Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 3 (14.1.1870)
- Date
- 1870-01-14
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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die einheimischen auf 120, die Fremden auf 80: sie scheint sich jedoch wesentlich geirrt zu haben, da die Zahl der er« jteren kaum die Hälfte der angegebenen Ziffer erreicht, die der letzteren hingegen, zur Saison, man nenne sie Jahrmärkte, sich zuweilen auf da« Dreifache der genannten Ziffer erstreckt. So viel wir un« zu erinnern wissen, hat vor zwei Jahren die Prager Großkommune der ist. Repräsentanz da» Anerbieten der Verschmelzung de» städtischen Armenwesen« mit dem jüdischen gemacht, da» jedoch von letzterer negativ beantwortet wurde. Wir haben zwar nicht nach dem Grund dieser Ablehnung geforscht, jedenfalls hätten wir in dem Projekte den Bortheil gefunden, daß die Präger jüdischen Armen versorgt worden wären, und dem Zufluß von stemden Bettlern «iit-r Anwendung derselben Maßregeln wie sie den christlichen Bettlern gegenüber gehandhabt werden, gesteuert worden wäre. Doch so wollte eS die Repräsentanz nicht haben und die Bettlerprofession überwuchert nahezu die Gemeinde, die wenn man die Jahresbilanz ziehen Mächte, eine fönnliche Last zu tragen hat. Der Aufruf würde an der Sache Nichts ändern, er würde nur eine doppelte Plage hcrbciführen, hier zahlen und dort geben, und das Bettelwescn würde anstatt unterdrückt noch mehr kultivirt. Wenn sich jedoch die Commission ans ein „hochachtbares" Mitglied unserer Gemeinde beruft, das den Beweis der pekuniären Abfindung nnt der Repräsentanz praktisch geliefert, so ist dieser für den Mittelstand der jüdischen Bevölkerung, der grade von den Armen zumeist in Anspruch genommen wird, nicht maßgebend, da erstlich dieser Mittelstand für die Armnth ein weichere« Herz hat und oft nicht über einen Portier vulgo Hausknecht verfügt, der, auf höhere Inspiration, dem Armen in nnpoetischcr Weise die Thüre weist oder gar schlagende Beweise des WohlthätigkcitSsinneS, wie diese sich faktisch schon ereigneten, liefert. von einem Dutzend Kinder werden »nd in einem andern Hanse ihr Unglück in allen Variationen adspiclcn. Ans seiner Kuni'treise hört der Bettler wal die verschiedensten Antworten, gibt anck» die verschiedensten Antworten, je nachdem sich ihm da« „Geschäft" rentirt. Der fremde Bettler nnterschcidct sich vom einheimischen wescntlich, nach einem halbwegs günstigen Erfolge seiner Mlsitvn rnht er auf seinen vorderen, wählt entlegene Kaffe, hänser, die mehr Spelunken gleichen, trinkt seinen Mokka, dampft dazu seinen „ordinären" und dardelt oft bis in die Nacht, wo rr die schlaftrunkene Fortuna anbette(t, sic möge ihm" hold sein. Bei dem Spiele, in dem Leidenschaft mit Gewinnsucht Hand in Hand geht, macht er sich heim jedesmaligen Berlnste eines Kreuzers iii den Morten Luft: „Wieder ein Präger*) gestorben". Haben daS Dardel oder der Franzeßiß den gewünschten Erfolg, dann schickt er seiner Familie, angenommen dieselbe ist nicht selbst ans einer Kunstrcise, dir nöthigcn Subsistenzmittel, im entgegengesetzten Falle meint er, soll sie sich dieselbe schaffen. Findet der fremde Bettler das Geschäft rentabel, so macht er nicht mehr von der Freizügigkeit allein, sondern auch von der Grwerbkfrciheit Gebrauch, er beginnt sich zu etabliren, beruft seine Familie und fängt an in Prag zu domieilircn. .Mt er einige Jahre in Prag, nennt er sich einheimisch nnd verachtet jeden Zu gewanderten seiner Profcsiion. Der einheimische macht nur in scltrnen Fällen mit dem fremden Gemeinschaft und haben beide das mit einander gemein, das, bei beiden das Gefühl der Dankbarkeit gar nicht entwickelt ist. dagegen theilcn sic mit Mittelmann und Reichen Freud und Leid. Ereignet sich bei Vetteren ein freudenreiches Familienereigniß. es rotire sich dasselbe um die Einführung cincS jungen Weltbürger» in den Bund Abrahams oder um den lustigen Reigen einer Lochter HnmenS oder aber auch »in die trauernden eine» Dahlngeschirdencn. so finden sich stets die einheimlschen wie die fremden beiderlei Geschlechtes ein, wobei rS nicht selten an Wortwechsel oder gar handgreiflichen Bewegungen fehlt. Nur an den Lagen zwischen Neujahr und Bersöbnungstag versöhnen auch sie sich, zun» Beweise, das» auch die Armuth den