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Die Gegenwart · 1870-01-21 · 4 (21.1.1870) · p. Seite 36

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
4 (21.1.1870)
Date
1870-01-21
Page
Seite 36 (sequence 2)
Language
German
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36 — i Fortschritt noch nicht so intensive Strehlen leuchtet, wie sie die Zeit erfordert, dünkt un-, er lasse sich von einem Großmeister irgend eines Jesuitenordens leiten, ohne daß dieser Theil die Folgen eineraschen Augenblickenicht zu überdenken scheint und auch nicht vermag. Die Zustände in unserer Gemeinde bedürfen allerdings eines Eorrektivs, wol nicht des eines Oberrabbiners, sondern deeiner vvrurtheilslosen, ehrlichen von Sonderinteressen getrennten Gemeindevertretung speciell jedoch eines Vorsitzenden, der die Parteien zu versöhnen, durch Versöhnung nach allen Richtungen hin, auch zu befriedigen weiß, eben dadurch den Posten eines jüdischen PrimatorS vollkommen ausfüllt und auch den Oberrabbiner nach jener Richtung hin ersetzt, die ihn Manchem nothwendig zu machen scheint. Wer sich jedoch einbildet, ein geistliches Oberhaupt diene zum Hebel einer religiösen Maschinerie, zur Triebfeder eines in Stokkung gerathenen religiösen Sinnes, der gibt sich einer kläglichen Illusion hin, ein solches dürfte, Angesichts der heutigenZustände als geistliches Gebilde keinen andern Zweck haben, als höchstens mit der Zeit einige Schmarotzerpflanzen zu ziehen und bei einigem Mangel an LebcnSklugheit ein willensloses Instrument in der Gemeinde zn werden. Was jenen klerikal gesinnten Mitgliedern der Repräsentanz als Rothwendigkeit erscheint, erscheint der großen Masse alS ein überflüssiges Etwas. Die brennenden religiösen TageSftagen, die bisher die Gemeinde beschäftigten und oft zum Erisapfel einiger Ultramontanen geworden, sind durch die StaatSgrundgesctze so ziemlich erschüttert und mußten oft nvthwendiger Weise, jedem ' öffentlichen Spektakel aus dem Wege zn gehen, durch ein eigenes Manövriten des die Bündel der Entscheidung in Händen habenden Rabbiners, durch eine opportune Deutung des bezüglichen ParagrafeS des jüdischen Gesetzbuches so gelöst werden, um wenigstens die schwachen Gläubigen nicht ungläubiger zu machen. Wird dem Allem mit einem Oberradbinate abgeholfen? Beileibe nickt! Trotz Oberrabbinat werden Frauen fortfahrcn, Geflügel und Fleisch zu kaufen das unter dem stumpfen Messer eines Bauers erlag, oder von einen» Rinde herrührt, das durch das Beil von» Leben zun» Tode JoachimSthalischcn Museum in Berlin, welche die Philosophie liebten. Mit diesen Jünglingen dispntirtc er oft über philosophische Materien, was hauptsächlich dazu beitrug, ihre philosophischen Begriffe zn entwickeln. So strebte und lebte Mendelssohn nur für die Weisheit und Wiffenschaft, trotz der äußerst ungünstigen Verhäitniffe, die sich ihm auf dein Wege zu ihrem Tempel cntgcgcustellten, bi» ein reicher Scidenfabrikant seiner Ration in Berlin, Ramena Bernard, ihn als Erzieher seiner Kinder in sein Haus nahm, und al» er die bei einem Gelehrte» so seltenen Talente deS Schönschrcibens und BuchhaltenS in ihm fand, ihn nach und nach zum Aufseher, Factor, endlich zum Thrilhaber seiner Fabrik machte. Im Jahre 1751 wurdc Mendelssohn mit Leffing, deiner als trefflicher Schachspieler empfohlen ivorden ivar, bekannt. Diese Bekanntschaft wurdc für ihn der größte Schrill zur völligen Ausbildung seines philosophische» GcjstcS und zum Ausbau feiner seltenen Gcstesgaden. Leffing S Verdienst ist eS auch, durch einen „Staatsstreich" die natürliche Schüchternheit Mendelssohns, für die Öffentlichkeit etwas MiffenschaftlichrS zu schreiben übcrwundcii zu haben und Mendelsfoh» trat dann, »achdem er zuerst einige Beiträge für Nicolai s „Briefe über die neueste Literatur" und allgcnieinc deutsche Bibliothek geschrieben hatte, hauptsächlich alS philosophischer Lchriststcl- Icr auf, und erwarb sich durch seine einzelnen Schriften einen Ruhm, der sich selbst bis nach Frankreich, England und Holland vcrbreitete. Line christliche Feder, der Kanonikus Breitigcr aus Zürich, schreibt auS dainaliger Zeit über ihn: „Den Juden Mose», den Verfasser der philosophischen Briefe über die Einpfindungcn. fanden wir in seinem Comptoir mit Seide beschäftigt. Eine leutselige leuchtende Seele im durchdringenden Auge und einer äsopischen Hülle, schnell in der Aussprache, doch plötzlich durch rin Band der Natur in ihrem Laufe gehemmt. Ein großer Verehrer denkender