Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 3 (14.1.1870)
- Date
- 1870-01-14
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4890378-5433916-5434001--498-4890823- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
27 gct eingestellt, für die Gemeindebibliothek, die im jüdischen Rathhause, wenn man eS sich nicht so sehr bequem machen und jedem Schreiber einen Salon einräumen wollte, leicht «ntergebracht werden könnte, durch zwei Jahre den Betrag von 1000 fl. für Herrn Teweles oder vielmehr für dessen Führung de- DepositenbuchcS, da« von ihm schon seit zwei Jahren zwar nicht mehr geführt aber doch immer im Präliminare angeführt wird, den Betrag von 200 fl. für einen in Wien vom Diskont lebenden Caffaoffizial 250 fl. als Gnadengabe; für diverse und unvorhergesehene Ausgaben 1200 Gulden, die füglich auf ein Drittel reducirt werden könnten, da ohnehin nie Rechenschaft über die Art der Verwendung dieser unordentlichen außerordentlichen, welche geheime Zwecke und Gänge verfolgen sollen, abgelegt wird,und noch anderePosten,die anstatt unnützen Zwecken, dem Bettelwesen gewidmet werden könnten- Sich da länger aufuchalten, wäre vergebliche Mühe; denn die Repräsentanz ist, wie sie sich es einbildet, ein Amt und mit der Autorität eines solchen läsit sich nicht viel scherzen: darum gehen wir weiter und wir hoffen ein besseres Mittel zu finden, als es der Aufruf der Commission bietet. Die Commission dürfte an dieses Mittel nicht gedacht haben und so dürste eS ihr erwünscht kommen, ihrem schwachen^Gedächtnisse auf einen Moment zu Hilfe zu eilen. Die Gemeinde besaß im Vorjahre einen Vermögens« f ond von nahe 46000fl. der sich bis heute vergrößert haben dürfte. Diese Summe wäre am geeignetsten, ein Armeninftitut zu gründen, das gewiß in Berücksichtigung der großen Zahl fremder Bettler auch von der böhmischen LandeSjudenschaft subventionirt und von edlen Wohlthätern von Zeit zu Zeit durch Spenden, Legate etc. ohne Aufruf unterstützt werden dürfte. Die Zinsen des Kapitals bilden die Spenden. Die Professionsbettler erhalten von der Verwaltung die jedoch das Gegenthcil rin, so hat es derselbe auch zu büßen und gar oft wird er drmissionirt oder auf den andern Tag um eine . estimmte Stunde beschieden. Präcis, denn diese Leute haben, wenn auch die Uhr nicht in der Tasche, so doch im Kopfe, erscheint er, der Besteller erinnert sich und sagt zu dem Bettler: Ach! Sie kommen um ihr Geld I Verzeihen Sie antwortet der Bestellte: Sic kommen um Ihr Geld. Abends in der Traiteric angekonunen, macht der Talmud Chacham,*) denn er ist der Chacham, Cassa, vergleicht die in der Tasche in chaotischer Unordnung verwiekelten Banknoten mit dem Stammbuch, das das Casiabnch repräsentirt, und ordnet mit den» Wegweiser die Provision. Die Redensarten, ich habe mir von Prag mehr vorgestellt, oder heut ist es nicht so gut gegangen oder cs ist nicht dafür gestanden oder die Wische von die Rebbcs**) find kein Kreuzer werth, hört man variren, wenn die Brttrlwanderung nicht mit dem Erfolg gekrönt war, wie er erwartet wurde. Der vornehme Bettler ißt und trinkt gut, nimmt die Eisenbahn in Anspruch, ist zuweilen chcvalcresk, thut überhaupt nobel und ist von den Spendern gefürchtet; denn wehe, wenn sich Jemand rinfallen ließe, die geringste Zeichnung im Sammelbnche herabzusetzen. 