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Die Gegenwart · 1870-01-14 · 3 (14.1.1870) · p. Seite 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
3 (14.1.1870)
Date
1870-01-14
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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28 den Gesichtskreis verdunkeln, ein sicheres Zeichen, daß der Meeresboden unter ihm durch seine Seichtigkeit Gefahr drohf, daun vermindert der Seemann die Geschwindigkeit seines Schiffes, dieses wird vorsichtiger vorwärts bewegt, denn leicht kann dann das Schiff auf eine Untiefe gerathen, das Schiff, welches allen Stürmen, Gewitter und jeglichen Toben der Elemente getrotzt, kann durch diesen Nebel seinem Untergange zugeführt werden. Da« Iudenthum, welches im alten Vaterlande allen Stürmen und Anfeindungen durch Jahrhunderte getrotzt, wird in diesem neuen Welttheile von einem Nebel bedroht, der gleichfalls in der Seichtigkeit feinen Grund hat. Ich habe in dem letzten Briefe auf die Gefahren aufmerksam gemacht, welche gegen das Iudenthum von Männern heraufbeschworen wurden, deren Beruf eS wäre, dasselbe zu kräftigen und zu schützen. Ich will in dem heutigen, einige dieser Persönlichkeiten, welche an der sogenannten Conferen; Thcil nahmen, besprechen. Der Hauptleiter des Ganzen und der alle Beschlüße, welche mit geringen Veränderungen angenommen wurden, vorlegte, war Dr. David Einhorn. Die-. ser Rabbiner hat vor Jahren eine Predigerstelle in Pest bekleidet, aber diesen Platz verlassen mttsien, da seine Auffassung dcS JudenthumS den Pesthcr Juden nicht cinlcnchten wollte. Er war zu einer Zeit Landrabbiner in Meklenburg und hatte damals die Beschneidung als überflüssig erklärt, welches viele Gutachten der gelehrtesten Rabbiner Europas hervorrief. Diese haben fast einstimmig gegen seine Ansichten entschieden, daS Volk war noch nicht reif für solche freisinnige Ideen. Einhorn konnte warten, bis er hier Rabbiner gefunden, welche kein Gutachten gegen ihn abgebiS er auf wiederholte- Anstürmen seiner Krau die Worte hervorbringen kann: Wir sind reich, Nittel I Reich sind wir!" „Ich glaube, du bist eher verrückt", antwortet diese. „Malst dir geschehen?" „Ich habe in der Lotterie gewonnen, hörst du, Nittel mein Weib in der Lotterie P „Gott gerechter, in der Lotterie l Wo hast dn das Geld?" „Mart mir, du sollst eS wisse», Nittel, «nein lieb' Weib, und du sollst deinen Mann kennen lernen I Der jüdische Soldat, der da war, hat mir für ein schöne- Lied, daich ihm gesungen, ein Trinkgeld gegeben. Ich trank aber nicht, sondern Hab' daS Geld in die Lotterie gescpt. Du weißt, daß dameine Leidenschaft ist. Run, wa» willst du, Nittelleb, meine 4, f. und SH sind roth auf weiß zu lesen, und beute bab ich vier Stück breite Hunderter bekommenI" — „Vierhundert Gülden!" ruft Nittel. — „llnd noch darüber. Ich, wathur ich mit dem Neid? Ich dachte mir. bringe ich da- Geld nach Han-, so verliert Nittel den Kopf, kauft dem Kind Schuh', dem andern rin Kleid, macht Schabbi», und bevor man sich eS versieht,. sind die schönen Hunderter geschmolzen. Der Mensch aber muß an die Zukunft denken. Waglaubst du, Nittel, Hab' ich gemacht?" „Weiß ich, du verrückter Mensch? Hast dir Rändlech ringewechselt?" - „Fehlgeschoffenl" „Hast rin Hau» gekauft?" — „Haben wir kein-?" - „Oder gar da» Neid auf Zinsen iveggclichen?" — „Nichts von all deml Dn kannst nicht treffen, Nittel! Ich lief zur Chrvra Kcdischa, ließ mich und dich aufnrhmen, damit Kadisch gesagt und MischnaiS gelernt werde, ivcnn wir gestorben sind; zwei .starkes*) kaufte ich. zwei Steine und zwei Letchengewänder für mich und meine Nittel, auf daß niemand sich um un» kümmern muß. niemand für un» betteln muß, wenn nn» Nott abrnft, und damit wir wie reiche Leute begraben werden. Du sostst dir die langen breiten Steine und die feinen Linnen ansebcn, Nittrlleb so wirst du deine Freude daran haben." Und so sind sie, diese armen Juden! Au» den Leiden und den Bedrängnissen der Negenwart flüchten sie in dir Zukunft; ihr Blick ist immer ostwärts gerichtet, da» Dasein ist ihnen eine Reise während welcher sie nur an die Ankunft denken; bet Roth nnd Mangel, mitten im bittersten Kampfe mit dem feindlichen Leben denken fir an den Au-gang wir sie mitten