Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 22 (15.11.1869)
- Date
- 1869-11-15
- Page
- Seite 221 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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I biete nimmt die Verschiedenheit der MiSbrauch und man könnte sagen, der Unfug bei uns so überhand, als auf dem Gebiete der Iuaendeniehnna. Uiber Erziehung im Allgemeinen zu sprechen, will ich mir auf ein anderes Mal vorbehalten*) und mich vorläufig darauf beschränken der Privat- resp. der häuslichen Erziehung anf dem Lande einige Worte zu widmen. Aber auch da will ich mich speziell an einem Falle halten, der zur Beleuchtung dieses Themas im Allgemeinen hinreichend sein dürfte. Aeltern auf dem Lande, die um daS Wohl ihrer Kleinen besorgt sind, hegen den Wunsch, dieselben zu Menschen heranbitden zu lassen, sie zu gesitteten charalterfesten und brauchbaren Bürgern heranwachsen zu sehen. Der nächste Weg der beste. Man nimmt einen Menschen ins HauS, der sich entweder Lehrer, Informator oder Hofmeister nennt. Doch der Name thut nichts zur Sache, Der Lehrer, Informator oder Hofnw.^rr hat den hochwichtigen Beruf diese zarten Wesen zu belehren, ihre geistigen als auch phisischen Kräfte zu bilden und ihnen mit guten Beispielen als Muster und Vorbild vorzuleuchten. Die Aeltern wähnen sich ihrer Sorge entledigt; denn sie haben ihre Kleinen, auf die sie ihre ganze Zukunft setzen in „guten" „gewissenhaften" Händen. Diese kurze Vorrede war nöthig, bevor ich zu meiner eigentlichen Aufgabe schreite. Und jetzt zu Ihnen Herr S. und zu all ihren gleichgesinnten Collegen: Erlauben Sie mir also, daß ich in bester Freundschaft, fern von jedem Eigeninteresse, einige Worte zu Ihnen spreche: So viele Köpfe, so viele Sinne und so viele Lehrer, so viele Unterrichtsmethoden, wie ich Eingangs gewiß nicht mit Unrecht behauptet habe. Auch Sie haben den mühseligen allenfalls undankbaren, aber edlen Beruf Kinderlehrer oder Kindercrzichcr zu sein. Also auch Sie haben Ihre Methode. Soll ich ihr ErzichungSverfahren soviel ich persönlich davon überzeugt bin, vcrurtheilen? Nein! ich kann eS nicht! Soll ich cs also gut heißen? Ich kann cS eben nicht! Nun, werden Sie fragen, ist mein Verfahren ein Mittelding zwischen gut und schlecht? Errathen! Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Meiner Ansicht nach ist Ihre Erziehung« Methode — Sie müssen bei einem Menschen meines Schlages diese offene Sprache schon verzeihen — eine solche, die einerseits nicht schlecht, andererseits aber nicht gut genannt zu werden verdient. Ja, Ansichten sind nur Ansichten und nicht Göttcrsprüche! und ich habe ja auch meine Ansichten! werden Sie cinwcnden. Ganz richtig, und schon auö dem letzten Umstande, stimme ich mit Ihnen überein, daß Ansichten nicht immer gut sein müßen. UibrigenS bin ich bereit meine Ansichten zu rechtfertigen und wenn Sie den Muth fühlen, können Sic selbe wiederlegen. Also zu Ihrer Methode. Sie schmieden die Ihnen auvertrauten zarten Wesen in ihrem engen Schulstüvcheü von 8 Uhr Früh bis 12 Uhr Mittag« und von V.,2 Nachmittag bi« 5 Uhr Abends und foltern Sie auf ihrer harten Schulbank mehr als volle 7 Stunden des Tages. Die Zeit aber, welche den Kindern-zur Erholung gegönnt werden soll und gegönnt werden muß, überhäufen Sie selbe mit Aufgaben und oft unnützem Gcskribel, bei welchem sie oft bis 10 Uhr in die Nacht, in einein vorweltlichen Chaos zwischen Tinte, Büchern und andern Schulrequisiten bi« tief über die Ohren steckend, ausharren müßen. Mützen diese Kleinen nicht körperlich und geistig verkommen? Wollen Sie etwa dadurch das Vertrauen, dessen Ihr Vorgänger sich zu erfreuen hatte und noch immerhin erfreut, schmälern und dessen anerkannten Fleiß verdunkeln? Da« hieße immer Wasser in ein Sieb schöpfen. Freilich müßen die armen Kinder bei einer solchen Danaidenarbeit herhalten. Sie sind zugleich Religionslehrer und lehren. Religion sei die Verehrung und Erkenntnis Gottes, die Befolgung seiner Gebote u. s. w. Sie lasten Ihre Schüler die Zehngebote papageimäßig hebräisch und deutsch einstudiren, bieten vieles auf, um Ihren Zöglingen ein Wegweiser zu sein. Sehr löblich! Wo bleibt aber die ') Wenn H der H«, »dresiat erlaubt. 