Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 2 (7.1.1870)
- Date
- 1870-01-07
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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14 erbärmliche Treiben einer kleinen Clique in Prag der ganzen. Iudenschaft in Böhmen imputiren, einer Clique, die zwar au- Männern besteht, die der Geburt nach, dem Iudenthume angehören, die aber diesem nicht minder, ja noch mehr feindlich gesinnt sind, als dem äechenthmn, die dem flachstm Rationalismus huldigend, durch Halbbildung von der eigenen Wurzel loSgerissen, natürlich weder Sinn noch Berständniß für eine tiefere GemüthSregung, sei sie religiöser oder nationaler Natur, haben und die sonach die erschreckende Hohlheit ihre« Wesens durch nichts Anderes decken können, als durch den fadenscheinigen Mantel einebilligen Liberalismus. Ist rS vernünftig von den böhmischen Juden, solche Leute, die nur egoistischen Tendenzen nachspüren, als Tonangebcr einer ganzen Glaubensgenossenschaft zu betrachten, einer GlaubenSgenosscnschaft, die doch durch ihre Geschichte am meisten befähigt ist, die leisesten Regungen deS nationalen Gefühles zu verstehen, da sie selbst durch Jahrtausende die zäheste Nationalität repräsentiren? Wir glauben dieser Standpunkt ist doppelt verfehlt, verfehlt von Seite der Juden aus dem eben angeführten Grunde, verfehlt von Seite der Cechen, weil diese Clique wirklich nicht bei allen böhmischen Juden tonangebend ist, weil es eine große Anzahl von Juden in Böhmen gibt, die mit den nationalen Tendenzen sympathisiren und sich den Bestrebungen derselben aus vollstem Herzen anschließen. Nur werden diese Juden von den Krakehlern in Prag übcrschrieen und ihre Bemühungen verschwimmen in dem demonstrativen Gepolter jener Partei. Ist aber diese Annahme richtig, so haben wir eine doppelte Mahnung an die böhmische Iudenschaft, um sich von dem unheilbringenden BeilStanze der Judenclique im Casino ein für allemal entschieden loözusagen und selbstständig den Weg zu wandeln, den ihr der eigene richtige Takt vorschreibt und an die böhmische Parteiführer andererseits in ihrrn Forderungen nicht allzu peremptorisch anzuftreten. Und zwar aus Gründen der Billigkeit. der Zeit bedauern, freuen sich die andern deren Tage unter Arbeit und deren Rächte unter Sargen vergehen, wenn sic auf das Leben und die Prüfungen znrückblickcn, die sie schon überstanden haben. Niemand als diese Frau und ihr Kind sind daheim. Die Leute, die hier ihr Rest haben, müsien wie die Vögel auSsiicgeu, .hre tägliche Nahrung suchen, die sie nicht immer finden. Sic betet — vielleicht, auch flucht sic ihrem Schicksal. Wer kann das leise Wimmern ihres Herzens hören? Seit frühem Morgen sitzt sic da. ohne daß Nahrung über ihre Lippen gekommen, und. was trauriger noch, ohne daß sic ihr krankes Kind erquicken konnte. Da- Kind scheint, wie seine Mutter, an- Hungern gewöhnt zu sein; ruhig liegt r» da. und streckt erst die Händchen a»S, als eine Frau mit einem Glase Milch in die Hütte, tritt. „Ich habe daS für dein kranke» Kind gebracht." »Gott lohne cS Luch, Rebezin," sagt die Mutter aufstchcnd; „das Kind vertrocknet, und kein Schluck Milch, kein Groschen Geld in, Hause, kein Ar,t und keine Medizin, und ich kann nicht hinuns um etwas zu verdienen." „Warum läßt du dein Jüngcl nicht an der Wiege, damit du dir was suchen kannst?" „Mein Jüngcl, Rebezin? und da- Chcdcr?" " DaS Chedcr! Die Schule der bigotten Klaffen, in welche die Kinder selbst der Bettler, ohne daß irgendwelcher Schulzwang bestände, ohne daß eine kirchliche Behörde ihren Einfluß übte, oder daß der Staat helfend eingriffc, geschickt werden, ihre Sprache, ihre Bibel, ihre Gebete und ihre Gesetze zu lernen; die Schule, die dem Juden fast zum Tempel wurde, und dir kaum einer der zahlreichen Juden, welche Galizien, Polen und Rußland bevölkern nicht besucht hätte I Kein Jude, mag