Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 2 (7.1.1870)
- Date
- 1870-01-07
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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15 dkfgierung gehen' und eine Abwehr in brr journalistischen Rubrick gegen die Angriffe eine« Unberufenen, welche gegen zwei große Männer deS JudenthumS gerichtet find, die in den vom bleichen Leichengewande des Winterbedeckten Gräbern ruhen, fern von dem Gewühle dcS Menschenlebens, abgeschloffen von der Außenwelt, ruhig, friedlich, leinen Groll ergießend über die sündhaften Menschen, keinen Sterben-laut verkündend ob der graben oder ungraden Wege, die die Irdischen wandeln. Ich habe zwischen den Expektorationen in dem Artickel und in der journalistischen Replick eine Jdeenassociation gefunden und, ohne die indem ersten ausgesprochenen subjektive Ansicht zu bestätigen oder zu widerlegen, mache ich mir cö zur Aufgabe zwischen dem heutigen Vorsitzenden der Präger Israeliten Gemeinde-Brrtretung Herrn Dr. Trdr-co und dem ehemaligen Vorsteher der Präger Israeliten Gemeinde Herrn Moses Landau einen Unterschied zu finden, und ohne in daö Privutlcben beider Herren einzugreifen, die Stellung der Gemeinde zn jedem derselben sine ira et Studio zu beleuchten, die Eon, ftellation dieser beiden Sterne, wenn ich jene so nennen darf, auf die Gefahr hin, dem einen gerecht zu werden, dem andern nahe zu treten, zu betrachten. Wenn man bereitfünf und sechzig Winter hinter sich hat und jenem Ziele näher rückt, mit dem nach den Naturgesetzen ein Menschenleben abgeschlossen ist, so wird mir der geehrte Leser gerne zugcben, daß da die heiße Leidenschaftlichkeit gewichen und an deren Stelle der kalte Ernst getreten ist, mit den» man ganz unbefangen die Dinge sieht und brurtheilt, wie sie eben sind und nicht wie man sich dieselbe«) zurechtlegrn will. Ich habe eS bei meiner Betrachtung deßhalb auf den verstorbenen Landau abgesehen, weil ich diesen Mann näher gekannt, seinen Charakter so zu sagen studirt habe, während ich drni seel. Ernst Wehli in keiner Weise nahe gestanden und folg- , lich auch nicht berechtigt bin, für oder gegen ihn eine Lanze! einzulegen. Gestehe ich essen, mußte ich über daheiße Gefecht deS Präger Corrcspondentcn drS Mainzer „Israelit" lächeln und dasselbe für einen Windmühlenkampf ansrhen, den Meister Donquizote so tapfer zu bestehen wusste. Doch so wie Alles seine Licht- und Schattenseiten hat, so hat auch jene unflätige Correspondenz eine Lichtseite und zwar jene, durch die mir geboten wird, Licht in die Situation zu bringen, die eben den Vorsteher von heute und den von damals betrifft. Ich beginne nun, um der Chronologie und der Pietät, die man Verstorbenen überhaupt zollen soll, gerecht zu werden, mit Moses Landau. Um diese»' Mann psychologisch zu kennzeichnen, könnte Ein Wort genügen, dieses Wort heißt. Phänomen, und in der Thut Landau war rin Phänomen. Ein solches gehört nicht zn den AutagSgeburten, sondern braucht oft Jahrhunderte, um wieder zu kehren. Daß bis heute noch kein Landau in der pragrr Gemeinde, ich meine keineswegs, die Person, denn das liegt in dem Bereich der Unmöglichkeit, sondern eine Person die dem Landau gleicht, erschienen ist, wird selbst jener zugeben, der eine persönliche Voreingenommenheit Hegen ihn hatte, und ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich von der jAnficht auSgehe, daß die prager Iudengemcinde ihre eigene Geduld noch lange prüfen dürfte, um einen Ebenbürtigen Landau'S zu erwarten. Dicß die Ursache, warum ich Lan dau einen Stern nannte, und warum ich ihn einen Stern erster Größe neune, d:r, wenn gleich nicht mehr in unserer Gemeinde leuchtet, noch immer nicht erloschen ist. Der geehrte Leser Ihregeschätzten Blattes könnte jedoch glauben, daß ich nur als ein persönlicher Freund des hier Besprochenen, denselben zu glorificirrn suche, darum lasse ich den gelehrten Dr. Constantin von Wurzbach in seinem biographischen Lexicon de- Kaiserstaatcö Oesterreich sprechen: „Als Buchhändler und Verleger in Prag lebend, beschäftigte sich Landau neben den eigentlichen rabbinischen Studien auch mit philosophischen Forschungen, namentlich