Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 24 (15.12.1869)
- Date
- 1869-12-15
- Page
- Seite 242 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 242 mitgezählt, waren dreizehn sogenannte Rabbinen beisammen, um davorgetegte Programm dealten Wühler- Einham durch obligates Kopfschütteln gut zu heißen. Wohlweislich vermieden diese Rabbiner die Öeffentlichkeit, da sie nicht gewöhnt sind, ohne genügende Bezahlung öffentlich zu sprechen und hätten sie Eintrittsgeld zu der aufzuführenden Komödie gefordert, fo wär^ die Einnahme doch zu spärlich ausgefallen. Dennoch sind die veröffentlichten Beschlüsse für da« hiesige Judrnthnm sehr wichtig, da leider der Gegendruck fehlt, der gegen solche Wühler von den gelehrten und denkenden Männer seiner Zeit in Deutschland ausgrübt wurde, und wodurch die frankfurter Versammlungen FiaSco machten. Der erste Beschluß stellt das Kommen eines Messias in Abrede nnd folgerecht stellt dann^dcr zweite Beschluß auf, daß dem.Zerstören dcS zweiten Tempels die Sündhaftigkeit Israel« nicht zu Grunde liegt, sondern der Lauf der Weltgeschichte die göttliche Absicht offenbart, alle Rationen zur Erkenntniß Gotte« zu leiten. Einhorn proponirte al« Einleitung dezweiten Beschlüsse«: „Dem Untergänge der jüdischen Staate« lag nicht die Sünden, aftigkeit Israel« zu Grunde." Doch wurde dagegen Einsprache erhoben, indem der gelehrte Doktor mit der Geschichte im Widerspruche steht. Einhorn wendete ein, wenn wir der Geschichte glauben, daß der Sündhaftigkeit halber der Staat zerstört wurde, so müssen wir auch anerkennen, daß wenn Israel nicht mehr sündigen, auch da« Reich wieder hergestellt werden wird. Run konnte man doch nicht der Geschichte ganz ins Gesicht schlagen, wollte aber auch nicht den LicblingSbeschluß fallen lassen, und das Wörtchen „zweiten" vor „jüdischen Staates" musste da« Wunder thun, beide widersprechende Aussagen zu vereinigen. Die Vogif welche nun dem zweiten Beschluß zu Grunde liegt, ist folgende: Der erste Tempel wurde zerstört, weil Islacl gesündigt und al« cö sich besserte, durfte eS wieder zurückkchrcn; an der zweiten Zerstörung des Tempels war Israel nicht schuld und deswegen wird der Tempel nicht wieder hergcstelit werden. Der 3. und 4. Beschluß haben über die Auszeichnungen der Ahroniden den Stab gebrochen. In demselben Geiste sind die anderen Beschlüsse über Kultus, von denen wir jedoch den siebenten hcrvorhcben wollen da er wenigsten« da« Verdienst hat, praktisch zu sein. Die hebräische Sprache soll so viel al« thunlich an« dem Gottesdienste vcrdiängt werden. Hierdurch würde erzielt. daß der Unterschied zwischen Prediger und Vaie auch unter dcn Inden schärfer ausgeprägt wird. Der Rabbiner kennt zur Roth etwa« Hebräisch, der gemeine Mann erführt von diesem, wa« er von seiner Rcligion zu wissen nöthig hat und wer lein Rabbiner oder Prediger zu werden beabsichtigt, braucht auch kein Hebräisch zu verstehen. E« würde auch der Ehasrn ganz übcrflüßig werden, da der Prediger die Deutschen oder englischen Gebete vortragrn würde. Wenn man bedenkt, daß der Ehasen auch Antheil an Sporteln von Hochzeiten, Brgrübnißrn u. s. w. nimmt und dadurch sich der Rabbiner oft beeinträchtigt findet, so fällt der große Borthcil de« heiligen siebenten Beschlüße« in die Angen. Weniger praktisch sind die Beschlüße in Beziehung zu Trauungen. E« winde ststgcsctzt, daß nicht nur der Bräutigam der Braut, sondern auch die Braut dem Bräutigam einen Ring anzichen soll. Diese« soll eine Anerkennung der fraurnrcchle shinbolisirrn. Doch soll von beiden Theilcn rrc rve Wegfällen. Da« Wcglasscn dieser Formel wird sehr gelehrt begründet und der Iben Esre, Earo, Mose« Isserlc« nnd Tbosaphoth Gitti» a citirt. Sie sehen, unsere radikalen Resonner haben noch nicht mit dem alten Talmud und S chnlchan Arnch ganz gebrochen, wen» diese scheinbar ihre Ansichten nntcrslützrn. Anch die übliche» Gebete werden verworfen nnd der ganzen