Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 23 (1.12.1869)
- Date
- 1869-12-01
- Page
- Seite 230 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Klassen sehr forciert, so daß jeder Knabe zu 10, oder längstens zu 11 Jahren bereits die Mittelschule besucht. Bei der neuesten Organisierung der Volksschule ist eS daher dringend nothwendig, daß die Schüler imndcstcns bis zum vollendeten zwölften Lebensjahre die Volksschule besuchen, wenn sic auch nur halbwegs auch religiös gebildet sein sollen. In diesem Falle ließe sich versuchsweise folgendes Programm fcstsetzcn: Knaben erlernen correcteö Vcfctt des Ebräischen, den Pentateuch mit Hinwcglassung einiger Stellen, die dem reiferen Alter Vorbehalten bleiben, biblische Geschichte bis zur Zerstörung des zweiten Tempels, die liturgischen Psalmen, Uibcrsctzcn der wichtigsten Gebctstücke, cbräische Grammatik in elementarer Weise. Mädchen lernen correcteS Vefcn des (5bräischcn, Pflichten und Glaubenslehre der mosaischen Retigion, biblische Geschichte, Uibersetzcn der lvrchtigstcn Gebetstückc. Wäre nun ein diesciil ähnliches Programm als unabänbcvtidic Oioint fcstgestellt, so wäre eS dann möglich auf dieser Grulldlagc iu den Mittelschulen fortzufahren und der Geschäftsgeist mancher Rabbiner, die die Religion gleichsam zur« Handelsartikel hcrabwürdigcn, um daraus nach Thnnlichkeit materiellen 'Ruhen zu schöpfen, würde dann in Verlegenheit gcrathen, denn auch für die Mittelschulen müßte nach einem bestimmten Programme vorgegangcn werden, welche« als Fortsetzung der Volksschule zu gelten hätte. -i. Jüdische RcligionSlchrcr gab eS bisher nur sehr wenig, nämlich solche, die als legal anerkannt waren und zwar eben darum nicht, weil kein bestimmtes Programm vorlag. Kam es hin und wider zu einer Prüfung, so prüfte der examinierende Rabbiner oaS, was der Lehrer unterrichtet zu haben vorgab, eS kam daher vor. daß man einen Rcal-odcr Gymnasialschülcr im Uebcrsctzen der ersten Stellen des Pentateuch prüfte und wenn derselbe auch da noch stotterte, die gnte Klasse aus Religion ist deshalb nicht minder gut geworden. Wenn nun die jüdischen RcligionSlchrcr der neuen Acra gegenüber corrcct Vorgehen würden, so könnten dieselben auch wieder vom Gesetze die gehörige Berücksichtigung beanspruchen. Dem ncncstcn Volksschulgcsctzc gemäß sind sämmt- | liche israelitischen Schulen Privatschulen, und nur Simulj tunschulcn können als öffentliche Staatsanstaltc'n betrachtet werden. Bei solchem Sachverhalte gibt cs kein besseres Mittel als sämmtlichc isracl. Schulen aufmlassen; die Jugend in die öfscntl. Schule zu schicken und die Lehrer als ReligionSlchrcr der isracl. Schuljugend mit gleichen Rechten, wie den kathol. RcligionSlehrer auzuftellen. Von der Regierung muß ein solcher Vorgang gebilligt werden. ^S wäre dicß für die Gemeinde wie für den Lehrer nur ein Gewinn. In öcchifchcn C'rtcn könnte der jüdische RcligionSlehrer auch täglich läine Stunde deutsche Sprache unterrichten. Eigene jüdische Privatschulcn heute noch zu errichten oder forlbcstehcn zu lassen, ist meines Trachtens reiner Luxus. Tie jüdischen Lehrer mögen alle fflrc Kräfte zur Hebung und Förderung der Religion im edelsten Sinne des Wortes aufbicten und warhast religiösen Sinn sortzupflanzcn suchen. PH. Lederer. Religionslchrer in Egcr. Oer wohlgemeinte Uath, von vr. A. Ltabcr, Ralibince und Prcdigce. Anderes Klima, andere KrankhcitSformcn, andere Heilmittel! sagt schon edornclius ld'clsus. Aber die Rorm des McnschcnthumcS ist doch in allen Zonen dieselbe und prägt einen allgerncinen Typus ans. Tiefe Blätter baden bereits von den Bewegungen im Judcnlhumc viele Berichte gebracht, sic sind im Wesentlichen überall dieselben, aber sic individnalisircn sich dennoch an jeglichem Trtc. Ter Partcicnkampf in Ungarn wird immer heftiger und erbitterter; denn viele Umstände vereinigen sich um alle Interessen, die dabei bctheiligt sind, zu wecken und zum Kampfe zu fordern, so daß der Kämpfer und Streiter immer mehr und mehr werden. Vorerst sind es die verschiedenen Ansichten, deren Anhänger und Vertreter vortreten und