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Die Gegenwart · 1869-12-01 · 23 (1.12.1869) · p. Seite 231

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
23 (1.12.1869)
Date
1869-12-01
Page
Seite 231 (sequence 5)
Language
German
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tie man in der ersten Hitze des AustäumenS und AufsäubrrnS wagte, zu einem Extreme führen mußten, das allem Glauben und aller Religion ein Ende macht? DaS fühlt jeder, der die Zeit beachtet, in der er lebt; das beherzigt jeder, der den Puls der Gegenwart fühlt, und erkennt, daß fein fieberhaftes Zucken und Zittern zu Ende geht und ein regelmäßiger gesunder Schlag wieder zurückkehrt, das glaubt jeder, der bedenkt, und den Grund zu erkennen sich bemüht, warum das Judenthum diese gewaltige Gährung in sich selbst erfahren und eS sich zu gestehen wagt, etwas müsse doch die Vorsehung damit beabsichtigen, etwas müsse sie dabei erreichen wollen. Und weil dieses Etwas weder eine erschlaffende Stagnation sein kann, da cS zur Hervor' rufung eines in sich selbst VersinkenS keiner aufregenden Elemente bedarf, noch das Produkt dieser unleugbaren Fermentation ein hypercxcentrisches Embryo sein kann, dem alle innere Kraft zur Fortentwicklung mangelt und das nur den TodeSkeim zur gänzlichen Selbstvcrnichtung in sich trägt, so muß dieses Etwas in der Mitte von beiden liegen und sein Name ist ein von der göttlichen Wissenschaft durchdrungenes Judenthum. Dieses wird allen Forderungen entsprechen die gerecht und begründet siud und versöhnen alle Parteien und vereinigen alle Verschiedenheiten. Allein dieß ist eben der hyperorthodoxen Partei ein verhaßtes Wort, dieß dünkt ihnen der sündencrzeugende Apfel — und wohin soll dieß führen? Soll dieß so fortdauern, kann unmöglich etwas Heilsames gefördert werden und es kann nicht auSbleiben, daß bei einem fortwährenden Festhalten und Zerren das schöne Gewand bald zerrissen und ein Jeder nur einen Fetzen in der Hand behalten wird. Ich empfehle und rathe also der einen Partei Besonnenheit und der andern Wissenschaft. Journalistik. Wir entnehmen dem „Michigan'Journal" nachstehenden Artikel: ' ' Die Bibel in de» Schulen. Die in Eincinati angeregte Frage, ob die Bibel in den öffentlichen Schulen als Untere richtöbuch benutzt werden sollte, gestaltet sich immer interessanter und wird vielfach in der Presse besprochen. Auch der heutige „Advertiser und Tribüne" enthält wieder einen ausführlichen Leitartikel über diese Angelegenheit unter der Ueberschrift: „Ein unhciliges Bündnis." Er setzt darin auseinander, daß die Katholiken, die Ungläubigen und einigen Juden im Erzichungörathe es wahrscheinlich durchsetzen würden, daß die Bibel aus den öffentlichen Schulen verdrängt würde. Daß dem Advertiser ein solches Bündniß als unheilig erscheinen muß, wundert uns nicht. Man denke sich nur: Katholiken, Ungläubige und zuletzt sogar noch Juden zu einem Bunde vereinigt. Dabei müssen jedem frommen Puritaner die Haare zu Berge stehen. Der „Advertiser" behauptet, daß die Bibel nicht ein ausschließlich protestantisches Buch, sondern die Grundlage des gcsammtcn EhristcnthumS wäre. Wenn wir dieß auch wirklich zugcbcn wollen, so folgt daraus doch noch immer nicht, daß die Bibel in die öffentlichen Schulen gehört; denn dieselben sind nicht ausschließlich für Kinder von Christen bestimmt. Die Israeliten sowohl wie die Atheisten tragen ihren Theil zu den Steuern für den Unterhalt der Schulen bei und sie haben das Recht zu verlangen, daß ihre Kinder mit Lehren verschont bleiben, welche sie selbst verwerfen. Unsere öffentlichen Schulen sollen keine protestantischen oder methodistischen Erziehungsanstalten sein. Wenn der Puritaner verlangt, daß das Neue Testament zur Grundlage des Schulunterrichtes gemacht werden soll, so hat der Israelit gewiß das Recht zu fordern, daß statt desselben da« Alte Testament