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Die Gegenwart · 1870-01-07 · 2 (7.1.1870) · p. Seite 19

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
2 (7.1.1870)
Date
1870-01-07
Page
Seite 19 (sequence 7)
Language
German
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jhm früher jede» Jahr iu dem BeerdignngSbrüdersaal gehal« lenen Büßpredigten, dießmal aber in der Klau-synagoge nufnahm. Er bestieg unter Spannung des zahlreichen Audi« loriums, daalle Räume dieser großen, ja größten Syna« goge Pragerfüllte, die Kanzel und lieferte in einer zwei« ständigen Rede den Beweis, wie man unter Anstrebung der neuen Schule auch die alte beibehalten und so beide innig verschmelzen könne. Mit nvisterhaftem Geschick, wußte er durch die geistreichen SMvknnmgen und Wendungen, durch die Anführung interessanter talmudischer Parabeln, da- Interesse der Zuhörer zu wecken und dasselbe durch eine immer neu auftauchende Idee, welche wie eine springende Welle die frühere Idee verschlang, immer mehr zu spannen. Lmahnen freilich solche flleberraschungen an die gut durchgeführten Sskamotagestückchen, nichts desto weniger werden und können sie vom Zuhörer gut ausgenommen werden. Jedenfalls bezweckte damit der Redner seine vielseitigen Kenntnisse, sie mögen sich nun um die Axe deö Talmuds, der hebräischen Grammatik, der förmlich hervorgezauberten Midraschim, der profanen Wissenschaften und des praktischen Lebens drehe», zu manifestiren und den Besitz eineaußerordentlichen Gedächtnisses zu bekunden. Die Diktion war sehr fließend und die Einganggehaltene specifisch hebräische Rede vorzüglich zu nennen. *** Ein doppeltes Jubiläum. Vorigen Samstag feierte der Realitäteninspektor des Bankhauses Epstein Herr Heinrich Bergstein sein siebzigjähriges Altersjubiläum und gleichzeitig sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum als würdigen Abschnitt eines treuen und ehrlichen Dienste«, den er ununterbrochen ein halbes Säculum dem Hause Epstein gewidmet hat. Am selben Tage wurde der Jubilar in der Pinkassynagoge, deren Mitglied er ist, zur Thora vorgerufrn; nach beendetem Gottesdienst begab er sich begleitet von seinen Kindern und Freunden, in seine Wohnung, in der seiner eine Deputation deS Ausschußes des Vereins zur Unterstützung unbemittelter GcwerbSleute wartete und ihn für seine großen Verdienste um diesen Verein, eine kalligrafisch auSgestattete Ehrenadresse und einen silbernen Pokal überreichte. Sr. Ehrwürdcn Prediger Herr Dr. Hoff hielt an den Jubilar eine höchst sinnreiche von Talmudstcllen gewürzte Ansprache, die die Bescheidenheit und da- Gottes- und Selbstvertrauen desselben rühmcnSwerth hervorhob, mit denen er so manche harte Schicksalsschläge standhaft ertrug. Die Rede verfehlte nicht, aus die zahlreich vertretenen Gratulanten einen rührenden Eindruck zu machen. V Titel. Der Badearzt in Karlsbad, Herr Dr. Gabriel Porges aus Prag wurde zum k. preußischen SanitätSrath ernannt. V* Handelsgerichtliches. Das Ministerium der Justiz hat im Einvernehmen mit dem Handelsministerium an Stelle des Herrn Fr. Tempskh den Handelsmann und Fabrikanten Herrn Friedrich KubinSky zum Beisitzer deö k. k. Handelsgerichtes in Prag ernannt. Inland. Galizien. Se. Majestät der Kaiser hat dem CultuSvorstande der israelitischen Gemeinde zn Uhnow in Galizien für die vom Feuer heimgesuchten Glaubensgenossen eine Unterstützung von 200 fl. und der galizischen israelitischen CultuSgemeinde in Bolechow zum Synagogenbaue eine Beihilfe von 100 fl. aus Privatmitteln bewilliget. Pest. Der hiesige israrl. Frauenverein hat hier ein jüdische« Mädchenwaisenhaus gegründet. Neutra. Am 29. v. M. wurde im hiesigen Gemeinde- Hause die DistriktSrepräsentanten-Versammlung durch Herrn Dr. Felbert, DistriktS-Commissär eröffnet. Die Aufgabe dieser Sitzung war die Wahl de- Vorstandes und des SchiedSgcrichteS. Anwesend