gegenseitig die blanken Waffen zeigen, jeder Schritt, der von einer oder der andern Partei offensiver oder deffensiver Weise geschieht, wird belauert, bespionirt, bemessen und bis in seine äußersten Folgen berechne^ mit ängstlicher Genauigkeit, die alle gegebenen Blößen und -schwächen erspäht, wird jedFö geschriebene und gesprochene Wort gedeutelt und weil die Ideen, als uukörperliche Begriffe und Fictionen sich nicht anfeinden, nicht angreifcn und nicht bekämpfen lassen, so muß sich die gegenseitige Abneigung, daü schuurftrakse Znwidcrhandeln gegen die Personen wenden und wie cs sich überall zeigt, zu gehässigen Persönlichkeiten führen. Und uin diese gar bald zu Tage zu fördern, wird leider! dieser unselige Zwist und Streit zu lichten Flammen aufgeblasen, in neuer Zeit, wo ctPn tpvrp die größte Rolle spielen soll. So wurde in meiner Rachbargcmeinde M . . . vor einigen Wochen während des Hochzeitsmahleö ein solcher öffentlicher Skandal hervorgerufen, daß das Gericht Assistenz leisten mußte und einen große»» SiSt verbreitete. Ich will durchaus nicht entscheiden ob auf deö Rabbiners oder der andern Seite das Recht liegen mag, aber der Erfolg sei welcher er wolle, immer wuö der Genuß deö Sieges ein gestörter sein, weil er auf Kosten der Ruhe des Nächsten errungen wurde, iLs entsteht nun aber die Frage, kann dieser Zustand/o fortbestehcn? und verfahren die einen oder die andern mit Besonnenheit? Ich antworte hiera»ff ohne Bedenken: Rein! Rach meinem Dafürhalten nämlich ist der Kampf der beiden sich wiedcrstrcbenden Parteien biü zu einem gewissen Grade gerecht und der Fehler liegt bei der einen in der Unbesonnenheit und bei der andern in der Unwissenheit. Denn anstatt mit Besonnenheit und versöhnlichem Sinne sich in der Milte der Streitenden zu stellen, wirken so manche Rabbiner Mr Renzcit nur dahin, die Stellung schroffer zu machen und die Rcilnmg zu vermehren. Extreme sind in keinem Zustande heilsam. In der Religion aber werden sie verderblich, weil sie entweder Fanatismus oder JndiffercntiSmuS erzeugen und auf daü LebensverhällniS in contemplatioer wie in rcller Hinsicht nachthcilig einwirken. Die jüdische Religion hat. was nicht in Abrede zu steilen ist, sowohl innerhalb als außerhalb der Shimgoge ihre Gebrechen, ihre Uebclstände. deren Lästigkeit allgemein gefühlt und deren Beseitigung selbst von den orthodoxesten Juden schnlichst gewünscht wird. Aber diese Beseitigung vor Allem, die Sonderung deö Wesentlichen von dem Unwesentlichen, darf nicht durch profane Hand und mit Willkühr, sondern durch Intelligenz bewirkt werden, ihr allein geziemt es, den Werth des Beizubchaltendcn und den Unwerth deö iLntbchrlichen zu bestimmen. Darum empfehle ich den neuen Rabbincn Besonnenheit. Und die orthodoxe Partei, die nur Männer will, die ihrer Farbe angchürcu, ganz auf ihre Grundsätze schwören und jeglichen, der ftudirt, für ihren Gegner und Feind anschcn. Mäullcr von i5hrc, die begeistert für ihren Glauben und ihre Religion, entflammt für die Lehren, die sie predigen, ausgerüstet mit allem edlen ^ifer und angcihan mit aller Liebe zu den heil. Schriften und Werken, die ihre Rational - litcratur von den frühesten bis auf die spätesten Zeiten herab ihnen alö h. Crrbc und Vermächtniß frommer Väter überreicht ohne Grund und Ursache, bloö auf unbegründetes Mißtrauen hin, verachten und den Stab über sic brechen, sie als irreligiös uild heuchlerisch verschreien mit» uabaimitcnv Ich weiß wohl, wie diese lieblose Härte entschuldigt wird, wie als Deck- und Schutzmantcl für diese keineswegs ehrenvolle Gesinnung das frühere barsche Auftreten mancher Rabbinen, besonders in unserem Ungarn gebraucht wird; indessen wer weiß cö nicht, daß die Zeit deö UltralibcraliSmuS um ist, daß die Zeit um ist, wo ein Rabbiner blos nach eitler Laune und selbstgefälligem Dünkel abschasfle, cinrichtcte und anordnete, wie eS ihm beliebte und, daß man für jeden Schritt, den man wagt uttd den man thut, zur Freude aller Frommen und Gläubigen vor das Forum der Oeffentlichkeit zur Rechenschaft gezogen wird. Wer sieht eS nicht eiu, daß die Schritte