subftituirt wird. Wir wollen so tolerant sein wie möglich und es Nie» mand verargen, wenn er an Gott oder Jehova, an die Dreieinigkeit und an etliche hundert Heilige glaubt, und seine Kinder in dem selben Glauben, welcher ihm Befriedigung gewährt, zu erziehen wünscht. Aber wir protestiren dagegen, daß eine besondere Religion in den Schulen gelehrt wird. Der Religionsunterricht fei Sache des Hauses oder der Kirche. Der „Advertiser und Tribüne" möchte die Sache zwar so darstellcn, als ob der Religionsunterricht, wie er in den öffentlichen Schulen betrieben wird, nichts ScktcnhafteS an sich hätte; aber er fällt bei diesem Versuche verschiedene Male aus der Rolle, indem er es deutlich anSspricht, daß die Protestanten gegen das „unhcilige Bündniß" auftreten müßten. Wir stehen bei dieser Frage weder auf Seite der Protestanten noch der Katholiken, sondern ans Seite der freien Bürger der Reßublick, welche das Recht haben, eine freie und freisinnige Erziehung ihrer Kinder zu verlangen. Es kann nicht in Abrede gestellt werden, daß die protestantische Geistlichkeit, die hier als das pielistisches Muckerthum auftritt, einen bedeutenden, wenn auch nicht direkten Einfluß auf daS öffentliche Untcrrichtswcscn ausübt und jeder freisinnige Bürger muß damit einverstanden sein, daß dieser Einfluß beseitigt wird, gleichviel ob cs durch eine heilige oder unheilige Allianz geschieht. Wir wollen auch nicht, daß in den Schulen Atheismus gelehrt wird. Das würde eine Verletzung der Rechte der Gläubigen sein, wir fordern nur, daß die Ansprüche Aller geachtet und alle religiösen Erörterungen von dem öffentlichen Unterricht fern gehalten werden. Daß diese Angelegenheit ernstliche Erwähnung verdient, geht daraus hervor, daß der „Adv. und 2iib." seinen Artikel mit den folgenden Worten schließt: „ES kann keine dringendere Ermahnung für die Freunde der VolkSerzichung im ganzen Lande geben, daß sie bei der Wahl der Schulbcamtcn mit der größten Sorgfalt zu Werke gehen, als die Schilderung der Sachlage, welche wir oben gegeben haben." Es ist offenbar die Absicht des genannten Blattes, und es geht aus der Haltung des ganzen Artikels hervor, daß Katholiken, Israeliten und Atheisten nicht, zu Schuldeamten erwählt werden sollen. Soll cs wirtlich dahin kommen, daß die Wahl eines Schulbcamtcn oder eines Lehrers von seinem Glaubensbekenntnisse abhängig gemacht wird? Das ist freilich der Wunsch der Puritaner; aber wir hoffen, daß cs niemals in diesem Lande so weit kommen möge. Sollte es indessen geschehen, so zweifeln wir nicht daran, daß die Vernunft den Sieg davon tragen wird. Kalladci den 21. November. (0- K.) In unserer Gemeinde ging cs heuer bei der Wahl des Vorstandes sehr lebhaft zu, obwohl er hier immer nur, auf ein Jahr gewählt wird; da cs immer schwieriger wird bei von Jahr zu Jahr verminderten Einkünften für die Bedürfnisse der Gemeinde genügend zu sorgen. Man ist für den Fortbestand der hiesigen hebräisch deutschen Schule, wo stets gründlich und viel hebräisch unterrichtet wird, besorgt, wenn nächstes Jahr die Auswärtigen nicht mehr hcrhalterr-ssttten und die löbliche- Laudesreprässntau^ den Gemeinden keine Unterstützung gewähren wollte. Es hätte schon in diesem Jahre statt der Stipendien der.Lehramtskandidaten in jedem Kreise unseres Vaterlandes der ärmsten (Gemeinde 50 fl. ö. W.-Unterstützung zur Erhaltung der Schule erlheilt wcrdcii'könncn, ohne bei Ausschreibung einer israel. Lehrcrstclle einen Mangel an Eoneurrculen befürchten zu müsfeu. In unserer Gemeinde befindet sich nebst der Beerdigung-Brüderschaft, dem Talmud Thora Vereine und dem Fraucnvercine, die edle Zwecke anstreben, auch ein JünglingSvercin der vor etwa 45 Jahren von dem verstorbenen hier in Andenken fortlebenden berühmten Rabbi Samuel Löv Kauder unter dem Namen nc'en 'rein gegründet wurde.

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