Genies unb selbst ein mchiphisischcr Kopf; ein unpartheiischrr Bcurtheiler der Werke des Geistes und Geschmacks, vertraulich und offenherzig im Umgänge, bescheidener in seinen Rebefördert w»«rde, trotz Oberrabbinat werden jüdische Metzger am Sabbath Fleisch verkaufen auch an jüdische Kunde« verkaufen, ttotz Oberrabbinat wird jene Hansstau. die eS bisher gethan, im Falle einer Abnormität bei einer anatomischen Beschäftigung in der HauSwirthschaft sich ihren Schulchan Aruch zu Recht legen, trotz Oberrabbinat werden die Synagogen leer bleiben und der Sabbath an öffentlichen Schulen von jüdischen Kindern entweiht werden, trotz Oberrabbinat »vird die Kriecherei gewisser Individuen, die Jahr aus Jahr ein vom Klatsch leben, nicht aufhören und dieß Alles, weil ein Oberrabbinat, Gott fei es Dank, nicht zum Polizeigewcrbc gehört. E i n Mitglied der Repräsentanz daS sich ein SokratcS in der Weisheit, ein Demostenes in der Beredsamkeit und ein Diogenes in dem Suchen von Oberrabbincrn zu wähnen dünkt, geht in seiner Selbstüberschätzung so weit, zu behaupten, er bedürfe eines Obcrrabbiners, der noch »nehr als er wiffe, denn jener Diogenes behauptete, er wisse mehr als alle Rabbiner in Prag zusammen. Also! die Gemeinde weiß »vaS Ne»»eS, sie weiß, daß sie im Kaufmanns» stände einen Mann besitzt, der schon daS Zeug in sich hat, ein Obcrrabbiner zn sein, sie »veiß ferner wie weit daS Schmock- und Zelotenthum in Prag gediehen ist, sie weiß aber auch, daß sie die persönlichen Interessen, die in förmliche Apathie Umschlagen, oft theuer bezahlen maß. Jener Diogenes scheint sich weder gefragt zu haben, »vie viele cS gibt, »vclche ihr Gewissen antreibt, religiöse Fragen einem Rabbiner aufzuwcrfen, noch auch zn glauben, daß Prag Männer zähle, die nur im Dienste der h. Lehre stehend, nicht gegen Bezahlung, sondern gegen gute Worte dasjenige ganz correkt und nach den Vorschriften deS Schulchan-Arnch zur Lösung bringen, »vas eben jenem Aristoteles so skrupulös scheint. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung verlangt keine rabbiuische Pagode, die einer Drahtpuppe gleich den verschiedensten Einflüssen auSgesetzt, sich bald dabald dorthin neigt, um keiner Partei gerecht zu »verdcn, sie verlangt ein dauerndes Prinzip, nachdem eine gewisse Einheit in den bisher auseinander laufenden Richtungen hcrgcstellt »vcrde, ohne daß Verfinsterung oder klerikale Gelüste den Fortschritt aufdcn als in seinen Schriften, nnd beim Lobe unverändert, nngezivungcn in seinen Gebärden, entfernt von ruhmgicrigcn Kunstgriffen niederträchtiger Seelen, freigebig, dienstfertig, ein Bruder seiner Brü der, der Juden, gefällig und ehrerbietig gegen sic, auch von ihnen geehrt und geliebt." In dem von Leffing und Mendelssohn gebildeten Zirkel brachte auch Lavater freundlich ausgenommen, manche genußreiche Stunde in der Gesellschaft des armen stotternden und verwachsenen Denkers zu, der von seinem Freunde Leffing später als Thpus der religiösen Toleranz in seinem unsterblichen Nathan verherrlicht wurdc. Bei einein bescheidenen Mahle, durch heitercS und tiefes Gespräch gewürzt, oder bei einer Schachpartie entfaltete Mendelssohn die ganze Hülle seines sokratischen Geistes und entzückte den leicht erregbaren Lavatcr bis zur enthusiastischen Beivunderung, von der seine Briefe und seine physioguomischen Fragmente Zcugniß gaben. Je mehr aber Lavater Mendelssohn bewunderte und licbgewann, desto größer wurde sein Wunsch, den jüdischen Phhlosophen ür das Christrnthnn» zu gewinnen. Zn der aufrichtigen lleberzeugnng nnd der Sorge um das Seelenheil des von ihm verehrten Mannes gesellte sich eine natürliche Eitelkeit. Eine solche Bekehrung hätte nothwendigcrwcise das größte Aufsehen in der gebildeten Welt erregt nnd dem glücklichen Beranlaffer keinen geringen Ruf verschafft. Aber cs war dies keine leichte Aufgabe, da MendelSsohn treu au dem Glauben seiner Väter hielt nnd alle dcrartigen Versuche bald mit tieferen Gründen, bald mit leiser Ironie zurückwics. Der fromme Lavater ließ sich jedoch so bald nicht abschrecken, er wartete auf eine paffenderc Gelegenheit, die sich ihm auch mit der Zeit dqrbot. Einstweilen verabschiedete er sich mit dein Versprechen, von sich bald hören zu lassen. Jahre waren seit jenem Besuche vergangen, alS Lavater feinen gefaßten Vorsatz endlich auSführtc, indem er Bonnet'S Beweise" für da» Ehristenthuin aus dem Französischen übersetzte und Mcir

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