Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 4 (21.1.1870)
- Date
- 1870-01-21
- Page
- Seite 39 (sequence 5)
- Language
- German
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39 IFÜrth musste uns daS Dekret der Repräsentanz doppelt überraschen. Einem Manne, der nach einer fünfzigjährigen AmtSthätigkeit eigens von Eidlitz nach Prag übersiedelte, um daselbst von den langjährigen Mühen auSzuruhen, ein Amt übertragen, das an und für sich beschwerlich, einem siebenzigjährigen Manne um so beschwerlicher wird, spricht abermals für die Kurzsichtigkeit der Repräsentanz. Man müsste jedoch einen hohen Grad von Verschlagenheit besitzen, sollte man nicht in dem ganzen Provisorium eine Demonstration gegen Personen erblicken, derentwegen man eS vorzog, in geheimer Sitzung zu verhandeln. Wir hoffen noch demnächst auf diesen Gegenstand zurückzukommen. *,* Uebertritt. Herr August Oppenheim hat seinen Hebertritt zum Iudenthume angemeldet. %* Ifraelitenspital. In allen anständigen Spitälern der Welt, wohnt einer der Aerzte, nur daS Prager Israel!^ tenspital macht hievon eine Ausnahme. Da die Besetzung der erledigten Sekundararztstelle in nicht ferne Aussicht steht, so erwarten wir im Interesse der Spitalskranken, daß im Ifraelitenspital die Institution getroffen werde, einen HauS arzten anzustellen. Heiratrausstattungsstistungen. Die Kaiserin Elisabeth. Stiftung zur Ausstattung eines mittellosen israelitischen Mädchen auS Prag ist für das Jahr 1870 im Betrage von 476 fl. 90 kr. zu verleihen. Bewerberinen haben ihre Gesuche biS zum 10. Feber l. I. bei der israelitischen Kultusgemeinde-Repräsentanz in Prag einzubringen. — Die Rachel Lucka'sche Heiratsausstattungsstiftung für Bräute aus der Verwandtschaft der Rachel Lucka von 121 fl., nebst der Ester Bondi'schen Zustistung von 39 st. 37 kr. und die Säinuel Lucka'sche Ausstatttmgsstiftung für Bräute aus der Verwandtschaft dcS Samuel Lucka von 84 fl. nebst der Ester Bondi'schcn Zustiftung von. 39 fl. 37 kr. kommen für daS Jahr 1870 zur Verleihung. Gesuche sind bis Ende Jäncr 1870 bei der israelitischen Kultusgemeinde-Rcpräsentanz in Prag einzubringen. Äug dem Gerichtssaale. Jüdischer Yertheibiger von Judenfeinden. Im Dezember vorigen IahreS wurde in dem Pribramer Gasthause des Israeliten Adolf Werner eine Scene improvisirt, die schlagende Beweise lieferte, daß da« intcrkonfeffionrlle Gesetz gar Manchen unberührt lässt. Unter einem förmlichen Pclotonseuer von Maulschellen, in daS die Iran Wirthin sammt ihrem dienstbaren Geist gerathen, nnter dem Schmettern znsammcngetrommelter Fensterscheiben, gewann der etwas tragigkomische Vorfall eine solche Ausdehnung, daß er sich zu einem Gaffenexceß vervollkommuetc, der sich in der unmittelbarsten Nähe des Ladens von Jakob Spitz abspielte. Die Fensterscheiben des Auslagekastens wurden zerttttmmert und auö einem dichten Mcnschenknäuel, der sich vor .dem Laden dcS Leopold PorgcS bildete, ließen sich die Worte deS MilitärnrlauberS Fr. Dobiafch vernehmen: Zerschlagen wir auch diesem^Iuden seinen Kasten, ich bin Soldat, muß für sie nach Dalmatien hmuntergehen und die Judcnkerl machen sich hier breit." Am 18. d. M. befand sich nun in Prag Dobiafch mit seinem Mitschuldigen Franz Mach« auf der Anklagebank, die von dem Vertreter der Staatsbehörde Herrn Ramisch des Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit nach § 82 St. G. angeklagt sind. Reumüthig bekannten sich die Angeklagten zu der Urheberschaft des ExceffeS, betheuerten jedoch denselben im Zustande der Trunkenheit verübt zu haben, dem die vernommenen Zeugen widersprechen. ' Der Staatsanwalt beantragte für Dobiafch 9 Monate und für Mach« 4 Monate Kerker. Die Vertheidigung der Judenfeinde führte 'zufällig der sehr renommirte, auf dem Felde der Vertheidigung in Strafsachen gewandte