über die Sprache seine- Volke- und galt unter den orientalischen Sprachforschern als eine Autorität. Nicht wie sein Vater streng am Althergebrachten haltend, war er vielmehr von dem humanen Geiste zeitgemäßer Reformen in feinem Volke erfüllt, gewann durch sein bedächtiges Vorgehen und die Ehrenhaftigkeit seines Charakters nicht nur das Vertrauen seiner “ meines Kindes verschuldete, denn sic trägt, denken Cie sich, Rebezin eigenes Haar. — „Eigenes Haar? I" „So wahr Gott lebt! und glauben Eie, sic macht Elbabbes oder sie schickt das Kind in Chcdcr? Nein, daS Kind geht in die Schule, und sic ißt Ihnen am Samstag als wennS ein Wochentag wäre." — „Waruin vcrnücthest du einer solchen Person dein Zim-! mer?" — „Für das nächste Jahr vermiethc ich es ihr nicht, und J wenn sic daS Zehnfache zahlen würde. Wie oft schon habe ich dem Knaben Bilder zerriflcn, die er zeichnet. Ein jüdisch Kind und Bilder zeichnen I Das lernt mar« in der Schule I" „Und deine übrigen Einwohner?" „Die plagen sich auch sauer und bitter um ihr Stücket Brod. Beide arbeiten sie, beide darben sie. . . " Ein Lärm ans der Straße unterbricht die Frau. Das stille Gäßchen hat sich schnell belebt, und ein von einem Coniniunalbcamtc» geführter Trupp Solbaten erscheint, gefolgt von einem Hansen zerlumpter Gafienjungen, ln demselben. „Einquartierung I" rufen dir beiden Frauen entsetzt, und die Rebezin eilt hinaus. In der Thal ist es auf dem Marsche befindliches Militär, welches hier in Quartier gelegt werden soll, «vobei natürlich die bequemen Häuser der vornehmen Eiinvohncr, in denen mehrere Zimmer als Möbcllager unbenutzt dastehen, verschont und die Hütten der Armen, in welchen sich Bett an Bett drängt, für die durchreisenden Soldaten theilweise eonfiSeirt werden. Zivei Soldaten treten klirrend in- Zimmer. Das erschrockene Kind' bricht in «in Geheul aus; daS arme Deib, daS durchaus nicht für Gäste eingerichtet ist, bleibt wie zu Stein erstarrt. — „Habt ihr für unß was gekocht?" ruft einer der beiden Soldaten, Gewehr. Tornister und Sock auf ein Bett werfend. Ehe die Frau antivortrn kann, tritt ihr Mann in die Stube. » Wenn man sich unter dem Worte Monn die Personisication von Krass und Muth dentt, so ist dieser fahle, verkommene schlotterige Mensch, der sich in gebrochener Haltung hinschleift, das Auge trübe, den Blick scheu, die Glieder schlaff, kein Man,,. Er sieht ans, als ob das cntsiohenc Lebe» nur noch einen kleinen Rest in seinem baufälligen Körper zlirückgelasien hätte, in ivelckiem Sehnen und Muskeln alle Elastieität verloren haben, ehe sic daS Alter e»> fchlaffte. Entbehrung und Sorge, Mangel an Luft »md Bewegung haben von der Zeit ihr ZerstönmgSivcrk übrrnomnien und diesen Mensche», der noch »litten i«n Leben steht, zur Ruine gemacht' Dürftig und abgenutzt ivie sein Aussehen ist sein langeschwarz, Gcivand. die Pelzmütze, die er ans dem sckilrckitgrpstegtrm Kopf, trägt, nnd seine Fußbekleidung. Beim Anblick der Soldaten zieht er^scine fast haarlose Kopfbedeckung, ohne sich zu nähern. „Gittel, mein Weib, wir haben *it>« Söllner bekommen?" „Hast d» doch zivei Augen im Kopfe und fragst noch I" „Sei nicht bös, Gittel, mein Weib; ich Hab sie ja nicht tingeladen." — „Roch einladen hättest d» sollen'! hast du was verdient?" — „Ja; es war eine Iahrzeit, Ich habe zwanzig Kreuzer erhalten." — „So gib her. damit ich für da» Kind wa» koche." — „Und für die Herren Cöllner? — Ich kan» nicht geben, was ich nicht habe. DaS Kindleben ist krank, nnd ich selbst habe hkiite nickst einen Bisten gekostet. Setze dich an die Wiege und gib mir das Geld." — „Da» habe ich nicht mehr Gittel.', Die anne Frau ist dem llmsinken nahe. „Ich habe eine Mesuse gekauft,' fährt derMann fort, „denn die unsere hier ist puhel." Damit zieht er eine kleine Pergamentrvlle und beginnt sie an der Thürpfostr z» befestigen. Die Frau erwiedcrt nicht», denn gegen ein solche» Gebot der Nothwendigkeit läßt sich nichts rinwenden. Eine pußle Mesuse im Hause ist schlimmer als Annuth; über eine Schwelle, ander keine korrekte Mesuse Wache hält, schreiten unbehindert Jammer, Unglück und all« bösen Geister. „Hübt Ihr un» wat gekocht?" wiederholt der Soldat, den