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Die Gegenwart · 1870-01-21 · 4 (21.1.1870) · p. Seite 37

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
4 (21.1.1870)
Date
1870-01-21
Page
Seite 37 (sequence 3)
Language
German
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37 — i -«halten bestrebt sind, sie verlangt ein Mittel, durch daS der drohenden Demoralisation ein Damm gesetzt und daS noch für EdleS und Gutes empfängliche Gemüth der Jugend nicht hinsieche und gegen die heiligen Lehren abgestumpft werde. Wie seltsam sind diese Contrastc, von denen der eine einen Mann verlangt, der sich für die Untersuchung der Speiseröhre einegeschlachteten Rindes oder des Magens eines Geflügels auf den OberrabbinatSstuhl Hinzaubern lüsit, der andere ein System für nothwendig hält, das einen kompakten Körper bilden soll, der alle Widerwärtigkeiten bekämpfen, alle Ansprüche befriedigen soll! Indem wir uns dem Wunsche der Majorität der Gemrindemitglieder anschließen, glauben wir der Repräsentanz, bevor die Stunde der Entscheidung über das Oberrabbinat schlägt, folgenden Rath ru rrtheilen, der gewiß nicht verfehlen dürste, der Anerkennung der Majorität der Repräsentanz gewürdigt und zum probaten Mittel zu werden, eine Fusion der verschiedensten Anschauungen in den kompetenten Kreisen herzustellen, die gewiß die Keime einer sich allmälig herausbildenden religiösen Parteirichtung zu unterdrücken im Stande wäre. Der erste Schritt. zu dieser Amalgamirung kann kein Oberrabbinat,.sondern nur ein,,Rabbinatökollegium sein. So wie man es seiner Zeit zu würdigen wusste, die Dorstrherstrlle durch eine Repräsentanz bestehend aus mehreren Mitgliedern, die die administrativen und kultuellen Angelegenheiten ordnet, zn ersetzen, so möge man nach diesem Muster eine Repräsentanz schaffen, die uubeeinflusit, aber immerhin der CultuS-Repräsentanz koordiuirt, die religiösen Angelegenheiten zu ordnen berechtigt ist. Die Elemente sind gesunden, wenn mau die in ihrer Stellung als Synagogenrabbiner definitiv verbleibenden zn einer Vertretung zusammentreten läßt, die unter sich ihren Borsitzenden wählen nnd die religiösen Geschäfte unter einander vertheilcn. Daö von dieser geistlichen Bertretrmg auSgearbeitete Statut muß, bevor dasselbe von der Behörde bestätigt wird, der CultuS-Rrpräsentanz zur Begutachtung vorgelegt werden, um so jeder klerikalen Ausschreitung im BordelSsohn mit einem offenen Briese widmete, welcher folgendermaßen lautete: „Ich kenne Ihre tiefen Einsichten, Ihre standhafte WahrheitSliebe, Ihre unbestechliche Unparteilichkeit, Ihre zärtliche Achtung für Philosophie überhaupt und die Bonnet'schen Schriften besonders nnd unvergeßlich ist mir jene sanfte Bescheidenheit, mit welcher Sir, bei aller Ihrer Entfcrntheit von dem.Christenthum, daffelbe brurtheilen, und die philosophische Achtung, die sie in einer der glücklichsten Stunden meines Lebens über den moralischen Charakter seines Stifters bezeigt haben, so unvergeßlich und dabei so wichtig, daß ich es wagen darf, Sie zu bitten, Sic vor dem Gotte der Wahrheit, Ihrem und meinem Schöpfer und Vater zw bitten und z» beschwören: nicht, diese'Schrift mit philosophischer Unparteilichkeit zu lesen, und daS werden Cie gewiß ohne mein Bitten selbst thun, sondern dieselbe öffentlich zu widerlegen, wofern Cie die wesentlichen Argumentationen, womit dir Lhatsachcn drS ChristcnthumS unterstützt sind, nicht richtig finden; wofern sie dieselben aber richtig finden, zu thun, was Klugheit, Wahrheitsliebe und Redlichkeit Cie thun heißen — waS SokrateS gethan hätte, wenn er diese Schrift gelesen und sie unwiderleglich gesunden hätte." Das war eine schwere und bittere Stunde für den armen Mendelssohn, als er diesen Brief empfing und las. Wohl durchschaute er die zweideutige Falle, welche hinter diesen anscheinend liebevollen Dorten lauerte. Als Jude konnte und durfte er die Schriften Bonnet's nicht widerlegen, ohne das Christcnthum selbst anzugreifen, wogegen sich seine Klugheit nicht minder wie seine Duldung Andersgläubiger sträubte. Mußte ihm nicht biq. Rücksicht auf die gedrückte Lage seiner Glaubcnsgenoffen die Hände binden? Seine Entgegnung, so mild auch diese ausgefallen wäre, hätte sämmtliche Zeloten aufgebracht, zu neuen Beschuldigungen und Versolgungen gegen die Juden Veranlaffung gegeben. Aus der andern Seite konnte er ebensowenig auf die öffentliche Aufforderung Lavaters schweigen; das hieß, ihm oder vielmehr Bannet Recht geben, hinein zu begegnen.