Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 1 (1.1.1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 10)
- Language
- German
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Wa» ist unter solchen Verfolgungen ander» möglich, al« daß der Unstäte einen Erwerb suchen musste, — bei welchem er unstüt sein kann, — bei welchem er umherziehen konnte von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt? — Und sei e» auch, daß heut zu Tage noch unsere Nation zumeist dem Handel zugethan. — so können wir mit Stolz sagen, daß da» kleine Häuflein von' sechs Millionen Juden zerstreut unter etwa 309 Millionen Andersgläubigen sich selbst im Handelswesen eine weltbedeutende Stellung erwarb, ja die größten Geldmärkte der Erde dominirt! — Dabei stehen aber die Coryphäen der Musik und Poesie, so wie aller schönen Künste aus jüdischem Geblüthe, die Männer der Staat« Politik au» diesem Stamme oben an, bewundert, — selbst von ihren Gegnern geehrt, geachtet ja geliebt von der Welt. — Heute aber wo e« Wunsch wäre, daß die Sonne der Freiheit über unser Vaterland aufgehe und der Unterschied der Religionen, die Knechtschaft der Juden völlig schwinde, heute rufen wir den jüdischen Vätern vor Allem Andern die Worte zu, nichts zu scheuen, ihren Kindern eine höhere Ausbildung geben zu lassen; denn in der Jugend ruht die Zukunft eines jeden Volkes, das Ansehen einer jeden Nation, die Achtung und Ehre der Neliaion! — Den größten Reichthum, welchen wir unseren Kindern verleihen können, geben wir durch Wissen —denn Wissen ist Macht — die größte Wohlthat, welche wir zur Ehre Gotte« zu vollbringen vermögen, ist schon nach den Geboten unserer heiligen Schrift, wenn wir unsere Kinder hohes Wissen lehren lassen, und wenn auch die ältere Generation von heut zu Tage noch unter dem Drucke anderer Nationen seufzte, unsere Nachkommenschaft wird es dann noch glänzender beweisen, daß die Juden nicht b l o S ein profanes Hand elS-B oll s ind. Journalistik. Der „Israelit" bringt in seiner vorletzten Nummer eine Eorrespondenz aus Prag, in der es unter Anderem heißt: „Schon bei Gelegenheit der theilweisen Neuwahl der Repräsentanz zeigte es sich, daß die Gemeiudemitglieder ansingen, ihre wahren Interessen wahrzunehmen, indem sie lauter Männer von entschieden echt religiöser Gesinnnng zu Repräsentanten wählten, und nicht mehr jene Gleichgildiese Frau verhöhnt ab ihres Stolzes, ihrer vornehinen Zurückhaltung, ihres unverbrüchlichen Schweigens und der Knabe verfolgt, weil er die Schule besucht statt des Cheders, und seine Bücher trägt mit dem Anstande vornehmer Kinder, seine Kleidchen sauber hält and fich nicht mit den andern zerlumpten Buben in der Gaste wälzt. Sie war die Tochter reicher Älter», die sie als junge Waise zurückliesten. Fremde Leute nahinen sich des Mädchens und ihres Vermögens an: dies ging in die Brüche, jenes wurde an einen Aaiin gefesielt, der kein Berständnist für den Werth feiner trefflichen Frau hatte, sie inishandelte und zuletzt verstieft, um eine andere zu heirathe», die seinem Geschäfte ein neues Kapital znführte. Aus deiii Schiffbrücke de» Glückes, den eS erlitten, hatte das arme Weib nicht» gerettet als ihr vielgeliebtes Kind, das der herzlose Gatte ihr willig überließ. Die Freunde alle waren gewichen , die Thüren, die offen standen, schlossen sich der Unglücklichen, die nirgends Hülfe fand, nirgends Hilstsuchte. Muthig stieg sie au» dem früher» Wohlstände in den Pfuhl der Armuth; man hörte keine Klage, man sah keine Thräne. Eine Freundin, gegen die sie früher wohlthätig geivese», trägt ihr jetzt Arbeit zu; sie lebt einzig von ihrer Radel und lebt einzig ihrem Kinde. Die» Kind aber da» die Natur reich begabte, als wollte sie da- Unrecht de» Schicksal» daran vergüten, ist da» Stichblatt all ihrer Liebe, ihrer Sorge, ihrer fast närrischen Zärtlichkeit. Bi» der Schlaf sie übermannt, wacht die arme Mutter an seinem Lager; sie wart«t schon mit einem Lächeln und einem Küste, wenn eö erwacht; den besten Bisten, durch eine Nachtwache erkauft, bringt sie ihm entgegen; ß« -»leitet cl in * '■ Schule