2m Ganzen leben beide Arten Bettler darum glücklich, weil Niemand von ihnen, sie von Jedrin Etwas zu verlangen haben und fie besitzen d c n gemeinschaftlichen Charaktcrzug, daß sic betteln und sich nie der Trunksucht ergeben. Aus den untern Schichten. (Schluß.) „Brudrrleb, sagt der Klauöner nach einer Pause, zutraulich geworden durch daS Bewußtsein, daß der eine Soldat sein Religionsgenofle sei, Bruderleb, thut mir den Gefallen und setzt Such zu der Wiege biS mein Weib kommt, und gebt aufs Kind Acht." Lin homerisches Lachen der Soldaten macht den armen Mann putzen. *) Thalmud-Vekehrter. ") Rabbiner. Gaben, die Durchreisenden eine für das Jahr einmalige Abfertigung die auf dem Reisedokumente verzeichnet wird, und die sogenannten vornehmen zugereisten Bettler erhallen eine dem Stande derselben, er mag Gelehrter oder herab» gekommener Kaufmann sein, entsprechende Unterstützung; denn grade der vielgenannte Krruzrrbetller belästigt wohl den Mittelmann aber thut ihm nicht so wehe als die SpecieS der sogenannten gelehrten Bettler, die sich mit geringen Gaben nicht zufrieden stellen und mit ihren Subskriptionslisten förmlich zur Last fallen. Dabei muß jenen Herren Rabbtnen und sonstigen Gelehrten, der Gemeinde, die ihren Wohlthä« tigkeitSsinn nicht besser zu manifestiren wissen, als mittelst einiger Zeilen dem Bettel Vorschub zu leisten, strenge ringesagt werden, jene Bcttelgarde an da( Armeninstttut zu verweisen. Rur auf diesem Wege ist eine Organisation deS BettelwesenS möglich und die Commission verschone mit ihrem Ausrufe die mit einer großen Steuerumlagc vezirten Gemeindemitglieder, welche noch obendrein von so vielen Humanitären Vereinen in Anspruch genommen sind. Die Nesormhelden in Amerika. New-Aork, Dezember 1869. Wenn das Dampfschiff, nach den besten Regeln der Wissenschaft und der Erfahrung gebaut, den sichern Hafen verläßt um den Ocean zu durchkreuzen, so durchschneidet es stolz die Wellen und setzt seine Fahrt muthig fort, wenn auch die Winde gegen ihn anstürmen; unbekümmert um die himmelShohen Wogen, das Krachen des Donners, das Zucken des Blitze« führt der erfahrene Capitän sein ihm anvertrauteS Gut immer vorwärts dem Ziele zu. Wenn aber Nebel „Ihr wollt mich znr Kindermagd machen?! Und was wollt Ihr unternehmen?" „Ich bin ru Kapitel Mischnais schuldig geblieben in der Klans' und möchte hingehen." „Bleibt hier. Ihr werdet estcn und trinken, lieber Mann. Trinkt Ihr gerne?" „Ein Klausner muß trinken, daS gehört zum Geschäft." „Und dann wird die Sorge vergesien, man singt und springt nach Klausncrwcise. Ist eS nicht so?" „DaS ist unser Glück. Und warum sollten nur nicht heiter sein, wenn Gott das Leben schenkt?" „Selbst in dieser Armuth?" — „Was Armnth! Kein Mensch ist arm. der auf Gott vertraut. Habe ich heute gefastet, so werde ich mich nwrgen satt esten. Ist noch keiner von »ns Hungers ge. storbcn. Kennt Ihr das Lied vom Klausner?" — „Ein Lied vom Klausner? Laßt eS hören!" — „Mir ist jetzt nicht singrrttch zu Mnthe, lieber Freund." — „Ein Cchnapo so groß wie Euere Pelzmütze, wenn ihr singt." „Rein, aber wenn Ihr an der Wiege bleibt, damit ich in di« Klaus' gehen kan», sing ich" — „Topp. Bruder, daS Geschäft ist gemachtI" — Und der Klausner rccitirte im Fistelt»», während die beiden Soldaten ungeheuere Rauchwolken aus ihren Pfeifen emporwirbelnd. lächelnd auf den Mann blicken, der trotz seiner Armuth und trostlose» Lage vermöge der dieser sronnnen Kaste innewohnende» zähen Zuversicht in di? göttliche Hülfe sich durchaus nicht so unglückllch zu fühlen scheint, als man wsl bei seinen Anblicke glauben dürste. „Bravo I" ruft der jüdische Soldat; „das Llrd ist schön, wenn auch nicht der Sänger und seine Stimme. Da habt ihr Geld zu einen Trunk, um Euere Kehle zu waschen." Und während der KlauSner sich rasch entfernt, uin in seine Klause zu eilen, setzt sich treu seiner Zusage der Soldat mit der enisthaftestrn Miene, als ob es sein Berussgeschäft wäre, an das Lager des kranken Kindes »nn Wärterdienstr zu leisten. Acht Tage später stürzt der Klausner in freudigster Erregung in seine Wohnung. Schon beim Eintritte in das Gäßchen begann er „Gtttell" zu schreien und als er endlich drin in der Stube iß, hat der Mann keinen Athrm mehr, und et dauert einige Minuten 3*