Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 24 (15.12.1869)
- Date
- 1869-12-15
- Page
- Seite 240 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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240 den der Fall, weil dieselben auf dem Contiinrnte in den meisten Städten verhindert wurden, sich niedrrzulassen, wenn sie nicht Erwerbsmittel Nachweisen tonnten, während dergleichen Restrictionen in England nie bestanden haben und sich Jedermann von jeher allenthalben ohne Paß und ohne Nachweisnng seiner Subsistenzmittel niederlasscn konnte. Die israelitischen Gemeinden auf dem Continente fanden es daher in ihrem Interesse, ihren armen - Glaubensgenossen die Reisekosten nach England zu bezahlen und der Pauperismus auf der einen, aber auch der Unternehmungsgeist EnglandS auf der andere Seite wurden durch diesen Zufluß einer verzweifelten, aber energischen Bevölkerung bedeutend verstärkt. In diesem Augenblicke sind die Borurtheile gegen Juden in England fast gänzlich verschwunden und deren Redlichkeit Nüchternheit und practischer Verstand werden allgemein unerkannt. Die Zahl der Juden in England kann auch nicht annäherungsweise angegeben werden. Herr Lionel Eohcn, der gegenwärtige SecMär der israelitischen Gemeinde in London, schätzt deren Anzahl bloS in London auf 5.5.000, und die Mehrzahl derselben wohnt in den Vierteln Whitechapel und St. GeorgeS-in the East, obschon alle anderen Viertel Londons denselben offen stehen. Selbst wenn dieselben eine sehr lange Zeit bereits in England wohnen, so sprechen sie doch mit der ihnen eigenthümlichen conservativen Zähigkeit weit mehr deutsch, holländisch, polnisch und hebräisch, als englisch. Auch bewahren die Juden weit mehr ihre orientalischen Sitten, als dies bei andern Einwandern der Fall ist. ES versteht sich übrigenvon selbst, daß hier Üurchau; nur von den ärmern Juden gesprochen wird, weil die bemittelten Israeliten sofort durchgrhendö sich den englischen Sitte» anschlicßen. ES macht einen sonderbaren Eindruck, wen» man die ärmern Viertel Londons besucht und daselbst polnische und holländische Juden in deren Nationaltracht herumgeheu sieht. Viele derselben kamen hieher mit der Absicht, sich nach Amerika zu begeben, und bleiben hier in großem Elend zurück. Die ärmsten englischen und irischen Arbeiter finden stets in den Docks tägliche Beschäftigung beim Sinschiffen und Ausladen der Güter. Jeden Morgen stehen Tausende und Tausende von armen Leuten auf, ohne zu wissen, auf welche Art sie an diesem Tage ihren Hunger stillen werden. All' diese Tausende begeben sich früh Morgennach den Eingängen der Docks und warten ängstlich auf die von Zeit zu Zeit sicherneuernden Rufe „20, 30, 40, 50 Hände gebraucht!" (Man ruft nicht: so und so viele Taglöhner oder Männer werden gebrauchtsondern so und so viele Hände.) Alle diejenigen, welche Schiffbruch im Leben erlitten haben, was auch immer ihre frühere Beschäftigung gewesen ist, drängen sich hier hungrig vor. Auch der arme Jude, wenn er den letzten Pfennig seufzend au-gegebcn hat, hört von dieser letzten Zufluchtsstätte und mischt sich unter die finstern, bleichen Männer, die stillschweigend warten, bis an sie die Reihe kommen werde, gerufen zu werden. Hier unter der Eoncurrenz der Hungrigen erwacht das Aussehen, des eine» Schcchs und scheint nicht auf Originalität schließen lassen. Der gewöhnliche Weg nach Jerusalem wird auf der neue» Straffe geinacht. Der Bau derselben begann schon im Jahre 1H(»3 und wurde mit großen allgemeinen Feierlichkeiten, bei denen auch ein Opserlamin geschlachtet wurde, eröffnet, muhte aber der llnwisscnhcit der türkische» Ingenieure halber öfters in Stockcknng grrathe». Vollendet ist die Straffe bis heute »och nicht, denn znn» Bane derselben nmrden Männer und Weiber ans den nahen und rntferiiteren Dörfern herbeigetrieben und zn Frohnarbcitcn gezwangen.. Jehl aber ist der Pascha von Jerusalem geschäftig Barnercabgaben zu nehme» und bewilligt auch teincn Omnibns-odcr Stcllwagcnverkchr auf derselben, ivcil er selbst eine Anzahl Omni, buffe koninien lieh, von denen nur 2 sich eignen, der ungeregelten Fahrt zwisrhen Jerusalem n»d Jaffa zu entsprechen. Der Sitz per Person in denselben kostet türkische Lyra (j st. ö. W.) für eine 10 bis 12 stimdige Fahrt. Der Briefpostverkchr ntit Jerusalem nnrd durch Schnellreiter auSgcführt, von welchen der österreichische ein Schwarzer ist und seinem Berufe ain besten nachkonunt. — Die Straffe von Jerusalem nach Jaffa in der Rähc crstcrer Stadt ist sehr freundlich und führt vor