israelitische Doktor Zucker. Indem der von dem besten Mittel der Moral durch dieselbe auf Her; und Gemüth zu wirken, Gebrauch machte, um die Uebereilten zu beffern, löste er mit meisterhaften Geschick seine ihm jcdenSfallS schwierig gewordene Aufgabe, die ihm alS Juden um so schwieriger geworden. Nicht ostentirend oder durch eine zweifelhafte Philippika die Schuld der Angeklagten zu betonen, um den Antrag des Vertreterder Staatsbehörde nicht abschwächen zu wollen, wirkte er mit, man könnte sagen, väterlichem Gefühle durch folgende Worte auf das Gemüth d.r Angeklagten: „Es däucht'mir," betonte er mit dem Ausdrucke eines gewiffen Mitleids, „daß ihr den ganzen Vorfall vom Herzen bereuet, nicht wahr, so saget eS doch, bevor der h. Gerichtshof das ttrtheil schöpft." Dieses probate Mittel der Moral wirkte. ,OH, freilich, gnädiger Herr, eS wird auch nicht mehr geschehen* meinte Dobiafch, dem der jugendliche Macha unter Thränen zustimmte. Der Gerichtshof, dem der LandeSgerichtSrath Herr Neumann präsidirte, beherzigte die Reumüthigkeit und ging auf den Antrag de- H. Staatsanwaltes nicht ein, sondern verurtheilte Dobiafch wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit zu sechs und Mach» zu vier Wochen Arrest. Inland. Igiau. Hr. M. Müller, ein geborener Insbrucker, Ingenieur der Nordwestbahn in der Station Iglau in Mähren lernte hier Fräulein Regiena Pick, Tochter eines israelitischen GlasermeistcrS kennen und lieben. Da weder er (Katholik) noch sie den augborenen Glauben wechseln wollte, so entschloß sich Herr Müller, um daS italienische Staatsbürgerrecht zu bewerben, um auf Grund der dortigen Lau» deSgesctze eine Mischehe einzugehen. Die Trauung findet nun nächste Woche hier in Wien insder^Hauskapellc der Italienischen Gefandschaft am Kolowratring statt. Wien. In die Wohnung dcS Börsenagentcn Philipp Herrschmann, Leopoldstadt obere Augartcnstraße Nr. 23, kam vorgestern NachmitagS ein Dienstmann und überreichte 'der allein anwesenden Gattin desselben einen Brief, worin ihr Mann sie anffordertc, dem Uebcrbringer 3000 fl. allsoglcich zu übergeben, welche Summe er für einen Herrn Stockreitcr bcnöthigc. Die Frau welche die Schrift nicht als die ihres Mannes erkannte, schickte den Dienstmann mit dem Bedeuten fort, daß sie srlbst auf die Börse gehen und das Verlangte mitbringcn werde. DaS that sie auch wirklich und nach genommener Rücksprache mit ihrem Gatten stellte eS sich heraus, daß irgend ein Schwindler, die Verhältniffe de- Herrn Herschmann kennend, diese zur Ausführung eines Betruges benützen wollte was jedoch an der Vorsichtigkeit der Frau scheiterte. Derlei BctrugSsälle stehen bereit« seit längerer Zeit nicht vereinzelt da. — Die Handelskammer- Wahlen in Triest ergaben folgendes Resultat: Bicco, Präsident; Morpurgo, Vize-Präsident. Börscn-Dcputirter A n g e l i, B r ü ll, E s ch e r, G a d d n m., K o n o.w, P r e n t t, Salem, Vivan te. — Der Vorstand der israelitischen KultuSgemcinde in Wien hat schon in den Jahren 1834 und 1856 der Landesregierung eine Eingabe mit der GenesiS dieseS Spitals vor mehr als 154 Jahren unterbreitet, das, ohne irgend einen Fond zu besitzen, durch Beiträge von den Gemeindemitgliederu erhalten wird. Zugleich wnrde hervorgehobcn, daß die überwiegende Mehrzahl der Hilfesuchenden arme zugereiste GlaubenSgenoffen sind, weshalb nur ein verschwindend kleiner Theil der bedeutenden ErhaltungSkosten durch zahlende Kranke gedeckt werden kann. Die KultuSgemeinde stellte die Bitte, die Landesregierung möge sich bestimmt finden, derselben bei Einrichtung der VerpflegungSgebühren für die im hiesigen Israeliten-Spitale verpflegten auswärtigen Kranken durch Einflußnahme der k. k. Behörden zu nnterstützen. Die Verhandlungen führten jedoch damols zu keinem Resultate. Die verhältniffe gestalteten sich immer