, aber er mußte erweitert, vervollständiget werden, — nicht ein neuer Begriff vom Ewigen wurde durch die citirten Stellen der Thora eingesührt, — sondern bloß eine Erweiterung des Bestehenden wollte Gott durch Moses geben. Würden wir nähmlich Gott bloß als schöpfendes allmächtiges Wesen betrachten, innig verbunden mit seinem lrranz und Humanität seines Freundes Mendelssohn ein ewiges Denkmal in seinem „Rathan" stiftete, dcsicn „Geschichte von den drei Ringen" zu dein Herrlichsten gehört, was nicht nur die deutsche Literatur, sondern die Menschheit überhaupt aufzmveiscn hat. Einen dem Lavater'schcn ähnlichen, aber noch ergreifenderen Verdruß zog ihm sodann Friedrich Heinrich Jakobi'» Schrift „lieber die Lehre dcS Spinoza" zu. indem Lcsting »ach seinem Tode als rin offenbarer Anhänger des Cvstcms dieses Philosophen dargcstcllt j wurde. Den eifrigen Pcrthcidigcr der reinen Pcrnunftreligion. den Verfasser des Nathan, den grlcscnstcn- Cchrislstcllcr der Deutsche», deö Cpinozismus beschuldigen, und zwar in der Art, wie es Jarobi gcthan hatte, hieß denselben nicht blos als Atbeisten nnd Gottesleugner, sondern auch als Spötter und Heuchler der Welt darstrllcn, hieß der deutschen Ration ein gefährliches Mißtrauen in dir Grundnnd Lehrsätze eines ihrer größten Schriftsteller einsiößc». Mendelssohn mit seinem für seinen verstorbenen Freund dem er selbst eine» großen Ühcil seiner Bildung verdankte, so warmen Herzen konnte die Asche dieses Freundes nicht so nmthwillig erniedrigt und preisgegebcn sehen. Er achtete nicht die matten Kräfte, welche rr durch die Ausarbeitung des nun eben vollendeten erste» ThcilcS feiner „Morgenstunden" erschöpft hatte, er überwand seinen erklärlen Abscheu gegen Streitigkeiten nnd insbesondere Rcligionsstrcitigkcitcn. Er wollte sogleich den erste» Eindruck vertilge», den die Jarobische Schrift gemacht hatte, und so opferte er bei der Ausarbeitung der Schrift „MoscS Mendelssohn an die Freunde Lessmgs" den letzten Rest seiner Kräfte auf. Bei bcc- Wallung, die diese Arbeit in seinem Blute hervorgcbracht hatte, nnd bei der ohnehin schon so großen Schwäche seines Rervensystemi bedurfte e» nur einer leisen Erschütterung und—Mendelssohn war verloren. Dirser öufall ereignete fich wirklich durch eine Erkältung, die er Werke der Schöpfung selbst, so könnten wir uns nur zu bald den Ansichten der Atheisten von hent n Tage hinneiaen und sagen „die Natur ist Gott," denn unter Natur mit ihren Kräften verstehen wir nicht nur da- Geschaffene, sondern daS Schaffende selbst, jene unbekannten Kräfte welche den ganzen Proceß des ewigen Werdens durchzusühren berufen sind. Es liegt der scharfsinnigste metaphisische Unterschied zwischen der Natur und der schaffende» Gottheit Gott 'st überall in jedem Baume, jeder Blume, in de- Men'schenhrrzen engsten Kammer, die Natur ist überall, ihre Kräfte wirken überall, weil dicsclbe Ausflüsse der Gottheit sind daher integrirende Beftandtheile derselben. — Nun wie'leicht wäre der menschliche Geist und besonders unter den traurigen Zuständen, als damals die Hebräer lebten bei den einfeitigrn Auffassung einer bloß schaffenden höchsten Gewalt zu dem Glauben an die Natur „zu einer Verwechslung mit der Gottheit gelangt? Deshalb fand es die höchste Weisheit am Platze zu verkünden seinem Volke, daß Er der „Ewige" der nie wandelnde, der immerwährend gleichblcibcndc Gott ist Nicht bloß dcr Schöpfer der Allmacht, anSgegcssen in der^ selben ist Er, dessen Name unser Mund preiset, — sondern'- außer dieser seiner Kraft steht er immer gleich nnd mit ihm jciiic Gesetze, sein Wille. —; Die Werke der^ Allmacht sind wunderbar, — wo heute ein duftender Hain; ist in Jahrhunderten traurige Oede, — wo heute dcr blühende Jüngling ist in Jahrzchcnden modernder Staub - heute der goldbeficdcrte Schmetterling ist in zwei Monden rin Stäubchen Erde, doch wie heute die Sonne schien, schien dieselbe vor tausend Jahren, wie heute der Mensch gezeugct, ward Abraham schon erzeugt, wie heute der Lenz entzückt, entzückte in Eden er schon. — Dieses, ewig bleibende N a t u r g e f c tz ist wie die Gottheit, welche sich der Ewige hieß. Der bleibende nie wech, sclndc Gott — nannte sich als legislatorische Gewalt, welche die einmal gegebenen Gesetze eben so nicht ändert, wie Er sich selbst nie ändern kann. — Als solchen kündigte er sich MoseS an, und in den Worten: „Ich werde sein, welcher ich sein werde" wollte er eben das Unveränderliche seines Sein'S manifestieren, denn der schöpfende Gott allein wird nie da« sein waS er sein wird, denn in der Allmacht auögegoffen stcki zuzog, als er ivcgcn dcr Herausgabe seiner Schrift ausgcgangen war. Er starb den 4. Januar 1780 im .'»7. Fahre seine» Alters, von seinen Schülern nnd den Gebildete» seiner Ratio», von den Freunden dcr andern tief betrauert. Mendelssohn s literarische Arbeiten betreffend, so sind sein gediegenes „Phädon" oder über die Unsterblichkeit dcr Seele auch ins Hebräische übersetzt, zuerst Berlin >707. und seine wichtigen tlrincn philosophischen Schriften 2!l,le.—zuerst Bern l70t — am öftersten aufgelegt worden, seltener seine rlaffischc Uebcrsctznng dcr Psaliuen. In seinem „Jerusalem" oder „lieber die religiöse Macht nnd Indenthnm" legte er dcr Welt die trefflichsten Ideen vor. U’clÄjc Bornrthcilc, die seit Jahrhunderten befestigt waren, geradezu angegriffen. — Mendelssohn war von kleiner Statur, sehr hager, verwachsen. Seiner bräunliche» kränklichen tKcsichtSsarbc sah man da» Leiden des Körpers an. Sein Angc war feurig, sei» Blick durchdringend. Im bespräche anmuthig. unterhaltend nnd sehr witzrcich. ES lebcn noch jetzt im Munde des Pulkes viele Anerdotcn über ihn, welche znsanimknznstcllcn die Mühe des Sammlers lohnen würden, Friedrich dcr Iwcite, der einmal eine Abneigung gegen die Inden gefaßt nnd von ander» Gegnern noch darin bestärkt wurde, strich Mendelssohns Name» in der von der Berliner Akademie dcr Wiffenschaft ihm überschickten Liste der neu zu erwählenden Mitglieder. „O," rief Mendelssohn, ich gräme mich nicht darüber; nur alsdann würde es mich schmerzen, mit würdigen Männern in einer solchen Berbrüdening nicht stehen zu dürfen, wenn mich die Akademie nnd nicht der König davon ansgeschloffen Hütte." 6*