mehrern Eaffehäusern, den ruff. Kebänden, mehreren Gärten und andern Häusern über den Gottfricdhügcl. Hier soll Gottfried de Bouillon mit de» Kreutzzügleri» Jerusalem zum ersten Male gesehen und die Erde geküsst haben. DaS Kreutzkloster sicht man liukS und ° Rcbi Samuct rechts, bis von allen dem nichts mehr zu sehe» 'ist und man bergab zu dem Dorfe Kollouia gelangt, welche» an dem Rücken eines Berge» gebaut und der Fruchtbarkeit des Boden» wegen bekannt ist. Die Bewohner de» Dorfes sind Mahumcdaner mit Ausnahme einiger Christen, von welchen einer eine Eaffcbudc an der Straffe besitzt. Die Straffe zieht sich in Krümmungen bald auf bald abivärt» an Bergen und Gürten vorbei, bi» man da» Dorf Bab el wahd erreicht. Hier ist abermals ein Caffchan» an der Straffe und dem gegenüber ein Stationshaus der Straffrnaufsicht, von welchem ei» Beamter die gelösten Mautzeltcl der Thicre zu sehen verlangt^ Die Straffe zieht chch nnn »mschteMeib Bansinl^nrch die Philistcrebcne, auf welcher die beiden Lager der Philister und der Israeliten gestanden habe» und der Hirtenknabe David de» Riesen Goliath erschlug. Rach 7 bi» H stündigem Ritte erreicht man da» Städtchen Ramlkh tAriinathia.) welche» von hohein Caktn» und Gärte» umgeben ist. Da» Städtchen kann a» 4000 Einwohner zählen, von ivttzchen der größte Thcil Muhumedaner sind. Hier ist ein griechische» und lat. Kloster, in letzteren» wcrdei» Europäer sehr gastfreundlich bewirthet und erhalten anständige» Nachtlager, welche» den Reisenden oder Pilgern die Reise nach oder von Jerusalem sehr erleichtert. Bor mehreren Jahren dursten Israeliten (in so feme sie nemlich die ihneii eigene Tracht trugen) dieses Städtchen ohne Kopfstcuer nicht paffircn, was jedoch seit Montcnorcs Besuche in Jerusalem mit Gewalt abgeschafft wurde, auncrdcm ivaren die Einwohncr RamlehS als berüchtigte Straffcnräuber bekannt und mufften ziir Erzielung der Sicherheit militärische Anstalten getroffen werden, indein man der ganzen Strasse entlang einzelne Wachthänser mit Besatzung von 2 — 4 Chajallcu (reitende Ge isdarmeric) errichtete. Die Beschützer aber könilte inan, ihrer Tracht nach zu ilrthcilcn, bei uns als Vogelscheuchen gebrauchen und ihrem Schutzsinne konnte mancher Reisende der Entlcdigung seiner Barschaft verdanken, mau ivürdc bei dcur Erscheinen dieser Leute in densclbeii die ärgsten Räuder vcrmuthcn. Bon R.unlch bi» Jaffa sind 3 Stunden Ritte» und zivar bietet der Weg dcx stet» über Ebene führt, nichts Erfreuliches oder für das Auge SehenswertheS, bi» man endlich Jaffa erblickt. — Jaffa (Joppe) führt nicht umsonst den Rainen „die Schöne," denn es ist wirklich dieses Städtchen die Schöne in Palcstina „och heute. Auf einem -Hügel und hart am Meere ist diese alte Stadt sehr reich an Gärten und Felder, die sich auf Stunden in» Umkreise der Stadt anschließcn. Die Stadt ist ohncdieß auch noch türkische Festung, dnrch die 2 Thore ans die Laudscitc führe!,, da» alte hat man gewöhnlich nach oder von Jerusaleiu zu paffircn. Bor deinsclbcn und vor dem neuen Thore sind die meiste» Gärten, die inan im h. Lande sehen kan», in welchen Orangen aller Art die Hauptfrucht bilden und in Constantinopel zu Markte am liebsten gekauft ivcrden; außer diesen wachsen hier in Menge Eitronen, Mandeln, Granatäpfel und viele andere Früchte, die tagtäglich »nittclst Eseln und Kamcelcn nach Ierusalcin und von da au» zu Schiffe nach Egliptcn und der ganze!» Türkei verschickt werden. Au der östlichen Seite in der Nähe dcS Meere», auf saudigcni Boden ist die iveiland amcrikanischc Eolonie, welche beabsichtigte, Palestina zu colonisiren, zu diese!» Zwecke säinnitlichc Bestandthcile zu Gebäuden, Han» und Fcldgcräthc, so wie alles Röthige auf zwei Dampfen» größter Dimension initnahm und thcils ein Opfer deS Tode» wurde, theil» mit genauer Roth in die Hciinath zurückkehren' kante, 4 .Familien sind zurückgeblieben und werden allen» Anscheine nach da» Schicksal der andtr» theilen. Die ungefähr 14 bi» 18 schönen Gebäude sind in den Händen der Europäer zu Jaffa und der zurückgebliebenen Amerikaner gerathcn, welche zur Seckte der Mormone» gehören solle,». Vor dem Thore sind außcrden» noch viele arabische Kaffchäuscr. Schinicdereicn und der Marktplatz für Brod, Käse, Butter, Eier, Holz u. dgl. Die Festung selbst scheint eine bloße Ironie zu fein; beim nicht nur, daß die Wallgräben zu überspringen sind, so sii»d auch d»e Schanzen so niedrig, daß hinter denselben nur an eine Vertheidigung gegen Beduinen gedachtwerden kann. Im Thore ist eine Wache, aus der Schanze dabei