Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 1 (1.1.1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 9)
- Language
- German
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Itl führte. Die Lage ihre- Reiche» war dem Handel besondergünstig, denn sowohl am arabischen Meerbusen alam Mitlelmcere besaßen die Juden derartige Häfen, welche ihrem Handel eine außerordentliche Bedeutung gegenüber den andern Handel treibenden Böllern hätte geben können. Aber trotz alledem trieben die Juden den Handel dort nicht allein, und wenn dieselben schon von Glatte und Eziongeber au» nach Ophir, (letzter» eine allgemeine Benennung für alle entfernten Südländer) zogen oder bi» Tarsessuin Spanien Lünen, so waren die Phönizier stetihre gemeinschaftlichen Genossen und selbst die edomitischcn Häfen besaßen dieselben gemeinschaftlich. — Die Ursache, warum die Juden sich nie zu einem Handel-volle emporschwangen, sind . sehr leicht zu finden, wenn wir in'- Auge fasien, daß unsere ReligionSgefetze eine strenge Scheidung von den andern Völkern nothwcndig machten, und daß die StaatSgrsetze unserer Vorfahren stets allen anderen Völkern gegenüber feindselig gesinnt waren. — Der Handel in seinen Principien erfordert Vertrauen, Annäherung, liberale Grundsätze, — alledieses konnte bei unseren Vorältern nicht eintrcten, weil sie für solche nicht Bertrauen und Liebe hegen konnten, welche ihnen nicht mit denselben entgegen kamen, — und so kam cS auch daß unter Achas Regierung die edomitische Küste bleibend an die Assiricr überging. — So lange also die Juden ein Reich bildeten, Macht und Kraft besaßen, konnte man dieselben nie zu den Handel- Völkern der Erde zählen und der Vorwurf, welcher dieselben in bo-haftcr und ironischer Weise oft trifft, — als feien die Israeliten von jeher nur dem Handel zugeneigt gewesen, zerfällt in Nichts— gegenüber der Staaten-Geschichte unserer Nation. — In den schönen Künsten und Wissenschaften, in der als die einzig höchste Kunst damals geltenden Poesie, standen aber unsere Väter unerreichbar da; und bis zum hentigeu Tage hat das Judenthum die begeisterndsten Dichter Alls drn untern Schichten. Ein Lebensbild. In einer engen, schmutzigen Gasse dem Ghetto der Annuth, steht rin niederes, hölzernes Hänschen, das die Zeit bereits morsch gerüttelt. Die kleinen, mit gekleistertem Papiere., zum Theiic geflickten Fenster sind schier dem Erdboden gleich, und, wie durch den Eingang einer Höhle steigt man durch die niedere Thür in ein morastiges ungedieltes Borhaus, das, mit einem großen hölzernen Schlot über einem rohen Herd, als Küche dient, in der die anncn Hausbewohner wol nur selten ein Feuer anzünden. Dies Haus hat nur Eine Wohnstube, düster, feucht und nieder, und trotzdem so zahlreich bevölkert, daß, wie die Leichen ihn ihren Grüften, die Einwohner hart ancinandergebcttct liegen und nicht ein Streifen für eine Wiege zurückblcibt. die. dem armen Kinde versagt werden mußte. daS in einem an der Balkendecke an Stricken hcruntcrhängcndcn Korbe schläft. Das ist die wahre Stätte der Annuth, die sich hier in ihrem Hanskleidc zeigt und dem ungewohnten Auge gespenstig entgegengrinst. Hier hat sich daS Elend häuslich niedergelassen, dem Hause, dem Zimmer, den Möbeln und den Leuten drin seinen Stempel aufdrückriid, der schlimmer ist als rin Kainszeichen. Drei einander fremde,. zufällig zusammengewürfelte Familien bewohnen diese arniscligc Hütte. Ein t cn vcrheiratheteS Paar, das nach kaum verklungenem Hochzritscar. irn hier Asyl genommen. Es drückte sie beide das Sklavenleben des Dienstes! beiden hat Gott, gesagt, eS sei nicht gut, daß der Mensch allein sei auf Erden; beide hatten sich einige kleine Ersparnisse zurückgrlrgt, und beide verfielen sie ihren» Berhängnifle. Der Bund war geschloflen und das Unglück besiegelt. S i e kaufte eine Perlrnbinde, die die Jüdin gewöhnlich im Momente anlcgt, wo die Zöpfe fallen und die Hand des Gatten den Schleier über ihre Augen wirft, auf daß sie ihm blind folge; e r den Betmantel, dir Cabbatmützr und das Cabbatgewand. DaS kleine Kapital schmolz, und als dir Flittertagr — die Vornehmen hiben Honig- «ouatr, dir «eichen haben Flitterwochen, dir Annen »oben blos mit einem Ideen, und Seelenfchwunge, wie selbe nur ein orientalisches Gemüth zu Stande zu bringen vermag, auszuweisen. — In Inhalt und Ton übertrifst die hebräische Poesie alle anderen der orientalischen. — Die Eigenschaften der hebräischen Poesie sind Fülle, Pracht und Majestät mit jener zum Herzen sprechenden Lieblichkeit gepaart, wie kein andere- Volk der Erde aufzuweisen vermag. — Mose» hat auf den erhabenen Namen eine- Poeten den ersten Anspruch, — hieran reihen wir da- Buch Hiob voll von Weisheit und hoher Poesie. — David der königliche Sänger und sein begeisterter Sohn Salomon haben Psalnirn, Lieder und Sprüche in einem Schwünge gedichtet, welche noch unerreicht von den Dichtern der Erde vor und nach ihrem Leben sind. — Hierauf folgt die Prophetenschule, mit einer lehrend und mahnend, strafend und hoffnungverheißendrn Poesie, die edelsten Gesänge, welche ja die Dichtkunst gebar und in der Schule der Propheten glänzt wieder als Diamant der Poet JsaiaS, — von dessen Poesie man mit Recht sagen kann: AuS den Höhen der Dichtkunst schießt er wie ein Adler, der lange kaum sichtbar in den Höhen geschwebt schreckend auf seine Leute herab, — wenn er den Sitten des Volkes, — wenn er der begränzten Politik der Herrscher — bitter und zermalmend spotten will.— Und ein Volk, welches seinem Ursprünge nach nur für Edles und Hohes empfindlich gewesen, dessen Gedeihe heute noch jene poetisch erhabenen Meisterwerke seinen Dichter Ahnen bilden, — welchezum Herrn und Meister seiner Religion, den hohen Poeten MoseS zählt, ein solche- Volk soll nur an» Handel Gefallen finden und wird deeitlen Schachers wegen profaniert'? — Dutch göttliche Bestimmung zu Großem und Erhabenem au-erwählt. durch de- Ewigen unerforschten tief verschleierten Willen jedoch verfolgt, durch Jahrtansende geknechtet und mißachtet, — wa» Wunder, daß diese Nation zum Handel seine Zuflucht nahm, — den edlen Wissenschaften zu entsagen no thgedrungen war?— Flittertagr, vft nur Stunden — als dir Flittertagr vvrübrr waren, trat schon die bleiche Sorge in die neue Wirtschaft ein, mit ihrer Knochcnhand in die Zukunft weisend. Die erste Einrichtung hatte fast die ganze Rrisezrhrung erschöpft, die sic für ihren gemeinschaftlichen Gang durch- Leben zusannnenlegten, und sic standen rathloS schon am Beginne. Die ftendigcn Hoffnungen auf den Antritt rineö selbständigen Gewerbes, auf ihr erspartes Geld, auf den Schutz ihrer fühern Dirnstgeber, und die von heitern HochzeitSgästen eröffnrtrn Aussichten wäre» zerronnen, und das früher übertünchtr Leben zeigte sich nun in fei- »er abscheulichen nackten Häßlichkeit. Jeder Tag des Zauderns und der Uebcrlegung zehrte an den' kargen Rest, und die Rothwcndigkeit trat gebieterisch heran. Als fast nichtmehr zum Theilen war, theilten sich die bei den Gatten in drn kleinen Rest; er griff znm Tandlerwerb, fi hansirtc mit allerlei Kränirrriwaaren hennn sechs Tage arbeiten fi unverdrosien und ungesättigt um für den siebenten Cchabbe« z, wachen und ihn nach ihrer Art festlich zu begehen. Freitag abends wo alle Arbeit eingestellt, der Schweiß von der Stirne und die Thräne anS dem Auge gewischt wird, wo die Sorge auf einen vienindzwanzigstündigen Urlaub geschickt, der Tisch mit weißen L1nnen.grdrckt wird und die scnst finstere Stube aufflammt in> Lichte vieler Kerzen, da hört nian selbst au» dieser Stätte des Elends, von diesen ausgehungerten und ausgetrockneten Geschöpfen Lieder aufjauchzeu und Helles Lache» ertönen, als ob daS Brot des nächsten Tages gesichert wäre und nicht in jedem Winkel des Herzens die Sorg» nistete I Mit diesem Paare theilt eine Mutter und ihr Kind diese Stube. Wer diese Frau erblickt, diese schlanke Gestalt, dies feine blasse. tiefernste Gesicht mit drn dunklen, fruchten Augm.' muß trotz tox Annuth der äußern Erscheinung errathrn, daß ihre Wiege an ganz anderer Stätte stand als da, wo sie das Unglück hingeworftn. Wenn die Annuth eine Aristokratie Hot, so ist diese Frau eine Fürstin, und das Kind unter den andern Kindern, in deren Kreis es gehört, rin Prinz. Arme Leute aber sind Demokrat«, und daher wird