Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 3 (14.1.1870)
- Date
- 1870-01-14
- Page
- Seite 25 (sequence 1)
- Language
- German
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Ma» «bonuirtfür Prag r ««-jährig fl. 5.— Hslkjährig „ 2.50 Vierteljährig,, 180 Mt Postzusend««,: Gauzjährig fl. 5.50 Halbjährig „ 2.75 Vierteljährig,, 1.50 F«rS Ausland: Ganzjährig 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Inserate werde« billigst berechnet. Die Gegenwart. Grgan für die Interessen des Iudenthums. Erscheint allwöchentlich am Freitag. «rdaktian ,. AHM. «istratta« Prag, «ittergafieNr». 408—1 »»hin alle Priese n. Stldsendnngtn }« richte« st«h.. Zufchrifte« franco erbrto.X «ufkripte werde«"' Nichtverwradnng aas verlangen jrdach uasrankirt znräckrr stattet. Ar. 3. Prag 14. Januar 187V. /I/. Jahrgang. Ludget un- Lettelwesen. Wir haben im vorigen Jahre auf die Desorganisation des Armenwesens hingewiesen nnd den Wunsch der Gemeindemitglieder, daß System in die Berwaltung des ArmenwesenS gebracht werde, ausgesprochen. An betreffender Stelle hat man sich mehr als ein Jahr Zeit gelassen, die dießbezügliche Frage, deren schwierige Lösung wir nicht verkennen, zu erörtern und es einer Commission überlassen, den gordischen Knoten zu durchhauen. Es erfüllt uns dabei das von Wehmuth und einer Art Mitleid gemischte Bcwusstsein, daß die Commission, in Anerkennung des sehr tristen Zustandes des Prager jüdischen Pauperismus oder.vielmehr seiner Heilanstalt, unseren Ausdruck, der in dem „Bettelwesen" präcisirt ist, adaptirt hat und unser Bcwusstsein würde gewiß keinen schönern Lohn finden, als in einer zweckmäßigen Remedur. Die Commission hat sich nun der Mühe unterzogen, ein Mittel zu cruircn, um den Stein des Anstoßes zu beseitigen, der aber leider noch nicht zum Stein der Weisen geworden. Sie hat sich, was nur lobcnswcrth genannt zu werden verdient, bereitwillig erklärt, die Berthrilung an un- I verschämte Arme selbst zu übernehmen, die Motive, welche die Commission dabei geleitet, hat der Referent in einer nicht mehr neuen Definition auseinander gesetzt, deren Wortlaut, an einer andern Stelle angeführt, wieder zu geben, mit der eigentlichen Sache nichts gemein hat. Die Commission hat beschlossen, einen Aufruf an die Gemeindemitglieder zu erlassen, in welchem neuerdings an deren Mild« und Wohlthätigkeitssinn appclirt, denselben eur'S Herz gelegt wird, einen beliebigen Betrag anticipando jährlich oder in Raten zu spenden, um so die Gemcindemitglieder von der Zudringlichkeit der Bettler zu befreien. Die Commission hat also nichts mehr und nicht« weniger beschlossen, als einen Bettelordcn zu stiften und jede« Gemeindemitglied mit einer Bettelschutzmarke*) zu versehen. Die Idee ist eben so schlecht als lächerlich, eben f j verworren als undurchführbar. Glaubt also die Armenkommiffion wirklich, mit dem Aufrufe und mit den sich daraus ergebenden Consequenzen werde dem Bettelwesen gesteuert? gibt sie sich etwa der Hoffnung hin, das Bettelwesen werde dadurch abnehmen? O arme Armenkoinniission! dann hat sie sich selbst getäuscht und wir rächen ihr nur, dem Amendement ihrer Repräscntanzkollegen, zu experimentiren, nicht Folge zu leisten; denn solche Experimente kosten Geld und in diesem Punkte hört bekanntlich die Gcmüthlichkeit auf. Die Commission war so freundlich, eine statistische Ucbcrsicht der Bettler zu liefern und beziffert *) Der Antrag eine- RcpräsentaiizmitglikdeS ging dahin, jedes rum Lettelwefen zahlende Gemeindrmitglied mit einer i'egitimalions karte zu versehen, die dem Bettler vorgezeigt, jeden Anspruch dcsselve» auf eine Gabe zu Nichte machen soll. Feuilleton. Die jüdischen Bettler in Prag. London hat seine Bettler, Paris, Berlin nnd Wien haben ihre Bettler, warum soll Prag zurüelblcibcn? Wir baden eö hier speciell mit den jüdischen Bettlern zu thun nnd selbst diese haben ihre beschichte, ihre Sitten nnd ihre Gewohnheiten. Die Familie der jüdischen Bettler zerfallen in zwei Klassen, in die der einheiniischen und die der fremden. Die öfteren, an Zahl wo! nicht groß, bcsihen ein desto größeres patriotisches Gefühl, das sie an der Scholle fesselt, auf der ihre Wiege gestanden, die Ichtcrrn, das sind die wandernden, die Jahr ans Jahr ein debutiren und sich förmlich naturalisirc». Bride Kategorien bewegen sich aus. schließlich in jüdischen Kreisen, verschonen jeden, der nicht zum alten Testamente geschworen, gehen von Haus zu HauS, von Geschäft zu Geschäft und halten eine förmliche Conskription; dabei gehen sie mit solcher Sorgfalt und Genauigkeit zn Werke, daß sie jedesmal zur selben Stunde, genau auf die Minute berechuet, vorsprechen. Der einheimische Bettler trägt der Sprachrngleichbcrcchtigung in so ferne Rechnung, als er gar nicht spricht und bloß durch eine Handbewrgüng den Zweck seines Besuches zu erkennen gibt. Dir Gabe, die er empfängt, ist Scheidemünze, die keinem Cnrse, keiner Hausse _feiner Baisse unterliegt, daher auch nicht der Gefahr ansgcscht ist, ^dnrch wichtige politische Ereignisse alterirt zu werden. Der rlnheimische Bettler beachtet nicht die Laune deS Spenders, berücksichtigt nicht dcsicn Oeenpation, er harrt auö, bleibt standhaft, bis der Angesprochene sein Lösegcld hergibt. Hat der Bettler, der sich daS Atribut der „Krcuzerbcttlcr" erworben, seine Revennen eingestrichen, so findet er für dieselben die nöthige Brrwcndnng. Lr führt zn weilen anständiges Hans, in dem die frugalste Kost am "Rristtagc deS CabbathS oder an"andern Feiertagen, in eine beffere Menage verwandelt wird, spart zuweilen, wenn er daS Wachsthum eines TöchtcrlkinS beobachtet, für dasselbe die Mitgift, mit der er nicht selten „Ansprüche macht," schenkt selbstverständlich Niemanden waS, nicht einmal der Kizwe, die Holz, Fleisch, Mazzo», Wein etr. in sich schließt; der „einheimische" sieht sich vor dem fremden bevorzugt, auf den er zu weilen mit nicht unverhehltem Neid sieht, und ihn im irritirtcn Zustande einen „Hergelaufenen" nennt. Anders verhält eS sich mit den fremden Bettlern. Diese haben zwei Abarten, die gewöhnlichen, Plebejer und dir vornehmen, die Patrieier. Zu erster«» zählen die praktischsten Menschen, die nie um AuSsiüchtr verlegen sind, in einem Hause sich als Abbrändler vorstellen und dabei eine trocken« Thräne deS Mitleids vrrgirßcn, i» einem zweiten Hause plötzlich Eltern von einem halben oft auch