und holt es auderselben; sie geht mit tigkeit an den Tag legten. E» war aber auch hohe Zei^ daß »in Umschwung eintrat. Durch 3 Jahrzehnte wirkte« die Gemeindeverderber M. I. Landau und nach ihm Ernst Wehli, die trotz ihrer jüdischen Gelehrsamkeit die größten Feinde de? JudenthnmS waren; ersterer sprach dieß oft öffentlich aus und war durch seine für seine Zeit allgemeine» Aergerniß gebende Lebensweise bekannt dafür, daß er seine Glaubensgenossen und ihre religiösen Satzungen verachte. Letzterer war wohl äußerlich from n, suchte aber da- Judenthum anderweitig zu unterminiren." — Ohne erst zu untersuchen, ob diese« Geschwätz Einer aus dem Jesuitenkollegium der Repräsentanz zur Glorifieirunz desselben selbst geschrieben, oder ob auf Kommando dieser Schaufädenfresser ein RabbinatSjunge, der bei einem oder dem anderen str Sold steht, oder wenigstens einen Kosttag hat, in einem Hunger verrathenden Berichte mit den Zahnen grinzt, die er den hiesigen Predigern zeigt, müssen wir vorerst die zusammengezettelten Herren der neuen RepräsentanzhemiSsphäre zur Verantwortung ziehen, wie so sie e« zngaben einen Mann an der Spitze zu dulden, auf den die dem seel. Landau in'« Grab geschleuderte Jnvektive vollkommen passt, mit dem Unterschiede, daß bei jenem, nicht einmal ein simple« jüdische- Wissen, geschweige jüdische Gelehrsamkeit zu suchen ist. Zu Landaus Zeiten, war, wie bekannt, trotz seiner Schwächen die jüdische Gemeinde Prag'« im Zenit ihre« Ansehens und, wenn grade nicht vollkommen nach innen, so doch nach Außen so vertreten, daß die Gemeinde mit Stolz Landau den ihrigen nannte, während man heute der Außenwelt gegenüber, in aller Schüchternheit und mit gewisser Scham den Namen desjenigen herausftammelt, be; Landau'S Platz einnehmen soll. Damals war freilich Friede in der Gemeinde und der war bei einer kleinen EultuSbesteueruug auch etwa« werth. während heute große Enltu«-" steuer und nichts al« Krakehl. Der feelize Ernst Wehli war wenigstens kein unwürdiger Nachfolger Landaus; auch wenn er nicht wie jener die Gemeinde in so imponirender und imposanter Weise nach Außen hin vertrat, so war doch Friede und nicht Parteisncht sein Wahlspruch. In dieser Beziehung hätten wir vorläufig das Jesnitenkolleginm abgefertigt. Was mm die Rabbinatsjungen, diesen Aussatz des ganzen RabbinerjtandeS betrifft, dachten wir immer, sie fetzen sich bloß auf lebendige Leiber, um theils an ihnen zu fangen, theilS an ihre Ehre zu picken, mittlerweile werden wir Gewahr, daß diese Raben auch Gräber besuchen, um ihren unreinen Schnabel, an die Ehre jener unschuldigen Todten zu wetzen. ihm hin, >vo dcr kleine Knabe noch kleinere Knaben unterrichtet und so der Mutter hilft, den kargen Bedarf 'zn decken, und market da an der Schwelle der Häuser bis das Kind wieder erscheint, den Heimweg anzutreten. Mit einer krankhaften Aengstlichkeit wie von einem bösen Prognostikon in ihrem mütterlichen Aberglauben bestimmt, hängt sie an dem Knaben rnif Schritt und Tritt. So hütet der Geizige seinen Schatz, so ängstlich kehrt er ihm den Rücken, so leuchtet er auf, wenn er ihn wiedersieht. Ob dies Kind einst, zum Manne gereist und selbständig geworden, der Matter all die Liebe, die Sorge, die Mühe, die Opfer, die sie ihm durch lange Jahre brachte, die schlasiosen Rächte, die kummervollen Tage heimzahle» wird, ob es für ihr Alter eben so sehr sorgen wird, wic fic für seine Jugend sorgt? Es ist das Unglück der Älter», daß die Kinder kein Gedächtnis ans der Kindheit mitbringen. Dieser Knabc, jetzt ihre Sorge und ihr Troff, wird sich eines TageS gleich so vielen andern Söhnen losreisten aus den Armen der verzwcistrnden Mutter und hinansstürmen in die Welt seinen weiten Kampfplatz, nm mit dem Leben zu ringen, sie daheim lastend, einsam, trostlos und bang. Früher war's das Wort, der Blick, der Kuß, welche die Muster erfreueten, jetzt treten Briefe an ihre Stelle — immer kürzer, immer seltener, immer kühler, denn die Zeit und die Entfernung legen ihre Krusten über alle noch so vulkanischen Gefühle, nur nicht über die einer Muttcr i (Schluß folgt.)