er auch noch so arin sein, versäumt es, seine Söhne in der Sprache unterrichten zu lasten, die sich seit Jahrtausenden unverändert fortgeerbt durch alle Geschlechter und heilig geworden wie die Bibel selbst, die ihr Bom lst. Und wenn daß Kind eine Waise, wenn rß Bater und Mutter ^verloren, wenn auch Feine Brotkrume zurückblieb, et zu ernähren: stomme Juden Kanst man dem natürlichen Entwicklungsgänge der Ding« gemäß, ein unbedingtes und sofortiges Anschließen der Juden verlangen? Kann eine große GlaubenSgenosseaschaft so zu sagen über Nacht aus einer alten Position in eine neue geschoben werden, etwa wie ein ZeituugSartikel aus dem Deutschen ins Böhmische in wenigen Stünden übersetzt wird. Man hat gut, immer auf die Juden in Ungarn, Frankreich u. s. w. hinzuweisen, bedenkt aber nicht, daß die Erziehung der Juden in Böhmen bisher eine durchaus deutsche war. War denn die nationale Partei, die heute so imponireud dasteht, über Nacht wie ein Pilz emporgeschossen? Dann wäre sie wohl auch rasch wie ein Pilz im Licht des Tages verdorrt! — hat es nicht vielmehr langer Zeit, unendlicher Geduld, der unermüdlichen Ausdauer der Edelsten und Besten der Nation bedurft, um in den Böhmen daS längst schlummernde nationale Gefühl, daS Bewußtsein von der geschichtlichen Bedeutung und Größe de» eigenen Volkes zu wecken? Veraltete Verhältnisse ändern sich nicht mit einem Tage langsam nur entsteht daS Bedeutende. So wie also von Seite der Juden erwünschte Zeichen und Beweise der Annäherung nothwekkdig sind, so müssen die Sechen denselben jene Geduld entgegenbringen, die zu einer Klärung unbedingt nothwendig sind. Wie Beides zu erreichen wäre, wollen wir ein anderesmal erörtern. Landau und Tedesko. Prag 4. Jäner. In der letzten Nummer Ihres gern und viel gelesenen Blattes mit der Sie den 3. Jahrgang desselben inauguritten, lese ich einen Artikel betitelt: „Wir müssen mit der treten au die Stelle der hingegangencn Acltcrn, sie unterrichten die arine Waise und nähren sie, so lange sic unterrichtet wird. „Wenn ich ansgehen kann," fuhr die arme Frau fort, „so trage ich meine Kartoffeln, Acpfel, Eier, Hühner und an was sonst ein Kreuzer zu verdienen ist, von Haus zu Haus, Stiege aus und nieder, daß ich oft zusanuncnbrechc unter der Last der Körbe, die meine ganze Armuth enthalten; aber ich bettle nicht, wenn ich meinen Kindern ein Stück Brod heimtragen kann. Seit ich aber an der Wiege meinekranken Kindes sitzen muß, ist der letzte Hel- Icr aufgczchrt, kann ich mich nicht einmal entfernen, um zu borgen oder zu betteln." „Und dein Mann verdient nicht»?" „Fast nichts. Seit lange schon hat er nichts verdient, ist kein Reicher gestorben und hat kein Reicher Hochzeit gemacht. Sonst braucht man ja den KlauSncr nicht." — „Ich war im Spitale um Aufnahme für dein Kind zu bitten. Kinder werden nicht auf. genommen." „Kinder werden nicht ausgenommen! Wenn ich, die Mutter, erkranke und meine Kinder daheim nicht zurücklafscn kann, bietet man mir ein Bett in der Anstalt; wenn aber einS meiner Kinder krank wird und mich hindert auszugchen und Nahrung dafür zu suchen; wenn cs hilflos hinsiecht und die Mutter sich anS Bett fetten muß, ohne helfen zu können i wenn, wie jetzt, der Vater nichts erwerbe», die Mutter nichts verdienen kann, oder daS Kind keine Acltcrn hat, so wird dein armen Wurin kein Plätzchen im Krankenhaus eingcräumt. ES soll ungeholfen vergehen I „Liebe Gittel, nur Gott kann für alleS sorgen, nicht Menscheu. Thun deine Nachbarn nicht» für dich 7" „Meine Nachbarn haben selbst nichts," erwiederte daS arme Deib. „O, hier im Hause wohnen keine Millionäre l Wir haben hier eine Frau mit einem Kinde, von der ich nicht Geld anneh« men würde, wenn sie eS hätte und gäbe. Stolz ist sie wie eine Gräfin, obschon sie so arm ist, daß sie sich selbst am Sabbaih nicht satt effrn kann. Ich weiß nicht, ob sie nicht die Krankheit.