in ihren Festen, sich in •) Nrabstellrn. ben, sondern gutmüthig zu Allem den Kopf schütteln, wa» er Vorbringen mag. Dr. S, Adler, von der größten und reichsten Reformgemeinde Amerikas, ist der Segen Jakob» theilhaftig geworden 2iv '2 nruo Er hat einen angenehmen Posten, erfüllt getreulich sein Amt. und stört sich selten durch Dinge außer seinem Berufskreise. Doch konnte er sich nicht von der Conferen; ausschließen, er mußte Theil nehmen und that eö. Neues hat er nichts vorgebracht und nur durch seine Gegenwart den Beschlüffen mehr Gewicht gegeben. Der Rabbiner Dr. Sonnenschein, eine redende Persönlichkeit bei dieser Conferen; ist Ihren Lesern bekannt, und mancher wird verwundert auSrufen: Vikp ojI? v'tt'2» Ja wohl! Dr. Sonnenschein ist in Amerika ein Rabbiner, zwar nicht mehr bei der Gemeinde, welche ihn aus Prag herüber kommen ließ °, denn man kann nicht immer auf einem Platze bleiben, sondern er ist schon nach St. Louis versetzt. Die New-Iork Gemeinde hatte mit ihm einen Contrakt auf drei Jahre abgeschlossen gehabt und auch in Amerika sind Contrakte für gewöhnliche Menschenkinder bindend. Aber ein Reformrabbincr ist eben kein gewöhnlicher Mensch nnd"Contrakte für diesen nicht bindend. Er hat ein: Stelle gefunden, welche bester zu zahlen verspricht und kündigte seiner Gemeinde. Diese schien sich die Neuschulgemcinde in Prag zum Muster genommen zu haben und gab ihre Einwilligung in einem Schreiben kund, wel - cheS eben nicht sehr schmeichelnd ist. Aber waö thut daS? Herr Sonnenschein huldigt der Reform und dieses bedeckt alle Mängel. Dr. Mayer ans Ungarn, erst vor Kurzem angekommen, hat zwar bis jetzt weder einen beweglichen noch unbeweglichen Sitz, aber auch er hat sich für den Fortschritt den Lcichenkittcl hüllend, an den Tod bciifci; wie die S erfahr ec in unbekannten Meeren stet» hinauslugen nach unentdecktcn Gestaden, sv blicken sie inuncr hinaus nach dem nie umsegelten Jenseits mit seinem flammenden Pfuhle und duftenden Eden, seinen Schrecken und seinen Seligkeiten! „Dn warst verrückt, du bist verrückt, und du wirst verrückt feint" schreit Nittel. „Wenn uns Gott geholfen, wir haben Geld, sollen wir unsere KarkeS hier in fremder Erde haben nnd begraben werden zwischen Kojcm, du verrückter Mensch I Ich reiße der Chewra die Augen aus, wenn sie daS Geld nicht zurüMbt, damit wir nach Jerusalem gehen und einst im Lande unserer Pater begraben werden!" „Gittcllcb," ruft der Klausner voll .Bewunderung, „du hast einen Ministerkopf. Hir ist diese Idee gar nicht in den Kopf gekonuncn. Aber sag' mir Nittel mein Leben, wovon wir dort im heiligen Land leben werden, ivcnn unS so viel Geld auf der weiten Reise aufgcht nnd wir unS etwas für später vorbereiten?" „Bon was lebst du denn hier? Hast du hier Güter? Hast du hier einen Handel, eine Fabrik!? Derselbe Gott lebt auch dort l Hier trage ich Erdäpfel und Zwiebeln zum Verkaufe, dort werde ich mit Feigen und Datteln hcrmnhaufircn. Dein Tilim und Mischnais und Kadisch sind dort so viel ivcrth wie hier. Haben wir nichts, so fasten wir dort mich, wie wir hier hungerte», wenn nichts da war. Was kann unS denn geschehen? Wir packen unsere Armuth nnd nufere Kinder zusammen und ivandcrn auS." „Ja. Gittcllcb, aber unser HauS?" — Sichst du, das Haus können mir der Chewra geben. So lauge wir leben, soll man undie Mirthe schicken, später, über hundert Jahr, gehört daS Geld der Clicwra; dafür hält sic unsere Jahrzeit." Die Schiffe, welche die Straße nach der Geburtsstätte der Menschheit, dem Oriente, hinabscgcln, tragen oft solche Auswanderer. DaS sind nicht jene kräftigeir robusten Gestalten, die in den neuen Welttheile» ein jungfräuliche- Stück Land aussuchcn, um seiner Urbarmachung ihren Fleiß, ihren Schweiß und ihre Kräfte zu widmen. Da» find incist altersschwache, morsche Gestalten, die an da» Leben ihre Dcmiffion bereits gegeben und nun einzig iin Intercffe ihrer Seelen hinpilgern in» Land wo die Wiege und daS Grab jüdischer Herrlichkeit liegen, wo heilige Erinnerungen an jeder verwitterten Ruine, an jedem grünen Hügel, an jeder dämmerigen Höhle kleben, wo die heiligen Sage» durch die dunkeln Ccderwälder des Libanon flüstern und an den üppigen Gestaden t

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