- Dem Statute muß ein Programm jedes einzelnen Rabbinervorangehen, in welchem der religiöse Standpunkt und die mit demselben verknüpfte Richtung Nar dargethan werden, jene Elemente, die sich einer excentrtsch freisinnigen Auffassung in die Arme werfen, haben sich für die Vertretung unmöglich gemacht. Den Synagogenrabbinern kann noch ein oder der andere Gelehrte, der sich mit der Lösung religiöser Fragen beschäftigt, beigegeben werden, wenn schon nicht einmal ein einziger der Rabbiner von dem allwissenden kaufmännischen Repräsentanzmitgliede. daalein lalmudische- Monstrum gelten will, ein Beglaubigungsschreiben erhalten kann. Der für die Anstellung eines OberrabbinerS präcisirte Gehalt soll in gleichen Theilen an di« Mitglieder der religiösen Vertretung als Adjutum verabfolgt werden, ohne daß dieselben in ihrem Synagogengehalte verkürzt werden dürften, weil selbstverständlich der Wirkungskreis nach Außen hin ein größerer, während der nach innen von der neuen Thätigkeit nicht alterirt wird. Durch dieses System wird nicht nur die Existenz der Synagogenrabbiner eine bessere, sondern auch die Kluft, 'die sich zwischen dem einen und dem andern gebildet, wird aus« gefüllt und eine gewisse Einheit erzielt, die zur Einheit in der Lösung ritueller Fragen stihren und die sonst divcrgirenden Anschauungen auSgleichen kann. Eine solche Vertretung macht ein Oberrabbinat*) ganz entbehrlich und die guten Erfolge sowohl als die Fehler treffen eine ganze Körperschaft, während im entgegengesetzten Falle eine einzige Person die ganze Verantwortlichkeit auf ihren Schultern trägt; dabei ist nicht außer Acht zu lassen, daß von den Behörden ad; verlangte Gutachten im Schooße eines Collegiums eine genauere und zutreffendere Lösung finden als in der individuellen Beurtheilung eines Einzeln. Wir erfreuen un», so *) Die Mustrrgemeinde iu Berlin, di« über 30000 Jude» zählt, weist gleichfalls^ «in Collegium aber kein Oberrabbinat nach, ebenso Wien und andere große Gemeinden in Deutschland, die noch immer solche Frömmler besitzen, wie fl« uns dir hiesige Repräsrutanz bietet. seine eigene Religion verdammen, seine innersten Ueberzengungen verleugnen. Man hatte nichts Geringeres von ihm verlangt, als sich taufen zu lasten, wenn er nicht im Stande wäre, die Beweist für das Christrnthmn zu widerlegen. Was sollte er thun? — A»n meisten aber schmerzte ihm die Indiskretion LavatcrS. die jrsutti. schc Schlauheit, womit der Freund ihm nur die Wahl ließ zwischen Abschwöning seines Glaubens oder einen ebenso gefährlichen, als seiner Natur widerstrebenden Angriffe aus die von ihm so hochgeachtete christliche Religion. Der zudringliche Eifer deS Züricher Philosophen versetzte ihn in die größte Verlegenheit und griff ihn so an. daß er sich eine schwere Krankheit zuzog, die ihn längere Zeit für jede Arbeit untüchtig machte. Nicht minder erzürnt waren aber dir zahlreiche» Freunde Mendelssohns, vor Allem der herrliche Leffing, welcher sich damals in Wolfenbüttel befand. Er schrieb ihm in Folge dieser Angelegenheit die charakteristischen Zeilen: „Was ist da» für ein neuer Angriff, der in der Jenaischen Zeitung von Lavater auf Sie geschehen? Ich lese diese Zeitung nicht und habe sie auch in ganz Braunschweig nicht auftreiben können. Haben Sie doch ja die Güte, mir das Blatt mit der ersten Post zn senden. Noch mehr aber bitte ich Cie, wenn Sie darauf antworten, es mit aller mögliche» Freiheit, mit allem nur erfinnlichen Nachdrucke zu thun. Sie allein dürfen und können in dieser Sache so sprechen und schreiben, und sind daher unendlich glücklicher, als andere ehrliche Leute, die den llmfturz eines abscheulichen Gebäudes nicht anders als unter dem Vorwände, cS neu zu unterbauen, befördern können. Ich sende Ih> nen auch hierbei Ihre Briese von Bonnet zurück. Der Narr ist mir so eckel geworden, daß ich nicht einmal dir Wahrheit von ihm lrrnen möchte. „ Ennuthigt durch die vielfachen Beweise der Thrilnahme von Seiten aller Aufgeklärten und der Freunde wahrer Toleranz, ent. schloß sich endlich Mendelssohn zu einer Antwort, die von der zarten Feinheit seiner wahrhaft humanen Bildung, von seinem Brrstände und seinem Herzen ein gleich ehrenvolles Zrugniß gab. ,Si- 4*

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