Friede» wünscht. Da« jüdische Gemelndehau« repräsentlrt ihnen die Börse, ein Blick auf So stehen die Dinge vor dem Aufruf, so werden sie nach demselben stehen und sie haben leider in einem tief eingewurzelten schwer zu beseitigenden Uebel, ihren Ursprung. Das ist der Fluch der bösen That, sagt der Dichter, daß sie fortzeugend Böses muß gebären. Hätte man vor Jahren an einer totalen Reorganisation de« Armenwesens gedacht, der Unfug des Bettelwesenwäre nicht so weit gediehen; doch wir wollen die Quintessenz des Planes der Armenkommiffion nicht so ganz verwerfen, da Etwabeffer denn gar nichts, und ihr eiwtzMittel an die Hand geben, durch welches einerseits der EMimiffion geboten wird, ihre gewiß ehrlich gemeinten Bestrebungen zum Theile verwirklicht zu sehen, anderseits den Gcmeindemitgliedern, wenn grade nicht totale Abhilfe, so doch eine gewisse Erleichterung verschafft werden könnte. Sehen wir davon gänzlich ab, daß die Repräsentanz ein HauS, wenn man es so nennen soll, in einem der elendsten Winkel der Stadl um den verhältnismäßig hohen Kaufschilling von 15100 fl. zu dem Zwecke der Vergrößerung des Knabenwaisenhauseö angekauft hat, das nicht mehr als vierzehn Waisenknaben aufweist, also ein Betrag, der zu etwas Besserem hätte verwendet werden können, so wollen wir vorerst, bevor wir an das Medium zur partiellen Heilung des schon chronisch gewordenen Bettclwesens kommen, Nachweisen. daß das Budget aueiner so verquickten Lage herauShclfen könnte, wir meinen keineswegs die Einstellung neuer, sondern vielmehr die HcranSlassung alter Posten, und es dürfte sich ergeben, daß eine solche Procedlir an und für sich jeden Aufruf an die jüdischen Gemeindemitglieder im Vorhinein paralisirt, und die Cominission vor einer kleinen Blamage bewahrt hätte. Wir finden z. B. zwei Jahre hindurch für einen Obcrrabbiner, der vielleicht noch im Embryo ist, jedes Jahr 000 fl. also 1200 inS Budseine Thüre genügt, um zu erfahren, ob sich auf dieser ein Courszctttel befindet, der eine Bertheilung in Aussicht stellt. Bei einer solchen hat der mit der Vertheilung Betraute seine schwere Noth und hie nnd da macht sich der Humor eines Trübsalblascrs und der M»ltterwitz eines SchnorrerS geltend. Die zweite Abart der fremden Bettler sind die nobles pauvres horames die vornehmen Bettler. Diese kehren, so bald sie ankonuucn, zuweilen, mit den Frauen, ohne sich um die Mcrkwürdigkeitcn Prag s zu kümn»ern, in das für diese Bettlcrkategorie perma- Heute Gasthaus ein, erkundigen sich vor Allem nach dem Röschhakohol,*) und den Rabbiner», ordnen ihre Dokumente, die für jene von unschätzbaren Werte sind, versehen sich mit einem Cicerone, der Platzkenntnisse hat und gegen Provision arbeitet und in der betressenden Traiterie diejenige Rolle spielt, die in vornehmen Hotels dem Lohndiener zufällt. Der Cicerone trotz Sprachennnkcnntniß achtet nicht darauf, ob der noble Bettler ein Türke, ein, Pole, Ruße oder Scltschucke ist. Ihm ist das gleich, er führt den fremden zu jene?» Fudc». bei denen sich eine Wanderung anszahlt, schickt denselben ins Comptoir oder in den Salon, und er wartet regelmäßig vor dem rhore des Hauses. Nachdem der die höhere Schnorrologie Betreibende bei den ehrwürdigen Patres des Talmuds Vorgesprächen nnd ein bischen gethorizt,**) nachher seinen Stammbaum, von Abraham angefangen in geläufiger Weise recitirt, verlangt er nichts mehr nnd »ichtS weniger als ein paar Zeilen und da» Autograf in sei» Stammbuch, das gewöhnlich das Meffbuch d. h. da» Buch womit er aut die Messe geht, bildet. Zuweilen pflegt der Rabbi auch eine» Betrag zur besseren Aufmunterung zu zeichnen, doch kam eö auch einmal vor, daß ein Rabbi sagte: Ich kann lesen, schreiben, rechnen, nur metozeichnen. Ans diese Weise tritt der gelehrte noble Bettler seine Kunstreise leichter an. weil er von Referaten unterstützt, weniger z» reden mehr zu zeigen hat. während die Frau dcS Künstlers nur zum Pcrgnügen in Prag weilt und am SchabbcS mit einer schweren goldenen Erbsenkette nnd langen Ohrgehängen paradirt. Lin solcher Bettler hängt von dem CourSblatte sehr ab. sind Credit oder Lombarden oder eine andere Devise des reichen Manne« gestiegen, steigt auch der Betrag, den der gelehrte Schnorrkünstler erhält, tritt. •) Prager. 1 *) Vorsteher. **) Thalmudtsch dttputirt.