war-- einschließlich deS Präsidenten 18 Repräsentanten, mehrere Bezirke unsere- EomitateS waren »gar nicht vertreten. Die orthodoxe Partei hatte schon früher einen Protest gegen alle Beschlüsse der Repräsentanz erhoben, der jedoch ganz außer Acht gelassen wurde; auch faßte sie in einer Orthodoxenversammlung audem ganzen Eomitatr eine Resolution gegen die Eongreßbeschlüffe, die bald lithographirt erscheinen wird. In den Vorstand wurden gewählt als Präses: Moriz Gerstel. Neutra; BiccpräseS: A. Sessler, Freistadtl: als Mitglieder: Abraham Neumann, I. Singer, A. Rosenfeld. I. Roscnfeld, B. F eld ma nn. L. Ta u ßky, I. Adler. I. Ehrenfeld, G. Popper; Obmann des Schiedsgerichtes ist K o hn, Obmannstellvcrtreter W i n t e r st e i n. Zur Organisation der Gemeinden wurde die Zeit bis incL Ende April bestimmt. Aus Lofourz wird dem ,P. L.' folgende fast unglaublich klingende Geschichte mitgetheilt: In der Nacht auf de« 24. v. wurde an das Fenster eines hiesigen Israeliten, L. Polatsek, heftig geklopft, und als man öffnete, sah man eine Nachbarin vor dem Hause stehen, welche entsetzten Toneum Hilfe rief und erzählte, daß Räuber in ihr HauS eingedrungen seien. Polatsek selbst lag krank zu Bette und konnte nicht aufstehen, allein sein übrige« Hausgesinde wurde alarmirt. stürmte hinaus und kam mit einigen andern Nachbarn eben noch zu rechter Zeit, um die Räuber zn fassen, welche auf den Lärm hin, die Flucht ergreifen wollten. Und w:r waren die Räuber? der SicherheitS-Koinmissär Matyasy auS Keße und ein anderer Beamter, Namens MillitS! Matyasy machte sich jedoch loS, entfloh eiligst und kam nach einer Viertelstunde mit einigen Panduren zurück, drang in das HanS, in welches er räuberisch cinzubrcchen versucht hatte, band den Hausherrn Adolf Mi uz. schlug, mißhandelte und verwundete ihn und versuchte ihn fortzuschlcppen. Da er indcß von der drohenden Haltung der mittlerweile herbeigceilten Menge eingeschüchtert wurde, so ließ er da» eine Opfer gebunden und blutend liegen und brach mm in daS HauS des Polatsek, schleppte den allen kranken Mann auS dem Bette, mißhandelte ihn mit seinem Sabel, schlug auch die übrigen Hausbewohner auf die grausamste Weise, und ließ erst auf inständiges Bitten des Polatsek ab, der ihn in demüthigstcr Weise versicherte, daß hier ein Mißverständniß, eine Verwechslung vorliegen müsse. Nach diesen Heldcnthaten bestieg Matyasy einen im WirthShause Ibereitstehenden Wagen, und fuhr mit leinen Panduren bei Nacht und Nebel wieder weg, ohne daß Jemand gewagt hätte, ihn aufzuhalten. Und ein solcher Mensch soll die Bevölkerung vor Räubern schützen! Ausland. Berlin. Herr Moritz R e i ch e n h e i m hat der hiesigen jüdischen Gemeinde den Betrag von 25)0,000 Thalern zur Errichtung einer für 100 Waisen bestimmten Anstalt gespendet. Der Brief, mit welchem diese Schenkung begleitet war, athmet ächt jüdische Glaubensinnigkeit und Hochherzigkeit. Auch soll, wie wir bestimmt vernehmen, Herr Adolph Reichenheim in edler Nacheiferung seines Bruder» der jüdischen Gemeinde ein Siechenhaus zur Verfügung stell«. Lübeck. Der in allen Kreisen hochgeachtete Rabbiner Herr S. Adler ist in seinem 53. Lebensjahre nach mehrwöchentlichem Krankenlager gestorben. Fürth. Unter 12 bürgerlichen MagistratSräthen wurden drei Inden gewählt. Bukarest. In der Kammer erregte die Interpellation bezüglich der Iudenfragc sehr stürmische Debatten. Dle Regierung verweigert Maßregeln gegen Ueberhandnahme der Juden zu treffen und überläßt eS der Kammer, diesbezüglich einen Vorschlag zu machen. Rußland. Der General-Gouverneur von Neu-Rußland und Bessarabien, v. Kotzebue, hat die bereitbeschloffen gewesene IudenauSweisung von Kischniew über den Winde hinansistirt. — Wie der H. N. telegrafirt wird, find» auf Grund verjährten Gesetze-, wornach Juden mindeste»»

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