221 — praktische Anwendung des Gelehrten und Gelernten k Kann denn Religion gelehrt, muß sie nicht vielmehr geübt werden? Ich befürchte. Sie zu den meisten Wegweisern neuester Zeit zählen in müßen, die Mhmlich die allgemeine Eigenschaft des Wegweisers theilen, indem sie andern den rechten Weg zeigen, selber ihn aber nicht gehen. — Wein predigen und Wasser trinken, oder umgekehrt, heißt sich solche Verdienste erwerben, als Zithervirtnosen, die anders spielen und andersingen. — Unter solchen Umständen dürfen Sie es sammt Ihren collegialischen Gesinnungsgenossen ganz naturgemäß finden, wenn Ihre eigenen Schüler Sie der Irreligiosität zeihen. Traurig, sehr traurig ist eS, wenn ein Schüler gegen seinen Lehrer die Klage führen muß: U«S gibt er Lehren, die er selber nicht befolgt. Wie eS unter solchen Umständen mit der Achtung und Autorität, welche ein Schüler gegenüber seinem Lehrer zu bewahren hat, bestellt ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. Ihre Behauptung, Schüler, welche gegen die etwaigen Verstöße Ihres Lehrers nicht taub, blind und stumm sind, sind verderbter Natur, scheint ebenso unbegründet als lächerlich. Wer seinen eigenen Lehren so wenig Gewicht beilegt, daß er ihnen zuwider handelt, kann nicht verlangen, daß sie bei andern schwerer in dir Schale fallen. Das einzige Resultat, welches derartige Moralprediger bisher erzielt haben, ist, daß sie sich lächerlich gemacht und ihre Achtung eingebüßt haben. Und daß solche Lehren nicht nur nichs nützen, ja vielmehr schaden, daS werden Sie bei Ihrem „pädagogischen Wissen" mit dem Sie so häufig herumstreucn. cinsehen. Anders sprechen und anders denken und handeln hat mit dem Amte veö Lehrers noch nie harmonirt trotz Ihrer Behauptung „Lügen, Heucheln und Schmeicheln" sind die charakteristischesten Attribute, die mit dem Lehramtc unbedingt verbunden sein müßen. Ich will über den letzten Punkt nicht mit Ihnen rechten, doch dürften Sic dieses ganz 'unbegründet hingeworfene Urthcil nicht auö ganz reiner Quelle geschöpft haben. — Sie schreiben nicht über Erziehung und wissen doch, wie man Kinder erzieht. Von dem habe ich mich zur Genüge überzeugt. Denn wie wußten Sie sonst darauf zu beharren, Stellen in der Bibel wie die. Geschichte „Lots mit seinen beiden Töchtern," das „Liebesabenteuer DinaS." der Tochter Jakobs, „Joseph mit der Frau PotifarS," „Juda und seine Schwiegertochter," der Richtcrspruch über zwei Schläger, die eine „schwangere Frau stoßen, deren Kinder entgehen" x. x. die gewiß nicht da sind, um Kindern im zarten Alter Stoff zum Fragen oder gar zum Nachdenken zu geben, müßen um jeden Preis gelehrt werden. Und wo käme Ihnen sonst die Erziehungsmethode her, man müße Schülern von zarter Jugend irgend eine nationale Farbe auflegen wollen, indem man dabei die Namen und die Bilder berühmter Männer jener Nationalität misbraucht, für die man Propaganda zu machen sich berufen dünkt und selbe in dem Munde jener Kleinen populär zu machen, bemüht ist. Meiner Ansicht nach, sollte man jüdischen Schülern lieber MaimonideS, Raschi, Mendelssohn u. a. mit den sich an diese Namen knüpfenden historischen Begebenheiten beizubringen suchen und man käme nicht in die Lage Ausdrücke wie „Mutterwehen," die sich in einem nationalen Gedichte, welche» Sie Ihre Schüler deklamircn lassen, öfter wiederholen, mit dem Wehen de» Windes erklären zu müßen.— Ihrer Behauptung, derartige Gedichte seien für die Schule vorgeschriebe», muß entschieden entgegengetretcn werden und wie schwer eine solche Behauptung ins Gewicht fällt, mag daraus hervor gehen, daß Sie das Gedicht „Des Pfarrer- Tochtor von Taubenhcim„ als ei« für die Schule vorgeschriebene» bezeichnen. Einer, der über Erziehung geschrieben, würde eine solche Lehre — mit dem rechten Namen nennen, wenn nicht besondere Rücksichten ihn davon zurückhielten. — Um die verehrten Leser nicht zu sehr zu ermüde«, fordere ich Sie zum -Schlüße, fern von jeder Polemik, nur »och auf, die über Ihren Vorgänger ganz u» berechtigter