Ecremonie eine mehr religiöse Form gegeben. Unsere Rabbinen können auch fromm sein, wenn sic anch die C ssenbannig längncn. Die Ehescheidungen wurden gleichfalls in Erwägung gezogen, doch will ich ein nähere« Eingehen ans die vorgenommcnrn Veränderungen für ein spätere« Schreiben verspüren; Ticsringrcifend, sophistisch I und antijüdifch ist der folgende Beschluß, der den Schluß» stein die,er geheimen Sitzung bildet. „Das Kind einer jüdischen Mutter ist durch seine Geburt ein Jude," Wie unschuldig dieser Beschluß au-sieht! Sollte man meinen, daß die radikalen Rabbinen hierdurch die Beschneidung abschasfen wollen? Zwar glaubt das jeder denkende Mann, der diesen Beschluß liest und vcrmuthet, daß er sonst keinen Zweck haben könnte. Aber warum sagen cS diese Rabbinen nicht gerade heraus, daß sie der Beschneidung opponiren? ES scheint also doch noch vor der Hand eine Gränze zu geben, über welche hinaus, selbst radikale Rabbiner nicht gehen dürfen. Diese Conferenz sollte an diesen Granzcn rütteln und das gläubige Volk nach nnd nach dem Millenium näher bringen, wo durch das Bemühen unserer radikalen Rabbinen das Judenthum in dem reinen Raturglauben aufgchen wird. Roch interessanter wird diese Versammlung durch da-, was sie unerwähnt und unbeschloßen ließ. Sind Verlegung des Sabbath«, Nichtbeachtung der Speisegesctze, schon überwundene Standpunkte — wie man sich in der Phrasäologie des RadikaliSmuS ausdrückt, um sie in einer Versammlung von Rabbinen zu erwähnen oder ist eS noch zu verfrüht, um einen Beschluß wie etwa dcn folgenden in die Welt zu schickem Beschloß«,, die Schöpfungsgeschichte steht mit unserem wenigen geologischen Wissen im Widerspruch und wird . daher mit allen daran knüpfenden Folgerungen als veraltet erklärt. Ich will für heute abbrechen, um vielleicht in einem späteren Schreiben die Leistungen unserer Radikalen weiter zu beleuchten. 8. Locales. *** Resignation. Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Samuel Freund Dberjurift hat als solcher bei der CultnS-Gemeinde-Rrpräscntanz seine Resignation eingcbracht. Dieselbe wurde angenommen. *** Isr. Beerdigt«,gsbriidcrschaft. Wie bekannt, finden alljährlich am Tage vor dem Neumond Schwat, der für dcn Verein der isracl. Beerb.» Brüderschaft ein Buß- und Fasttag sein soll, zwei Predigten und zwar die eine in der Klaussynagoge, die andere im Brüderschaftssaale statt. Dießmal fällt der festgesetzte Tag auf den 2. Jäner 1870 und wird die Predigt in der KlanSsynagoge vom Prediger und Rabbiner Herrn Prof. Dr. Kämpf, die in dem BrüderschaftSsaale von Herrn Rabbiner Singer gehalten. *** „Chaittlka-Fkier." Ter Verein zur Unterstützung armer israelitischer Kinder begann trotz seinem erst dreiwöchentlichen Bestände, schon im heurigen Jahre seine Wirksamkeit und manifrstirte dieselbe gegenüber der Ocffentlichfeit i» einer überraschenden Weise. Am 5. d. Mnämlich, fand die feierliche Ucbcrgabe der Geschenke an zehn Mädchen nnd ebenso viel Knaben, einer Ziffer, die bei der Kürze der Zeit groß genannt zu werden verdient, statt. Die Geschenke bestanden in Kleidungsstücken und Schulreguisitcn und zwar erhielten die Mädchen: zwei Hemden, eine Barchent- Hofe, zwei paar Strümpfe, zwei weiße Leinenlaschentüchcr, einen Stepprock, ein feine« Wollftoffkleid, ein Cattonileid, eine Tuchjuppc, eine Schürze, eine Capuchon von Thibct mit Scidcnbändcrn, ein paar Sticflettcn, eine Ehärpe von Seide, ein Eollicr von Wolle mit Zugring, ein paar Strumpfbänder, ein paar Tnchhandschuhe, ein paar Pulswärmer, ferner an Requisiten: Papier, Schrcibtheken, Stahlfedern, Bleistifte, Federhalter nnd Tinte; .übcrdicß ein große« hebräisch-deutsche« Gebetbuch in elegantem Einbande und ein Portcmonaic mit 50 Kr. Die Knaben erhielten .-zwei Hemden, eine Unterhose, zwei paar Socken, zwei färbige Taschentücher, ein Winter Paletot, eine Struckshosc. eine Strucksweste, ein paar Stiefeln mit Schäften, eine elegante Win-